Schreibt, was er übers Sterbefasten denkt: Dr. med. Markus Minder, Leiter Akutgeriatrie und Palliative Care am Spital Affoltern am Albis. (Foto: Bruno Torricelli)
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«Sterbefasten kann sehr beschwerlich sein»

Markus Minder, Leiter Akutgeriatrie und Palliativ Care im Spital Affoltern a/A, schreibt, was er übers Sterbefasten denkt.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
09. Juli 2017

«Meine Meinung zum Sterbefasten ist gemischt, und ich empfehle diesen Weg des Sterbens meistens nicht. In den letzten Monaten wurde diese Form des selbstbestimmten Lebensendes zu einem grossen Thema. Den freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit FVNF gibt es letztendlich schon seit Urzeiten auf unserer Welt.

Immer wieder kommen Patienten zu mir in die Sprechstunde und lassen sich zum Thema Sterbefasten beraten. Primär versuche ich, die Gründe des Sterbewunsches zu erkennen und natürlich nach Möglichkeit zugrunde liegende Ursachen zu beheben. Dann ist wichtig, dass die Betroffenen über mögliche alternative Wege informiert werden. Etwa, dass jemand lebensverlängernde Medikamente absetzt. Oder, dass jemand die Möglichkeit von Palliative Care in Anspruch nimmt. Eine weitere Möglichkeit ist, sich für den assistierten Suizid, also die Freitodbegleitung, zu entscheiden. Mir und meinem Team ist es wichtig, dass Patienten und ihre Angehörigen gut über mögliche Alternativen aufgeklärt sind und dann den für sie richtigen Weg wählen.

Wählt jemand den Weg des Sterbefastens und wünscht meine Unterstützung, begleite ich ihn dabei. Aber das ist kein einfacher letzter Gang: Wer mit Sterbefasten in den Tod begleitet werden möchte, wählt einen langen (über Tage) und beschwerlichen Weg. Denn niemand widersteht dem Durstgefühl gänzlich. So wünschen sich diese Patienten, dass wir ihren Mund befeuchten oder ihnen einen kleinen Schluck Wasser geben. Solche Handreichungen ziehen den Sterbeprozess in die Länge.

Ganz wichtig scheint mir die Unterscheidung «Sterbefasten» bei terminalen Krankheiten versus Sterbefasten bei nicht sterbenden Patienten. Bei terminalen Krankheiten, dazu gehört auch eine schwere Demenz im Endstadium, ist der Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit respektive das fehlende Hunger- und Durstgefühl physiologisch, weil es letztendlich zum Sterbeprozess gehört.

Anders ist es bei nicht sterbenden Menschen und vor allem bei jungen Menschen. Bei dieser Gruppe ist das Durstgefühl voll da, und es braucht einen starken Willen, sich diesem zu widersetzen. Diese Tatsache stellt einen grossen Leidendruck dar. Es belastet die Angehörigen und die Pflegenden. Ein weniger grosses Problem ist das Hungergefühl. Auf Nahrung zu verzichten ist erfahrungsgemäss viel einfacher.

Menschen, die sich für diesen Weg entscheiden, müssen sich im Klaren sein, dass es sich beim Sterbefasten um einen Prozess handelt, der nicht nur drei bis vier Tagen dauert. Gerade bei jüngeren Menschen ist es ein sehr beschwerliches Sterben. Bei mindestens zwei meiner Patienten in der Villa Sonnenberg dauerte es fast drei Wochen, bis sie ihr selbstbestimmtes Lebensende erreicht hatten.»

Dr. med. Markus Minder

Villa Sonnenberg: Führendes Palliativ-Care-Zentrum

In der Villa Sonnenberg, der Palliative-Care-Station des Spitals Affoltern am Albis, werden erwachsene Menschen aller Altersstufen mit fortgeschrittenen, unheilbaren Krankheiten (Krebs und andere schwere Erkrankungen) umfassend behandelt, gepflegt und begleitet. Ziel ist sowohl die Linderung komplexer körperlicher Symptome wie beispielsweise Schmerzen und Atemnot, wie auch die Begleitung in der Bewältigung der Krankheit sowie im Sterben. Palliative Care schliesst auch die Begleitung der Angehörigen mit ein.

Spital Affoltern, Sonnenbergstrasse 27
8910 Affoltern am Albis

Tel. 044 714 21 11 |  www.spitalaffoltern.ch

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