Keramikerin Regula Kaeser-Bonanomi betrachtet mit DeinAdieu-Autor Martin Schuppli die halbfertige Urne. Foto Daniela Friedli
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Kreis­lauf des Lebens: Asche wird Erde, Erde wird Urne

DeinAdieu-Autor Mar­tin Schupp­li macht sich Gedan­ken, war­um jemand dazu kommt, sei­ne eige­ne Urne zu töp­fern.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Journalist BR am
07. April 2017

Am Anfang wars nur Dreck. Lehm aus Spa­ni­en. «Lätt», wie Kera­mi­ke­rin Regu­la Kae­ser-Bonano­mi sagt. Und die­sen Lätt galt es nun, in eine Urne zu ver­wan­deln. In die per­sön­li­che Urne des Autors. Asche soll­te sie der­einst ent­hal­ten. Die eige­ne Asche. Mei­ne Asche.

«Schpinsch», sag­ten die einen. «War­um machsch das?», frag­ten ande­re. «‹Meis­ter Tod› will pro­vo­zie­ren», frot­zel­ten Drit­te. Will ich nicht. Wer sei­ne eige­ne Urne töp­fert, setzt sich mit der End­lich­keit des Lebens aus­ein­an­der. Denkt dar­über nach.

Die Kera­mi­ke­rin will Ernst­haf­te­res wis­sen. «Wünscht du, dass ich dei­ne Urne bren­ne oder soll sie nur tro­cken?», frag­te sie in einem unse­rer Vor­ge­sprä­che. «Was ist denn der Unter­schied», sage ich, stel­le eine Gegen­fra­ge. Wobei, eigent­lich müss­te ist es mir klar sein, wuchs ich doch fast zwi­schen Lehm­klum­pen und Engo­ben auf, zwi­schen Brenn­ofen und Gas­fla­schen, Werk­zeu­gen und Far­ben. Ich mei­ne zu wis­sen, dass sich eine gebrann­te Urne nicht zer­setzt. Sie könn­te also mehr­fach gebraucht, sie könn­te ver­erbt wer­den.

Mei­ne Urne ver­er­ben

Ohne eine Ant­wort abzu­war­ten, bit­te ich, die Urne zu bren­nen. Wobei es völ­lig unklar ist, wer denn mei­ne Urne ein­mal erben möch­te. Egal. Noch wis­sen nur weni­ge Men­schen von mei­nem Tun. Mein Schmuck­stück soll im Ofen bei 1280 Grad bren­nen. So wie der­einst mein leb­lo­ser Kör­per im Kre­ma­to­ri­um.

«Und wel­che Form soll sie haben, dei­ne Urne?», will die Kera­mi­ke­rin und Ritu­al­ge­stal­te­rin wis­sen. «Weisst du das schon oder machen wir eine Visua­li­sie­rungs­me­di­ta­ti­on?» «Medi­ta­ti­on tönt gut», sagt der Autor und denkt, dass er eigent­lich gar nicht so gut medi­tie­ren kann. Im Gegen­teil. Die­se Zeit eig­net sich jeweils pri­ma, den aktu­el­len Gedan­ken nach­zu­hän­gen. Zu dösen.

Der «Lätt» wird zum Freund

Vor der Visua­li­sie­rungs­me­di­ta­ti­on heisst mich Regu­la Kae­ser-Bonano­mi einen Klum­pen Lätt zu «pin­chen». Mit geschlos­se­nen Augen drückt der Autor auf einem Stück Lehm her­um. Eis­kalt fühlt es sich an, kleb­rig, dre­ckig. Etwas eklig. Grau. Unschein­bar. Drü­cken. Kne­ten. In den Hand­flä­chen hin und her rol­len. Würst­li machen. Zusam­men­me­chen. Den Dau­men hin­ein­boh­ren, so dass sich aller Dreck unter dem Fin­ger­na­gel sam­melt.  Alles wie­der aus­ein­an­der­reis­sen, zusam­men drü­cken: Eine «Tafel Schog­gi» for­men, auf­rol­len, zu einem Klum­pen pres­sen und wie­der von vorn begin­nen. Wie­der und wie­der. Mit der Zeit wird der Lätt warm, geschmei­dig. Hän­de und Lätt schei­nen sich zu mögen. Zie­hen sich an und stos­sen sich ab. Schluss­end­lich rollt eine Kugel auf der Hand­flä­che hin und her. Sie fühlt sich rund an. Warm. Weich. Anschmieg­sam. Mei­ne Kugel. Im Gar­ten zwit­schern Vögel und eine fer­ne Bir­ke lässt vor Schreck eine Ladung Pol­len flie­gen.

