Dr. med. Markus Minder, Chefarzt Geriatrie und Palliative Care im Gespräch mit Pflegefachfrau Carmen Kissling. Die beiden leiten die Palliativstation Villa Sonnenberg. (Foto: Paolo Foschini)
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Haben Profis Angst vor dem Sterben?

Sie leiten eine der bekanntesten Palliativstationen in der Schweiz. Die Villa Sonnenberg des Spital Affoltern a/A. DeinAdieu sprach mit Carmen Kissling und Markus Minder über leben, sterben und die Unsicherheit, in einem Spital zu arbeiten, dessen Zukunft auf der Kippe steht.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
06. Juni 2019

Sterben. Die Villa Sonnenberg ist das Palliative-Care-Kompetenzzentrum des Spitals Affoltern am Albis ZH. Schwer kranke Patienten, Patientinnen werden hier auf ihrer letzten Reise begleitet und betreut. Möchte jemand zu Hause sterben, werden hier die nötigen Vorbereitungen besprochen, alle Beteiligten informiert. Geleitet wird die Station von med. pract. Markus Minder, Chefarzt Geriatrie und Palliative Care, sowie von der Pflegefachfrau Carmen Kissling. Sie leitet das Pflegeteam. Die beiden arbeiten schon seit Jahren zusammen.

Nächstes Jahr feiert die Villa ihr zehnjähriges Bestehen. Hier ein paar Zahlen. Im ersten Jahr gabs 87 Eintritte. 2018 waren es 277. Die Patientenzahlen steigen von Jahr zu Jahr. Derzeit sind ca. 40 Prozent Notfalleintritte. Ein Drittel der Patienten, Patientinnen kehrt nach Hause zurück. Die Hälfte aller Eintretenden stirbt in der Villa. Über 80 Prozent mit einer Krebsdiagnose. Das Palliative-Care-Kompetenzzentrum im Bezirk Affoltern, aufgebaut von Dr. med. Roland Kunz, ist weit über die Bezirks- und Kantonsgrenzen bekannt. «Wir stehen sogar auf Zuger Spitalliste», sagt Markus Minder sichtlich stolz.

Bis vor wenigen Wochen waren die Mitarbeitenden des Spitals Affoltern eher besorgt als stolz. Das Schicksal ihrer Arbeitsplätze stand auf dem Spiel. Das Volk im Bezirk hinter dem Uetliberg hatte zu entscheiden, wie sehr es an einer Weiterführung des Spitalbetriebs interessiert ist. Viele Politiker rieten zu einem Nein. Ihre Rechnung ging nicht auf. Mit sehr grosser Mehrheit entschied sich die Bevölkerung für das Spital. Und so gehts vorläufig weiter mit dem Akutspital, mit der Langzeitpflege, mit der Palliativstation und mit dem Psychiatriestützpunkt.

Sterben: Dr. med. Markus Minder, Chefarzt Geriatrie und Palliative Care im Spital Affoltern a./A.

Markus Minder: «Wir Palliativleute haben das Gefühl, es sei wichtig, über Tod und Sterben zu reden. Aber es gibt Menschen, die wollen und können das nicht. Das gilt es zu respektieren.» (Foto: Paolo Foschini)

Die Frage Spital ja oder nein schweisst zusammen

Der gross gewachsene, hagere Chefarzt freut sich riesig über das eindeutige Resultat. «Das klare Abstimmungsresultat gibt ein gutes Gefühl. Die Bevölkerung im Säuliamt will unser Spital, will uns. Es geht weiter», sagt Markus Minder. Nur: Langfristig ist nichts gesichert. «Wir brauchen zwingend einen Leistungsauftrag des Kantons. Und der wird nur an Akutspitäler verliehen», sagt Markus Minder und Carmen Kissling nickt.

