Regula Kaeser-Bonanomi baut aus rotem Grubenton die Hand für ein unfertige Urne. (Foto: Daniela Friedli)
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Im Lebens­zy­klus ist der Tod ein­ge­bet­tet

«Dert hie», sagt Regu­la Kae­ser-Bonano­mi, wenn ande­re Jen­seits sagen. In ihrem Kera­mi­k­ate­lier ent­ste­hen Urnen, mit Ritua­len beglei­tet sie Men­schen in den ver­schie­dens­ten Lebens­la­gen.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Journalist BR am
28. Januar 2017

Was haben wir gelacht. Kera­mi­ke­rin Regu­la Kae­ser-Bonano­mi, Foto­gra­fin Danie­la Fried­li und der Autor ver­brach­ten zusam­men einen fröh­li­chen Nach­mit­tag in der licht­durch­flu­te­ten Töp­fer­werk­statt in Münsin­gen BE. Beim Abschied fragt der Autor: Darf man über den Tod reden, über das Ster­ben, über Bestat­tun­gen und Kre­ma­tio­nen und dabei fröh­lich sein? Darf man lachen, den einen oder ande­ren Spass machen, es lus­tig haben?

«Sicher! Nicht nur, aber auch», sagt Regu­la Kae­ser-Bonano­mi. «Ich fin­de es gut, wenn sich jemand ent­krampft und befreit die­sem The­ma annä­hert.» Die 50-Jäh­ri­ge ver­hei­ra­te­te Mut­ter zwei­er erwach­se­ner Söh­ne beschäf­tigt sich schon seit drei Jahr­zehn­ten mit dem Lebens­en­de. «Mit Zwan­zig erleb­te ich den Sui­zid einer lie­ben Freun­din», sagt sie. «Das tat unheim­lich weh und ging mir sehr nahe.» Logisch, dass danach Fra­gen auf­tauch­ten. Nach lang­jäh­ri­gem Ver­drän­gen begann die jun­ge Frau, nach Ant­wor­ten zu suchen. «Und zwar ännet dr Wält.» Sie lacht. «Ich ging in Gedan­ken auf Welt­rei­se. Befass­te mich mit den ver­schie­dens­ten Glau­bens­rich­tun­gen. Ich ver­schlang das ‹tibe­ti­sche Toten­buch›, wur­de ruhig im Yoga, medi­tier­te mit Bud­dhis­ten und räu­cher­te, wie indi­ge­ne Völ­ker es seit jeher tun. Der Tod, das Ster­ben und Abschied­neh­men, die Trau­er, das alles war all­ge­gen­wär­tig in mei­nem Den­ken, Han­deln und Füh­len.»

«Mei­ne Arbeit unter­liegt eben­falls einem Zyklus»

Einen Durch­bruch in ihrer Suche nach dem Sinn des Ster­bens erfuhr Regu­la Kae­ser-Bonano­mi 2003 bei «Jah­res­kreis-Ritua­len» von Ursu­la Seg­hez­zi. «Dort draus­sen in der wil­den Natur erleb­te ich, wie mir das Ster­ben vor­ge­lebt wird. Ich erleb­te, dass es den Tod so ein­ge­bet­tet braucht. Leben und Ster­ben, Tod und Geburt sind ein Zyklus», sagt sie, lacht. «Plötz­lich war mir alles klar. Ich erkann­te den Zyklus in unse­rem Leben, in mei­ner Arbeit. Das waren wun­der­ba­re Momen­te.»

Der Zyklus in der Arbeit einer Kera­mi­ke­rin ist für Lai­en schnell zu ver­ste­hen. «Ich for­me aus Ton, bern­deutsch aus Lätt, eine Figur» sagt Regu­la Kae­ser-Bonano­mi. «Kommt die­se ins Was­ser, wird sie Schlamm, dar­aus wächst wie­der form­ba­rer Lätt.» Und aus die­sem Lätt ent­steht unter den Hän­den einer Kera­mi­ke­rin, eines Kera­mi­kers erneut ein Objekt, das spä­ter zu Staub zer­fällt.

So pas­siert es eben­falls mit Urnen. Egal ob unge­brannt oder gebrannt, das Gefäss mit der Asche wird frü­her oder spä­ter wie­der Erde wer­den. «Und so gehts im Kreis um und um.»

