Urs Gerber zeigt im Sarglager seiner Sargfabrik einen Sarg für Kinder. (Foto: Brun Torricelli)
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Als Kind spiel­te Urs Ger­ber in der Sarg­fa­brik Ver­ste­ckis

Urs Ger­ber lei­tet in zwei­ter Gene­ra­ti­on die Ger­ber Sarg­fa­brik in Lin­dau ZH. Pro Jahr pro­du­zie­ren er und sein Team über 16 000 Sär­ge.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Journalist BR am
20. Januar 2017

Urs Ger­ber ist auch ein Bestat­ter. Neben der Sarg­pro­duk­ti­on leis­ten sein Team für ver­schie­de­ne Zür­cher Gemein­den sowie für die Stadt Zürich Pikett- und Bestat­tungs­dienst­leis­tun­gen.

«Ich wuchs zwi­schen Sär­gen und höl­zer­nen Kreu­zen auf», sagt der 48-jäh­ri­ge Urs Ger­ber. Der Tod, die Ver­stor­be­nen und somit das Ster­ben waren nie ein Tabu­the­ma. Im Gegen­teil: Der Tod, das Ster­ben war all­ge­gen­wär­tig im Rie­gel­haus gleich hin­ter der refor­mier­ten Kir­che. «Woll­te ich mit mei­ner Freun­din und spä­te­ren Frau in mein Zim­mer, muss­ten wir durchs Sarg­la­ger gehen. Das war schon spe­zi­ell, und sie hat anfäng­lich etwas gestaunt.»

Für Urs Ger­ber, 48, war das All­tag. «Wir Kin­der spiel­ten ab und zu Ver­ste­ckis zwi­schen den Sär­gen.» Die Ger­bers waren eine gros­se Fami­lie. Urs hat vier Brü­der und drei Schwes­tern. Er war der Zweit­jüngs­te. Logisch lern­te der Bub Schrei­ner. Denn ursprüng­lich war die Sarg­fa­brik eine gewöhn­li­che Schrei­ne­rei.

Roboter in Sargfabrik Urs Gerber AG. (Foto: Bruno Torricelli)

Robo­ter Cel­lio baut seit 1994 aus­schliess­lich Stan­dard­sär­ge zusam­men. Die gibts bei der Sarg­fa­brik Ger­ber in zwei Dimen­sio­nen. 185 cm und 195 cm lang. (Foto: Bru­no Tor­ri­cel­li)

Robo­ter baut Sarg in 14 Minu­ten zusam­men

Eine Schrei­ne­rei ist die Sarg­fa­brik heu­te noch. Wer eine Fabrik­be­sich­ti­gung erlebt, merk­ts sofort. Da riechts nach Säge­mehl, da sin­gen Sägen, krei­schen Boh­rer. Da schlei­fen Maschi­nen lan­ge Bret­ter, und end­los dre­hen­de För­der­bän­der trans­por­tie­ren Sei­ten­wän­de, Böden und Deckel der Sär­ge wei­ter. Spä­ter wer­den sie lackiert. Vie­les läuft voll­au­to­ma­tisch. Hin­ter Git­tern arbei­tet ein oran­ger Robo­ter fast laut­los vor sich hin. Theo­re­tisch pro­du­ziert er alle 14 Minu­ten einen Sarg. Und das, wenns sein soll, Tag und Nacht.

«Wir waren die ers­te Sarg­fa­brik in der Schweiz, die einen Robo­ter ein­ge­setzt hat», sagt Urs Ger­ber. «Mein Bru­der Hans ent­wi­ckel­te ihn 1994 in Zusam­men­ar­beit mit ABB. Wobei der Robo­ter, wir nen­nen ihn Cel­lio, eigent­lich nichts Beson­de­res dar­stellt. Spe­zi­ell sind die Maschi­nen, die sei­nen Arbeits­pro­zess ermög­li­chen. Sie wur­den alle­samt von mei­nem Bru­der Hans auf die ver­schie­de­nen Arbeits­gän­ge abge­stimmt.»

Nicolas Gehrig (l.) und Martin Schuppli zusammen mit Sargfabrikant und Bestatter Urs Gerber (r.)

Stau­nen über die auto­ma­ti­sche Holz­ver­ar­bei­tung: Nico­las Geh­rig (l.) und Mar­tin Schupp­li zusam­men mit Sarg­fa­bri­kant und Bestat­ter Urs Ger­ber (r.) Foto: Bru­no Tor­ri­cel­li)

Pikett­dienst für die Stadt Zürich

Neben Robo­ter Cel­lio, arbei­ten 30 Leu­te in der Sarg­fa­brik. «Es sind 24 Stel­len. 16 Leu­te in der Fabri­ka­ti­on ange­stellt und 8 in der Admi­nis­tra­ti­on sowie als Bestat­ter», sagt Urs Ger­ber. «Wir sind gut orga­ni­siert, ver­fü­gen über lang­jäh­ri­ge Erfah­rung. Drum gibts eigent­lich nie ein ‹Ghetz›. Wir neh­men uns Zeit für die trau­ern­den Ange­hö­ri­gen, arbei­ten pie­tät­voll, las­sen uns nicht stres­sen.»

Die Logis­tik funk­tio­niert. Das Team ist ein­ge­spielt. Damit die Bestat­ter kei­ne lan­gen Wege fah­ren müs­sen, unter­hält Urs Ger­ber klei­ne­re Sarg­la­ger – über­all ver­teilt im Kan­ton Zürich. Etwa auf Fried­hö­fen, in Spi­tä­lern, Insti­tu­tio­nen sowie Alters- und Pfle­ge­hei­men. «Tags­über sind in der Regel vier Bestat­ter mit ihren Bestat­tungs­wa­gen unter­wegs. Pas­siert irgend­wo ein so genann­ter Poli­zei­fall, sind wir in zehn Minu­ten vor Ort.»

