Kathrin Rauchenstein, Pflegedienstleiterin im Gespräch mit einer Bewohnerin des Engelhof in Altendorf SZ.
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«Sterbende Menschen brauchen Herzenswärme»

Gespräch mit Kathrin Rauchenstein, Pflegedienstleiterin im Seniorenzentrum Engelhof in Altendorf SZ

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
07. Mai 2016

So beginnt eigentlich keine Geschichte. Trotzdem. Bevor der Chronist durch die Türe des Seniorenzentrums Engelhof in Altendorf SZ tritt, beseitigt er Vorurteile. Es empfängt ihn keine traurige, trostlose Atmosphäre. Im Gegenteil: Es ist etwas los. Gebaut wird, der Neubau ist in Betrieb, das alte Haus wird renoviert, herausgeputzt.

Gross und hell ist die Eingangshalle mit angrenzendem Speisesaal. Modern der Flachbildschirm neben der Anmeldung. Hier können sich Interessierte durchs Angebot klicken, drei verschiedene Menüs ansehen, nach Bewohnerinnen, Bewohnern suchen oder den Veranstaltungskalender studieren. Hier erfahren Wartende eine Menge über das Seniorenzentrum.

Derzeit leben 42 Senioren, Seniorinnen im Engelhof, am Ende der Bauzeit werden es 76 sein. Die meisten wohnten vorher schon in der Schwyzer Gemeinde Altendorf oder in Galgenen der Partnergemeinde. Der Jüngste ist 67 Jahre alt, die Älteste kann bald den 104. Geburtstag feiern.

Angestellte singen Happy Birthday

Bei Wiegenfesten gibts jeweils einen Blumenstrauss und hausgemachte Pralinés. Die Angestellten singen Happy Birthday. Das wäre ein beachtlicher Chor, wenn alle mitsingen könnten: «Ich führe derzeit ein Team von 40 bis 45 Angestellten», sagt Kathrin Rauchenstein. Sie ist Pflegefachfrau HF und arbeitet seit zehn Jahren im Engelhof. In dieser Zeit veränderte sich vieles: «Etwa die Ansprüche der Bewohner, der Bewohnerinnen sowie die der Angehörigen. Wir konnten den Pflegebereich in den letzten Jahren professionalisieren. Es entstand ein Leitbild und das Kader erarbeitete Richtlinien, setzte sie um.» Kathrin Rauchenstein schrieb ein Palliativpflegekonzept. Zudem erlebte die Ausbildung von Nachwuchskräften einen Wandel. «In den Bereichen Pflege und Küche bilden wir derzeit elf Lernende aus.»

Im Engelhof gibts nur Einzelzimmer, Ehepaare haben die Möglichkeit, das eine Zimmer als Schlafzimmer einzurichten, das andere als Wohnzimmer. Neu gibts im Engelhof eine Demenzabteilung für zehn Betroffene. Zur Demenzabteilung gehört ein gesicherter Garten. Dort können sich die Bewohner, Bewohnerinnen selbstständig und geschützt im Freien aufhalten.

Das Seniorenzentrum ist rund um die Uhr offen, die Bewohnerinnen, Bewohner können gehen, wann und wohin sie wollen. Wenn immer möglich, erfüllt das Pflegeteam ihre Wünsche. Kathrin Rauchenstein: «Wir passen uns unseren Bewohnerinnen, Bewohnern an. Sie sollen ihre Gewohnheiten weitgehend beibehalten können und sich zu Hause fühlen. Wir sind ausgerüstet für zukünftige Bedürfnisse, für die Nutzung von Handy, Tablet oder Laptop.»

Gut gerüstet für moderne Kommunikationstechnik

Stolz zeigt Kathrin Rauchenstein eines der modernen Wellnessbadezimmer. So eines gibts in jedem Stock. «Die Badewannen mit integriertem Badestuhl, Sprudeldüsen und wechselndem Licht sind sehr begehrt. Wir haben extra Badefrauen, die unsere Leute betreuen, ihnen regelmässig entspannende Bäder ermöglichen.»

Der Engelhof ist für die meisten Bewohnerinnen, Bewohner die letzte Heimat. «Sie müssen nicht mehr zügeln. Jedes Zimmer ist so eingerichtet, dass eine umfassende Pflege bis zum Tod möglich ist.»

Sensible Gespräche über das Sterben und den Tod

Das Lebensende ist selten ein Thema. «Das verdrängen die Menschen recht gut», sagt die Pflegedienstleiterin. «Wenn es soweit ist, jemand also in die letzte Lebensphase tritt, sind Gespräche unumgänglich.» So muss Kathrin Rauchenstein wissen, was jemand auf seiner «letzten Reise» tragen möchte. Sind es Privatkleider oder ein Totenhemd? Ist eine Urnenbestattung oder eine Erdbestattung vorgesehen. «Diese Gespräche führen wir sehr sensibel und gehen sehr achtsam dabei vor.»

