Es war, als hielte die Welt kurz den Atem an. Vera Briner verzauberte mit glockenheller Stimme die geschäftige Stimmung rund um den Kreuzgang der Fraumünsterkirche in Zürich. (Foto: Peter Lauth)
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Vera Briner: «Ich singe gerne in kirchlichen Räumen»

Die Zürcher Gesangslehrerin weiss: «Mit meinem Gesang kann ich die Leute berühren und ihnen dadurch helfen.»

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
22. September 2017

Ave Maria
Gratia plena
Maria, gratia plena
Maria, gratia plena

Glockenhell tönt die Stimme durch den Kreuzgang der Zürcher Fraumünsterkirche. Kein Instrument ist zu hören. Nur das Brummen des Verkehrs, das Gemurmel von Stimmen, das Klackern von Stöckelschuhen.

Ave, ave dominus

Dominus tecum

Benedicta tu in mulieribus

Et benedictus

 

Eine blonde Frau ist es, die das «Ave Maria» von Charles-Camille Saint-Saëns singt. Ihre Stimme ist klar und rein. Schulkinder drücken ihre Gesichter ans kunstvoll geschmiedete Gitter. Staunen. Hören mucksmäuschenstill zu.

Et benedictus fructus ventris

Ventris tuae, Jesus

Ave Maria

 

Fotograf Peter Lauth hält die Szene fest. Fotografiert die Sängerin in ihren fröhlich-farbigen Kleidern. Schiesst Bild um Bild.

Ave Maria

Mater Dei

Ora pro nobis peccatoribus

Ora pro nobis, Ora, ora pro nobis peccatoribus

 

Vera Briner kennt keine Scheu. Die Zürcher Sängerin liebt es, zu singen. Liebt den Auftritt in Kirchen. «Ich machte das schon als junges Mädchen. An der Beerdigung meiner Grosstante sang ich, ‹So nimm denn meine Hände› und, ich glaube, ‹Amazing grace›.» Sie lächelt: «Also noch keine grossen Arien.» Seit Vera Briner 13 Jahre alt war, sang sie im Kirchenchor mit, wusste aber sehr bald, «ich singe lieber solistisch».

Vera Briner im Kreuzgang der Zürcher Fraumünsterkirche.

Vera Briner im Kreuzgang der Zürcher Fraumünsterkirche. (Foto: Peter Lauth)

Es war ein tragischer, ein trauriger Moment, als bei Vera Briner der Entscheid fiel, sich als Solistin bei Beerdigungen, Abdankungen registrieren zu lassen. «Ende Mai 2014 musste ich auf dem Bestattungs- und Friedhofamt der Stadt Zürich den Tod meines Mannes anmelden. Beim Warten fiel mir unter den dort aufliegenden Infoblättern eine Solistenliste auf.

Ich sprach den anwesenden Beamten darauf an. Er war ziemlich irritiert, als ich ihm mitteilte, ich würde keinen Musiker, keine Musikerin suchen. Ich würde lieber selber gerne auf diese Liste kommen.» Kurz danach konnte sich Vera Briner eintragen lassen. «Seither bekomme ich ein paar Mal pro Jahr eine Anfrage.»

Grosses Repertoire: Von Logical Song bis Buurebüebli

Am liebsten singt die Mutter zweier Kinder in kirchlichen Räumen: «In ihnen ist es wegen ihres Halls meist angenehm zum Singen.» Allerdings ist es weniger der Raum, auf den es Vera Briner ankommt, sondern der Event. «Ich mag den familiären Rahmen, etwa in einer Kapelle. Und ich mag Emporen, wo ich praktisch unsichtbar bin. Wo ich mich nicht produzieren muss, sondern einfach singen kann, mit wenig Konkurrenz- und Erwartungsdruck. Sehr gerne singe ich ganz unbegleitet am Grab.»

Meist gewünscht ist das «Ave Maria» von Schubert oder von Bach/Gounod. Oft singt Vera Briner ein Kirchenlied, das die Hinterbliebenen kennen, oder das Lieblingslied eines Stillgewordenen. «Ich bin offen für alle Ideen, versuche, möglich zu machen, was die Angehörigen wünschen. Mein Repertoire ist vielseitig und reicht von Supertramps ‹Logical Song› bis zum ‹Buurebüebli›.»

Selten kommt es vor, dass Auftraggeber sagen: «Singen Sie Ihr Lieblingslied.» «Dann wähle ich sehr gerne aus dem Messias von Händel ‹Ich weiss, dass mein Erlöser lebet›. Gerne würde ich einmal die Lieder ‹Über allen Gipfeln ist Ruh› von Franz Schubert singen, respektive ‹Schliesse mir die Augen beide› von Kurt Hessenberg. Aber es sind Klavierlieder, letzteres verlangt sogar noch nach Streichern, da wird es schwierig mit Orgel/Gesang.»

Vera Briner horcht an einer Stimmgabel.

Findet für alle den richtigen Ton. Vera Briner horcht an einer Stimmgabel. (Foto: Peter Lauth)

Im Vorgespräch das Musikprogramm erarbeiten

Wenn bei der Planung der Abdankung keine Ideen vorhanden sind, fragt Vera Briner zuerst nach dem Musikgeschmack des Verstorbenen, nach den musikalischen Gewohnheiten der Familie, nach religiösen Auffassungen, dem Gottesdienstablauf usw. «Danach ist es einfacher, den Leuten etwas vorzuschlagen», sagt sie.

