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Die gesetzliche und die gewillkürte Erbfolge – wer erbt wie viel?

Nach Eintritt eines Trauerfalls stellen sich oft unangenehme Fragen im Zusammenhang mit dem Erbe des Verstorbenen. Neben letztwilligen Verfügungen hilft die gesetzliche Erbfolgeregelung bei der Klärung. DeinAdieu zeigt Ihnen im Folgenden die wichtigsten Bestimmungen auf.

Artikel verfasst von Bernhard Gerstl, B.A. HSG in Law & Economics am
11. Mai 2018

Welche Funktion kommt dem schweizerischen Erbrecht zu?

75% aller Schweizerinnen und Schweizer hinterlassen bei ihrem Tod kein Testament. In diesem Fall greift die gesetzliche Erbfolge, die festlegt, welchen Angehörigen welcher Anteil an der Erbschaft zukommt. Der gesetzlichen Erbfolge kommt damit in der Schweiz eine überragende Bedeutung zu. Darüber hinaus gibt es neben diesen dispositiven Gesetzesbestimmungen auch zwingende, die einem abweichenden Testament vorgehen. Diese zielen darauf ab, eine gerechte und angemessene Behandlung der Erben sicherzustellen. Von zentraler Bedeutung ist ferner, die Frage, wer wie viel erbt, strikt von der zu trennen, wer was erbt. Das Erbe ist zunächst ein vermögens-, kein sachenrechtlicher Anspruch und die Aufteilung der konkreten Wertgegenstände unter den Erben ist ein oft noch komplizierteres Unterfangen als die Ermittlung ihrer rein wertmässigen Beteiligung.

Die gesetzliche Erbfolge

Das Gesetz bezieht ausschliesslich Ehegatten, eingetragene Partner und Partnerinnen sowie Blutsverwandte in den Kreis der Erben ein. Möchten Sie anderen Personen eine Erbschaft oder ein Vermächtnis ausrichten, müssen Sie diese Absicht in einem Testament explizit machen. Die Anteile, die den Hinterbliebenen zustehen, beurteilen sich nach der Familiensituation des Erblassers: Dazu unterteilt das Schweizerische Zivilgesetzbuch die blutsverwandten Erben nach elterlichen Stämmen (sogenannten Parentelen): Die erste Parentel und damit die nächsten Erben bilden die Kinder eines Erblassers, die zweite die Eltern und die dritte die Grosseltern. Sie setzen sich durch ihre Nachkommen in gerader Linie fort.

Die Parentele wirken untereinander ausschliessend. Dies bedeutet, dass die zweite (dritte) Parentel erst dann eine Erbschaft antritt, wenn keine Erben der ersten (zweiten) in Betracht fallen. An die Stelle vorverstorbener Blutsverwandter treten deren Nachkommen in gleichmässiger Aufteilung. Sind keine Verwandten aus der dritten Parentel bekannt oder schlagen alle die Erbschaft aus, hört die Erbberechtigung auf und die Masse fällt an das Gemeinwesen des letzten Erblasserwohnsitzes gemäss kantonalem Recht.

Ein simples Beispiel zur Illustration:
Der Erblasser Alfred war verwitwet, hatte einen vorverstorbenen Sohn mit zwei Kindern und hinterlässt zudem eine Tochter. Da Nachkommen vorhanden sind, erbt deren Stamm und nicht der elterliche oder grosselterliche (also die Eltern, Grosseltern, Geschwister und Cousins von Alfred). Die Kinder erben jeweils zu gleichen Teilen: Die Tochter erhält 50 Prozent der Erbschaft, die Hälfte des vorverstorbenen Sohnes wird unter dessen Kindern (also den Enkeln von X.) abermals gleichmässig verteilt, sodass jedem Enkel 25 Prozent der Erbmasse zustehen.

Komplizierter gestaltet sich die Erbteilung, wenn der Verstorbene ausserdem einen Ehegatten oder eingetragenen Partner hinterlässt. Dann muss eine güterrechtliche Auseinandersetzung im Todeszeitpunkt vorgenommen werden, um überhaupt den Nachlass des Verstorbenen aussondern zu können. Sind die Vermögensmassen ausgeschieden, hängt die Erbberechtigung des überlebenden Partners vom Verwandtschaftsgrad seiner Miterben ab: Mit (gemeinsamen) Kindern hat er hälftig zu teilen, Erben der zweiten (elterlichen) Parentel steht zusammen ein Viertel des Erblasservermögens zu. Weiter entfernte Verwandte (grosselterlicher Stamm, dritte Parentel) haben keinen Anspruch.

Ein etwas komplexeres Fallbeispiel: Der kinderlose Erblasser Y. hinterlässt seine Ehefrau und seine Mutter. Er hat zwei überlebende Brüder und sein Vater ist vorverstorben. Nach der güterrechtlichen Auseinandersetzung teilt sich die ausgeschiedene Vermögensmasse des Y. wie folgt auf: Nachdem keine Nachkommen existieren, ist der elterliche Stamm (zweite Parentel) zusammen mit der Ehefrau erbberechtigt. Der Ehefrau stehen in diesem Fall drei Viertel des Erbes zu. Mutter und Vater erben das übrige Viertel je zur Hälfte, sodass der Mutter ein Achtel gehört. Das Achtel des vorverstorbenen Vaters wird abermals unter den beiden Brüdern von Y. aufgeteilt, sodass jeder ein Sechzehntel erhält.