Für viele Bewohnerinnen, Bewohner sowie Angehörige ist Kathrin Rauchenstein eine Vertrauensperson: «In persönlichen Gesprächen besprechen wir Themen wie Patientenverfügung. Wir nehmen Wünsche auf und setzen sie um.»

Hinterbliebene brauchen Trost und Verständnis

Über den Tod will kaum jemand sprechen. «Er ist nicht allgegenwärtig bei uns», sagt die Pflegefachfrau HF. «Wenn jemand stirbt, stellen wir aufs Tischchen beim Eingang ein Bild und eine Kerze. Sie brennt dort so lange, bis die Beerdigung vorbei ist.» Dass jemand im Zimmer aufgebahrt wird, die Bewohnerinnen, Bewohner Abschied nehmen könnten, wäre möglich, sagt Kathrin Rauchenstein. Es wird selten gewünscht, die meisten möchten einen Verstorbenen, eine Verstorbene so in Erinnerung behalten, wie sie ihn, sie zu Lebzeiten kannten. Anders ist es beim Pflegepersonal: «Durch die oft sehr enge Beziehung ist es ein grosses Bedürfnis, jemandem adieu zu sagen, und da kann es gut sein, dass ab und zu Tränen fliessen», sagt Kathrin Rauchenstein.

Es ist wichtig diese Stimmungen im Team wahrzunehmen und sie wenn nötig zu besprechen. Stirbt jemand unerwartet, hat sich der Tod also vorher nicht angekündigt, kann das für alle Beteiligten sehr belastend sein.

«Ich habe gesündigt, weil ich am Sonntag strickte»

Wenn sich jemand fürchtet vor dem Sterben, dann ist diese Angst manchmal mit dem Glauben verbunden. «Die alten Menschen fürchten das Fegefeuer. Eine Frau vertraute mir an, sie habe gesündigt», sagt Kathrin Rauchenstein. «Als ich dann fragte, was genau ihre Sünde war, gestand sie mir: ‹Ich habe jeweils am Sonntag gestrickt.›»

Ob ein Pfarrer jemandem solche Ängste nehmen kann, vermag Kathrin Rauchenstein nicht zu sagen. «Der Pfarrer kommt regelmässig ins Haus, er spendet Trost, macht Krankensalbungen, betet mit den Gläubigen.» Und dann fügt die erfahrene Pflegefachfrau an, «der Glaube an Gott bringt eine starke Verankerung, er spendet Hoffnung, Zuversicht und Mut.»

Es sind also die einzelnen Gespräche, die Kathrin Rauchenstein zur Vertrauensperson vieler Menschen im Engelhof macht. «Die Lebensgeschichte ist oft ein Thema in den Gesprächen. Ich erfahre dabei auch Lebensereignisse, die mich an die Grenze der Belastung bringen. Etwa, wenn eine Mutter früh ihr Kind verlor und ein ganzes Leben lang nicht damit fertig wurde. Oder wenn jemand Missbrauch, Gewalt erlebte.»

Kathrin Rauchenstein, Pflegdienstleiterin im Seniorenzentrum Engelhof

Kathrin Rauchenstein, Pflegdienstleiterin im Seniorenzentrum Engelhof in Altendorf SZ, zeigt stolz eine der Wellnessbadewannen. «Wir haben Badefrauen angestellt, die unsere Bewohnerinnen und Bewohner baden. Das gefällt.» (Foto: Paolo Foschini, Horgen ZH)

Belastende Geschichten beim Joggen loslassen

Wie wird die Ehefrau und Mutter von drei erwachsenen Kindern, mit solch belastenden Geschichten fertig? Kathrin Rauchenstein lächelt, streicht sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht. «Zum Ausgleich jogge ich drei Mal pro Woche je 13 Kilometer weit. Zudem habe ich gute Arbeitskolleginnen und Freunde, mit denen ich mich austausche. Ich besuchte Weiterbildungen zum Thema ‹Abgrenzung›, lernte also, mit solch schweren, traurigen Situationen umzugehen.»

Kathrin Rauchenstein sass schon oft am Bett eines sterbenden Bewohners, einer sterbenden Bewohnerin. «Ich merkte, wie wichtig es ist, einfach da zu sein. Ich lege dann meine Hand auf oder unter die Hand des Menschen, der sich verabschieden möchte. Ich halte ihn bewusst nicht. Gebe ihm die Möglichkeit, zu gehen. Ist der Tod dann gekommen, öffne ich das Fenster, verharre eine Weile still. Diese Stille berührt mich jedes Mal aufs Neue und macht mich demütig.»

