"Ich glaube daran, dass es nach dem Stillwerden für die Seele weitergeht. Deshalb bestärken wir die Angehörigen darin, sich Zeit zu lassen bis zur Kremation und zur anschliessenden Bestattung oder Beerdigung", sagt Gina Born. (Foto: Daniela Friedli)
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Gina Born, Bestat­te­rin: «Der Auf­bah­rungs­raum ist unser Schmuck­stück»

Weil die Fami­lie Born auf­ge­bahr­te Ver­stor­be­ne auf dem Fried­hof Olten nicht berüh­ren konn­te, grün­de­ten sie 2014 ein Bestat­tungs­un­ter­neh­men. Gina Born erzählt die Geschich­te der jun­gen Fir­ma.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Journalist BR am
11. April 2018

Der Still­ge­wor­de­ne lag hin­ter Glas, weit weg, kei­ne Chan­ce den Gefüh­len frei­en Lauf zu las­sen. «Vom Mann mei­ner Gross­tan­te und von mei­nem Opa konn­ten wir uns nur hin­ter einer gros­sen Glas­schei­be ver­ab­schie­den», sagt Gina Born. «Auf dem Fried­hof in Olten gab es damals kei­ne Mög­lich­keit, einem Ver­stor­be­nen nahe zu sein, ihn zu berüh­ren. Das hat mei­ne Mut­ter gestört. Und sie begann sich Gedan­ken zu machen, die­sem ‹Miss­stand› abzu­hel­fen.»

Die Fami­lie Born betreibt seit über 80 Jah­ren ein Rei­se­un­ter­neh­men, orga­ni­sie­ren Feri­en­rei­sen im Car, Tages­aus­flü­ge, Kon­zert­fahr­ten usw. Im Betrieb an der Aar­au­er­stras­se 114 in Olten gab es genug Platz, einen stim­mungs­vol­len Auf­bah­rungs­raum ein­zu­rich­ten. «Und weil ein Auf­bah­rungs­raum allei­ne kei­nen Sinn macht, grün­de­ten wir 2014 ein Bestat­tungs­un­ter­neh­men», erzählt die 27-Jäh­ri­ge.

Bestatterin Gina Born im Aufbahrungsraum

«Der Auf­bah­rungs­raum ist nach wie vor ein zen­tra­ler Punkt unse­rer Phi­lo­so­phie. Ange­hö­ri­ge erhal­ten einen Code und kön­nen Tag und Nacht ein- und aus­ge­hen. Sie kön­nen den Raum schmü­cken und so per­sön­lich ein­rich­ten, wie sie möch­ten», sagt Gina Born. (Foto: Danie­la Fried­li)

Prak­ti­kum bei ein­fühl­sa­men Bestat­ter

Dem Bau des Auf­bah­rungs­rau­mes und der Grün­dung des Bestat­tungs­un­ter­neh­mens gin­gen umfang­rei­che Vor­be­rei­tungs­ar­bei­ten vor­aus. Die Borns befrag­ten alle Nach­barn, woll­ten her­aus­fin­den, ob ein Bestat­tungs­un­ter­neh­men im Quar­tier irgend­je­man­dem Pro­ble­me berei­ten wür­de. Das war nicht der Fall, und so mach­te sich das Trio an die Umset­zung. Gina Born erhielt die Mög­lich­keit, bei Ric­co Biag­gi ein Prak­ti­kum zu machen. Der Bestat­tungs­un­ter­neh­mer aus Frick AG gilt als ein­fühl­sa­mer, erfah­re­ner Berufs­mann. «Ich lern­te viel», sagt Gina Born. «Sowohl auf der beruf­li­chen, wie auf der mensch­li­chen Ebe­ne.»

Bestat­ter­luft konn­te die jun­ge Frau eben­falls beim Bestat­tungs- und Fried­hof­amt der Stadt Zürich schnup­pern. «Das war eine sehr lehr­rei­che Zeit», sagt Gina Born. «Danach enga­gier­ten wir einen aus­ge­wie­se­nen Berufs­mann. San­dro Gün­tert arbei­te­te ein Jahr lang bei uns und unter­stütz­te uns beim Auf­bau unse­res Geschäfts.»

Eine der ers­ten Kun­din­nen war die Gross­tan­te von Gina Born. Die alte Dame war ent­zückt, als sie den Raum sah und sag­te stolz: «Ich glau­be, ich wer­de die Ers­te sein, die hier auf­ge­bahrt wird.» So war es. Immer mehr ver­lor sie von ihrem Leben. «Es war für mich ein ganz spe­zi­el­ler Moment, sie zu pfle­gen, ein­zu­klei­den und ein­zu­bet­ten», sagt Gina Born.

