Dr. Roland Kunz, führender Palliativmediziner und Geriater in Affoltern a/A auf dem Weg von der Villa Sonnenberg ins Bezirksspital. (Foto: Bruno Torricelli)
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«Der Tod ist eine Realität des Lebens.»

Im Gespräch mit DeinAdieu redet Dr. med. Roland Kunz, führende Palliativmediziner und Geriater, über den Tod und das Sterben.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
27. Januar 2016

Es war keine einfache Sache für Roland Kunz, den an Darmkrebs erkrankten Vater zu begleiten. «Dieses Erlebnis, am Ende meines Medizinstudiums, prägte mich. Ich beobachtete das Fortschreiten seiner Krankheit. Beobachtete sein Sterben.» Dem angehenden Arzt wurde bewusst, dass er da was ändern wollte. «Wohl deshalb wurde die Palliativmedizin zu meiner Lebensaufgabe», sagt er nachdenklich.

Dann schildert Kunz die damalige Situation sichtlich entsetzt: «Stellen Sie sich vor, Vaters Chirurg wich mir aus, obwohl wir ja Berufskollegen waren. Er signalisierte mir: ‹Keine Gesprächsbereitschaft›.» Der Hausarzt verschrieb dem von Schmerzen geplagten, schwerkranken Mann, harmlose, rezeptfreie Medikamente sowie einen Tee gegen Darmbeschwerden. «Vater wurde dann zu Hause betreut. Dort konnte er dann sterben.»

Ärzte lernen, vor allem Leben zu retten

Der Chefarzt Geriatrie und Palliative Care sowie ärztliche Leiter am Bezirksspital schreibt dieses Verhalten den verkehrten Zielsetzungen zu. «Ärzte sind darauf konditioniert, Leben zu erhalten, Leben zu retten. Der Begleitung Sterbender wird auch heute noch viel zu wenig Ausbildungszeit gewidmet.»

Nach dem Staatsexamen 1982 bildete Roland Kunz sich weiter zum Facharzt für allgemeine Innere Medizin. Er spezialisierte sich auf Geriatrie, war ab 1988 elf Jahre leitender Arzt im Wohn- und Pflegezentrum Oberi in Winterthur, wo er auch hausärztlich tätig war. Von 2000 bis 2006 arbeitete Roland Kunz als leitender Arzt am Pflegezentrum des Spitals Limmattal in Schlieren bis ihn Christian Hess 2006 als Chefarzt Geriatrie und Palliative Care ans Bezirksspital Affoltern holte.

Über den Tod reden können

Roland Kunz baute in Affoltern eine der führenden Schweizer Palliativstationen auf: Die Villa Sonnenberg. Sein langjähriges Engagement hat viel bewirkt. Und trotzdem ist Sterben immer noch ein Tabuthema. «Nicht einmal in Spitälern oder Arztpraxen ist es gang und gäbe über das Sterben, über den Tod zu reden», sagt Kunz. «Und gerade solche Gespräche sind mir ein sehr grosses Anliegen. Patienten sprechen mit Angehörigen über alles andere. Und die Angehörigen wollen den schwerkranken Patienten schützen. Sie erwähnen eine todbringende Krankheit nur hinter vorgehaltener Hand. Sie sagen: ‹Man muss doch positiv denken›. Wir aber wollen über das Sterben und den Tod reden können.»

Im Verlauf des Aufenthaltes gibts in der Villa Sonnenberg einen so genannt runden Tisch mit Patient, Angehörigen, Ärzten und Pflegenden. «Dann sprechen wir sowohl die Krankheit an, als auch das absehbare Sterben. Oft herrscht anfänglich Betroffenheit. Alle schweigen. Schliesslich soll man ans Gute glauben, soll kämpfen. Sind die Worte ‹Tod›, ‹Krebs›, ‹Sterben› einmal ausgesprochen, reagieren alle erleichtert. Dann heisst es: ‹Danke Herr Doktor. Danke, dass wir darüber reden konnten›».

