Sandra Curschellas hat als Assistenzärztin Palliative Care und Geriatrie am Spital Affoltern a. A. ihren Traumjob gefunden. (Foto: Paolo Foschini)
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«Ich möch­te nicht ster­ben, bevor die Kin­der erwach­sen sind»

Auf der Pal­lia­tiv­sta­ti­on der Vil­la Son­nen­berg kön­nen die Tage lang sein, das Leben, der Tod, das Ster­ben all­ge­gen­wär­tig. San­dra Cur­schel­las erzählt, wie viel inter­dis­zi­pli­nä­res Zusam­men­ar­bei­ten nötig ist, damit ein Leben selbst­be­stimmt und angst­frei enden kann.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Journalist BR am
21. Februar 2018

Geburt und Tod gehö­ren unwei­ger­lich zusam­men. Das weiss San­dra Cur­schel­las, Assis­tenz­ärz­tin Ger­ia­trie und Pal­lia­ti­ve Care am Spi­tal Affol­tern am Albis. Die gross­ge­wach­se­ne Frau mit den blon­den, adrett zusam­men­ge­bun­den Haa­ren brach­te eini­ge Erfah­rung mit, als sie vor einem Jahr die Stel­le im Säu­liamt antrat. Lebens­er­fah­rung. Erfah­rung als Mut­ter, als Ärz­tin.

Bereits in ihrer Kind­heit wur­de sie mit dem Ster­ben und Tod kon­fron­tiert, muss­te früh Ver­ant­wor­tung über­neh­men, hel­fen. Ein mög­li­cher Grund, war­um sie sich für den Arzt­be­ruf und nun für die Arbeit auf einer Pal­lia­tiv­sta­ti­on ent­schie­den hat. «Noch heu­te hel­fe ich lie­ber, als dass ich mir hel­fen las­se».

In der Pal­lia­tiv-Care-Arbeit ist Erfah­rung gefragt

Hel­fen steht heu­te in der Vil­la Son­nen­berg immer noch im Vor­der­grund. Die Arbeit auf der Pal­lia­tiv­sta­ti­on macht San­dra Cur­schel­las Freu­de. «Hier brin­ge ich mehr ein als mein medi­zi­ni­sches Fach­wis­sen, mei­ne lang­jäh­ri­ge Erfah­rung als Ärz­tin – hier bin ich zudem als Mensch gefor­dert. In der Vil­la ist Intui­ti­on, Ein­füh­lungs­ver­mö­gen gefragt, Fle­xi­bi­li­tät, Orga­ni­sa­ti­ons­ta­lent. Hier höre ich, wenn immer mög­lich, gut zu, ver­su­che mich ein­zu­füh­len in die Sor­gen, Nöte und Wün­sche von schwerst­kran­ken, mit­un­ter ster­ben­den Men­schen. Hier neh­me ich Anteil an der Trau­er von Ange­hö­ri­gen.»

Sandra Curschellas: Assistenzärztin Palliative Care und Geriatrie am Bezirksspital Affoltern a. A

San­dra Cur­schel­las: «Ver­netz­tes Den­ken und inter­dis­zi­pli­nä­re Zusam­men­ar­beit sind unum­gäng­lich, wenn Pal­lia­tiv­me­di­zi­ner, -medi­zi­ne­rin­nen den Pati­en­ten, Pati­en­tin­nen ermög­li­chen wol­len, zu Hau­se ster­ben zu kön­nen, das Lebens­en­de selbst­be­stimmt zu gestal­ten.» (Foto: Pao­lo Foschi­ni)

Gute Team­ar­beit, gros­se Hilfs­be­reit­schaft

Auf der Pal­lia­tiv­sta­ti­on sind die Arbeits­ta­ge lang und sel­ten genau plan­bar. Der Tod kommt nicht immer ange­mel­det, Schmerz und Leid sind nicht in jedem Fall abseh­bar. Es gibt Situa­tio­nen, da gerät das Team an sei­ne Gren­zen. «Wir hel­fen ein­an­der, wo immer es mög­lich ist», sagt die Assis­tenz­ärz­tin. Etwas ver­lo­ren schweift ihr Blick über die Fens­ter, in der sich die gleis­sen­de Nach­mit­tags­son­ne spie­gelt. «Die Stim­mung im Team ist so gut, wie ich es noch nie erlebt habe. Die Hilfs­be­reit­schaft ist aus­ser­ge­wöhn­lich, die Atmo­sphä­re herz­lich. Wir kön­nen zusam­men lachen und wei­nen. Wir kön­nen zusam­men fröh­lich und trau­rig sein.»

Wer glaubt, in einer Pal­lia­tiv­sta­ti­on dre­he sich alles nur ums Ster­ben, der irrt. «Wir sind bemüht, unse­ren Pati­en­tin­nen, Pati­en­ten ein mög­lichst gutes Leben zu ermög­li­chen. Wir bekämp­fen Sym­pto­me, suchen nach Lösun­gen für eine mög­lichst beschwer­de­freie, selbst­be­stimm­te Zeit», sagt San­dra Cur­schel­las.