Guter Nach­wuchs zu fin­den ist schwie­rig

In den selbst aus­ge­stat­te­ten Fahr­zeu­gen füh­ren die Bestat­ter alles mit, was es an Aus­rüs­tung und Zube­hör braucht, um Ver­stor­be­ne wür­de­voll ein­zu­sar­gen. «Mei­ne Leu­te sind alles Quer­ein­stei­ger. Sie besuch­ten Kur­se beim Bestat­ter­ver­band, bil­den sich lau­fend wei­ter.» Und was sind es für Eigen­schaf­ten, die ein Quer­ein­stei­ger mit­brin­gen muss, will der Autor wis­sen. «Guten Nach­wuchs zu fin­den, ist schwie­rig. Wer bei mir Bestat­ter wer­den möch­te, muss gut kom­mu­ni­zie­ren kön­nen und belast­bar sein. Er muss Schicht­ar­beit leis­ten und den pas­sen­den Ton fin­de, in Gesprä­chen mit Hin­ter­blie­be­nen, mit Poli­zei und Behör­den. Wich­tig ist, ein Bestat­ter bei mir muss gut orga­ni­sie­ren kön­nen. Eben­so braucht es Ein­füh­lungs­ver­mö­gen und Ver­ständ­nis für die Hin­ter­blie­be­nen.»

Im Schrei­ne­rei­be­trieb bei Urs Ger­ber gibts kaum Fluk­tua­tio­nen. Bei den Bestat­tern ist die Luft oft nach 15 Jah­ren draus­sen. «Die Arbeit geht an die Sub­stanz. Ver­stor­be­ne sind oft sehr gewich­tig. Das belas­tet. Zudem muss eine Fami­lie den Beruf mit­tra­gen. Wenn ich einen Bestat­ter suche, dann bewer­ben sich Unzäh­li­ge. In die End­run­de aber kom­men schluss­end­lich ein, zwei Per­so­nen.»

Gros­se Wert­schät­zung für Bestat­tungs­ar­beit

Urs Ger­ber und sei­ne Bestat­ter bie­ten den Kun­den, Kun­din­nen einen Rund-um-die-Uhr-Ser­vice an. «Bei uns ist immer jemand auf Pikett», sagt der Chef. «Ich sel­ber mache regel­mäs­sig sol­che Ein­sät­ze. Das ist auch gut so. Ich lie­be die Tätig­keit als Bestat­ter. Es gibt wohl nicht vie­le Beru­fe, wo die Wert­schät­zung so gross ist. Wir erhal­ten fast täg­lich Dan­kes­schrei­ben, Kärt­chen.»

Urs Ger­ber und sei­ne Man­nen erle­ben viel Leid in einem schwie­ri­gen Umfeld. «Wir leis­ten oft einen guten Bei­trag an die Bewäl­ti­gung der Trau­er. Wir bet­ten die Ver­stor­be­nen ein, erle­di­gen, was zu tun ist. Oft pas­siert Fol­gen­des: Wenn die Fami­lie noch­mals an den Sarg tritt, heisst es oft, schau, wie fried­lich er schläft. Das sind schö­ne Kom­pli­men­te.»

Schwie­rig wird es für Urs Ger­ber, wenn ihm ein Todes­fall nahe geht. Wenn etwa ein Kind stirbt. «Als mei­ne Töch­ter noch klein waren, fiel mir das Ein­sar­gen von ver­stor­be­nen Kin­dern schwer.» Damit das nicht all­zu oft pas­siert, brau­che es eine gewis­se Pro­fes­sio­na­li­tät, eine gesun­de Distanz. Er sei ja kein Seel­sor­ger, sagt Urs Ger­ber. «Wich­tig, wir neh­men uns Zeit. Muss ich jeman­den ein­sar­gen, den ich gut kann­te, bin auch ich hilf­los.»

Sargfabrikant und Bestatter Urs Gerber (r.) mit dem DeinAdieu-Team Nicolas Gehrig (l.) und Martin Schuppli

Sarg­fa­bri­kant und Bestat­ter Urs Ger­ber (r.) zeig­te dem DeinAdieu-Team Nico­las Geh­rig (l.) und Mar­tin Schupp­li sei­ne Fabrik. (Foto: Bru­no Tor­ri­cel­li)

Der Ster­be­pro­zess beginnt mit der Geburt

Wel­che Bedeu­tung hat der Tod für jeman­den, der täg­lich damit kon­fron­tiert wird? Urs Ger­ber sagt ruhig: «Er kommt ein­fach ein­mal der Tod. Er gehört zum Leben. Das Ster­ben ist ein nor­ma­ler Pro­zess. Ein Pro­zess, der dann beginnt, wenn wir auf die Welt kom­men. Abge­schlos­sen wird die­ser Pro­zess mit dem Tod. »

Was pas­siert im Moment des Todes? Urs Ger­ber: «Als über­zeug­ter Christ, glau­be ich an ein Leben nach dem Tod. Könn­te ich wün­schen, dann möch­te ich nicht nach lan­ger Krank­heit ster­ben.» Und was, Herr Ger­ber, kommt nach­her, fragt der Autor. Der Sarg­fa­bri­kant lächelt und sagt viel­sa­gend: «Ich bin zuver­sicht­lich.»

Text: Mar­tin Schupp­li, Fotos: Bru­no Tor­ri­cel­li

Hans Ger­ber AG, Sarg­fa­brik
Lät­ten­stras­se 9, 8315 Lindau/ZH

Tel. 052 355 00 10 | Fax 052 355 00 18

office@gerber-Lindau.ch | www.gerber-lindau.ch

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