DeinAdieu-Autor Martin Schuppli betrachtet seine Urne. Keramikerin Regula Kaeser-Bonanomi entzündet eine «Salbei-Fackel» um das Keramikgefäss mit Rauch zu reinigen. (Foto: Daniela Friedli)
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DeinAdieu-Autor töp­fer­te sei­ne Urne

Wäh­rend er sei­ne letz­te Woh­nung bau­te, erleb­te Mar­tin Schupp­li Freu­de und Trau­rig­keit. Posi­ti­ve und nega­ti­ve Gefüh­le.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Journalist BR am
30. Juni 2017

«Dies­sei­tig bin ich gar nicht fass­bar.
Denn ich woh­ne grad so gut bei den Toten,
wie bei den Unge­bo­re­nen.
Etwas näher dem Her­zen der Schöp­fung als üblich.
Und noch lan­ge nicht nahe genug.»

Inschrift auf dem Grab­stein des Malers Paul Klee
auf dem Schoss­hal­den-Fried­hof in Bern

Ich wuss­te, es ist ein Wag­nis, die eige­ne Urne zu töp­fern. Mir war bewusst, ich wür­de anecken. Wie damals, als ich vor sur­ren­der TV-Kame­ra in der «Pra­xis für ange­wand­te Ver­gäng­lich­keit in einen Sarg stieg und Ali­ce Hofer den Deckel zu mach­te. «Du schpinnsch», sag­ten die einen. «Gahts no», die ande­ren. «So cool», war eben­falls eine der Reak­tio­nen und vie­le frag­ten mich, «war­um machst du so Zeug mit?»

Nun, ich mach­te es nicht ein­fach mit, ich insze­nier­te die­se Sze­ne. Und ich wer­de wei­te­re sol­che Sze­nen insze­nie­ren.

Mei­ne Urne bau­en, eine logi­sche Kon­se­quenz

Die eige­ne Urne zu töp­fern, war kei­ne Insze­nie­rung. Es war mir ein Bedürf­nis. Logisch. Seit bald zwei Jah­ren beschäf­ti­ge ich mich tag­täg­lich mit dem Ster­ben. Schrei­be über den Tod, den letz­ten Lebens­ab­schnitt. Recher­chie­re zum The­ma Trau­er, trau­rig sein. Rede übers Abschied­neh­men. Und nahm selbst Abschied. Ich ver­ab­schie­de­te eine lie­be Freun­din in der Kir­che. Wein­te vor­ne beim Tauf­stein. In der Hand das Manu­skript mei­ner Rede.

Und ges­tern, am 29. Juni 2017 fuhr ich im Zug nach Münsin­gen um bei Regu­la Kae­ser-Bonano­mi im Kera­mi­k­ate­lier mei­ne Urne abzu­ho­len. Nach­denk­lich, aber in freu­di­ger Erwar­tung.

Im Ate­lier der Kera­mi­ke­rin kehrt die Freu­de zurück. Regu­la Kae­ser-Bonano­mi strahlt vol­ler Fröh­lich­keit und Lebens­freu­de. Schalk blitzt in ihren Augen. Das Ate­lier ist auf­ge­räumt und fürs Ritu­al her­ge­rich­tet. Eine fla­che Trom­mel steht da, eine Ker­ze brennt und in einem Schäl­chen lie­gen eini­ge Asche­stück­chen.

Urne von Regula Kaeser-Bonanomi

Hän­de hal­ten Urnen: Aus­stel­lungs­stü­cke im Kera­mi­k­ate­lier von Regu­la Kae­ser-Bonano­mi. (Foto: Danie­la Fried­li)

Mit ver­bun­de­nen Augen Kno­chen zäh­len

Ich set­ze mich bequem hin, stel­le die Füs­se bewusst auf den Boden und hal­te den Rücken gera­de. Die Hän­de lie­gen in mei­nem Schoss. Der Geist ist wach. Ich har­re der Din­ge, die da kom­men wer­den.

Regu­la Kae­ser-Bonano­mi reicht mir ein weis­ses Tuch. «Ich möch­te, dass du dir die Augen ver­bin­dest», sagt sie. «Oder ist das ein Pro­blem für dich?» Ich schütt­le den Kopf. «Ich weiss von eini­gen Ritua­len, wo die Schü­ler sich ihre Augen ver­bin­den.» Sie nickt: «Und du musst Geduld haben, es dau­ert eini­ge Zeit.»