Darauf angesprochen, dass nun die Hippies langsam ins Alter kommen, lacht die Gesangslehrerin. «Meine Repertoireliste ist mehr eine Ideensammlung und nicht abschliessend. Sie enthält sowohl klassische wie volkstümliche Lieder, Gospel und Popsongs oder Schlager. Vorwiegend sind es Balladen, einzelne rockigere Stücke oder Songs wie ‹Stairway to Heaven› von Led Zeppelin.» Vera Briner ist ausgebildete Sängerin und arbeitet als Gesangslehrerin, deshalb ist es ihr jederzeit möglich, einen neuen Song zu lernen und ihn ihrer Liste hinzuzufügen. «Meine Neugier, musikalisches Neuland zu entdecken, ist gross.»

Im Verlauf des Gesprächs erzählt der Autor, dass eine Freundin bei der Beerdigung seines Vaters Händels «Lascia la spina» gesungen habe: «Da brach der Damm, und ich konnte weinen.» Vera Briner nickt: «Das erlebe ich sehr oft. Musik weckt Emotionen, nicht nur bei traurigen Anlässen. Und gerade in diesen Momenten finde ich es sehr wichtig, dass Zuhörende Gefühle zulassen. Mit meinem Gesang kann ich die Leute berühren und ihnen dadurch helfen. Oft erwarten sie Trost. Ich glaube, das ist nicht das Ziel. Trost findet, wer zuerst Trauer und andere Gefühle im Zusammenhang mit dem Verstorbenen ausdrücken kann.»

Vera Briner blättert in einem alten Gesangbuch.

Vera Briner blättert in einem alten Gesangbuch. Steht ein Lied noch nicht in ihrer Repertoireliste, studiert sie es ein. (Foto: Peter Lauth)

«Ich spüre, wie der Stillgewordene geliebt wurde»

Für Vera Briner sind Beerdigungen und Abdankungsfeiern besondere Momente. «Ich bin immer wieder berührt, wie sehr Verstorbene geliebt worden sind. Diese Liebe ist oft stark fühlbar. Das geht mir dann viel näher als die individuellen Lebensgeschichten.» Für sie ist es oft eine Gratwanderung, dieses Berührtsein. «Ich kann es nur so weit zuzulassen, dass die eigenen Gefühle nicht überhandnehmen und die Stimme noch funktioniert.» Das gelingt ihr eigentlich immer. Sogar bei der Beerdigung ihres Ehemannes. «Während meine Freundinnen heulend in den Bänken sassen, stand ich singend vor allen Leuten und wurde dabei ruhig, dankbar, ja, fast fröhlich.» Sie hält kurz inne, ihr Blick verliert sich irgendwo im leeren Raum, dann sagt Vera Briner: «Durch meine ‹Arbeit›, durch das Singen an Beerdigungen, fühle ich mich gesegnet.»

Die zierliche Frau ist seit drei Jahren Witwe und alleinerziehende Mutter. Half die Musik, half der Gesang, die Trauer zu verarbeiten? Vera Briner nickt: «An der Beerdigung meines Partners war es mir sehr wichtig, mich aktiv einbringen zu können. Ich habe gesprochen und gesungen, obwohl mir Bekannte davon abrieten. Mit meiner Singstimme kann ich Gefühle ausdrücken und sie möglicherweise ein Stück weit verarbeiten.»

«Musik verbindet mich mit der unsichtbaren Welt»

Für Vera Briner ist die Musik als Medium «im wörtlichen Sinne ein Mittel, um mit der unsichtbaren Welt in Verbindung zu treten». Sie sagt: «Für mich ist Singen eine Art Meditation, ein Weg, im Moment anzukommen, präsent zu sein. Dadurch verschwinden grüblerische Gedanken, ich finde zu mir selber. Im besten Fall, wenn ich mir genug Zeit nehmen kann, fühle ich mich verbunden mit dem Sein, dem Fluss des Lebens. Dann fühle ich mich erfüllt.»

Was denkt Vera Briner über den Tod? Glaubt sie an ein Leben nach dem Tod? «Ja, ich glaube an ein ewiges Leben», sagt sie überzeugt. «Ich glaube, dass wir eine gewisse Zeit in unserer aktuellen Form verbringen, also in unserem Körper. Dann, mit dem Tod, wieder formlos werden und vielleicht später in einer anderen Form wieder auftauchen. Ob ich allerdings an eine individuelle Wiedergeburt glauben soll, weiss ich nicht … vielleicht lösen sich unsere Seelen auf in einem grossen ‹Seelenmeer›, einem kollektiven Bewusstsein etwa, um von dort in neuer Komposition wieder zu entspringen.»

Vera Briner zeigt DeinAdieu-Autor Martin Schuppli ein wunderschönes Notenbuch.

Vera Briner zeigt DeinAdieu-Autor Martin Schuppli ein wunderschönes Notenbuch. (Foto: Peter Lauth)

«Die Stille nach dem Sterben empfinde ich als etwas Heiliges»

Vera Briner hat den Moment des Sterbens bei ihrem Mann miterlebt. Sie sagt: «In meiner Empfindung spielten sich seine Hauptemotionen, beziehungsweise seine seelischen Krämpfe oder was auch immer, in einem kurzen Augenblick noch einmal ab, bevor dann, nach seinem letzten Atemzug eine grosse Stille entstand. Diese grosse Stille empfand ich als etwas ‹Heiliges›. Lange hielt ich sie nicht aus. Es war, als ob die Welt den Atem anhielt, als ob sich Dies- und Jenseits berührten, um der Seele den Übertritt zu ermöglichen …»

Text: Martin Schuppli/Fotos: Peter Lauth

 

 

Vera Briner (-Brunschwiler)
Musikerin/Solistin
Röschibachstrasse 69, 8037 Zürich
Tel. +41 79 640 09 03

Eintrag auf DeinAdieu.chvera.brunschwiler@bluewin.ch

 

 

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