Wer sich bei Alice Hofer in der Praxis für angewandte Vergänglichkeit meldet, verdrängt die Gedanken an den Tod nicht. Im Gegenteil, er setzt sich damit auseinander. (Foto: Daniela Friedli)
Home / Blog / Für Alice Hofer ist der Tod eine grossartige Chance

Für Alice Hofer ist der Tod eine grossartige Chance

Tod und Sterben, Sarg oder Urne, Vergänglichkeit und Ewigkeit. Mit Alice Hofer lässt sich ohne Scheu und Tabus über die letzte Reise reden.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
09. Dezember 2016

Wer eine «Praxis für angewandte Vergänglichkeit» gründet, muss ein besonderer Mensch sein. Das ist Alice Hofer, Unternehmerin aus Thun. Schweizweit bekannt wurde die Bernerin Oberländerin mit ihren Särgen und Urnen aus den verschiedensten Materialien, den unterschiedlichsten Farben, den verrücktesten Formen.

Diese Frau hat Humor, ist eine Frohnatur, ein Paradiesvogel. Ist sie gar jemand, die sich vor Nix und Niemandem fürchtet? «Nein, nein. Metzger, Zahnarzt und Lärm können mir Schiss einjagen», sagt Alice Hofer. «Als Kind hatte ich unglaubliche Angst vor dem Tod. Ich konnte mit niemandem darüber reden.» Sie kaufte sich Bücher informierte und organisierte sich.

Zulassen, seinlassen, weglassen, loslassen

Jahre später, um viel Lebenserfahrung reifer, ist für Alice Hofer klar: «Der Tod ist nicht nur eine bitterernste, tieftraurige Sache, sondern auch eine grossartige Chance.» Wer ihre Website anklickt, merkt das sofort. Die Frau hat viel Schalk. Ihre Geburt nennt sie «Log-in auf dem Planeten». Das war 1961. Danach entwickelte Alice Hofer ein für sich stimmiges Lebensmotto: «Erst zulassen, dann seinlassen, dann weglassen, dann loslassen.» Sie sei partei- und konfessionslos, schreibt sie weiter. Wohnhaft und strebsam im Berner Oberland. Und Interessierten rät sie: «Atmet das Hiersein ein, umarmt den Tod, lebt einfach weiter.»

Stilleben in Alice Hofers Praxis für angewandte Vergänglichkeit

Verspielte Objekte machen den Gedanken ans Sterben leicht und fröhlich. Stilleben in Alice Hofers Praxis für angewandte Vergänglichkeit. (Foto: Daniela Friedli)

Alice Hofer schmunzelt. Seit sie ohne Scheu und Tabus über die letzte Reise reden kann, über das Sterben und den Tod, spürt sie, dass es vielen anderen gleich geht. «Die Leute haben ein immer grösseres Bedürfnis, das Sterben frühzeitig zu einem Thema zu machen. Sie wollen umfangreiche Information und Beratung.»

Überzeugt vom Leben nach dem Tod

Und wie hat sie es selbst mit dem Sterben? Was glaubt sie, was kommt nachher? «Ich bin überzeugt vom Leben nach dem Tod», sagt Alice Hofer. Sie stelle sich dieses Leben leicht, heiter und unbeschwert vor. Sie wolle dem Phänomen Tod auf eine spielerische, ungezwungene Art begegnen, nicht mit dunklen Abgründen und schwarzen Balken. «Betrachtet man das Leben als Inszenierung auf der irdischen Bühne, ist der Tod der letzte Akt, bevor wir wieder hinter die Kulissen gehen.» Sie lacht schallend. «Und deshalb hat, wer stirbt, einen Schlussapplaus verdient.»

Sarg-Kollektion in Alice Hofers Praxis für angewandte Vergänglichkeit

Jeder hat seine Geschichte: Sarg-Kollektion in Alice Hofers Praxis für angewandte Vergänglichkeit

Die fröhliche und unbeschwerte Art, über den Tod zu reden, ja zu philosophieren, ihn ins tägliche Leben zu integrieren, wirkt sich logischerweise auf das kreative Wirken der Alice Hofer aus. Seit Jahren verfasst sie ihre Erfahrungen und Beobachtungen in eigensinnigen Kolumnen und Kurzgeschichten. Davon gibts sogar ein Buch: «Mein Wunderland.» Die von ihr gestalteten, bemalten und dekorierten Särge, die Urnen sowie die Beigaben für «die letzte Reise» zeugen ebenfalls von dieser heiteren, farbenfrohen Seite.

Probeliegen im Therapie-Sarg

Um ihrer Klientel die Ruhe und Geborgenheit in einem Sarg demonstrieren zu können, schuf Alice Hofer zusammen mit einer Freundin den ultimativen «Therapie-Sarg». Die Damen bemalten ihr Schmuckstück mit roter und goldener Farbe. Dann zeichneten sie ein wunderschönes güldenes Herz, ungefähr in Augenhöhe, auf den Deckel.

Natürlich lag der Autor Probe. Sein Kommentar: «Das Liegen ist ja ganz angenehm, schwierig ist das Rausklettern – ohne Hilfe.» Alice Hofer grinst. «Im Allgemeinen klettert da niemand mehr raus.» Recht hat sie.

Lieblingssarg beklebt mit offenen Miesmuscheln

Natürlich schuf sich die Künstlerin einen Lieblingssarg. «Mein Sarg ist blau, verziert mit Sand, beklebt mit einigen Dutzend offener Miesmuscheln, und die sind geschmückt mit je einer kleinen Perle. «Der Sarg zeigt meine Liebe zum Meer. Ich liebe das Wasser und die Unendlichkeit des Horizonts. Im gleichen Muster gibts natürlich eine Urne.»

