Meret Tobler, Leitung Fachstelle Grabmalkultur bei der Stadt Zürich. Ihr Tipp für Menschen, die sich vor dem Alleinsein im Grab fürchten: Eine Grab-Wohngemeinschaft. (Foto: Bruno Torricelli)
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Angst vor dem Alleinsein nach dem Tod? Wie wärs mit einer Grab WG?

Meret Tobler ist Verantwortliche in Zürich für die Mietgräber. Sie studierte Innenarchitektur und Szenografie, danach Kunstgeschichte mit Denkmalpflege und Monumentenmanagement. Mit DeinAdieu sprach sie über den Tod, das Alleinsein im Grab und über das grosse Angebot von Mietgräbern mit historischem Grabmal.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
22. März 2019

Frau Tobler: Was fasziniert Sie an der Grabmalkunst?
Meret Tobler: Die Friedhöfe wirken auf mich wie kleine Städte. In ihnen bleiben die Erinnerung an die darin bestatteten Bewohner, Bewohnerinnen erhalten. Es sind Refugien mit eigenen Regeln und Ausdrucksformen.

Hinter den Grabstätten und Grabmälern stecken viele Geschichten.
Genau. Und ihre Symbole sprechen häufig eine kulturübergreifende Sprache. Am meisten faszinieren mich individuell gestaltete Grabmäler, die Hinweise geben auf die dort bestattete Person sowie auf das Leben und die Sehnsucht der Hinterbliebenen. Generell begeistern mich historische Grabmäler. Sie erscheinen künstlerisch und handwerklich enorm hochwertig und in einer grossen Vielfalt.

Wie viele denkmalgeschützte Grabmäler gibts in der Stadt?
Per Stadtratsbeschluss unter Denkmalschutz gestellt sind 690 Grabstätten. Dazu kommen über 1500 Grabstätten, die von Fachleuten als schützens- oder erhaltenswert eingestuft wurden.

Zurzeit gibts auf allen Stadtzürcher Friedhöfen rund 800 historische Grabstätten, die vermietet werden. Beliebt sind die Gemeinschaftsgräber auf Zürichs Friedhöfen. Mittlerweile lassen sich über 40 Prozent der Züricherinnen und Zürcher in einem Gemeinschaftsgrab bestatten. Weitere 40 Prozent wählen ein Reihengrab. Beide Bestattungsarten werden Verstorbenen von der Stadt unentgeltlich zur Verfügung gestellt.
Ebenso laufen die jahrzehntelangen Mietverträge in den historischen Grabbezirken aus.

Was tun, Frau Tobler?
Vor über 20 Jahren entschied das Zürcher Friedhofsamt, für historische Gräber neue Mieter zu suchen. Sie bezahlen den gleichen Mietpreis wie eine vergleichbare neue Mietgrabfläche. So gesehen ist es die älteste in einer Reihe von Massnahmen, um zu verhindern, dass Zürichs Friedhöfe zu Museen werden.

Was bieten die Mietgräber?
Das Besondere ist, die Verträge können nach Ablauf der Mietdauer verlängert werden. Unser Angebot ist gross und wächst stetig.

Welche Varianten gibts, einen Grabplatz zu mieten?
Neben dem normalen Reihen-Mietgrab, dem grösseren Familien-Mietgrab und den Miet-Nischen, bietet das Bestattungs- und Friedhofamt aufgehobene alte Gräber zusammen mit ihren historischen Grabmälern zur Wiedervermietung an. So erfüllen handwerklich und künstlerisch einmalige, wertvolle Zeitzeugen weiterhin ihren ursprünglichen Zweck als Grabmal. Und wir pflegen, erhalten einen wichtigen Teil der Zürcher Stadtgeschichte.

Zürichs schönste Mietgräber, Baumhain, Manegg

Der Baumhain mit den alten schmiedeisernen Kreuzen auf dem Friedhof Manegg ist ebenfalls ein Gemeinschaftsgrab zum mieten. (Foto: Paolo Foschini)

Wann eröffnete die Stadt das erste Themen-Mietgrab?
Das war 2015 im Friedhof Sihlfeld. Themen-Mietgräber sind Gemeinschaftsgräber zum Mieten in unterschiedlichster Gestaltung und Ausführung. Zu ihnen zählen zum Beispiel ein historischer Engel im Friedhof Sihlfeld, ein Baumhain mit alten Schmiedeisenkreuzen im Friedhof Manegg und im September 2019 wird im Friedhof Enzenbühl das Themenmietgrab Rebstock eröffnet, in dem für Natur- und Weinliebhaber eine Beisetzung bei einer Rebe möglich ist.

