Iris Frey, Palliativpflegefachfrau, spricht mit DeinAdieu.ch über den Tod und das Leben. (Foto: Peter Lauth)
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 «Ich möch­te nicht den Sekun­den­tod ster­ben»

Iris Frey war neun Jah­re lang Pal­lia­tiv­pfle­ge­fach­frau im Aar­gau­er Spi­tal Men­zi­ken. Der Tod war und ist ein stän­di­ger Beglei­ter der 50-jäh­ri­gen Birr­wi­le­rin. Ein Gespräch über Ster­ben, Angst und Lebens­qua­li­tät.

Artikel verfasst von Larissa Hunziker am
06. September 2018

Iris Frey, wie möch­ten Sie ein­mal ster­ben?
Pal­lia­tiv­pfle­ge­fach­frau Iris Frey:
Ich möch­te nicht den Sekun­den­tod ster­ben, so wie es sich ein Gross­teil der Men­schen wünscht. Ger­ne wür­de ich mich von mei­nen Liebs­ten ver­ab­schie­den wol­len. Ich wür­de ger­ne etwas Zeit haben, um Din­ge in Ord­nung zu brin­gen, die noch nicht gere­gelt sind.

Was glau­ben Sie, kommt nach dem Tod?
Mei­ne Vor­stel­lung ist, dass ich gebor­gen sein wer­de an einem wun­der­ba­ren Ort, frei von Sor­gen und Schmer­zen, umge­ben von lie­be­vol­len Wesen.

War­um wur­den Sie Pal­lia­tiv­pfle­ge­fach­frau?
Das Inter­es­se an Men­schen mit schwe­ren Krank­hei­ten und deren Beglei­tung ist eine Her­zens­an­ge­le­gen­heit von mir. Alle Fra­gen zum The­ma Tod und Ster­ben, eben­so spi­ri­tu­el­le, inter­es­sie­ren mich seit jeher.

Ist es nicht depri­mie­rend, als Pal­lia­tiv­pfle­ge­fach­frau nur mit dem Tod kon­fron­tiert zu sein?
Nein. Pal­lia­ti­ve Care bedeu­tet so viel mehr als Ster­be­be­glei­tung. Es ist die Beglei­tung und Betreu­ung chro­nisch kran­ker Men­schen und ihrer Ange­hö­ri­gen, von dem Zeit­punkt an, wo kei­ne Hei­lung mehr statt­fin­det, aber den­noch sehr viel getan wer­den kann. Die Men­schen kön­nen noch vie­le Jah­re so leben.

Trotz­dem endet der Auf­ent­halt auf einer Pal­lia­tiv­ab­tei­lung immer mit dem Tod.
Das stimmt nicht ganz. Eine Pal­lia­tiv­ab­tei­lung ist kein Hos­piz. Auf der Pal­lia­tiv­ab­tei­lung behan­deln wir Sym­pto­me wie Übel­keit oder Schmer­zen. Und dann gehen die Pati­en­ten ent­we­der nach Hau­se oder in eine ande­re Insti­tu­ti­on. Aber natür­lich stirbt man auch auf der Pal­lia­tiv­ab­tei­lung.

Iris Frey, Palliativpflegefachfrau

Iris Frey: «Pal­lia­ti­ve Care bedeu­tet so viel mehr als Ster­be­be­glei­tung. Es ist die Beglei­tung und Betreu­ung chro­nisch kran­ker Men­schen und ihrer Ange­hö­ri­gen, von dem Zeit­punkt an, wo kei­ne Hei­lung mehr statt­fin­det.» (Foto: Peter Lauth)

Was kann für unheil­bar kran­ke Pati­en­ten getan wer­den?
Es gibt so viel zu tun, auch wenn es schein­bar nichts mehr zu tun gibt. Man kann den Men­schen noch so viel geben, ihnen Lebens­qua­li­tät bis zum letz­ten Tag ermög­li­chen und sie in einen wür­di­gen Tod beglei­ten. Zu sehen, wie es am Ende fast immer ruhig und fried­lich wird, gibt so viel Zuver­sicht für den eige­nen Tod.