Ver­stor­be­ne in pri­va­ten Klei­dern bestat­ten

Das Ein­klei­den ist jeweils eine beson­de­re Hand­lung. Fra­gen Ange­hö­ri­ge die jun­ge Frau, was sie den Ver­stor­be­nen anzie­hen sol­len, rät die Bestat­te­rin zu pri­va­ten Klei­dern und Schu­hen. «Ster­be­hem­den wer­den sel­ten gewünscht. Trotz­dem haben wir sie. Die Hem­den für Frau­en sind mit Rüsch­chen ver­ziert, die für Män­ner mit einer Flie­ge.»

Bestatterin Gina Born

Schif­fe sym­bo­li­sie­ren die letz­te Rei­se. Sie brin­gen die Ver­stor­be­nen ans ande­re Ufer. “Auf der einen Sei­te win­ken Men­schen zum Abschied, auf der ande­ren Sei­te win­ken sie zur Begrüs­sung”, sagt Gina Born. (Foto: Danie­la Fried­li)

Wich­tig ist Gina Born die indi­vi­du­el­le Betreu­ung der Trau­ern­den. «Sie sol­len genü­gend Zeit fin­den, Abschied zu neh­men. Die­ser Pro­zess ist immer sehr indi­vi­du­ell, da ver­su­che ich, mit grösst­mög­li­chem Ein­füh­lungs­ver­mö­gen für die Hin­ter­blie­be­nen da zu sein.» Ihre Jugend­lich­keit sei dabei kein The­ma. Was zäh­le, sagt sie, sei das Wis­sen. «Meist sind Infor­ma­tio­nen gefragt. Ich kann sehr zurück­hal­tend sein und gut orga­ni­sie­ren.»

Die Fir­ma Born ist das jüngs­te Bestat­tungs-Unter­neh­men in Olten, wo übri­gens TV-Bestat­ter Mike Mül­ler auf­ge­wach­sen ist. «Ins­ge­samt sind wir vier Fir­men, die sich um Ver­stor­be­ne und ihre Ange­hö­ri­gen küm­mern», sagt Gina Born.

Bestat­te­rin Gina Born: «Ich kann mich gut abgren­zen»

Wie geht die jun­ge Frau damit um, wenn sie nach einem Per­so­nen­un­fall auf­räu­men muss? «Das sind spe­zi­el­le Ein­sät­ze, und sie gehö­ren zu mei­nen Auf­ga­ben», sagt sie. Dann legt Gina Born eine kur­ze Pau­se ein. Sagt: «Klar stimmt es mich nach­denk­lich, wenn ich einen Men­schen nach einem Sui­zid ein­bet­ten muss.»

Wenn es die Hin­ter­blie­be­nen wün­schen, wer­den die Still­ge­wor­de­nen so her­ge­rich­tet, dass sie im Bestat­tungs­un­ter­neh­men auf­ge­bahrt wer­den kön­nen. «Der Auf­bah­rungs­raum ist nach wie vor ein zen­tra­ler Punkt unse­rer Phi­lo­so­phie. Ange­hö­ri­ge erhal­ten einen Code und kön­nen Tag und Nacht ein- und aus­ge­hen. Sie kön­nen den Raum schmü­cken und so per­sön­lich ein­rich­ten, wie sie möch­ten. Jemand blieb schon über Nacht und wach­te beim Ver­stor­be­nen. Eben­falls dür­fen Haus­tie­re Abschied neh­men. Wir erleb­ten schon sehr ergrei­fen­de Momen­ten.»

Bestatterin Gina Born

Gina Born erlebt das Ein­klei­den von Ver­stor­be­nen als beson­de­ren Moment. “Ster­be­hem­den wer­den sel­ten gewünscht. Trotz­dem haben wir sie. Die Hem­den für Frau­en sind mit Rüsch­chen ver­ziert, die für Män­ner mit einer Flie­ge.” (Foto: Danie­la Fried­li)

Bestat­te­rin Gina Born: «Im Jen­seits solls hell, warm und leicht sein»

Gabi, Gina und Samu­el Born tei­len sich die Bestat­ter­auf­ga­ben. «Jeder von uns kann alle Auf­ga­ben abde­cken», sagt Gina. «In der Regel führt Gabi die Gesprä­che mit den Ange­hö­ri­gen, Samu­el kre­iert die Trau­er­kar­ten, Inse­ra­te usw., und ich füh­re die Admi­nis­tra­ti­on.»

Eine eigent­li­che Aus­bil­dung zum Bestat­ter, zur Bestat­te­rin gibts in der Schweiz nicht. Wer über meh­re­re Jah­re Berufs­er­fah­rung ver­fügt, kann beim Schweiz. Ver­band der Bestat­tungs­diens­te SVB Vor­be­rei­tungs­kur­se besu­chen und dann die Eidg. Fach­prü­fung able­gen. «Bis anhin war es kein The­ma, die Prü­fung zu absol­vie­ren. Aber even­tu­ell wird es in den nächs­ten Jah­ren eins sein», sagt Gina Born.