Regula Kaeser-Bonanomi

Regu­la Kae­ser-Bonano­mi baut aus rotem Gru­ben­ton die Hand für eine unfer­ti­ge Urne. (Foto: Danie­la Fried­li)

Für mich ist die Visua­li­sie­rung schon vor der Medi­ta­ti­on abge­schlos­sen. Eine Kugel soll mei­ne Urne wer­den. Und die­se Kugel soll der­einst die gut 3,5 Liter Asche beher­ber­gen. Einen Deckel soll sie bekom­men mei­ne Kugel. Mit «Güp­fi» drauf oder «Püp­pi» oder Nip­pel. Egal. Knall­rot soll der Deckel wer­den.

Der Lätt ist rasch aus­ge­wählt. Er kommt aus Mani­ses bei Valen­cia in Spa­ni­en. Rot schaut er aus und schwer. Ein­mal gebrannt, wird er schwarz sein und wun­der­herr­lich anzu­grei­fen. Ein­ge­ar­bei­tet sei Rost, genau­er Fe2O3, dar­um sei er so rot, erklärt Regu­la Kae­ser-Bonano­mi. Ver­rückt, da wählt einer, der mit rohen Stahl­rin­gen für Gär­ten han­delt und ros­ti­ge Feu­er­scha­len im Sor­ti­ment hat, einen Lehm aus, der Rost ent­hält. Das soll Zufall sein? Wäre ja gelacht.

Mei­ne Urne eine Kugel. Wie fer­tigt der Laie eine Kugel an mit 3,5 Liter Inhalt? Regu­la Kae­ser-Bonano­mi fra­gen. Die grinst etwas schel­misch und stellt zwei iden­ti­sche Gips­for­men auf den Tisch. Hal­be Scha­len sinds. Die gilt es nun mit Lehm­stü­cken aus­zu­le­gen und die­se strei­che ich glatt. Ich strei­che­le unab­läs­sig. Fin­de es rich­tig … Freun­de, Freun­din­nen, Töch­ter wis­sen, wel­ches Wort hier hät­te ste­hen sol­len.

Ist Hein Klap­per­bein ein Ver­na­scher

Noch dre­hen sich die Gedan­ken des Autors weder um Ster­ben noch um den Tod. Viel­mehr tau­chen Lin­dor-Kugeln vor dem geis­ti­gen Auge auf. Süs­se Ver­su­chun­gen. Haben die mit dem Tod zu tun? Kann der Sen­se­mann eine süs­se Ver­su­chung sein. Ist Gevat­ter Hain ein Ver­füh­rer? Hein Klap­per­bein ein Ver­na­scher?

«Regu­la, sag’, ist es ver­mes­sen, fröh­lich zu sein, bei der Arbeit an der eige­nen Urne?» Die Kera­mi­ke­rin lacht. Sagt: «Sei dich selbst.» Wohl­an, wir lachen, scher­zen. Lan­ge gings mir nicht mehr so gut.

Ernst und nach­denk­li­cher wird der Autor spä­ter, bei der Arbeit an den Hän­den, die mei­ne Urne hal­ten wer­den. Es sol­len mei­ne Hän­de sein. Mei­ne Grös­se. Mei­ne Form. Die­se Arbeit ist nun eine Her­aus­for­de­rung. Jetzt gibts kei­ne Gips­for­men mehr, Hand­werk ist gefragt. Mei­ne Hän­de. Es sind Hän­de, die eine Com­pu­ter-Tas­ta­tur bedie­nen kön­nen, einen Schog­gi­ku­chen fer­ti­gen, Wie­ner­schnit­zel zube­rei­ten. Aber sind sie geschaf­fen, eine lin­ke und eine rech­te Hand zu for­men. Hän­de zu for­men, die eine Kugel hal­ten. Eine Kugel, die der­einst 3,5 Liter Asche auf­neh­men soll. Eine Kugel, die bei einer Abdan­kung als zen­tra­les Schmuck­stück eine Haupt­rol­le spielt.

