Philipp Flury: «Meinen Körper vermache ich der Forschung»

Der Tod, das Sterben waren immer mal wieder zentrale Punkte im Leben des einstigen TV-Moderators. Mit DeinAdieu-Autor Martin Schuppli sprach Philipp Flury über das Leben vor und nach dem Tod.

«Angelos letztes Wort war ‹Salü›, dann starb er in meinen Armen», sagt Philipp Flury. «Es war 1954 einige Wochen vor unserer ersten Kommunion. Wir waren beide neun Jahre alt. Mein Schulfreund verunglückte beim übermütigen Spiel in einer Altdorfer Turnhalle. Er kletterte mit Kamerädli auf Bretterstapeln herum, die Soldaten aufgeschichtet hatten. Das ging schief. Die Stapel wurden instabil, der Bub stürzte und die Bretter begruben ihn unter sich. Die blutigen Augen des sterbenden Buben vergesse ich nie mehr.»

Es sind einige Dinge, die einen nie mehr loslassen, einen ständig begleiten, einen dann und wann wieder beschäftigen. Philipp Flury: «Der Tod meines Vaters ist so eine Erinnerung. Ich war 17 Jahre alt, als er in einen Kanalisationsgraben fiel, weil die Abschrankung nicht standhielt. Er brach sich das Genick. Ich sah es und spürte, dass er nun tot war.»

Philipp Flury mit historischer Sammelbüchse für die Missionskollekte (nickendes Negerlein)
Philipp Flury mit einer historischen Sammelbüchse für die Missionskollekte: Wirft man eine Münze in die Figur, bedankt sich das schwarze Büblein mit artigem Kopfnicken. (Foto: Horst Pfingsttag)

Auf der zehnteiligen Extrovertiertskala ist Philipp Flury eine elf

Der langjährige TV-Mann erzählt diese Geschichte in der zweistöckigen Schaffhauser Altstadt-Wohnung. Sie gleicht einem Museum, einer Bibliothek und einer Kunstgalerie. Die Augen des Autors können sich nicht sattsehen an all den Schätzen, die in Gestellen liebevoll arrangiert sind, die an Wänden hängen oder auf dem Boden rumstehen. «Wir, mein Lebenspartner und ich, sind Sammler und Liebhaber all dieser Spielsachen, dieser schrägen Objekte, dieser Bilder und Bücher», sagt er in seinem typischen Baseldytsch. «Und zu jeder dieser Sachen könnten wir Geschichten erzählen.» Er lacht und stellt das «nickende Negerlein» wieder zurück an seinen Platz in der grossen Wohnküche. «Danach hat René, mein Lebenspartner, sehr lange gesucht. Diese Sammelbüchse für das ‹Sonntagsschul-Missionsopfer› ist möglicherweise gegen 100 Jahre alt.»

Philipp Flury kann gut Geschichten erzählen. Kein Wunder, erreicht er doch auf der inoffiziellen Extrovertiertskala, sie reicht von null bis zehn, eine satte elf. Er lacht bei diesem Gedanken und sagt: «Darum sind wir uns so ähnlich. Gäll?» Stimmt.

Philipp Flury, Moderator TV-Sendung Karussell
Das war Ende der 70er Jahre: Philipp Flury mit einer TV-Kamera in der damaligen TV-Vorabendsendung «Karussell». (Foto: zVg)

Philipp Flury: Als Karussell-Moderator in allen Stuben

Kein Wunder, wurde der im Urnerland und in Allschwil aufgewachsene Philipp Flury zum TV-Moderator. Er arbeitete lange Jahre für die SRG, moderierte die Vorabendsendung Karussell sowie die Sendungen «Click» und «Switch». Er war Redaktor und Produzent bei «Gesundheit Sprechstunde», arbeitete für «al dente» und stand so jahrelang in der Öffentlichkeit.

Philipp Flury verfasste ebenfalls Bücher. Zum Beispiel über den Musiker und Komponisten Paul Burkhard. Der Schweizer Komponist schrieb vornehmlich Oratorien, Musicals und Operetten. So beispielsweise «Die «kleine Niederdorfoper», den «Schwarzen Hecht» oder die «Zäller Wiehnacht», um nur drei seiner bekanntesten Werke zu nennen.

«Wir waren jahrelang sehr befreundet. Noch gut erinnere ich mich an den letzten Besuch bei ihm in Zell. Es war im Sommer 1977, einen Monat vor seinem Tod. Vom Leberkrebs gezeichnet und vollgepumpt mit Morphium gebärdete er sich lustig und aufgestellt. Er spielte Klavier und sang für uns. Beim Abschied nahm er mich beiseite und gab mir das Okay für mein Buch über ihn. Am 6. September 1977 starb er.» Das Buch ‹O mein Papa› erschien zwei Jahre später. Philipp Flury schrieb es zusammen mit dem Journalisten und Autor Peter Kaufmann. 2011 brachte er im eigenen Verlag die überarbeitete Neuauflage heraus.