Für Carmen Kissling und Markus Minder stand viel auf dem Spiel vor der Abstimmung. Ich wollte wissen, wie derart verunsicherte Mitarbeitende weiterarbeiten. Markus Minder: «Die Verunsicherung ist surreal. Die Villa läuft super, die Belegung hat über 13 Prozent zugenommen, die Rückmeldungen von Patienten, Angehörigen sowie von anderen Spitälern sind äusserst positiv. Alles funktioniert gut, es stimmt wirtschaftlich, wir sind ein konstantes Team.»

Carmen Kissling pflichtet ihrem Kollegen bei. «Wir arbeiten mit einem stabilen Kader. Es glaubt an eine Perspektive des Spitals.» Trotzdem: Diese unsichere Situation schweisste zusammen, sagt Markus Minder. Carmen Kissling pflichtet ihm bei: «Alle halten zusammen, die Stimmung im Team sowie im Umfeld wurde zuversichtlicher. Die Ärzteschaft des Bezirks etwa nimmt klar fürs Spital Stellung.»

Pflegefachfrau Carmen Kissling, Stationsleiterin Villa Sonnenberg, Spital Affoltern a./Al

Carmen Kissling: «Wer sterben muss, ist gedanklich und mental oft weiter als die Angehörigen. Die Kranken merken das. Und das ist eine grosse Herausforderung für sie und ebenso für die Betreuenden.» (Foto: Paolo Foschini)

Die letzte Lebensphase der Menschen bestimmt den Alltag

Der Tod, das Sterben, die selbstbestimmte letzte Lebensphase ihrer Patienten, Patientinnen bestimmt den Berufsalltag von Carmen Kissling und Markus Minder. Ich möchte wissen, was das mit einem macht. Wie miteinbezogen, resp. betroffen ist das Umfeld? Ich frage: Sind die Menschen neugierig, wollen sie euer Wissen anzapfen?

«Irgendwann wirds ernst», sagt Carmen Kissling. «Und das Thema ist aktuell. Wenn ich über meine Arbeit, wenn ich über das Sterben rede, versuche ich das mit einer gewissen Leichtigkeit zu tun. In meinem Bekanntenkreis merke ich, solche Gespräche bringen Menschen dazu, über die Endlichkeit nachzudenken. Sie merken beispielsweise, wie wichtig es ist, für sich selbst eine Wertanamnese zu machen.»

Übers Sterben reden: «Wir müssen uns abgrenzen können»

Für Markus Minder sind Sterben, Endlichkeit und Tod Themen, über die wir reden sollten. «Mache ich das, fragen mich Gesprächspartner, ‹wie hältst du das alles aus, diese Bürde, diese Schicksale die auf dir lasten?›.» Der Chefarzt lehnt sich zurück im Stuhl, greift sich an die Stirn. Sagt: «Es gibt schwierige Schicksale, die einen berühren. Etwa wenn ich jemanden betreue mit gleichem Jahrgang, ein Familienvater, der unheilbar krank ist. In solchen Momenten frage ich mich, was wäre, wenn das mir passiert?» Schwierig sei etwa, wenn Angehörige die Situation auf der Palliativstation kaum aushalten. «Dann bin ich halt mal Blitzableiter, und es entlädt sich eine geballte emotionale Ladung. Andererseits kommt viel Positives zurück. Wir spüren grosse Dankbarkeit von den Zurückbleibenden. Und es gibt Feedback, wo mir bewusst wird, wie sinnvoll meine Arbeit ist. Sie ist Teil einer Lebensgeschichte, eines Schicksals. Aus diesen vielen Begegnungen kann ich selbst etwas mitnehmen.» «Und», sagt Carmen Kissling, «wir müssen uns abgrenzen können, das ist wichtig.»

 

Dr. med. Markus Minder, Chefarzt Geriatrie und Palliative Care, Spital Affoltern a./A.

«Wer unmittelbar vor dem Tod steht, ist in der Regel gelassen. Ich denke unsere Patientinnen, Patienten gehen mit gutem Gefühl. Sie sind zuversichtlich. Panische Angst erlebe ich kaum. Sterben ist schliesslich etwas ganz Natürliches», sagt Markus Minder. (Foto: Paolo Foschini)

«Jeder dritte unserer Patienten stirbt zu Hause»

Wie erlebt ihr die Angst vor dem Tod, vor dem Sterben? Wie könnt ihr den Menschen die Angst nehmen? Markus Minder sagt: «Die Villa ist ja kein eigentlicher Sterbeort. Ein Drittel unserer Patienten, Patientinnen stirbt zu Hause. Sie treten wieder aus, gehen nach Hause oder in eine geeignete betreute Wohnform.»