Weisse Urne

Tröst­lich, wie die Hän­de die­se Urne beschüt­zen. (Foto: Danie­la Fried­li)

Schmuck­stück an mei­ner Abdan­kung

Wusch! Ups! Jetzt fährt er ein. Der Gedan­ke, nicht mehr zu leben, tot zu sein. Mein Gott. Dann wer­den lie­be, wer­den heiss­ge­lieb­te Men­schen wei­nen, wer­den Töch­ter, wird Max trau­rig sein. Freun­din­nen, Freun­de wohl still und nach­denk­lich. Arbeits­kol­le­gen schweig­sam. Jemand wird eine Rede hal­ten, Musik spie­len. Spä­ter dann ver­streu­en sie irgend­wo mei­ne Asche.

Danach, wäh­rend des Lei­chen­mahls, wird hof­fent­lich wie­der gelacht. «A schö­ne Leich wars», wür­de mein Freund der Bay­er sagen. Der­weil die Urne allei­ne auf irgend­ei­nem Tisch steht. Viel­leicht etwas ver­las­sen. Leer. Mit eini­gen Asche­res­ten drin. Die wer­den spä­ter weg­ge­wa­schen. Und viel­leicht fragt der­einst jemand: «Was ist denn das für ein Teil». Der Autor schmun­zelt, hört die eine Toch­ter sagen: «Das ist Big Dad­dys lee­re Urne.»

Trau­er gehört zum Ster­ben

So hän­gen die Gedan­ken irgend­wo im lee­ren Raum. Und Fin­ger kne­ten Fin­ger. Da fragt sich der Autor plötz­lich: Kann einer, der sich lan­ge, lan­ge mit dem Tod beschäf­tigt hat, mit dem Ster­ben, dem letz­ten Lebens­ab­schnitt, kann der von den Zurück­blei­ben­den wün­schen, sie mögen nicht trau­rig sein?

Unmög­lich, das kann nie­mand ver­lan­gen. So heisst es nun, die ver­blei­ben­de Zeit genies­sen. Egal, ob es drei Tage sind oder 30 Jah­re. Nie­mand weiss, wann «Schla­fes Bru­der» vor der Türe steht und einen mit­nimmt.

War­ten auf das Feu­er

Nach eini­gen Stun­den ist die ent­stan­de­ne Urne fer­tig. Jetzt muss sie trock­nen, dann wird sie gebrannt und danach bestimmt das eine oder ande­re Gespräch aus­lö­sen. Sie wird die eine oder ande­re Dis­kus­si­on erzwin­gen. Wird eine Aus­ein­an­der­set­zung ermög­li­chen. Denn eines ist klar: Der Tod ist eine Rea­li­tät des Lebens. Stel­len wir uns also dem Leben. Einem Leben, das mit dem Tod endet. So oder so. Wir wis­sen ein­fach nicht wann. Aber wir wis­sen, dass unser «Fest des Lebens» ein Ende fin­det. Der Kör­per bestat­tet oder im Ofen zu cir­ca 3,5 Liter Asche zer­fällt.

DeinAdieu-Autor Martin Schuppli mit roher Urne

DeinAdieu-Autor Mar­tin Schupp­li mit sei­ner «fer­ti­gen», noch unge­brann­ten Urne. (Bild: Regu­la Kae­ser-Bonano­mi)

Für mei­ne Asche ist das Behält­nis fast fer­tig. Mit mei­nen Hän­den wer­de ich Mit­te Juni mei­ne «Lin­dor-Kugel» fest­hal­ten. Dank­bar ans Töp­fern zurück­den­ken. Und freu­dig wer­de ich die kom­men­de Zeit erwar­ten.