Dem Tod den Schrecken nehmen

Einen Patienten behandeln, bedeutet für Roland Kunz mehr, als sich um den kranken Körper eines Menschen zu kümmern. «Es geht um die ganze Person mit Geist und  Seele», sagt er. «Ich will mit Schwerstkranken nicht nur über Schmerzen reden, sondern ich will wissen, ‹was beschäftigt Sie?›, ‹was bedrückt Sie?›.» Er macht eine Pause. «Letzthin antwortete mir ein Patient: ‹Ich kann mit meiner Frau nicht über meine Krankheit reden›.»

Deshalb unternimmt Roland Kunz alles, um dem Tod den Schrecken zu nehmen. Das Eis zu brechen. «Wir müssen lernen, Klartext zu reden, die Krankheit beim Namen zu nennen. Wir müssen die Perspektiven besprechen, darüber reden, wie lange ein Leben noch dauern kann.»

Für den erfahrenen Palliativmediziner ist es eine grosse Herausforderung, erschöpfte Menschen zu betreuen. Menschen, die sagen, «Herr Doktor, ich bin des Lebens satt.» Menschen die nicht mehr leben mögen. Menschen die hilflos sind, niemandem mehr zur Last fallen wollen. Solche Menschen sehen oft nur einen Ausweg: den Tod. Und weil der nicht auf Bestellung kommt, denken Sie daran, die Dienste einer Sterbehilfeorganisation in Anspruch zu nehmen.

Roland Kunz macht ein Beispiel: «Da war ein 90jähriger Mann. Seine Frau verstarb vor 20 Jahren, sein Sohn war ebenfalls tot. Der Alte sagte zu mir ‹Jetzt bin ich ganz alleine. Was soll ich noch? Ich möchte sterben›.» Der Arzt macht eine Pause. Lässt die Worte wirken und fährt dann fort: «Dann muss ich sagen: ‹Warum lassen Sie sich noch gegen Grippe impfen, warum nehmen Sie drei Herzmedikamente, warum messen Sie den Blutdruck? Ohne all diese Hilfsmittel ist Ihre Chance grösser, an einem Herzstillstand zu sterben›.»

Den Tod ins Behandlungskonzept integrieren

Für Roland Kunz ist Palliative Care eine Haltung. «Wir integrieren die Gedanken über den Tod ins Behandlungskonzept, fokussieren aber gleichzeitig auch auf das verbleibende Lebensstück und die Lebensqualität. Wir reden mit Patienten darüber. Wir schulen Betreuungspersonen, Hausärzte, die Leute von der Spitex, von der Onko-Spitex. Wir pflegen Netzwerke.»

Und manchmal muss der Palliativmediziner auch vermitteln. Da war eine Frau, knapp 40 Jahre alt. Schwerstkrank. Sie litt unter grossen Schmerzen. Ihre zwei Kinder waren acht und zehn Jahre alt. Die Familie lebte getrennt vom Kindsvater. Betroffen erzählt Roland Kunz: «Sie musste Kontakt zu ihrem Ex aufnehmen, musste den Kindern erklären, warum der Papi nun plötzlich nicht der böse Mann ist, wie sie ihn immer nannte. Dazu sind viele Gespräche und psychotherapeutische Unterstützung nötig.»

Altersmedizin: Dr. Roland Kunz mit einem Teil seines Teams in der Villa Sonnenberg, Affoltern am Albis. (Foto: Bruno Torricelli)

Dr. Roland Kunz mit einem Teil seines Teams in der Villa Sonnenberg, Affoltern am Albis. (Foto: Bruno Torricelli)

Das sind schwierige Momente für den Arzt und sein Team. «Ich bin froh, ist die Villa Sonnenberg getrennt vom Spital. Diese Strecke gehe ich ganz bewusst zu Fuss, bei jedem Wetter. Oft halte ich inne, drehe mich um und schaue in die Weite, geniesse das Alpenpanorama. Dann durchflutet mich eine tiefe Dankbarkeit. Ich bin gesund. Ich kann helfen. Ich kann mit meinem Team etwas bewirken»

Und es ist viel, das Kunz und sein Team in der Villa Sonnenberg, in der Langzeitpflege, in der Akutgeriatrie des Bezirksspitals bewirken können. Vieles ist mit Gesprächen verbunden. Einiges mit medizintechnischem Wissen. «Wir brauchen Kommunikationskompetenz. Es kommt vor, dass Patienten fragen ‹Was ist der Tod?› Dann frage ich die Patienten nach ihrer Wunschvorstellung, nach Erlebtem, etwa nach einer Nahtodeserfahrung. Die meisten schildern dann eine Situation. Sagen: ‹ich schaute einmal es bitzeli übere, bei einer Narkose, in einem Traum, sah ein helles Licht›. So vorbereitet können viele mit Zuversicht sterben.»