Ob sie ängstlich sind oder gelassen? Markus Minder sagt: «Das ist individuell. Die einen sagen, ‹ich freue mich, bin bereit›, sie nehmen das sehr gelassen. Andere sagen: ‹Mein Ziel ist es, geheilt zu werden›.» Der Tod könne ein Tabuthema sein, könne Panik auslösen, sagt der Palliativmediziner und Geriater. «Wer unmittelbar vor dem Tod steht, ist in der Regel gelassen.» Er hält kurz inne. Sagt dann. «Was mich in Bezug auf meinen eigenen Tod beruhigt.» Zurück zu den Menschen, die Minder betreut. «Ich denke, unsere Patienten, Patientinnen gehen mit gutem Gefühl. Sie sind zuversichtlich. Panische Angst erlebe ich kaum. Sterben ist schliesslich etwas ganz Natürliches.»

Pflegefachfrau Carmen Kissling, Stationsleiterin Villa Sonnenberg, Spital Affoltern a./Al

Angst vor dem Sterben hat Stationsleiterin Carmen Kissling nicht. «Ich habe mehr Angst, dass Angehörige gehen müssen. Ich habe Respekt und möchte noch nicht gehen.» (Foto: Paolo Foschini)

«Es gibt Menschen, die wollen nicht über das Sterben reden»

Carmen Kissling pflichtet ihm bei: «Wer sterben muss, ist gedanklich und mental oft weiter als die Angehörigen. Die Kranken merken das. Und das ist eine grosse Herausforderung für sie und ebenso für die Betreuenden.» «Wir müssen das Leben und das Sterben in der Gesellschaft offener bereden», sagt Markus Minder. «Wir Palliativleute haben das Gefühl, es sei wichtig, über Tod und sterben zu reden. Aber natürlich, es gibt Menschen, die wollen und können das nicht, das gilt es dann zu respektieren.»

Wir drei, wir reden darüber. Wie von den meisten Gesprächspartnern will ich vom Arzt und von der Pflegefachfrau wissen: Habt ihr Angst vor dem Sterben? Angst vor dem Tod?

Sterben: Die Atemnot kann Angst machen

Carmen Kissling schüttelt den Kopf. «Ich habe mehr Angst, dass Angehörige gehen müssen. Ich habe Respekt und möchte noch nicht gehen.»

Den Arzt beängstigen Tod und sterben nicht. «Mir machts Angst wegen meines Umfeldes und der Konsequenzen. Zudem habe ich meine Lebenssymphonie noch nicht abgeschlossen.» Ich hake nach. Wenn es soweit ist, möchte Markus Minder von einem Palliative-Care-Team betreut werden. «Wenn ich vor etwas Angst haben sollte, dann wäre es Atemnot.»

Sterben: Carmen Kissling, Markus Minder und DeinAdieu-Autor Martin Schuppli.

Kennen sich seit Jahren. Carmen Kissling, Markus Minder und DeinAdieu-Autor Martin Schuppli. (Foto: Paolo Foschini)

Geht das Leben nach dem Tod weiter?

Und was kommt nachher, will ich wissen. Glaubt ihr, hat der Mensch eine Seele. Wenn ja, was geschieht mit ihr? Carmen Kissling lächelt. «Sicher haben wir eine Seele», sagt die Pflegefachfrau. «Und nachher muss es etwas geben. Aber ich denke nicht, dass wir auf einer Wolke schweben.» Jetzt lacht Markus Minder und sagt: «Ich hoffe, es geht weiter. Aber als Naturwissenschaftler kann ich damit leben, etwas nicht zu wissen.»

