Farbig, fröhlich und unbeschwert: Jugendliche aus den verschiedensten Regionen der Schweiz bemalen den Sarg für Ali Tschanz. (Mitte) Foto: Daniela Friedli
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Im farbigen Sarg von Flammen umarmt

Ali Tschanz ist eine mutige Frau. Die 86jährige liess ihren Sarg, ihr letztes Bett, von jungen, fröhlichen Menschen farbig bemalen.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
23. September 2016

Dürfen Jugendliche eine Holzkiste bemalen? Logisch. Was, wenn die Kiste aus einfachem Tannenholz besteht und innen mit weichem Baumwollpolster versehen ist? David Naef, 31, lacht: «Aber klar doch. Valeria und Co. bemalen in unserem Auftrag einen ganz normalen, einfachen Sarg. Den Sarg für die 86-jährige, putzmuntere Ali Tschanz aus Bern.»

Die Idee dazu hatten David Naef und Marianna Reinhard , Inhaber des kleinen, aber feinen Bestattungsunternehmens Finis GmbH in Stettlen BE. Sie luden Jugendliche aus der ganzen Schweiz ein, für Ali Tschanz einen Sarg, ihren Sarg, zu bemalen.

Farbiger Sarg für Ali Tschanz

Ein farbiger Sarg für Ali Tschanz. Die Jugendlichen malten mit Begeisterung. (Foto: Daniela Friedli)

Kein Lebensende an Schläuchlein

Eine gelungene, aber etwas schräge Idee? Die Seniorin, «eigentlich heisse ich ja Alphonsine», aus dem Berner Altersheim «dr Burgerspittel» schüttelt den Kopf, lächelt entspannt. «Der Tod gehört zum Leben», sagt sie. «Ich begleitete schon verschiedene Menschen in ihren letzten Tagen. Mein Mann starb früh, ebenso ein lieber Freund. Er litt an Aids. Meine Brüder sind schon tot, mein Gotte-Meiteli ebenfalls.» Sie hält inne. Schweigt einen Moment und fährt dann fort. «Alle diese Verluste taten jedes Mal sehr weh. Aber eben, wir müssen bereit sein für den Tod. Mir macht er keine Angst. Kommen wird so oder so. Bestimmt. Er muss kommen.» Sie schweigt kurz, schaut dem Autor in die Augen.

Farbiger Sarg: Ali Tschanz wird interviewt.

Ali Tschanz erklärt der Videojournalistin von TeleBärn, wie sie über den Tod denkt. (Foto: Daniela Friedli)

«Ich habe eine Patientenverfügung, füllte sie alleine aus. Für mich ist klar: Niemand soll mein Leben unnötig verlängern. Ein Lebensende an Schläuchlein kann ich mir nicht vorstellen. Nein. Auf keinen Fall.» (Ali Tschanz)

Und den Tod? Wie stellt sie sich den Tod vor, das Sterben? «Schwierig, meine Vorstellungen in Worte zu fassen», sagt Ali Tschanz. «Es wird wohl sein, als würde man durch eine Türe gehen. Eine Türe, die sich von innen öffnet. Eine Tür, die den Blick frei gibt auf einen hell erleuchteten Gang, auf ein strahlendes Licht.» Sie schweigt. Fixiert einen Punkt draussen am Horizont. «Aber im Moment fühle ich mich noch zwäg. Gut möglich, dass ich ein hohes Alter erreiche», sagt sie und lächelt. «Mein Vater wurde 94 Jahre alt, meine Mutter 90.»

Bunt soll er werden der Sarg

Der Autor unterbricht das Gespräch und mischt sich mit Ali Tschanz unter die Jugendlichen, die im Besprechungszimmer der Finis GmbH über Farben und Formen diskutieren. Die Teenager fragen Ali Tschanz, wie sie sich die Bemalung ihres Sarges denn vorstelle. In diesem Augenblick parkt ein Auto auf dem Areal mit der Aufschrift „Sonne, Wind, Wasser“ und Ali Tschanz meint: Genau diese Farben wünsche ich mir. Die Diskussion geht weiter. Dann einigen sich Alt und Jung auf einen Regenbogenverlauf. Bunt soll er sein der Sarg. Die Stimmung ist heiter.

David Naef, der jugendlich wirkende Bestatter, nimmt die Journalisten, die Videojournalistin von TeleBärn, die Jugendlichen und natürlich Ali Tschanz mit auf einen Rundgang. Im Sarglager erklärt er die verschiedenen Typen der «letzten Behausung». Es gibt einige Varianten. Vom einfachen, hellen Tannholzsarg bis zum kostbaren Eichenholz-Modell. «So ein Mafia-Sarg», ruft einer der Jungen. Ein anderer hilft, Alis Sarg aus dem Lager zu tragen. «Der passt», sagt sie. «Mir reicht ein einfaches Modell.». Die Jugendlichen lösen die Flügelschrauben und greifen dann in die Polsterung. Sie besteht aus wattierten Baumwollstoff und ist sehr weich.

Farbiger Sarg: David Naef und Ali Tschanz

Sind zu frieden mit dem Event: David Naef, Bestattungsunternehmer und Ali Tschanz begutachten den farbigen Sarg. (Foto: Daniela Friedli)

Ein Unterschied: Einbetten statt einsargen

David Naef sagt: «Für mich ist entscheidend, dass die Innenausstattung weich ist und weiss. Wie in einem Bett. Ich rede ja nicht vom einsargen sondern vom einbetten.» Die jungen Leute sind mit Eifer an der Sache. Sie lachen, necken sich und arbeiten konzentriert. Langsam verschwinden die hellen Holzflächen unter dem Regenbogenmotiv. Es überzieht den ganzen Sarg  sowie die Flügelschrauben. Ali Tschanz klatscht in die Hände. Sie ist begeistert von der Fröhlichkeit der jungen Menschen und ihrem Werk. «Der ist so schön geworden. Da kann ich mich ja drauf freuen».

Text Martin Schuppli/Foto: Daniela Friedli

 finis GmbH
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