Reisen durch die Schweiz für ihre Dienstleistungen: Jasmin Bandelli (l.) und Sandra Aguilar im Zürcher Hauptbahnhof. (Foto: Bruno Torricelli)
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Verstorbene schminken, Baby-Füsschen modellieren

Jasmin Bandelli und Sandra Aguilar haben als Humanpräparatorinnen täglich mit Verstorbenen zu tun. In ihrer Freizeit bieten sie ihre Dienstleistungen an rund um Tod und Trauer.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
01. September 2017

Sandra Aguilar und Jasmin Bandelli sind Arbeitskolleginnen. Seit zwei Jahren arbeiten sie gemeinsam im Institut für Pathologie. «Zusammen mit Ärzten obduzieren wir Verstorbene. Danach richten wir sie wieder her, kleiden – und sargen sie ein, damit die Angehörigen sich verabschieden können», sagt Sandra Aguilar.

Bei dieser Tätigkeit kommen die beiden Frauen täglich in Kontakt mit Trauernden. «Dabei entstehen Momente, in denen jemand reden möchte, Trost sucht oder Wünsche äussert. Dann versuchen wir, zu spüren, wo die Bedürfnisse sind und wie wir helfen können», sagt Jasmin Bandelli. Sie ist eine medizinische Humanpräparatorin mit eidgenössischem Fachausweis.

Der Wunsch, eine Stelle zu finden, wo sie mit verstorbenen Menschen zu tun hat, wuchs bei Jasmin Bandelli, als sie – 19-jährig – ihre verstorbene Stiefschwester einkleidete, schminkte und für die Beerdigung schön machte. Kurz nach der abgeschlossenen Lehre als Bauspenglerin bot ihr das Kantonsspital Baden eine Chance: Die junge Frau erhielt einen Ausbildungsplatz und lernte während dreier Jahre das Handwerk der Humanpräparatorin. «Hätte ich keine abgeschlossene Lehre gehabt, wäre die Ausbildungszeit doppelt so lange gewesen.»

«Ich schminke lieber Verstorbene»

Etwas anders der Werdegang von Sandra Aguilar. «Ich wusste schon seit meiner Kindheit, dass ich irgendwann einmal mit verstorbenen Menschen arbeiten möchte.» Auf die Frage, warum das so war, sagt sie: «Einfach, weil ich lieber mit ‹stillen Kunden› zu tun habe … Meine Tätigkeit als Kosmetikerin hat mir, bei lebenden Kunden, nie wirklich Freude bereitet.»

Das Handwerk der Humanpräparatorin erlernte Sandra Aguilar beim Institut für Rechtsmedizin in Zürich. «Zwei Jahre durfte ich dort arbeiten.» «Ein harter Job?», fragt der Autor. «Ja, schon. Ins IRM werden Menschen gebracht, die oft einen tragischen Tod erlitten haben, Suizidenten, Unfallopfer oder Verstorbene, die wegen eines Verbrechens den Tod fanden». Sandra Aguilar musste lernen, sich abzugrenzen. «Nach der Zeit beim IRM schminkte ich wieder, kehrte ein weiteres Mal in das IRM zurück, arbeitete später auf der Pathologie in Chur und so ging das hin und her. Eine Zeitlang war ich mehr Präparatorin, dann wieder mehr Kosmetikerin.» Als im Kantonsspital im Jahre 2015 eine Stelle ausgeschrieben war, gab sie alles. «Ich bekam den Job.

schminken Verstorbene und modellieren Babyfüsschen: Sandra Aguilar (l.) und Jasmin Bandelli

Sandra Aguilar zeigt DeinAdieu-Autor Martin Schuppli ihre Arbeitsutensilien in der Schminktasche. Jasmin Bandelli hat Bilder ihrer Werke mitgebracht. (Foto: Bruno Torricelli)

«Erhalte ich ein Foto, kann ich Verstorbene perfekt frisieren»

Seit sie sich nur noch auf die Arbeit als Präparatorin konzentrieren kann, erlebt die Mutter einer erwachsenen Tochter «die ganze Schönheit unseres Berufes. Mit der richtigen Schminke und meinem Fachwissen kann ich leichte bis fortgeschrittene Veränderungsprozesse durch Verwesung überschminken.» Das gilt ebenso für Unterblutungen und Totenflecken. «Natürlich richte ich bei Verstorbenen auch Hände und Haare. Wenn ich ein Bild bekomme, kann ich die gewohnte Frisur wie zu Lebzeiten machen.»

Diese Erfahrung und Dienstleistung bietet Sandra Aguilar nur privat und auf Wunsch von Angehörigen an. «Ich schminke bei Bestattern, auf Friedhöfen oder fahre zu Angehörigen nach Hause. Mit meiner Tätigkeit tue ich was Gutes für Hinterbliebene, was mir ein gutes Gefühl gibt.

Berührend. Die kleine Hand eines frühverstorbenen Kindes.

Berührend. Die kleine Hand eines frühverstorbenen Kindes.
(Foto: Marco Bandelli)

Ein Füsschen, ein Händchen als Erinnerung»

Jasmin Bandellis Tätigkeit, richtet sich vor allem an die Eltern von früh verlorenen Kindern. «Ich mache 3D-Füsschen- und -Händchen von Babys ab der 22. Schwangerschaftswoche bis Kinder von circa vier Jahren.»

Auf die Dienstleistung, die Jasmin Bandelli mit Herzblut betreibt, kam sie während ihrer Tätigkeit im Spital. «Dort hatte ich mit vielen trauernden Eltern zu tun. Die Erinnerung ist das Einzige, was ihnen bleibt. Mit diesen 3D-Füsschen oder -Händchen kann ich den Eltern zusätzlich etwas ganz Persönliches mitgeben. Etwas, was ihnen in ihrer Trauerverarbeitung hilft und auch für immer bleibt.»

«Wie schnell müssen Sie vor Ort sein, um ein Füsschen, ein Händchen modellieren zu können?», will der Autor wissen. «Je früher ich beginnen kann, desto genauer wird der Abdruck. Ich kann ihn aber auch nach einigen Tagen noch machen. Dann können möglicherweise gewisse Details verschwunden sein.»

Jasmin Bandelli wird viel mit trauernden Menschen konfrontiert. Um mit deren Schmerz umgehen zu können, braucht die Präparatorin die nötige Distanz. «Ich zeige gegenüber Angehörigen Empathie und Mitgefühl, unterstütze sie. Das bereitet mir aber keine Mühe, da ich mich gut abgrenzen kann.»

Text: Martin Schuppli | Fotos: Bruno Torricelli/Marco Bandelli

Jasmin Bandelli schafft es, jede Hautfalte, jede Unebenheit eines Händchens, eines Füsschen heraus zu modellieren.

Jasmin Bandelli schafft es, jede Hautfalte, jede Unebenheit eines Händchens, eines Füsschen heraus zu modellieren. (Foto: Marco Bandelli)

 

Jasmin Bandelli
Med. Humanpräparatorin mit eidg. Fachausweis
stellt reale Fuss- oder Händchenabdrucke her von frühverlorenen Kinder.

Tel. +41 79 354 90 13
www.frühverlorene-kinder.ch | info@frühverlorene-kinder.ch

Sandra Aguilar
Med. Humanpräparatorin
schminkt und richtet Stillgewordene wieder her

Tel. +41 79 317 00 99
www.das-antlitz.ch | s.aguilar@gmx.ch

Kerstin Schlagenhauf schminkt Stillgewordene für das Bestattungs- und Friedhofamt für die Stadt Zürich: Das Porträt

 

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