Die­se Lösun­gen kann die Ärz­tin nicht allei­ne prä­sen­tie­ren. Dafür brauchts eine inter­dis­zi­pli­nä­re Zusam­men­ar­beit. «Unse­re Pati­en­tin­nen, Pati­en­ten sind in der Regel schwer krank, haben ihre letz­te Lebens­pha­se begon­nen, deren Ende abseh­bar ist.

Wenn sie zu uns kom­men, ver­su­chen wir, ihre Wün­sche und Bedürf­nis­se her­aus­zu­fin­den. Zuerst gilt es meist, Sym­pto­me zu lin­dern. Im wei­te­ren Ver­lauf zei­gen wir ihnen Unter­stüt­zungs­mög­lich­kei­ten auf, um eine all­fäl­li­ge Rück­kehr nach Hau­se zu ermög­li­chen – und dies mit der Sicher­heit, dass sie jeder­zeit eine Ansprech­per­son haben. Und falls jemand zu Hau­se ster­ben möch­te, ver­su­chen wir, dies zu ermög­li­chen.

Sandra Curschellas:

San­dra Cur­schel­las: «Mich dünkt, dass es sehr auf die Per­sön­lich­keit und die eige­ne Erfah­rung mit dem The­ma Ster­ben und Tod ankommt, ob man sich die­sen Fra­gen stel­len will. Man­che Men­schen hal­ten am Leben fest. Dann ist es schwie­rig, zu gehen.» (Foto: Pao­lo Foschi­ni)

Gesprä­che am run­den Tisch brau­chen Ein­füh­lungs­ver­mö­gen

Damit eine Rück­kehr nach Hau­se oder das Ster­ben zu Hau­se mög­lich ist, gilt es die Bedürf­nis­se eines jeden Pati­en­ten, einer jeden Pati­en­tin abzu­klä­ren, einen Not­fall­plan aus­zu­ar­bei­ten und die Betei­lig­ten zu infor­mie­ren, zu instru­ie­ren sowie Anschluss­lö­sun­gen zu eva­lu­ie­ren. San­dra Cur­schel­las: «Dies geschieht in der Regel bei einem Gespräch am run­den Tisch. Mit dabei sind invol­vier­te Ange­hö­ri­ge, Pfle­ge­fach­leu­te, idea­ler­wei­se jemand aus dem Spi­t­ex­team und/oder Leu­te von der Onko-Spitex sowie der Haus­arzt des Pati­en­ten, der Pati­en­tin resp. die Haus­ärz­tin. Gelei­tet wird das Gespräch vom ver­ant­wort­li­chen Arzt, der ver­ant­wort­li­chen Ärz­tin.»

Dort ster­ben, wo man es sich wünscht

So ein Gespräch braucht eine Men­ge Ein­füh­lungs­ver­mö­gen sowie die grösst­mög­li­che Fle­xi­bi­li­tät aller Betei­lig­ten. «Grund­sätz­lich unter­neh­men wir alles, damit jemand sei­nen letz­ten Lebens­ab­schnitt dort ver­brin­gen kann, wo er möch­te. Dass jemand dort ster­ben kann, wo er es sich wünscht», sagt San­dra Cur­schel­las.

Sta­tis­tisch gese­hen ist dies für drei Vier­tel aller Befrag­ten zu Hau­se, im Krei­se der Ange­hö­ri­gen. Dort möch­ten sie fried­lich ein­schla­fen kön­nen.

Die Sta­tis­tik sag­te fürs Jahr 2012:  … dass heu­te nur etwa zehn Pro­zent der Men­schen, die jähr­lich in der Schweiz ster­ben, plötz­lich und uner­war­tet aus dem Leben schei­den. Die Mehr­heit stirbt nach einer, über län­ge­re Zeit, lang­sam zuneh­men­den Pfle­ge­be­dürf­tig­keit – und zwar im Alters- oder Pfle­ge­heim.

Bun­des­amt für Sta­tis­tik

Wie erlebt die Ärz­tin die Men­schen, wenn der «Tod anklopft»? San­dra Cur­schel­las schweigt kurz, blin­zelt in die Son­ne und sucht nach pas­sen­den Wor­ten. «Ich erle­be das ganz ver­schie­den. Die einen Men­schen sind bereit, haben sich inten­siv damit aus­ein­an­der­ge­setzt. Ande­re ste­hen ganz am Anfang. Mich dünkt, dass es sehr auf die Per­sön­lich­keit und die eige­ne Erfah­rung mit dem The­ma Ster­ben und Tod ankommt, ob man sich die­sen Fra­gen stel­len will oder ob man sich die­sen Fra­gen bereits gestellt hat.»