Miesmuscheln mit Perlenschmuck zieren Alice Hofers Lieblingssarg sowie eine Urne. Foto: Daniela Friedli

Miesmuscheln mit Perlenschmuck zieren Alice Hofers Lieblingssarg sowie eine Urne. (Foto: Daniela Friedli)

Wer sich im Atelier an der Hofstetterstrasse 37 in Thun umsieht, dem fallen die geflochtenen Urnen sowie die Särge aus geflochtenen Weidenruten auf. Grosse für Erwachsene, einen kleinen für ein Kind. «Das ist meine ‹Öko-Kollektion›», sagt Alice Hofer. «Diese Modelle erinnert ans Moses-Körbchen.»

Es gibt viel zu schauen und sanft zu berühren. Etwa die kleinen und grossen Urnen aus Holz: ein geschwungenes Herz oder kugelförmige, verschieden grosse Urnen, eine sogar mit keckem Spitz in Form eines Tropfens.

Beeindruckende Sarg-Kollektion

Eine Augenweide sind die Särge in den beiden lichtdurchfluteten Atelierräumen am Thuner Aareufer. Eigentliche Eyecatcher. Da gibts eine «Kiste» in Rot-Gold-Schwarz. Oder eine knallrote patriotische Sarg-Variante mit Schweizerkreuz. Einen Instrumentenkoffer-Sarg gibts ebenfalls. Ausgeschlagen ist er mit weichem, violetten Tuch und gleich daneben lehnt ein «Remember Salvador»-Sarg an der Wand. Auf das weissen Stück sind Dalis zerfliessende Uhren gemalt.

In einer anderen Ecke stehen prächtige, tiefschwarze und holzfarbene Särge. Sie sind nicht eckig, sie sind rund. Wer sie streichelt, empfindet ein handschmeichelndes Gefühl.

16-seitige Checkliste für den irdischen Abschied

Alice Hofer auf Särge zu reduzieren, auf Urnen sowie witzige Sprüche, wäre grundfalsch. Die Mittfünfzigerin versteht ihr Metier ebenfalls als Ermutigung rund um die letzte Lebensphase. Wer eine ausführliche Beratung wünscht, kann hier in allen Belangen fündig werden bzw. an weitere Fachstellen gelangen. Mittels der 16-seitigen Checkliste «Wünsche für meinen irdischen Abschied» ist es möglich, Wünsche und Vorstellungen rund um sein Ableben zu notieren, festzulegen. Etwa die Bestattungsform, die Art des Grabes, das Menü des Leidmahls sowie der Ablauf einer Abdankungsfeier und so weiter. Alice Hofer hat daran gedacht, die Kundschaft zu fragen, was mit Internetauftritten bei Facebook, Instagram, Youtube etc. zu tun sei. Alles ist durchdacht und juristisch abgesichert.

Alice Hofer und DeinAdieu-Autor Martin Schuppli mit dem Therapie Sarg

Um ihrer Klientel die Ruhe und Geborgenheit in einem Sarg demonstrieren zu können, schuf Alice Hofer zusammen mit einer Freundin den ultimativen «Therapie-Sarg» in roter und goldener Farbe. Ein wunderschönes güldenes Herz ziert den Deckel. Logisch lag DeinAdieu-Autor Martin Schuppli Probe. (Foto: Daniela Friedli)

«Es gibt keine Gebrauchsanleitung, wie man emotional mit dem Tod umgeht», sagt Alice Hofer. Für viele Menschen ist Verdrängung genau das Richtige. Wer sich allerdings in einer Praxis für angewandte Vergänglichkeit meldet, hat sich vermutlich im Vorfeld mit Tod und Sterben auseinandergesetzt.

Text: Martin Schuppli/Fotos: Daniela Friedli

Alice Hofer
Praxis für angewandte Vergänglichkeit
Hofstettenstr. 37, 3600 Thun

kontakt@alicehofer.ch | www.alicehofer.ch

 Tel: 033 243 39 31 | Fax: 033 243 39 21 | SMS: 079 624 45 18

Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren

Spitalseelsorger Philipp Aebi
Professionals, Medizin, Spiritualität & Trauer, Zentralschweiz

Herr Aebi: Wollten Ihre Kinder schon wissen, was der Tod ist, was Sterben heisst? Philipp Aebi: Als mein Sohn fünf Jahr alt war, fuhr er mit seiner 88-jährigen Urgrossmutter auf der Lenzerheide in einer Gondel […]

no Kommentare

Weitere Artikel:

Dr. Ruth Baumann-Hölzle, Theologin und Leiterin des Instituts Dialog und Ethik.
Professionals, Patientenverfügung & -vollmacht, Medizin, Organisatorisches, Spiritualität & Trauer, Schweiz

Frau Baumann-Hölzle, wann ist ein Leben lebenswert? Ruth Baumann-Hölzle: Grundsätzlich gilt vor dem Gesetz das Leben jedes Menschen gleich viel, denn die Menschenwürde ist nicht an Fähigkeiten und Eigenschaften gebunden. In der Schweiz hat aber […]

3 Kommentare

Weitere Artikel:

Gestaltet Urnen: Thomas Schär
Professionals, Beerdigung, Sarg & Urne, Spiritualität & Trauer, Schweiz

Mit seiner Webseite Urne.ch will er dazu beitragen, eine Diskussion rund um die Themen Sterben und Tod zu ermöglichen und somit die Bestattungskultur bereichern. «Aus diesem Grunde suchen wir immer wieder Auftritte in der Öffentlichkeit […]

no Kommentare

Weitere Artikel: