Der Friedhof von Morne-à-l’eau auf Guadeloupe. (Foto: Silvia Stierli, Silviasblog.ch)
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Die Totenvillen auf dem Friedhof von Morne a l’eau

Silvia Stierli weilte als Urlauberin auf Guadeloupe und schickte DeinAdieu ein Stimmungsbild eines faszinierenden Friedhofs.

Artikel verfasst von Silvia Riner, Bloggerin am
26. April 2017

Silvia Stierli weilte als Urlauberin auf Guadeloupe. Auf dem östlichen Teil des «Schmetterlingsflügels» stiess sie auf einen faszinierenden Friedhof. Für DeinAdieu verfasste die «Tropenbloggerin» einen Bericht über dieses besondere Schmuckstück.

Der Friedhof von Morne-à-l’eau präsentiert sich als Ort im Ort. Aus der Ferne hat der Todeshügel Ähnlichkeit mit einem Favelas-Viertel in Südamerika, jedoch aufgemotzt mit Totenvillen. Viele sind mit schwarzen oder weissen Plättli gekachelt. Tragen Marmor-Intarsien. Da gibt es Raritäten, etwa ein Bauwerk mit hellblauen, quadratischen Bisazza-Mosaik-Plättchen.

In der Schweiz gab es diese Mosaiksteine häufig in Badezimmern und Hallenbädern. Da schlägt das Herz eines jeden Plattenlegers höher. Hausfrauen oder Bademeister hingegen mühten sich später zähneknirschend ab mit der Reinigung der Zementfugen. Nicht alles ist grell und heischt nach Aufmerksamkeit. Ich finde Bauwerke mit schlichter Fassade. Getüncht in strahlend weisser oder zitronengelber Farbe. Da und dort erblicke ich einfache Gräber, die nur mit Sand bedeckt sind.

Verspätete Trauergäste sind keine Seltenheit

Der Friedhof liegt am Ende einer leicht ansteigenden Hauptstrasse. Der lange Bandwurm von Autos und Nutzfahrzeugen sorgt dabei für Kolonnen am Berg. Staufahren und verspätetes Eintreffen der Angehörigen gehören an Trauerfeiern zur Tagesordnung. Die wenigen Parkplätze um den Friedhof, natürlich meistens belegt, bereichern das Verkehrschaos. Das lässt die Hauptperson der Trauerfeier kalt. Sie liegt bereits im Mittelpunkt und erscheint immer pünktlich zu ihrem letzten Fest.

Prunkvolle Totenvillen auf dem Friedhof

Bei der Erkundungstour durch den Friedhof wundere ich mich über die Noblesse der Todesvillen. So prunkvoll wohnt zu Lebzeiten nicht mancher. Mit bester Aussicht auf die Stadt. Gerade deshalb dünkt es mich, den Umgang mit der letzten Reise nehmen die Menschen hier anders wahr. Wer sich jährlich mit Hingabe um die letzte Behausung der Toten kümmert, befasst sich intensiver mit der Vergänglichkeit.

Zuerst folgt die Arbeit, danach das Vergnügen

Einige Tage vor Allerheiligen herrscht reges Treiben auf dem Friedhof. Angehörige, Freunde putzen die Grabstätten blank, sorgen mit einem neuen Farbanstrich für Frische auf der Fassade. Wer nicht selbst Hand anlegen kann, heuert Jugendliche an, die sich mit diesen Arbeiten ihr Taschengeld aufbessern. Es ist eine Art «Frühlingsputz» zu Ehren der Verstorbenen. Natürlich plaudern die Totenvillen-Aufhübscher von Dach zu Dach. Es herrscht eine heitere Stimmung. Geschäftstüchtige Jünglinge sammeln erste Business-Erfahrungen. Verkaufen Getränke auf dem Friedhof.

Gemäss Schilderungen meiner Kollegin Sonja, sie lebt seit zehn Jahren auf Guadeloupe, ist Allerheiligen ein Freudentag. Die Familien besuchen ihre verstorbenen Angehörigen auf dem Friedhof. Sie bringen ihnen Essen und Getränke mit. Wer Hunger hat, verpflegt sich in einer der mobilen Küchen. Beim Blumenschmuck setzen die Trauerfamilien auf Plastikblumen, verzichten wegen der Mückenlarven auf Grabschmuck in Vasen und Töpfen. Es erklingt viel Musik. Die Menschen verbringen Zeit mit den Toten, so wie sie es zu Lebzeiten getan haben. Überall brennen Grablichter, flackern Kerzen.

Um 21 Uhr verlassen die Angehörigen den Friedhof. Die Totenseelen geniessen wieder ihre Ruhe. Zurück bleiben unzählig viele Kerzen und Grablichter. Sie verwandeln den Friedhof in ein helles, stilles Lichtermeer, über dem sich ein weiter Sternenhimmel wölbt.

Text & Foto: Silvia Stierli, Silviasblog.ch

Trauercafés in Friedhöfen – wäre das denkbar bei uns?

In der Schweiz besuchen die Angehörigen ihre Verstorbenen ebenso auf Friedhöfen. Lassen vor Allerheiligen durch die Friedhofsgärtnerei das Urnengrab neu bepflanzen. Oder erledigen dies selber. Manche besuchen eine Messe oder einen Gottesdienst zu Ehren der Verstorbenen. Vielleicht wünschen sich manche Angehörige einen anderen Ort, wo sie ihre Trauer teilen könnten. Mir gefällt die Idee der mobilen Küchen von Morne-a-l’eau zu Allerheiligen. In der Schweiz könnte ich mir Ähnliches vorstellen. Ein kleines, gepflegtes Tea-Room oder Bistro. Immer sonntags geöffnet.  Das kulinarische Angebot wäre begrenzt.

Würde ich ein «Trauer-Kaffee» eröffnen, servierte ich Kaffee, Tee, heisse Schokolade. Hausgemachten Kuchen und Guetsli. Totebeinli vielleicht? Zusätzliche Angebote wie Seminare, Ausstellungen für Trauerfloristik oder anderes fände ebenso Platz. An einem Ort, wo grenzenlose Trauer herrschen darf, aber geteilt werden kann.

Wäre dies in der Schweiz denkbar? Ein Trauercafé im Friedhof Sihlfeld Zürich oder im Hörnli Friedhof in Basel zu eröffnen. Was meinen Sie?

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