Vor dem Sterben mit den Liebsten eine Flasche Wein öffnen

Letzte Frage: Was machts mit euch, wenn ich sagen könnte, der stille, sanfte Tod kommt heute Nacht? Ihr werdet schmerz- und angstfrei sterben. «Also ich möchte das nicht wissen», sagt Carmen Kissling. «Obwohl es bestimmt schön ist, so zu sterben. Ich hätte Stress wegen Verabschiedung von meinen Liebsten. Wenn es so wäre, dann wäre es so. Wenn Verabschiedung, dann lieber Zeit haben und gemeinsam im Prozess des Sterbens sein.» Markus Minder lacht. «Müsste es heute Nacht sein, dann würde ich das Büro verlassen, die Türe abschliessen und zu Hause im Kreis meiner Liebsten eine schöne Flasche Wein öffnen.»

Für eine selbstbestimmte letzte Lebensphase die Weichen zu stellen, fällt Profis wie Carmen Kissling und Markus Minder nicht leichter als uns.(Foto: Paolo Foschini)

Das Umfeld weiss, wo die Grenzen sind

Ich bohre noch etwas nach. Frage: Habt ihr eure selbstbestimmte Lebensphase geregelt? Habt ihr ein Testament aufgesetzt, einen Vorsorgeauftrag ausgefüllt? Und was ist mit Patientenverfügung, Patientenvollmacht? Die beiden schauen sich an. «Ein wunder Punkt», sagt Markus Minder. «Noch immer habe ich meine Wünsche in einer detaillierten Patientenverfügung, im Sinne einer Advanced Care Planning ACP, nicht schriftlich festgelegt.» Er schaut mich fragend an. «Aber, muss ich das? Meine Frau, mein Umfeld, die wissen, was ich will. Wissen, was mir wichtig ist, wo meine Grenzen sind, das haben wir thematisiert. Und besprechen es immer wieder. Aber für eine so genannte ACP brauchte ich eine Werteanamnese.» Er schaut seine Kollegin an, zwinkert ihr zu und sagt: «Aber Carmen, unser ACP-Spezialistin, muss Zeit haben, dieses Gespräch mit mir zu führen. Und meine Werteanamnese schriftlich festzuhalten. Ebenfalls steht ein Vorsorgeauftrag noch aus und ein Testament.»

Pflegefachfrau Carmen Kissling, Stationsleiterin Villa Sonnenberg, Spital Affoltern a./Al

Die Pflegeleiterin Carmen Kissling sagt zu ihren Entscheiden in der letzten Lebensphase: «Je nach Krankheit werde ich mit mehr Berufserfahrung radikaler im Denken. Ich bin also weniger bereit, Risiken auf mich zu nehmen.» (Foto: Paolo Foschini)

Gespräche über letzte Lebensphase sind emotional hart

Carmen Kissling hat ihren Vorsorgeauftrag. «ACP Beratungen habe ich mit meinen Eltern, meinem Ehemann sowie meiner Freundin gemacht. Es ist mir wichtig, mich mit ihnen zu besprechen. Ich wollte wissen, wie weit sie in einer Behandlung gehen, welche Risiken sie in Kauf nehmen möchten. Das war emotional eine harte Arbeit.»

Sie selber nahm noch keine ACP-Beratung in Anspruch. «Ich möchte das in naher Zukunft schriftlich festlegen. Mündlich weiss mein Mann, was mir wichtig ist und welches meine Wünsche sind. Je nach Krankheit werde ich mit mehr Berufserfahrung radikaler im Denken. Ich bin also weniger bereit, Risiken auf mich zu nehmen.»

Text: Martin Schuppli, Fotos: Paolo Foschini

Auf der eigens dafür ausgerichteten (Palliativ-)Station des Akutspitals werden schwer kranke und sterbende Patientinnen,  Patienten betreut und begleitet.

Palliativstation des Spitals Affoltern am Albis
Villa Sonnenberg, Sonnenbergstrasse 27, 8910 Affoltern am Albis

Tel. +41 44 714 38 01

palliative@spitalaffoltern.ch | www.spitalaffoltern.ch

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