«Eines nachts erschien mir die Tödin»

Im Vor­ge­spräch zu die­sem Bei­trag erzählt Regu­la Kae­ser-Bonano­mi dem Autor von einem Traum. Im Ate­lier ist die­se Geschich­te wie­der ein The­ma. Im Traum erschien ihr ein zar­tes, ein sanf­tes, ein star­kes Wesen. «Ich wuss­te, das ist die Tödin, also die Frau Tod. Ich wuss­te, sie ist mei­ne nächs­te Instanz.» Regu­la Kae­ser-Bonano­mi schweigt kurz, fährt dann fort: «Seit­her ist sie bei mir. Ab und zu ver­wei­le ich ganz dicht bei ihr, hole mir eine Bestä­ti­gung oder brin­ge ihr ein Geschenk. Geru­fen habe ich sie nicht, sie war ein­fach da. Beglei­tet mich.» Die Kera­mi­ke­rin hält noch­mals inne. Lächelt und sagt ohne Scheu: «Eines Tages holt sie mich. Dann wird unse­re Begeg­nung ganz kon­kret.»

Fürch­tet sie sich denn nicht vor die­ser ande­ren Welt? «Nein, war­um denn?», sagt Regu­la Kae­ser-Bonano­mi. «Ich habe einen leben­di­gen Zugang zu den Kräf­ten und Wesen im wei­ten Umfeld mei­nes Lebens­zy­klus. Drum bin ich zuver­sicht­lich, dass ich, dass wir alle, dert hie einst wohl­wol­lend emp­fan­gen wer­den.»

Urne von Regula Kaeser-Bonanomi

Hän­de hal­ten Urnen: Aus­stel­lungs­stü­cke im Kera­mi­k­ate­lier von Regu­la Kae­ser-Bonano­mi. (Foto: Danie­la Fried­li)

Lebens­zy­klus: Im Gar­ten zer­fällt der Frosch zu Lätt

Irdi­sche Wesen ent­ste­hen eben­falls im Ate­lier der Kera­mi­ke­rin. Eine impo­san­te Gelb­bau­chun­ke lugt im Gar­ten unter der Schnee­de­cke her­vor. Sie schaut Besu­cher mit gros­sen Augen an. In einer Ecke des Ate­liers umarmt eine fast lebens­gros­se Mut­ter ihre Toch­ter und deren Kind. Draus­sen im Gar­ten ste­hen und sit­zen wei­te­re Figu­ren. Sie wir­ken gross wie Men­schen. Nicht zu über­se­hen sind die Urnen in einem Gestell. Kugeln sinds, die von Hän­den gehal­ten wer­den. Klei­ne Urnen mit klei­nen Hän­den für die Asche von Kin­dern. Gros­se Kugeln mit gros­sen Hän­den für die Asche Erwach­se­ner.

Aus Lätt ent­steht im Ate­lier ein neu­es Objekt

Seit Regu­la Kae­ser-Bonano­mi vor eini­gen Jah­ren ange­fragt wur­de, ob in ihrem Ate­lier ein Grab­stein getöp­fert wer­den kön­ne, ent­ste­hen da Objek­te für Bestat­tun­gen und Abschieds­ri­tua­le. Das läuft ver­schie­den ab. Manch­mal gibts einen indi­vi­du­el­len Auf­trag, den die Kera­mi­ke­rin aus­führt. Und manch­mal kom­men Ein­zel­per­so­nen zur Hand­wer­ke­rin. Sie wün­schen für sich selbst eine Urne zu for­men oder für eine bestimm­te Per­son. Mög­lich ist eben­falls an einem Kurs teil­zu­neh­men. «Die­se Kur­se sind für Men­schen gedacht, die sich der End­lich­keit des Kör­pers und der Unend­lich­keit der See­le zuwen­den wol­len», sagt Regu­la Kae­ser-Bonano­mi. «Gemein­sam mit der ande­ren Kurs­lei­te­rin, der Musi­ke­rin Bea­tri­ce Neid­hart, erfor­schen wir tie­fe Schich­ten in uns drin­nen, fei­ern das sinn­li­che Leben. Dann trau­ern wir, sind See­le. Wir sin­gen, klin­gen, sum­men, lau­schen, schau­en. Wir sehen, machen sicht­bar, wer­den kon­kret, und wir bau­en eine Urne.»

Regula Kaeser mit Urne

Regu­la Kae­ser-Bonano­mi zeigt Gio­van­na eine neue Urne. Zwi­schen den Hän­den ist die Öff­nung für die Asche. Mit Bie­nen­wachs­wa­ben wird das Gefäss schluss­end­lich ver­schlos­sen. (Foto: Danie­la Fried­li)

Gio­van­na bau­te eine Urne

Eigent­lich soll­te es ihr letz­tes Bett wer­den. Gio­van­na, 58-Jäh­ri­ge Betreue­rin jun­ger Men­schen mit Unter­stüt­zungs­be­darf, beschäf­tig­te sich lan­ge mit der Vor­stel­lung, eine Urne zu töp­fern. Wäh­rend der Mona­te die sie auf einen Kurs war­te­te, wur­de ihr bewusst, dass sie die Urne für ihren Sohn machen könn­te. «Ich rede­te mit ihm dar­über. Es war mir klar, dass ich das Ton­ge­fäss bren­nen las­sen könn­te, dann wäre es mög­lich, die Urne mehr­fach zu ver­wen­den. «Man könn­te die Asche abfül­len und sie dann irgend­wo ver­streu­en. Danach wäre die Urne frei, die Asche eines ande­ren Fami­li­en­mit­glieds auf­zu­neh­men.»