Ich ver­kno­te das Tuch hin­ter mei­nem Kopf. Kon­trol­lie­re, ob ich nichts sehe, nicht schum­meln kann. Dann leh­ne mich zurück, lege die Hän­de offen in den Schoss, ver­su­che, mei­nen Atem zu kon­trol­lie­ren und die Gedan­ken zuzu­las­sen, die da kom­men wol­len. Mit einem Stück Holz berührt Regu­la die Klang­scha­le. Ich lau­sche dem lei­se schwin­den­den Ton nach. Bil­der tau­chen auf und ver­lie­ren sich wie­der.

Regu­la geht aus dem Raum und kehrt bald dar­auf zurück. Ein dump­fes, tie­fes Brum­men ertönt oder ists ein lei­ses, düs­te­res Rau­schen? Wie wenn der Wind tief drin­nen in der Erde durch ein Höh­len­sys­tem wabert? Dann kla­ckert es lei­se und tönern. Ich schmunz­le, weil ich weiss, Regu­la ent­lockt die­se mys­ti­schen Geräu­sche mei­ner Urne. Sie bläst, sie haucht hin­ein, bewegt den Deckel in der Öff­nung.

Urne singt. Regula Kaeser-Bonanomi und Martin Schuppli

Regu­la Kae­ser-Bonano­mi zeigt DeinAdieu-Autor Mar­tin Schupp­li, wie eine Urne sin­gen kann. (Bild: Danie­la Fried­li)

Töner­ne Hän­de hal­ten die Urne

Der Gedan­ke gefällt mir, dass sie mir mei­ne «letz­te Woh­nung» bringt. Bald dar­auf hal­te ich sie in den Hän­den, mei­ne Urne. Ich sehe sie nicht, spü­re sie. Etwas rau fühlt sie sich an. Schwarz wird sie sein, das weiss ich und rot der Deckel. Ich berüh­re mit den Fin­gern die töner­nen Hän­de. Sie hal­ten, sym­bo­lisch, die Urne fest.

Dann beginnt Regu­la lei­se zu spre­chen. Sie ruft den klei­nen Zeh am lin­ken Fuss auf, erzählt, dass er drei Kno­chen habe und schlägt die Trom­mel drei Mal. Dann spricht sie wei­ter. Jedes Kör­per­teil bekommt sei­nen Platz in der Auf­zäh­lung. Für jeden Kno­chen, den die Kera­mi­ke­rin nun erwähnt, schlägt sie die Trom­mel. Über 200 Mal lau­sche ich dem dump­fen Klang. Fol­ge der Rei­se durch mei­nen Kör­per und bin mir zum Schluss bewusst: Jeder die­ser Trom­mel­schlä­ge ertön­te für einen mei­ner Kno­chen. Und alle die­se Kno­chen wer­den der­einst bei unge­fähr 1200 Grad in einem Kre­ma­to­ri­um ver­brannt. Mei­ne Urne hat die­se Erfah­rung schon hin­ter sich. Sie erhielt Far­be und Fes­tig­keit eben­falls bei  gut 1200 Grad – im Brenn­ofen der Kera­mi­ke­rin.

Jetzt darf ich die Augen­bin­de abneh­men und mein Werk betrach­ten. Ein unbe­schreib­li­ches Gefühl. Mich schau­derts. Mei­ne letz­te Woh­nung ist geformt, nun sind es Gedan­ken, die sie fül­len. In die­ser Urne ist Platz für mei­ne sterb­li­chen Über­res­te. Was soll ein­mal mit ihnen gesche­hen? Blei­ben Sie drin? Leert man sie aus? Ich habe mich noch nicht fest­ge­legt.

Was geschieht mit mei­ner Asche? Ich weiss es (noch) nicht

Wir lachen uns an, Regu­la und ich. Spre­chen über die Gefüh­le, die ent­stan­den sind. Schwei­gen. Wir spre­chen über die alche­mis­ti­sche Kraft des Feu­ers. Sei­ne rei­ni­gen­de Wir­kung.