Text: Mar­tin Schupp­li | Foto: Danie­la Fried­li

Kera­mi­ke­rin
Regu­la Kae­ser-Bonano­mi
Höhe­weg 5, 3110 Münsin­gen BE

Tel. +41 31 721 52 43

keramikerin@keramikerin.ch  |  www.keramikerin.ch

Viel­leicht inter­es­siert Sie fol­gen­de Geschich­te mit der Kera­mi­ke­rin Regu­la Kae­ser-Bonano­mi:
Im Lebens­zy­klus ist der Tod ein­ge­bet­tet

  • Zum The­ma Urne bren­nen oder nicht, möch­te ich etwas prä­zi­sie­ren:
    Eine Urne, die nicht gebrannt wird, bei der der Lätt ein­fach nur trock­net, die kann mit der Asche in die Erde ver­gra­ben oder ins Was­ser gelegt wer­den und sie löst sich wie­der auf, sie wird wie­der Erde. Aller­dings ist sie brü­chi­ger als eine gebrann­te Urne. Die­se setzt mit ihrer Bestän­dig­keit der Ver­gäng­lich­keit etwas gegen­über. Sie kann in der Wohn­stu­be auf­ge­stellt wer­den, schon bevor Asche dar­in ein­ge­füllt wird oder gefüllt mit der Asche der ver­stor­be­nen Per­son oder wie­der nach dem Aus­lee­ren der Asche. Sie kann so die Erin­ne­rung an den Tod, den Toten, die Tote zurück brin­gen, mit­ten ins all­täg­li­che Leben. Ich fin­de, eigent­lich steht jeder Per­son eine eige­ne Urne zu, die so indi­vi­du­ell ist, wie sie sel­ber auch. Aber eine gebrann­te Urne könn­te auch wei­ter­ver­erbt wer­den.
    Im übri­gen kön­nen Inter­es­sier­te bei mir fer­ti­ge Urnen kau­fen, gebrannt und unge­brannt, jede ein Uni­kat. Selbst­ver­ständ­lich gehe ich auf Ihre indi­vi­du­el­len Gestal­tungs­wün­sche ein.

  • Gio­van­na Para­vic­i­ni

    Hal­lo Mar­tin

    so, jetzt hast Du auch Dei­ne urei­ge­ne, sel­ber geform­te Urne …
    Schön fin­de ich das. Ja, ganz ein­fach schön.
    Mei­ne urei­ge­ne Urne, die ich vor gut einem Jahr bei Regu­la geformt habe steht auf einem Eisen­re­gal in mei­nem Schlaf­zim­mer. Mein Sohn ist über den Ver­wen­dungs­zweck des Gefäs­ses infor­miert, er wird damit so ver­fah­ren wie es für ihn stim­mig sein wird … Ein­mal …
    Mei­ne Urne ist dem ägyp­ti­schen Toten­schiff nach­emp­fun­den, die Form die ich bei Regu­la «gepincht» hat­te, hat­te sich gewan­delt, vom Pin­chen in der Grup­pe bis hin zum Bespre­chen der Daten fürs kon­kre­te Arbei­ten an der Urne.
    Nun, einer mehr auf die­sem Erden­rund der sei­ne eige­ne Urne hat und ich wür­de mich freu­en von Dir einen Bei­trag mit Foto zu erhal­ten, wenn die Urne gebrannt ist …
    Lie­ber Gruss
    Gio­van­na

    • Mar­tin Schupp­li

      Logisch lie­be Gio­van­na wer­de ich dar­über berich­ten, wie ich die Urne in den Hän­den hal­te. Ich wer­de erzäh­len, wie das für mein Umfeld ist. Ich wer­de eini­ges zu erzäh­len habe. Aller­dings müs­sen sich alle Inter­es­sier­ten noch etwas gedul­den. Urnen-Über­ga­be ist Mit­te Juni.
      Ich bedan­ke mich für dei­ne Post hier und ver­spre­che, mich zu mel­den. Als DeinAdieu-Autor mit eige­ner Urne.
      Herz­lich
      Mar­tin

  • Chris­ti­ne Pac­caud

    Guten Tag,
    Ich habe mir bis jetzt eigent­lich noch nie die­se Fra­ge gestellt, ob ich mei­ne Urne bren­nen soll oder nicht. Ich wuss­te auch gar nicht, ob man da über­haupt die­se Wahl hat­te. Ich will aber ein­mal ver­brannt wer­den, weil ich den Hin­ter­blie­be­nen nicht die Last auf­hal­sen will, ein Leben lang für ein Grab und Blu­men zu bezah­len.

