Keramikerin Regula Kaeser-Bonanomi betrachtet mit DeinAdieu-Autor Martin Schuppli die halbfertige Urne. Foto Daniela Friedli
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Kreislauf des Lebens: Asche wird Erde, Erde wird Urne

DeinAdieu-Autor Martin Schuppli macht sich Gedanken, warum jemand dazu kommt, seine eigene Urne zu töpfern.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
07. April 2017

Am Anfang wars nur Dreck. Lehm aus Spanien. «Lätt», wie Keramikerin Regula Kaeser-Bonanomi sagt. Und diesen Lätt galt es nun, in eine Urne zu verwandeln. In die persönliche Urne des Autors. Asche sollte sie dereinst enthalten. Die eigene Asche. Meine Asche.

«Schpinsch», sagten die einen. «Warum machsch das?», fragten andere. «‹Meister Tod› will provozieren», frotzelten Dritte. Will ich nicht. Wer seine eigene Urne töpfert, setzt sich mit der Endlichkeit des Lebens auseinander. Denkt darüber nach.

Die Keramikerin will Ernsthafteres wissen. «Wünscht du, dass ich deine Urne brenne oder soll sie nur trocken?», fragte sie in einem unserer Vorgespräche. «Was ist denn der Unterschied», sage ich, stelle eine Gegenfrage. Wobei, eigentlich müsste ist es mir klar sein, wuchs ich doch fast zwischen Lehmklumpen und Engoben auf, zwischen Brennofen und Gasflaschen, Werkzeugen und Farben. Ich meine zu wissen, dass sich eine gebrannte Urne nicht zersetzt. Sie könnte also mehrfach gebraucht, sie könnte vererbt werden.

Meine Urne vererben

Ohne eine Antwort abzuwarten, bitte ich, die Urne zu brennen. Wobei es völlig unklar ist, wer denn meine Urne einmal erben möchte. Egal. Noch wissen nur wenige Menschen von meinem Tun. Mein Schmuckstück soll im Ofen bei 1280 Grad brennen. So wie dereinst mein lebloser Körper im Krematorium.

«Und welche Form soll sie haben, deine Urne?», will die Keramikerin und Ritualgestalterin wissen. «Weisst du das schon oder machen wir eine Visualisierungsmeditation?» «Meditation tönt gut», sagt der Autor und denkt, dass er eigentlich gar nicht so gut meditieren kann. Im Gegenteil. Diese Zeit eignet sich jeweils prima, den aktuellen Gedanken nachzuhängen. Zu dösen.

Der «Lätt» wird zum Freund

Vor der Visualisierungsmeditation heisst mich Regula Kaeser-Bonanomi einen Klumpen Lätt zu «pinchen». Mit geschlossenen Augen drückt der Autor auf einem Stück Lehm herum. Eiskalt fühlt es sich an, klebrig, dreckig. Etwas eklig. Grau. Unscheinbar. Drücken. Kneten. In den Handflächen hin und her rollen. Würstli machen. Zusammenmechen. Den Daumen hineinbohren, so dass sich aller Dreck unter dem Fingernagel sammelt.  Alles wieder auseinanderreissen, zusammen drücken: Eine «Tafel Schoggi» formen, aufrollen, zu einem Klumpen pressen und wieder von vorn beginnen. Wieder und wieder. Mit der Zeit wird der Lätt warm, geschmeidig. Hände und Lätt scheinen sich zu mögen. Ziehen sich an und stossen sich ab. Schlussendlich rollt eine Kugel auf der Handfläche hin und her. Sie fühlt sich rund an. Warm. Weich. Anschmiegsam. Meine Kugel. Im Garten zwitschern Vögel und eine ferne Birke lässt vor Schreck eine Ladung Pollen fliegen.

Regula Kaeser-Bonanomi

Regula Kaeser-Bonanomi baut aus rotem Grubenton die Hand für eine unfertige Urne. (Foto: Daniela Friedli)

Für mich ist die Visualisierung schon vor der Meditation abgeschlossen. Eine Kugel soll meine Urne werden. Und diese Kugel soll dereinst die gut 3,5 Liter Asche beherbergen. Einen Deckel soll sie bekommen meine Kugel. Mit «Güpfi» drauf oder «Püppi» oder Nippel. Egal. Knallrot soll der Deckel werden.

Der Lätt ist rasch ausgewählt. Er kommt aus Manises bei Valencia in Spanien. Rot schaut er aus und schwer. Einmal gebrannt, wird er schwarz sein und wunderherrlich anzugreifen. Eingearbeitet sei Rost, genauer Fe2O3, darum sei er so rot, erklärt Regula Kaeser-Bonanomi. Verrückt, da wählt einer, der mit rohen Stahlringen für Gärten handelt und rostige Feuerschalen im Sortiment hat, einen Lehm aus, der Rost enthält. Das soll Zufall sein? Wäre ja gelacht.