Kann ich mit mir unbekannten Verstorbenen eine Grabgemeinschaft bilden?
Sich mit Unbekannten einen Grabplatz zu teilen ist im Gemeinschaftsgrab bereits heute sehr verbreitet. Eher selten ist, dass sich Personen ausserhalb der Familie schon zu Lebzeiten zusammenschliessen, um eine Grabgemeinschaft zu bilden.

Schade eigentlich.
Richtig. Denn bei etlichen Menschen besteht der Wunsch, nach dem Tod nicht allein zu sein.

Wer mit Grabmälern zu tun hat, ist zwangsläufig gezwungen, über die Endlichkeit des Lebens nachzudenken.
Stimmt. Das Grabmal ist oft das letzte Gedenkzeichen für eine verstorbene Person und dient als räumliche Verankerung von Abschiednahme und Trauer.

Betrifft das Sie ebenfalls?
Bei meiner Arbeit steht meist der gestalterische, künstlerische und historische Aspekt im Vordergrund. Zum Todesfall besteht bereits eine gewisse Distanz.

Wie beeinflusst dieses Wissen Ihr Leben?
Ich kann nicht behaupten, dass das Wissen einen Einfluss hat auf mein Verhalten im Alltag. Ständig ans Ende zu denken ist ja nicht möglich. Aber ich versuche mein Leben nicht mit Verpflichtungen zu füllen, die mir keinen Spass machen und bemühe mich, Vorhaben nicht zu lange aufzuschieben.

Der Tod stellt kein Tabu dar?
Nein, auf keinen Fall. Durch meinen beruflichen Umgang mit dem Thema Tod fällt es mir leicht, mit anderen Leuten darüber zu sprechen.

Haben Sie bereits Weichen gestellt für eine selbstbestimmte letzte Lebensphase? Beispiel: Patientenverfügung oder -vollmacht, Vorsorgeauftrag, Testament.
Ich habe mir dazu Gedanken gemacht und mit meinem Partner sowie meinen Eltern darüber gesprochen. Schriftlich festgehalten ist noch nichts.

Warum? Sind sie unentschlossen?
Könnte sein. Immer wieder entdecke ich auf unseren Friedhöfen historische Grabmäler, die mir gut gefallen und die ich gerne für mich reservieren möchte. (lacht) Die Auswahl ist gross. Da kann ich mich schwer festlegen.

Zürichs schönste Mietgräber, Meret Tobler und DeinAdieu-Autor Martin Schuppli

Ein prächtiger Park: Meret Tobler und DeinAdieu-Autor Martin Schuppli beim Rundgang auf dem Friedhof Manegg. (Foto: Paolo Foschini)

Fürchten Sie sich vor dem Tod? Vor dem Sterben?
Nein, davor fürchte ich mich nicht. Der Tod scheint noch in weiter Ferne zu sein. Furcht habe ich eher davor, Familienmitgliedern, Freunden, Freundinnen zu verlieren. Im Gegensatz zum eigenen Tod machen mir Verluste Angst.

Wohin führt die letzte Reise?
Meine Vorstellung vom Tod ist ziemlich nüchtern. Ich denke, es kommt da gar nichts. Sich das Nichts vorzustellen ist andererseits nicht ganz einfach. Ähnlich schwierig, wie es nicht möglich ist, sich die Unendlichkeit vorzustellen.

Glauben Sie daran, dass wir eine Seele haben?
Eine sehr komplexe Frage. Das beginnt mit der Definition der Seele. Kulturell bedingt ist der Glaube verbreitet, ein Teil von uns existiert nach dem Tod weiter. Dies brachten Künstler bereits um 1900 zum Ausdruck in der Grabmalsymbolik. Persönlich halte ich mich mehr an Erfahrbares und an das Denken, Wirken und Handeln zu Lebzeiten.

Ans Leben nach dem Tod, glauben Sie daran?
Eher nicht. Ich stelle mir das Ende ziemlich definitiv vor. Aber – man weiss ja nie.

Was machts mir Ihnen, wenn ich Ihnen sagen würde, Sie sterben heute Nacht. Still, ohne Schmerz und ohne Angst.
Es würde mich schon traurig machen, da ich gerne lebe und noch einiges vorhabe. Eine Bucket-List führe ich aber nicht. Ich möchte mich nicht unter Druck setzen und wenn es dann für einige Pläne nicht mehr reichen sollte, wäre das nicht schlimm – in dieser Hinsicht bin ich sehr gelassen. «Ach hätte ich doch …» werde ich zum Schluss bestimmt nicht sagen.

Text: Martin Schuppli, Fotos Paolo Foschini, Bruno Torricelli

 Und das sind Zürichs schönste Mietgräber

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