    So ein «Auf­wand» ist immer mit vie­len Kilo­me­tern ver­bun­den, die man nach einer gewis­sen Zeit machen «muss». Das wäre mir per­sön­lich nicht recht. Aber ich kann durch­aus auch ver­ste­hen, war­um die Leu­te ein­mal in ein Grab wol­len um dem Weg­ge­gan­ge­nen näher zu sein, mit ihm ab und zu oder jeden Tag zu spre­chen und zu erzäh­len, wie das Leben nun ohne ihn wei­ter­geht, dass sie so ihren inne­ren Frie­den wie­der fin­den. Da mei­ne See­le ja dann nicht mehr auf der Erde ist, kann mei­ne Fami­lie im Gebet über­all, egal wo sie sich befin­det, im Geist mit mir in «Ver­bin­dung» sein oder blei­ben.

    Es ist sehr schön, dass Sie solch indi­vi­du­el­le, schö­ne Urnen machen für Leu­te, die sich Gedan­ken machen, was sie den Hin­ter­blie­be­nen hin­ter­las­sen wol­len und kön­nen … ein letz­tes sicht­ba­res Zei­chen … das man anschau­en, anfas­sen und strei­cheln kann, wenn einem das Herz schwer ist und man noch nicht ganz akzep­tiert hat, dass die weg­ge­gan­ge­ne, gelieb­te Per­son nicht mehr da ist und sie einem fehlt …

    Sie zu ver­er­ben? War­um nicht? Eine inter­es­san­te und schö­ne Idee. Was ich eben­falls schön fin­de ist, dass man sei­ne Urnen sel­ber mit dem Lätt gestal­ten kann. Schön, die form­ba­re, zuerst kal­te Mas­se kne­ten, füh­len wie sie lang­sam warm wird, Gedan­ken hoch­kom­men las­sen dabei, wie es sich ändert… um es wei­ter zu geben) … sozu­sa­gen sei­ne Lie­be dar­in ein­pa­cken kann… sodass es wirk­lich ein Teil von einem sel­ber ist, der lang­sam sei­ne Form annimmt und für immer bestehen bleibt… und so eine sicht­ba­re Spur hin­ter­lässt. Viel­leicht ist das eine Art, wie man einen Weg geht um eine Spur (sei­ne ganz eige­ne Lie­bes­spur) zu hin­ter­las­sen, auf der noch nie jemand ande­rer gegan­gen ist?

    Per­sön­lich möch­te ich ein­mal ver­brannt wer­den, weil für mich mein toter Kör­per danach nicht mehr wich­tig ist, was für mich zählt, ist die See­le, die dann woan­ders hin gehen wird. Ich stel­le mir vor, dass das dann sehr schön sein wird für mich, da oben umher­zu­flie­gen mit ande­ren Wesen, die auch Flü­ge­li haben… und dann das ein­mal tun zu kön­nen, ohne die Umwelt mit einem Flug­zeug zu belas­ten … ist doch viel bil­li­ger ohne Flug­ti­cket und gleich weni­ger eng, oder?