Ob mit oder ohne eid­ge­nös­sisch aner­kann­te Fach­prü­fung arbei­tet Gina Born als Bestat­te­rin. Wie reagie­ren da die Kol­le­gen, die Kol­le­gin­nen. «Ganz nor­mal», sagt jun­ge Frau und lacht. «Sie stel­len mir Fra­gen, wol­len viel wis­sen.» Etwa, was nach dem Tod kom­me, macht der Autor ein Bei­spiel. «Das dis­ku­tier­ten wir natür­lich eben­falls. Nie­mand weiss, was kommt. Ich den­ke, irgend­wie geht es wei­ter. Es kommt noch etwas.» Sie lächelt etwas und sagt dann: «Es kam ja noch kei­ner zurück. Und glaubt man den Men­schen, die über so genann­te Nah­tod­erfah­run­gen ver­fü­gen, soll es im Jen­seits warm und hell sein, und man soll sich leicht füh­len.»

Der See­le Zeit las­sen für die letz­te Rei­se

Was denkt die Bestat­te­rin, wenn ein spi­ri­tu­el­ler Ster­be­for­scher rät, Ange­hö­ri­ge sol­len min­des­tens drei Tage war­ten, bis sie Ver­stor­be­ne kre­mie­ren las­sen. Grund: Die See­le müs­se Zeit haben, den Kör­per zu ver­las­sen. Gina Born nickt. «48 Stun­den muss man sowie­so war­ten», sagt sie «und ich glau­be schon dar­an, dass es für die See­le wei­ter­geht. Des­halb bestär­ken wir unse­re Kun­den dar­in, sich Zeit zu las­sen bis zur Kre­ma­ti­on und zur anschlies­sen­den Bestat­tung oder Beer­di­gung.»

«Haben Sie Angst vor dem Tod, Angst vor dem Ster­ben?», fragt der Autor. Gina Born schüt­telt den Kopf. «Vor dem Ster­ben habe ich kei­ne Angst.» Sie lässt die Wor­te wir­ken, sagt dann: «Respekt habe ich vor dem, wie es abläuft. Ich möch­te, wie die meis­ten von uns, der­einst schmerz­frei ster­ben, im Rah­men der Fami­lie.» Und wenn das bereits in einer Woche soweit ist? «Also das wäre dann schon etwas früh», sagt sie bestimmt.

Bestatterin Gina Born

Gina Born erzählt DeinAdieu-Autor Mar­tin Schupp­li wie sie Bestat­te­rin wur­de und was sie am Beruf fas­zi­niert. (Foto: Danie­la Fried­li)

Zum Schluss: Was denkt Gina Born, kommt nach dem Tod? Was ant­wor­tet die Bestat­te­rin und Rei­se­fach­frau auf die Fra­ge, wohin denn die letz­te Rei­se füh­re? «Das weiss nie­mand. Ich stel­le mir vor, die Leu­te ste­hen am Ufer und win­ken zum Abschied und auf der ande­ren Sei­te ste­hen die Leu­te eben­falls am Ufer und win­ken zur Begrüs­sung.» Ein schö­nes, ein ver­söhn­li­ches Bild. Es zau­bert dem Zuhö­rer ein Lächeln auf die Lip­pen.

Text: Mar­tin Schupp­li, Fotos: Danie­la Fried­li

 

Born Bestat­tun­gen
Aar­au­er­stras­se 114
4600 Olten SO

Tel. 062 287 41 11

www.born-bestattungen.ch | info@born-bestattungen.ch

 

 

  • Doro­t­hée Buch­mül­ler

    Sol­che Men­schen braucht es dan­ke

  • The­si Schüp­bach

    Her­zens­Dank lie­ber Mar­tin für die­sen schö­nen Bericht mit Gina Born. Mein Leben hat eine ande­re Wen­dung genom­men. Ich war auch ein­mal auf den Spu­ren der Bestat­te­rin unter­wegs. Bin aus tiefs­tem Her­zen dank­bar, dass Men­schen ihren Her­zens­weg gehen 🌸❤️🙏❤️🌸

  • Sil­via Riner

    Herz­li­chen Dank für die­se Geschich­te. Wie immer freue ich mich auf die Blog­bei­trä­ge des Auto­ren. Und es fas­zi­niert mich zu erfah­ren: Das Rei­se­bü­ro beher­bergt einen Part­ner für die letz­te Rei­se. Da rückt sogar der Begriff “Last Minu­te” aus der Rei­se­bran­che in ein völ­lig neu­es Licht. Und als ehe­ma­li­ge Pend­le­rin erfah­re ich noch mehr von Olten. Super.

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