Angst vor Schmerzen und Kontrollverlust

Viele lähmt nicht die Angst, vor dem was kommt. Viele fürchten sich vor Schmerzen, vor Kontrollverlust. Sie haben Angst vor dem Ersticken. Roland Kunz lächelt wissend. Sagt: «Davor muss sich niemand fürchten. Wir kennen mittlerweile wirksame Mittel gegen Schmerz oder Atemnot, gegen Ängste.» Er erwähnt auch die terminale Sedation für schwierige Situationen. Dabei erhält jemand mittels Infusion so viele beruhigende und schmerzlindernde Medikamente, dass er meistens ansprechbar bleibt, aber ohne Schmerzen, ohne Angst vor sich hindösen kann. «Wichtig», sagt Roland Kunz. «Bei der von uns angewandten terminalen Sedation handelt es sich auf keinen Fall um Sterbehilfe. Wir erleichtern dem Kranken das hinüberdämmern, er stirbt aber an seiner Krankheit.»

Zum Angebot in der Villa Sonnenberg gehört die interdisziplinäre Behandlung von Schmerzen und anderer, die Lebensqualität einschränkender, Symptome. Sie umfasst die Stabilisierung komplexer Situationen damit ein Patient, eine Patientin nach Hause zurückkehren kann. Denn viele äussern den Wunsch, in gewohnter Umgebung zu sterben. Zum Sonnenberg-Angebot gehört auch die Begleitung der Patienten und ihrer Angehörigen in der Bewältigung einer Krankheit und in der Verarbeitung am Lebensende.

Bei all diesen Aufgaben hat es das Sonnenberg-Team mit den unterschiedlichsten «Todkranken» zu tun. Die einen kommen perfekt vorbereitet. Schauen sich die Villa an, stellen Fragen, nehmen einen Augenschein, wünschen sich ein baldiges Sterben. Andere verdrängen den Tod noch, sind weiterhin voller Pläne für die verbleibende Lebenszeit. «Dann versuchen wir diese Ziele zu verwirklichen, die Auswirkungen der Krankheit bestmöglich zu lindern und fokussieren auf das verbleibende Leben», sagt Roland Kunz. «Wir schüren nie falsche Hoffnungen, geben ehrliche Antworten auf alle Fragen, lassen aber den Patienten bestimmen, ob er sich mehr dem Sterben oder dem verbleibenden Leben zuwendet.»

Dr. Roland Kunz an seinem Pult im Büro

Dr. Roland Kunz an seinem Pult im Büro. Büroarbeit gehört ebenso zum Job wie der Umgang mit Menschen. (Foto: Bruno Torricelli)

«Ich verschenk noch das Velo …»

Das war beispielsweise nötig bei dem Mann, der sich in der Villa meldete und sagte: Ich habe alles geregelt, muss nur noch mein Velo verschenken, dann können Sie mir die Spritze geben.» Das kann Kunz natürlich nicht. «Das wäre aktive Sterbehilfe. In diesem Fall suchten wir das Gespräch.»

Zum Thema aktive Sterbehilfe meint der Palliativmediziner: «Exit ist eine Art Alternativangebot zu uns. In meinen Augen ist es eine Art ‹Ich bestimme selbst›-Versicherung. Das kann ein Patient, eine Patientin auch beim Palliativkonzept. Sie können Medikamenten absetzen, die Nahrung verweigern.»

Am Ende des Gesprächs sagt Roland Kunz: «Wir müssen Sterben als etwas Normales ansehen. Heute wird der Tod mit Krieg, Unfällen, Verbrechen sowie Sterbehilfe in Verbindung gebracht. Nicht aber mit der Tatsache, dass er einfach Realität ist. Eine Realität mit der wir leben sollten.»

Text: Martin Schuppli/Foto: Bruno Torricelli

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