    Für mei­ne Hin­ter­blie­be­nen, für mei­ne Fami­lie und Freun­de (die mich gut ken­nen) ist, glau­be ich, mein Kör­per danach nicht mehr so wich­tig, sie wer­den in Gedan­ken an das Ver­gan­ge­ne, Erleb­te mit mir den­ken … und damit beschäf­tigt sein, mei­nen Weg­gang zu akzep­tie­ren, wer­den viel­leicht ab und zu wei­nen, wütend sein oder sich gegen­sei­tig trös­ten …

    Jeder ist anders und muss den Schmerz sel­ber indi­vi­du­ell ver­ar­bei­ten … sich zu fra­gen war­um und wie­so hat kei­nen Sinn. Wir alle müs­sen ein­mal die­sen Weg gehen – und nicht wir bestim­men den Augen­blick, wenn das Glög­gli für uns läu­tet… jeder braucht eine bestimm­te Zeit dazu (dafür gibt es zum guten Glück kei­nen Stan­dard), muss durch die fünf ver­schie­de­nen Pha­sen der Trau­er gehen bis zur Annah­me vom Abschied … je nach­dem, wie wir mit dem einen oder ande­ren klar kom­men… Aber… wie man so schön sagt: «Nach dem Regen scheint immer wie­der die Son­ne.» Der Regen­bo­gen zeigt uns die­se Hoff­nung immer wie­der sehr schön.

    Was ich mir aber sehn­lichst wün­sche ist, dass sie nicht nur an die Ver­gan­gen­heit den­ken … son­dern vor­wärts und vor allem an die Gegen­wart, an das ihri­ge Leben, das jetzt genau da ist und gelebt wer­den will … und das dann auch ihre Zukunft lei­ten wird. Denn wie wir die Gegen­wart leben, so wird auch unse­re Zukunft danach aus­se­hen. Wir sind somit Mit-Schöp­fer unse­res eige­nen Lebens. Des­halb kann man nie­man­dem die Schuld geben für unser Leben … wir sind alle sel­ber ver­ant­wort­lich für unser Leben, was wir damit machen oder was wir nicht gemacht haben. Sei es nun aus Angst oder aus irgend­ei­nem ande­rem Grund. Es ist wie mit einem Velo das man geschenkt bekommt. Man kann es in den Kel­ler stel­len und ver­stau­ben las­sen, oder ver­su­chen sich dar­über zu freu­en, es zu benut­zen und etwas Schö­nes damit anzu­fan­gen, um vor­wärts zu kom­men… da ist jeder sel­ber sein Herr und Meis­ter.

    Man soll­te jeden Tag leben, wie wenn es der Letz­te sei, rich­tig fest und voll, mit allen Sin­nen und Bewusst­sein, nur so lebt man wirk­lich. Ver­su­chen Sie doch ein­mal wäh­rend 10 Minu­ten ein Eis zu essen… und alles zu ergrün­den und ent­de­cken, was damit zusam­men­hängt, es so rich­tig zu genies­sen: Die Tex­tur, die Käl­te, den Geschmack, das Aro­ma, wie es sich anfühlt… usw. – den Genuss voll zu leben. Ich hof­fe, sie blei­ben nicht in der Ver­gan­gen­heit ste­cke, auch wenn sie noch so schön war, denn das bremst ihre Gegen­wart und Zukunft … das wür­de mich trau­rig stim­men. Es wäre schön, wenn sie sich mit Freu­de an mich erin­nern, wenn viel­leicht gera­de ein­mal ein bestimm­ter Satz fällt den ich ein­mal sag­te oder ein gemein­sa­mes Erleb­nis wie­der auf­taucht… denn für mich war die Freu­de immer ein gros­ser Bestand­teil mei­nes Lebens – ich lie­be das Leben… und ich glau­be, das Leben liebt mich auch …

    Als Erb­schaft möch­te ich mei­ner Fami­lie und Freun­den, zwei Din­ge hin­ter­las­sen:
    • Jedem indi­vi­du­ell eine CD hin­ter­las­sen wo ich jedem über sei­ne Freund­schaft und Lie­be indi­vi­du­ell herz­lich dan­ke, weil jeder anders ist und ich mit jedem etwas ganz spe­zi­ell Schö­nes erlebt habe. Viel­leicht auch noch ein­mal spe­zi­ell wich­ti­ges Bespre­chen … oder Unge­sag­tes, und doch Nach­ge­dach­tes sagen … den letz­ten Moment nut­zen … Ich wer­de eben­falls bit­ten, nicht trau­rig oder mir böse zu sein (auch wenn das viel­leicht nicht so schnell gehen wird …) weil ich schon allei­ne «vor­ge­gan­gen» bin … wer­de sie trös­ten und erin­nern, ihr eige­nes Leben zu leben, denn dazu sind wir alle auf der Erde, um unser Leben, das gröss­te Geschenk das wir erhiel­ten, in Lie­be zu leben… aber eben­falls auch dar­an zu erin­nern, dass wir uns alle ein­mal wie­der sehen wer­den… und dann da oben ein gros­ses Käfer­fest orga­ni­sie­ren (wenn der Lie­be Gott ein­ver­stan­den ist?).