Wel­ches Pati­en­ten­schick­sal ging Ihnen beson­ders nah – ans Herz, sozu­sa­gen?
Es gibt nicht «das» Schick­sal, es gibt vie­le. Es sind die Schick­sa­le der Men­schen, die eine schwie­ri­ge Zeit erle­ben. Von Men­schen, die stän­dig Rück­schlä­ge in Kauf neh­men müs­sen, immer etwas weni­ger sind und weni­ger kön­nen, die nicht ver­ste­hen, wie­so sie es sind, die das erle­ben müs­sen. So etwas kann mich per­sön­lich tref­fen.

Sie haben Ihre eige­ne Schwie­ger­mut­ter pal­lia­tiv betreut. Wie schwie­rig war das für Sie?
Es war vor allem schwie­rig, dies­mal nur in der Rol­le der Ange­hö­ri­gen zu sein. Die Beglei­tung mei­ner Schwie­ger­mut­ter war die wert­volls­te Erfah­rung in der Ster­be­be­glei­tung über­haupt für mich. Mit ihr konn­te ich das Ster­ben und sei­ne Pha­sen haut­nah mit­er­le­ben. Es war auf der ande­ren Sei­te eben­so sehr die emo­tio­nals­te Ster­be­be­glei­tung. Nie wäh­rend all den Jah­ren habe ich so gespürt, hat es mich so mit­ge­nom­men.

Was wün­schen sich Pati­en­ten kurz vor ihrem Tod?
Sie wün­schen sich, ohne Schmer­zen und Beschwer­den ruhig ein­schla­fen zu kön­nen. Sie wün­schen sich, je nach Krank­heit, nicht ersti­cken zu müs­sen, einen ruhi­gen Tod zu ster­ben. Sie wol­len ein wür­di­ges Lebens­en­de haben, wol­len gut gepflegt sein und ihre Ange­hö­ri­gen bei sich haben.

Iris Frey, Palliativpflegefachfrau

Iris Frey: «Wenn ich sehe, wie es am Ende fast immer ruhig und fried­lich wird, gibt das so viel Zuver­sicht für den eige­nen Tod.» (Foto: Peter Lauth)

Was hal­ten Sie von Ster­be­hil­fe?
Ich ver­ste­he jeden, der den Ent­scheid fällt, frei­wil­lig aus dem Leben zu gehen. Es gibt gewis­se Dia­gno­sen, bei denen man weiss, dass das Ende mit Lei­den ver­bun­den sein kann, trotz moder­ner Medi­zin. Da wür­de ich mir die­se Gedan­ken eben­falls machen. Aber wahr­schein­lich wür­de ich eher mit Ster­be­fas­ten aus dem Leben gehen. Dabei ver­zich­tet man bewusst auf Nah­rung und nimmt nur noch 50 Mil­li­li­ter Flüs­sig­keit pro Tag zu sich und wird so inner­halb von drei Wochen ster­ben.

Ist es nicht schier unmög­lich, das Durst­ge­fühl zu igno­rie­ren?
Beim Ster­be­fas­ten trinkt man rund 50 ml Was­ser, um Medi­ka­men­te ein­zu­neh­men. Ver­zich­tet jemand frei­wil­lig auf Nah­rung und Flüs­sig­keit, fällt die Aus­schüt­tung von Stress­hor­mo­nen prak­tisch weg, im Gegen­satz zu Men­schen, die ver­hun­gern und ver­durs­ten. Zu Beginn kann sich Kopf­schmerz ein­stel­len, dies bei Men­schen, die aus dem vol­len Leben ins Ster­be­fas­ten gehen. Aber bereits 24 Stun­den nach Beginn des Fas­tens stellt sich der Kör­per auf den Hun­ger­stoff­wech­sel ein, das heisst, alle Kör­per­funk­tio­nen ver­lang­sa­men sich. Im Ver­lauf wer­den ver­mehrt Endor­phi­ne aus­ge­schüt­tet, die durch die Ver­lang­sa­mung des Stoff­wech­sels län­ger im Kör­per ver­wei­len. Bereits in der zwei­ten Fas­ten­wo­che stellt sich Schläf­rig­keit ein.