Engelhof-Team kennt sich aus mit Palliative Care

Angst vor Schmerzen, vor Ersticken muss niemand haben. Das Pflegeteam kennt sich aus mit Palliative Care. Kathrin Rauchenstein schrieb ein Konzept und legt Wert auf Weiterbildung. Sie selber unterrichtet im Auftrag des Roten Kreuzes in Winterthur verschiedene Lehrgänge für Pflegehilfen.

«Die Angehörigen wissen, dass ihre Leute bei uns in guten Händen sind», sagt Kathrin Rauchenstein. «Wir unternehmen alles, den uns ‹anvertrauten› Menschen die letzte Lebensphase so angenehm wie möglich zu gestalten.»

«Was antworten Sie», fragt der Chronist, «wenn jemand sagt, ‹Frau Rauchenstein, ich möchte sterben›». Die lebenserfahrene Frau denkt nach, sagt dann, «ich frage, ‹warum›? Versuche herauszufinden, was genau zu diesem Wunsch führt? Dann versuche ich, gemeinsam zu klären, was wir tun können, um die Situation erträglicher zu gestalten.» Kathrin Rauchenstein versteht den Wunsch und die damit verbunden Ängste. Nur, den Zeitpunkt zum Sterben kann der Mensch nicht selber bestimmen. «Aber ich glaube ganz stark, dass jeder Mensch am Ende sein inneres Ja zum Gehen gibt. Wenn er bereit ist, loszulassen und mit sich im Reinen ist, dann kann er auch sterben.» Sie hält kurz inne und fährt dann fort: «Wobei, ja sagen das eine ist und sterben wollen das andere.»

Kathrin Rauchenstein sucht in solchen Momenten auch das Gespräch mit den Angehörigen. In den meisten Fällen sind die Angehörigen froh, wenn die Pflegefachfrau die Verantwortung übernimmt. Meist ist sie ja die Vertrauensperson. «In der Regel wollen unsere Bewohner nicht, dass wir sie ins Spital verlegen lassen und dort lebensverlängernde Massnahmen eingeleitet werden. Klar, wenn jemand stürzt, macht ein Kurzaufenthalt Sinn. Aber eigentlich behalten wir die Bewohnerinnen und Bewohner in ihrer gewohnten Umgebung.» Mit den Hausärzten arbeitet das Engelhof-Team gut zusammen. «Sie nehmen uns als gleichwertige Partner wahr, hören auf uns.»

Katharina R. Rauchenstein und DeinAdieu-Autor Martin Schuppli

Kathrin Rauchenstein führte DeinAdieu-Autor Martin Schuppli durch den Engelhof in Altendorf SZ und sprach mit ihm über Leben und Sterben im Altersheim. (Foto: Paolo Foschini)

Die Wenigsten wollen über die eigene Endlichkeit reden

Will sich jemand im Engelhof von einer EXIT-Vertrauensperson beraten lassen, ist das möglich. «Aber hier im Haus durch Exit zu sterben, das geht nicht, da sich der Engelhof für die Palliative Charta entschieden hat, das ist ein Label des Kantons Schwyz. Durch Exit zu sterben, war noch nie ein Wunsch im Engelhof.» Ob sie das Gefühl habe, ältere Menschen spürten einen gesellschaftlichen Druck, dass sie irgendwann gehen müssen, dass sie niemandem zur Last fallen dürfen. Kathrin Rauchenstein verneint. «Das Sterben wird verdrängt. Mir kommt es so vor, die meisten wollen gar nicht über die eigene Endlichkeit sprechen.»

Und wie ist das mit dem so genannten Sterbefasten? «Nun», sagt Kathrin Rauchenstein «in der Endphase ist es normal. Da will man nicht mehr essen, nicht mehr trinken. Der Körper zieht sich zurück. Dann sind wir als Palliativpflegende gefragt. Wir gestalten diese allerletzte Phase so angenehm wie möglich. Wenn der Mensch gehen will, gehen muss, braucht er nur noch jemanden, der ein Herz hat, der ihm Herzenswärme schenken kann.»

Text: Martin Schuppli/Fotos: Paolo Foschini

  • Christine Friedli

    So schön Kathrin! 💞Ich cha dir gar nöd schriibä wie mich das berüehrt,drum lanis bliibä.🤗gnüss dä ☀️Mamitag,häsches verdient!😘Christine

  • KaThrin R. Rauchenstein

    Danke Christine Friedli für Dini Wort❤️ ich wünsche au Dir en wunderschöne Muettertag🌹

  • Therese Pfarrer-Pejzl

    stimmt..ich durfte das vor Jahren einem lieben Freund auf seinem Heimgang mitgeben..

  • Markus Müller

    Das stimmt.

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