    • Und ein Buch über unse­re mit­ein­an­der erleb­ten Stun­den hin­ter­las­sen, all die Erin­ne­run­gen, an die wir uns ger­ne erin­nern. Ich schrei­be es nie­der, da ich nie vie­le Fotos mach­te von allem Erleb­ten (mei­ne Erin­ne­run­gen sind alle in mei­nem Her­zen… und ich bin mir sicher, selbst falls ich Alz­hei­mer hät­te, wür­de ich mich noch dar­an ab und zu erin­nern – weil es leben­di­ge, herz­li­che Erin­ne­run­gen sind), wer­de ich ver­su­chen sie zu beschrei­ben, sodass jeder sich dar­an erin­nern kann. Sowie ein Abschnitt im Buch über ein 100-jäh­ri­ges Wis­sen, wie man sich mit der Natur heilt, weil wir uns in mei­ner Fami­lie seit meh­re­ren Gene­ra­tio­nen mit der Natur hei­len und ich dar­an glau­be, dass es bes­ser ist als Che­mie. Unser Kör­per ist auch natür­lich, war­um soll­te man ihn nicht auch mit der Natur hei­len? Für jede Krank­heit ist ein Kraut gewach­sen wur­de gesagt… ich glau­be das ohne Wei­te­res.

    Als mein Vater starb, war ich trau­rig, weil er mir fehl­te und ich zuerst nur an mich dach­te und nicht an ihn, doch gleich­zei­tig freu­te ich mich für ihn, weil er dort sein darf, wo es ihm gut geht, wo er geliebt wird, wie an kei­nem ande­ren Ort auf Erden, weil nur der Lie­be Gott zu einer sol­chen unkon­ven­tio­nel­len, unsag­bar gros­sen Lie­be fähig ist. Für mich gehört der Tod zum Leben … (wir kom­men vom Staub und wer­den wie­der zu Staub – ein ewi­ges Rad das sich dreht) ein Über­gang in eine ande­res, neu­es Leben (alles hat immer einen Anfang und eine Ende, sonst kann es kei­nen neu­en Anfang geben, wenn es kein Ende hat) … das anders sein wird … das wir noch nicht ken­nen … wir müs­sen ster­ben, wenn wir ein neu­es Leben wei­ter leben wol­len… Ich bin über­zeugt, dass da oben noch sehr viel los sein wird für uns alle danach. Der Lie­be Gott wird uns dazu dann schon die genaue Gebrauchs­an­lei­tung geben, wie es danach wei­ter­ge­hen soll. Aber alles zu sei­ner Zeit, und die­se Zeit bestim­men nicht wir, das liegt in sei­nen Hän­den, Gott sein Dank.

    Chris­ti­ne Pac­caud

  • Chris­ti­ne Pac­caud

    Sei trau­rig und dank­bar
    Es stimmt, man kann von nie­man­dem ver­lan­gen, nicht trau­rig zu sein. Die Trau­er ist wich­tig, es ist ein Teil bis zur Akzep­tanz. Doch ich fin­de es eben­falls sehr wich­tig, dass man dank­bar sein kann für all die Jah­re, die man an der Sei­te oder mit die­sem Men­schen ge- oder erlebt hat – es ist näm­lich nicht selbst­ver­ständ­lich — jede Minu­te die­ser Freu­de und die­ses Erleb­ten ist ein wah­res Geschenk einer lie­ben­den Begeg­nung zwi­schen zwei Men­schen!

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