Der Gedan­ken ans Kre­ma­to­ri­um ist weit weg. Viel näher ist das Leben. Ich wick­le mei­ne Urne in Tücher, ver­pa­cke sie sorg­fäl­tig im Roll­kof­fer und rei­se zurück. Tau­che ein ins pral­le Leben auf den Bahn­hö­fen und in den Städ­ten. Ich zie­he mei­nen Roll­kof­fer durch Men­schen­men­gen, fah­re nach Hau­se. Gespannt, was alles geschieht, wenn die Urne nun Teil mei­nes Lebens wird und mich regel­mäs­sig an die End­lich­keit mei­nes Daseins erin­nert.

Regula Kaeser-Bonanomi

Kera­mi­ke­rin Regu­la Kae­ser-Bonano­mi in ihrem Ate­lier in Münsin­gen BE. (Foto: Danie­la Fried­li)

Kera­mi­ke­rin Regu­la Kae­ser-Bonano­mi kennt sich aus mit Ritua­len und hat schon unzäh­li­ge Urnen gebrannt. Eige­ne und die von «Schü­le­rin­nen» und «Schü­lern».

Text: Mar­tin Schuppli/Fotos: Danie­la Fried­li

See­lenk­lang und Urne bau­en: Kur­se bei Regu­la Kae­ser-Bonano­mi

Für Men­schen, die sich der End­lich­keit des Kör­pers & der Unend­lich­keit der See­le zuwen­den wol­len.

Wir wer­den das sinn­li­che Leben fei­ern – trau­ern – und See­le sein …Wir wer­den sin­gen – klin­gen – sum­men – lau­schen – schau­en – sehen – sicht­bar machen – kon­kret wer­den – und eine Urne aus Ton bau­en …

Ritual­lei­tung: Regu­la Kae­ser-Bonano­mi, Kera­mi­ke­rin und Scha­ma­nin gemein­sam mit Bea­tri­ce Neid­hart, Musik­the­ra­peu­tin und Impro­vi­sa­ti­ons­mu­si­ke­rin

• Sa, 20. Okto­ber 2018: gemein­sa­mes Ritu­al mit Ton und Tönen

• Sa, 24. Novem­ber 2018: gemein­sa­mes Ritu­al mit Ton und Tönen

Dazwi­schen zwei- bis vier­mal Urne bau­en

Die Kur­se fin­den im Kera­mi­k­ate­lier von Regu­la Kae­ser-Bonano­mi statt.

Höhe­weg 5, 3110 Münsin­gen BE

www.keramikerin.ch | kaeser-bonanomi@bluewin.ch

Tel. 031 721 52 43

Kurs­be­schrieb her­un­ter­la­den

Wei­te­re Bei­trä­ge über die Arbeit der Kera­mi­ke­rin Regu­la Kae­ser-Bonano­mi

7. April 2017: Kreis­lauf des Lebens: Asche wird Erde – für die Urne

28. Janu­ar 2017: Im Lebens­zy­klus ist der Tod ein­ge­bet­tet 

 

 

  • Chris­ti­ne Fried­li

    Lie­ber Mar­tin Schupp­li als du mir gesagt hast: «Ich töp­fe­re mir mei­ne Urne.» Dach­te ich: «Cool, der Mar­tin getraut sich was.» Und soll ich dir was ver­ra­ten? Ich mache es dir nach. Ich töp­fe­re mir mei­ne eige­ne Urne.
    Lie­ben Dank für den tol­len Bei­trag.

  • Mar­tin Schupp­li

    Du machst das gut. Aber ich war­ne dich. Die Reak­tio­nen im Umfeld sind nicht zu unter­schät­zen.

    • Chris­ti­ne Fried­li

      Das kann ich mir vor­stel­len. Für Mann und Kin­der ist es ok. Die ande­ren soll­ten mir egal sein,oder?

    • The­si Schüp­bach

      das sehe ich auch so, lie­be Chris­ti­ne.

  • Gabri­el­le Lepan

    Super idee , muen ich au mache .

  • The­si Schüp­bach

    Ich wer­de mir mei­ne eige­ne Urne eben­falls töp­fern. Feue mich dar­auf. Dan­ke lie­ber Mar­tin Schupp­li für dei­ne Inspi­ra­ti­on.

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