Kann ich das Ster­be­fas­ten vor­be­rei­ten?
Es wird beschrie­ben, dass das Durst­ge­fühl prak­tisch weg­bleibt, wenn jemand bereits vor dem Ster­be­fas­ten bewusst die Flüs­sig­keits­men­ge auf ein Mini­mum redu­ziert. Dies trifft vor allem bei alten oder sehr kran­ken Men­schen zu.

Dann ist Ster­be­fas­ten nichts für jun­ge Men­schen?
Für jun­ge Men­schen eig­net sich die­se Art des Ster­bens aus dem vol­len Leben her­aus nicht, da sie von quä­len­dem Durst­ge­fühl geplagt wür­den. Der jun­ge Kör­per ver­langt per se viel mehr Flüs­sig­keit als der alte. Für die Ange­hö­ri­gen wäre die Belas­tung uner­träg­lich. Wenn sich ein jun­ger Mensch bei vol­ler Gesund­heit dem Ster­be­fas­ten zuwen­den wür­de, wäre er sehr schnell in der Psych­ia­trie. Ange­hö­ri­ge, die es trotz­dem tole­rie­ren, wür­den sich straf­bar machen.

Ster­be­fas­ten braucht dem­nach einen star­ken Wil­len.
Ja. Grund­sätz­lich ist zu sagen, dass Ster­be­fas­ten einen star­ken Wil­len braucht und die­se Art des Ster­bens nicht für alle Men­schen geeig­net ist.

Sie haben von der Pfle­ge ins Case Manage­ment des Spi­tals Zofin­gen gewech­selt. War­um?
Es gibt ver­schie­den Grün­de, sicher waren es nicht die Men­schen, die ich betreu­en durf­te. Es hat mich inter­es­siert, die Spi­tal­land­schaft aus einer ande­ren Sicht zu sehen, mit der Gesetz­ge­bung kon­fron­tiert zu sein, nur noch eine bera­ten­de Tätig­keit zu haben. Zugleich habe ich die Mög­lich­keit, mein Inter­es­se an der Pal­lia­ti­ve Care wei­ter aus­zu­bau­en. Mein Ziel ist es, für die Alters- und Pfle­ge­hei­me bera­tend tätig zu sein, aber auch Wei­ter­bil­dun­gen zum The­ma zu geben.

Text: Laris­sa Hun­zi­ker, Foto: Peter Lauth

 

Wei­te­re Bei­trä­ge zum The­ma Ster­be­fas­ten

Ster­be­fas­ten Was ist aus reccht­li­cher Sicht zu beden­ken

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Ster­be­fas­ten Mut­ter fand einen schö­nen Tod

pal­lia­ti­ve ch
Schwei­ze­ri­sche Gesell­schaft für Pal­lia­ti­ve Medi­zin, Pfle­ge und Betreu­ung
Buben­berg­platz 11, 3011 Bern

Tel. +41 44 240 16 21

info@palliative.ch  |  www.palliative.ch

  • Ina Häu­ser

    Eine bewun­derns­wer­te Frau,klar und deut­lich auf den Punkt gebracht … für eine Ent­schei­dung über die kaum jemand spricht-Dan­ke🙏🏽

  • DeinAdieu

    Wir soll­ten unbe­dingt dar­über reden. Und zwar mit dem Bewusst­sein: Es ist immer zu früh, bis es zu spät ist.

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