Die Aus­ein­an­der­set­zung mit der eige­nen End­lich­keit ist äus­serst wich­tig, fin­det die Ärz­tin. «Wir alle müs­sen uns täg­lich bewusst sein, dass der Tod eine Rea­li­tät des Lebens ist.» Wie­der legt sie eine Pau­se ein. Sagt dann:

«Emo­tio­nal schwie­rig wird es für mich, wenn ein Mensch vom Ster­be­pro­zess über­rum­pelt wird. Wenn ich mer­ke, dass zu wenig Zeit bleibt, um die Sachen zu regeln, even­tu­el­le Kon­flik­te zu lösen und Abschied zu neh­men. Oder wenn Men­schen betrof­fen sind, die noch mit­ten im Leben ste­hen.»

 

 

In der letz­ten Lebens­pha­se muss bei uns nie­mand Schmer­zen, Ängs­te, Beschwer­den ertra­gen

Und was den­ken Sie, pas­siert beim Ster­ben? «Eine schwie­ri­ge Fra­ge. Die Ant­wort ist kaum in Wor­te zu fas­sen», sagt San­dra Cur­schel­las. «Vie­le mer­ken, wenn der Ster­be­pro­zess beginnt. Die einen wer­den schwä­cher, ande­re unru­hi­ger. Ich erle­be, dass jemand nicht mehr essen mag, nicht mehr trin­ken, sich kaum mehr bewegt, Ruhe möch­te.» Die­sen Pro­zess kann die Pal­lia­tiv­me­di­zin unter­stüt­zen: «Nie­mand muss Schmer­zen, Beschwer­den oder Ängs­te ertra­gen, wir kön­nen etwas unter­neh­men. Heu­ti­ge Medi­ka­men­te sind sehr wirk­sam, und wir wis­sen genau, wie wir sie ein­set­zen kön­nen.»

Das erleb­te der Autor beim Tod sei­nes Vaters Peter im Spi­tal Affol­tern am Albis. Der 89-Jäh­ri­ge war nach einem Sturz zwar unver­letzt, aber des Lebens satt. Die Aus­sicht, ins Pfle­ge­heim zu müs­sen, war ihm uner­träg­lich. Er hör­te auf zu reden, woll­te nicht mehr essen, nicht mehr trin­ken. Der alte Mann zog sich zurück in die eige­ne Welt. Er berei­te­te sich vor, heim­zu­ge­hen in den «ewi­gen Osten», wie er zeit­le­bens zu sagen pfleg­te. Dank fach­ge­rech­ter Sedie­rung nahm er wahr, wenn Besuch kam. Die rest­li­che Zeit schlief er. Nach zehn Tagen schloss er abends, als er allein war, für immer die Augen. Wir waren trau­rig und dank­bar.

DeinAdieu-Autor Martin Schuppli und Dr. med. Sandra Curschellas genossen das Gespräch im Garten der Villa Sonnenberg.

Hoher Him­mel und wei­ter Hori­zont. DeinAdieu-Autor Mar­tin Schupp­li und Dr. med. San­dra Cur­schel­las genos­sen das Gespräch im Gar­ten der Vil­la Son­nen­berg. (Foto: Pao­lo Foschi­ni)

«Mein Mut­ter im Him­mel beschützt mich»

Das Gespräch mit San­dra Cur­schel­las nimmt eine erneu­te Wen­dung. Auf die Fra­ge, wohin denn unse­re letz­te Rei­se füh­ren wür­de, ant­wor­tet die Ärz­tin: «Als Kind stell­te ich mir immer vor, mei­ne Mut­ter sei im Him­mel und wür­de mich beschüt­zen, wür­de schau­en, dass ich kei­nen ‹Seich› mache.» Sie lacht kurz, sagt dann: «Auf die­se Fra­ge muss jeder sei­ne eige­ne Ant­wort fin­den. Ich bin demü­tig und dank­bar, für alles was ich habe. Mei­nen Beruf emp­fin­de ich als Pri­vi­leg. Men­schen auf dem letz­ten Teil ihres Lebens­we­ges zu beglei­ten, ihnen bei­zu­ste­hen, ist eine wun­der­schö­ne Auf­ga­be.»

Hat San­dra Cur­schel­las denn vor etwas Angst? «Eigent­lich nicht. Weder vor dem Tod noch vor dem Ster­ben. Angst macht mir höchs­tens die Vor­stel­lung, dass ich ster­ben müss­te, bevor mei­ne Kin­der erwach­sen sind. Über­haupt möch­te ich kei­nen plötz­li­chen Tod. Wenn nötig, möch­te ich noch letz­te Kon­flik­te lösen. Adieu sagen kön­nen. Das wäre mir sehr wich­tig.»

Text: Mar­tin Schupp­li, Fotos: Pao­lo Foschi­ni

 

Info­box

Auf der eigens dafür aus­ge­rich­te­ten (Palliativ-)Station des Akut­spi­tals wer­den schwer kran­ke und ster­ben­de Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten betreut und beglei­tet.

Pal­lia­tiv­sta­ti­on des Spi­tals Affol­tern am Albis
Vil­la Son­nen­berg
Son­nen­berg­stras­se 27
8910 Affol­tern am Albis

Tel. 044 714 38 01

palliative@spitalaffoltern.ch | www.spitalaffoltern.ch

 

 

 

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