Spielzeugschiffe auf der Fensterbank. Die zweistöckige Wohnung von Philipp Flury
Spielzeugschiffe auf der Fensterbank. Die zweistöckige Wohnung in Schaffhausen gleicht einem kleinen Museum für Bücher, Bilder und verspielte Objekte. (Foto: Horst Pfingsttag)

Peter Ustinov war dabei, als Philipp Flury den Herzinfarkt machte

Eine enge Freundschaft pflegte Philipp Flury ebenfalls mit Peter Ustinov. Der Schauspieler und Autor war zugegen, als Philipp Flury, damals 46-jährig, in Bad Ragaz einen Herzinfarkt erlitt und notfallmässig ins Kantonsspital Chur eingeliefert werden musste. «Ich hatte keine Angst vor dem Tod, weil ich wusste, wie ich mich in einer solchen Situation verhalten sollte. Nach dem Zusammenbruch rappelte ich mich auf, traf mich mit der Filmequipe wie abgemacht vor unserem Hotel und sagte, dass ich einen Infarkt gehabt hätte.»

Philipp Flury kennt sich aus mit solchen Sachen. Einige Jahre arbeitete er als Redaktor und Realisator bei der TV-Sendung «Gesundheit Sprechstunde». «Ich war zwar Spezialist für chirurgische Eingriffe, trotzdem ist mir das Thema Herzinfarkt gar nicht fremd.»

Eine Affinität zu Operationen hatte Philipp Flury schon zu Karussell-Zeiten. Vor laufender Kamera liess er sich in den 80er-Jahren die Schweissdrüsen operativ entfernen. Der Autor erinnert sich, wie er nicht zuschauen konnte und die Flimmerkiste abstellte.

Und noch etwas verbindet uns: Philipp Flury war ein starker Raucher. Täglich löste er 40 bis 60 Zigaretten in Rauch auf. Dann, es war im Sommer der Jahrtausendwende, kam er eines Tages ins Büro und erzählte: «Ich rauche nicht mehr.» Ups. Der Kampfraucher ohne seine filterlosen PallMall? Unglaublich. Ich wollte seine Strategie wissen, ahmte sie nach und im Herbst gleichen Jahren schaffte ich das Unmögliche: Wir waren beide Ex-Raucher.

Philipp Flury (r.) und DeinAdieu-Autor Martin Schuppli
Reitender Clown auf Spielzeugsau. Das gefällt Philipp Flury (r.) und DeinAdieu-Autor Martin Schuppli. (Foto: Horst Pfingsttag)

Philipp Flury: «Sterben heisst für mich: Ende, fertig»

Das verbindet. Und so kommt es zur Frage «Philipp, fürchtest du dich vor dem Tod? Macht dir das Sterben Angst?». Die Antwort erstaunt nicht. Philipp Flury nimmt die markante schwarze Brille ab und sagt: «Angst vor dem Tod? Vor dem Sterben? Nein, auf keine Art und Weise. Nur leiden möchte ich nicht. Hätte ich Krebs und litte unter starken Schmerzen, wäre ganz klar ein Suizid geplant.»

An ein Leben nach dem Tod glaubt der Schaffhauser nicht. «Sterben heisst für mich Ende, fertig. Das empfinde ich nicht als schlecht. Ich hatte mich zwangsläufig schon als Kind immer wieder mal mit dem Tod auseinandergesetzt, und mir war immer klar, was er für mich bedeutet.»

Philipp Flury will seinen Körper der Forschung, der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Der ehemalige Medizinjournalist findet, «das ist wichtig für die Zukunft der Medizin. Eine Körperspende sollten noch viel mehr Menschen veranlassen. So können wenigstens meine Überreste jungen Medizinerinnen und Medizinern beim Studium helfen. Sie können sich praktisch damit auseinandersetzen – und sie können üben.»

Philipp Flury vor Schaffhauser Kirche
Spaziergang durch die Schaffhauser Altstadt. Philipp Flury will kein Grab: «Die Erinnerung ist der ‹Himmel›, in dem ich mich aufhalten werde.» (Foto: Horst Pfingsttag)

Philipp Flury: «Mein Lebenspartner braucht keinen Trauerort»

Somit gibt es dereinst keinen Sarg, keine Asche, höchstens eine kleine Abdankungsfeier in Schaffhausen. «Meine Lieben sollen mich nicht an einem Grab besuchen, sondern sich einfach ab und zu an mich erinnern», findet er. Ein Grab ist ihm unwichtig, viel lieber will er den Menschen helfen, dank der Forschung an seinem Körper. «Mir waren die anderen Menschen sowie die Tiere immer viel wichtiger als ich mir selbst.»