Meine Urne eine Kugel. Wie fertigt der Laie eine Kugel an mit 3,5 Liter Inhalt? Regula Kaeser-Bonanomi fragen. Die grinst etwas schelmisch und stellt zwei identische Gipsformen auf den Tisch. Halbe Schalen sinds. Die gilt es nun mit Lehmstücken auszulegen und diese streiche ich glatt. Ich streichele unablässig. Finde es richtig … Freunde, Freundinnen, Töchter wissen, welches Wort hier hätte stehen sollen.

Ist Hein Klapperbein ein Vernascher

Noch drehen sich die Gedanken des Autors weder um Sterben noch um den Tod. Vielmehr tauchen Lindor-Kugeln vor dem geistigen Auge auf. Süsse Versuchungen. Haben die mit dem Tod zu tun? Kann der Sensemann eine süsse Versuchung sein. Ist Gevatter Hain ein Verführer? Hein Klapperbein ein Vernascher?

«Regula, sag’, ist es vermessen, fröhlich zu sein, bei der Arbeit an der eigenen Urne?» Die Keramikerin lacht. Sagt: «Sei dich selbst.» Wohlan, wir lachen, scherzen. Lange gings mir nicht mehr so gut.

Ernst und nachdenklicher wird der Autor später, bei der Arbeit an den Händen, die meine Urne halten werden. Es sollen meine Hände sein. Meine Grösse. Meine Form. Diese Arbeit ist nun eine Herausforderung. Jetzt gibts keine Gipsformen mehr, Handwerk ist gefragt. Meine Hände. Es sind Hände, die eine Computer-Tastatur bedienen können, einen Schoggikuchen fertigen, Wienerschnitzel zubereiten. Aber sind sie geschaffen, eine linke und eine rechte Hand zu formen. Hände zu formen, die eine Kugel halten. Eine Kugel, die dereinst 3,5 Liter Asche aufnehmen soll. Eine Kugel, die bei einer Abdankung als zentrales Schmuckstück eine Hauptrolle spielt.

Weisse Urne

Tröstlich, wie die Hände diese Urne beschützen. (Foto: Daniela Friedli)

Schmuckstück an meiner Abdankung

Wusch! Ups! Jetzt fährt er ein. Der Gedanke, nicht mehr zu leben, tot zu sein. Mein Gott. Dann werden liebe, werden heissgeliebte Menschen weinen, werden Töchter, wird Max traurig sein. Freundinnen, Freunde wohl still und nachdenklich. Arbeitskollegen schweigsam. Jemand wird eine Rede halten, Musik spielen. Später dann verstreuen sie irgendwo meine Asche.

Danach, während des Leichenmahls, wird hoffentlich wieder gelacht. «A schöne Leich wars», würde mein Freund der Bayer sagen. Derweil die Urne alleine auf irgendeinem Tisch steht. Vielleicht etwas verlassen. Leer. Mit einigen Ascheresten drin. Die werden später weggewaschen. Und vielleicht fragt dereinst jemand: «Was ist denn das für ein Teil». Der Autor schmunzelt, hört die eine Tochter sagen: «Das ist Big Daddys leere Urne.»

Trauer gehört zum Sterben

So hängen die Gedanken irgendwo im leeren Raum. Und Finger kneten Finger. Da fragt sich der Autor plötzlich: Kann einer, der sich lange, lange mit dem Tod beschäftigt hat, mit dem Sterben, dem letzten Lebensabschnitt, kann der von den Zurückbleibenden wünschen, sie mögen nicht traurig sein?

Unmöglich, das kann niemand verlangen. So heisst es nun, die verbleibende Zeit geniessen. Egal, ob es drei Tage sind oder 30 Jahre. Niemand weiss, wann «Schlafes Bruder» vor der Türe steht und einen mitnimmt.

Warten auf das Feuer

Nach einigen Stunden ist die entstandene Urne fertig. Jetzt muss sie trocknen, dann wird sie gebrannt und danach bestimmt das eine oder andere Gespräch auslösen. Sie wird die eine oder andere Diskussion erzwingen. Wird eine Auseinandersetzung ermöglichen. Denn eines ist klar: Der Tod ist eine Realität des Lebens. Stellen wir uns also dem Leben. Einem Leben, das mit dem Tod endet. So oder so. Wir wissen einfach nicht wann. Aber wir wissen, dass unser «Fest des Lebens» ein Ende findet. Der Körper bestattet oder im Ofen zu circa 3,5 Liter Asche zerfällt.

DeinAdieu-Autor Martin Schuppli mit roher Urne

DeinAdieu-Autor Martin Schuppli mit seiner «fertigen», noch ungebrannten Urne. (Bild: Regula Kaeser-Bonanomi)

Für meine Asche ist das Behältnis fast fertig. Mit meinen Händen werde ich Mitte Juni meine «Lindor-Kugel» festhalten. Dankbar ans Töpfern zurückdenken. Und freudig werde ich die kommende Zeit erwarten.

Text: Martin Schuppli | Foto: Daniela Friedli

Keramikerin
Regula Kaeser-Bonanomi
Höheweg 5, 3110 Münsingen BE

Tel. +41 31 721 52 43

keramikerin@keramikerin.ch  |  www.keramikerin.ch

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