Die gewillkürte Erbfolge

Diese Regelungen sind jedoch keineswegs zwingend – innerhalb der gesetzlichen Schranken kann ein urteilsfähiger, volljähriger Erblasser selbst bestimmen, was mit seinem Vermögen im Sterbefall geschehen soll. Erfüllt die Verfügung von Todes wegen (Testament oder Erbvertrag) die Vorgaben nicht, so ist sie in der Regel bis zur erfolgreichen Anfechtung durch Berechtigte dennoch gültig, Nichtigkeit ist der Ausnahmefall.

Aus praktischen Gründen, namentlich der Beweisführung, schreibt das ZGB für die Verfügungen von Todes wegen zunächst Formerfordernisse vor: „Der Erblasser kann eine letztwillige Verfügung entweder mit öffentlicher Beurkundung oder eigenhändig oder durch mündliche Erklärung errichten.“

In Bezug auf das den Hinterbliebenen zustehende Vermögen sind besonders die materiellen Erfordernisse, insbesondere die Pflichtteile, von grosser Bedeutung. Diese bemessen sich in Anlehnung an die gesetzliche Erbfolge und stehen den Erben zu, soweit keine Enterbungsgründe vorliegen. Ein Pflichtteil von drei Viertel ihrer gesetzlichen Quote steht den Nachkommen des Erblassers zu, Ehegatten und eingetragene Partner sowie die Eltern des Erblassers haben Anspruch auf die Hälfte. Andere Verwandte (zum Beispiel Geschwister des Erblassers) geniessen grundsätzlich keinen Pflichtteilsschutz.

Das über die Pflichtteile hinausgehende Vermögen wird als (verfügungs-)freie oder verfügbare Quote bezeichnet und unterliegt allein dem Willen des Erblassers. Somit kann dieser einerseits Erben einsetzen, andererseits ausgewählten Personen ein Vermächtnis als Vermögensvorteil ausrichten. Vermächtnisnehmer sind keine Erben und als solche auch keinen Erbenpflichten unterworfen.

Der Erblasser kann auch Eventualitäten berücksichtigen und so weiter vorausplanen: Mit einer Ersatzverfügung kann er Ersatzerben bestimmen, denen Vermögenswerte zufallen, sollten die ursprünglich Bedachten das Erbe nicht annehmen (können). Zudem kann er Nacherben einsetzen und so einen Erben verpflichten, die vererbten Güter zu einem festgelegten Zeitpunkt oder spätestens im Sterbefall einer durch den ursprünglichen Erblasser zum Voraus bestimmten Person weiterzugeben.

Mittels Erbvertrag (einer schriftlichen Vereinbarung zwischen dem Erblasser und Dritten) kann er sich einerseits verpflichten, jemandem ein Erbe oder Vermächtnis auszurichten (positiver Erbvertrag), andererseits kann vereinbart werden, dass der Dritte auf ein allfälliges Erbe verzichtet (Erbauskauf, negativer Erbvertrag). Dieses Instrument kommt häufig beim Erbvorbezug zum Einsatz, beispielsweise, wenn ein Nachkomme seinen Erbanteil zu Lebzeiten des Erblassers in Wohneigentum investieren möchte.

Vorausplanung kann das (Ver-)Erben erleichtern

Da Familienverhältnisse heutzutage sich zunehmend vom klassischen Modell entfernen, passt auch die gesetzliche Erbfolgeregelung immer weniger auf die persönliche Situation, Wünsche und Bedürfnisse vieler Betroffener. Um sicherzustellen, dass mit einer Erbschaft auch tatsächlich diejenigen Personen begünstigt werden, von denen Sie dies möchten, sollten Sie auch für unerwartete Fälle frühzeitig ein Testament aufsetzen. Angesichts der nicht immer übersichtlichen Regelungen, die auch oben nur im Grundsatz ausgeführt werden konnten, empfiehlt sich eine professionelle Beratung durch Juristen. So können Sie Konflikte mit zwingendem Gesetzesrecht und damit die Anfechtbarkeit Ihrer letztwilligen Verfügung vermeiden.

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Die gesetzliche Erbfolge stellt ein wichtiges und häufig in Anspruch genommenes Standardinstrument zur Klärung von Erbschaftsansprüchen dar, wenn der Erblasser, die Erblasserin keinen Willen über sein Vermögen verfügt hat. Da sie aber in den wenigsten Fällen dem Erblasserwillen entspricht, sollte dieser – unter Berücksichtigung der zwingenden Gesetzesvorschriften – seine Wünsche explizit machen. So können auch Konflikte über die Erbaufteilung besser vermieden werden.

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