Philipp Flurys Lebenspartner unterstützt seinen «Schatz» in diesen Gedanken. «René braucht keinen Ort, um mich besuchen zu können. Ich bin immer in ihm und in all jenen Menschen, die mir ebenfalls das Wichtigste sind», sagt der Buchautor. «Die Erinnerung ist der Himmel, in dem ich mich aufhalten werde.»

«Und was wäre, wenn du heute Nacht sterben müsstest», frage ich ihn. «Was macht dieser Gedanke mit dir?» Er lacht in seiner für ihn typischen Art und Weise, sagt: «Zumindest keinen grossen Unterschied zu jenen Nächten, in denen ich nicht gestorben bin. Spass beiseite. Ich denke da sehr realistisch und pragmatisch. Meine Gedanken drehen sich dann nicht um mich, sondern um meine Liebsten – meinen Freund, die Familie, unsere Freunde.»

Individuelles medizinisches Sterbe-Prozedere

«Aber, was denkst du, was passiert beim Sterben?», sage ich, schaue ihn fragend an. «Das medizinische Prozedere ist individuell und abhängig von der Todesart. Und mehr oder weniger bekannt», sagt Philipp Flury. «Da mach ich mir keine Sorgen, das wird ablaufen wie es kommt, wie es kommen muss. Was nach dem Sterben passiert, ist mir eigentlich egal.»

Ich bohre weiter: «Wohin führt sie denn, die letzte Reise?» Seine Augen werden gross, sein Lachen ebenfalls: «In die Erde, dänk. Oder in meinem Fall auf den Pathologie-Tisch, Teile von mir vermutlich ins Labor oder was weiss denn ich, wohin …» Es sei wie bei allen Lebewesen, sagt Phillip Flury, es gäbe keinen Himmel und in keine Hölle. «Ich glaube nicht mehr an eine göttliche Regentschaft. Vor zehn Jahren bin ich aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten, obwohl ich als Bub Priester werden wollte und mich sehr stak engagierte als Messdiener und in der Jungwacht.»

Philipp Flury mit Whoopi, seiner Bearded-Collie Hündin
Philipp Flury mit Whoopi. Über seine Bearded-Collie Hündin hat er ein Buch geschrieben. «Noch wartet es auf die Veröffentlichung», sagt der Autor. (Foto: zVg)

Es gibt zwei Leben: in der Wirklichkeit und in der Erinnerung

«Man lebt zweimal: das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung», schreibt Philipp Flury im noch unveröffentlichten Buch über seine Bearded-Collie-Hündin. Sie war ihm und René eine langjährige Freundin und Begleiterin.

Whoopi starb am 19. Juli 2015. Es war ein Sonntag.

Text: Martin Schuppli, Fotos: Horst Pfingsttag

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Bücher von Philipp Flury und Peter Kaufmann u.a.:

• «O mein Papa… Paul Burkhard. Leben und Werk»
• «Schaggi Streuli. Kabarettist, Volksschauspieler, Mundartdichter»
• «Heinz Spoerli. Ballett-Tradition in unserer Zeit»

Philipp Flury in Karussell-Sendungen: Youtube-Link 

5 Antworten auf „Philipp Flury: «Meinen Körper vermache ich der Forschung»“

Christine Friedli sagt:

Welch eine schöne, interessante Geschichte. Herzlichen Dank lieber Martin.
Das Bild mit dem Clown auf der Sau und den zwei lachenden Kerlen. Wunderbar.

Martin Schuppli sagt:

Kerle sind eben die besten Weiber. 😉

Christine Friedli sagt:

Genau, du sagst es. ?

Silvia Riner sagt:

Seinen Körper der Forschung vermachen. Ich betrachte es als mutige Entscheidung. Zugunsten der zukünftigen Medizinstudenten. Starke Worte. Und der Clown auf dem Grunzi lässt die Sau raus. Gefällt mir.

Franz A. Gürtler sagt:

Franz A. Gürtler

Komme auch aus Allschwil/BL und war ebenfalls kathalogisch.
Erst Messdiener und kurz in der Jungwacht.
Der Philipp war ein ganz dufter Typ, begeisterungsfähig, offen, geschaffen für Radio und Fernsehen.
Wenn er moderierte, war ich mächtig stolz auf ihn, ein waschechter Schwellheimer, vulgo Allschwiler.
Mein Vater Arnold war Briefträger, die Fam. Flury war auf seiner Tour.

Hoffentlich darf er noch einige Jahre mit seinem Lebenspartner geniessen.

Dann sag ich mal „leise Adieu“.
Bin auch schon 71gi

Fränze

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