Gio­van­na erleb­te die Zeit vor und nach dem Urnen-Bau­kurs als äus­serst span­nend. «Die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Tod, mit dem Ster­ben führ­te mich in mei­ne Kind­heit zurück. Die war angst­be­setzt. Him­mel, Höl­le und Sün­de waren all­ge­gen­wär­tig. Damals, in jun­gen Jah­ren, wur­de ich Mit­glied bei einer Ster­be­or­ga­ni­sa­ti­on. Mein Wunsch war, dass ich Men­schen begeg­ne, die mit mir zusam­men den Ver­such wagen, dem Tod sei­nen Schre­cken zu neh­men. Ich woll­te Men­schen begeg­nen, mit denen ich ler­nen kann, der Angst vor dem Tod ins Gesicht zu schau­en.» Sie hält inne. Schweigt. «Mir wur­de vie­les bewusst. Ich wuss­te, ster­ben ist Arbeit. Das erleb­te ich mit mei­ner Mut­ter. Ich war bei ihrem Ster­ben dabei. Es war der intims­te Moment, den wir zusam­men erleb­ten. Das Urnen­bau­en ist zu einem Mosa­ik­stein in mei­nem urei­ge­nen Bild vom Tod und Ster­ben gewor­den.»

Ver­stor­be­ne blei­ben im «dert hie»

Regu­la Kae­ser-Bonano­mi nickt und sagt: «Ich glau­be, nie­mand kann sich die­ser Ener­gie ent­zie­hen. Denn die ist ganz indi­vi­du­ell, so wie wir Men­schen.» Kurz ist es still im Ate­lier. Dann fragt der Autor, was es mit dem «dert hie» auf sich hat. Mit dem «dort hier». Die Kera­mi­ke­rin lacht fröh­lich, ein­mal mehr. «Ich bin über­zeugt, Ver­stor­be­ne blei­ben in irgend­ei­ner Form bei uns. Sie sind also dort, im Him­mel, im Para­dies, irgend­wo im Licht, wie immer wir das nen­nen. Und sie sind hier. Bei uns. So wie mei­ne Gross­mut­ter, die in die­sem Haus leb­te. Und irgend­wie immer noch da wohnt. Sie höckelt zuoberst auf der Est­rich­trep­pe. Manch­mal lafe­re ich mit ihr.»

Das alles leuch­tet ein. Ist irgend­wie stim­mig, ver­ständ­lich und tröst­lich. Für Regu­la Kae­ser-Bonano­mi sind die Urnen-Gefäs­se aus Lätt, sind ein Klum­pen Mut­ter Erde. Und in die­sem Lätt steckt viel Ener­gie. Steckt eine Jahr­tau­sen­de alte zykli­sche Weis­heit. Im vom gleis­sen­den Son­nen­licht erhell­ten Ate­lier der Kera­mi­ke­rin wird plötz­lich alles fass­bar. Sie lacht. «Ich bin ein­fach da und bin offen, dass gesche­hen kann, was gesche­hen soll.»

Text: Mar­tin Schupp­li, Fotos: Danie­la Fried­li

 

Kera­mi­ke­rin
Regu­la Kae­ser-Bonano­mi
Höhe­weg 5, 3110 Münsin­gen BE
Tel. +41 31 721 52 43

keramikerin@keramikerin.ch  |  www.keramikerin.ch

See­lenk­lang und Urne bau­en – nächs­ter Kurs

Ritual­lei­tung gemein­sam mit Bea­tri­ce Neid­hart, Musik­the­ra­peu­tin und Impro­vi­sa­ti­ons­mu­si­ke­rin
• Sa, 25. Feb. 2017: gemein­sa­mes Ritu­al mit Ton und Tönen
• Sa, 8. April 2017: gemein­sa­mes Ritu­al mit Ton und Tönen

Dazwi­schen zwei- bis vier­mal Urne bau­en
Kurs­be­schrieb down­load her­un­ter­la­den

• Jah­res­kreis­lauf bei Ursu­la Seg­hezzhi => Link

  • Doro­t­hée Buch­mül­ler

    Span­nend und sehr beein­dru­ckend Dan­ke

    • Mar­tin Schupp­li

      Ich dan­ke fürs Lesen und fürs Feed­back.

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