Der keramische Schädel ist die akribische Nachbildung des Schädelknochens eines Menschen, der vor längerer Zeit in der Nähe von Küssnacht am Rigi gelebt hatte.* (Foto: Paolo Foschini)
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Aug in Aug mit dem Tod

Man sagte ihm auch schon Mister Tod. Wohlan. DeinAdieu-Autor Martin Schuppli schenkte sich die Nachbildung eines Totenschädels zum Geburtstag. «Er soll mich täglich daran erinnern, wie endlich mein Leben ist.»

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
25. Januar 2018

Leben und Tod, sterben und gebären. Abschied und Ankunft, lachen und weinen. Freud und Leid. Seit Jahren begleiten mich diese Themen. Sowohl durchs Berufsleben wie durch die Freizeit. Meine Gedanken kreisen um den Beginn des Lebens und um sein Ende.

Mit dem Tod auf Du und Du

Seit zwei Jahren bestimmt der Tod mein Denken und Handeln. Schicksalshaft begegnete ich Gleichgesinnten – fand sie bei DeinAdieu. Zuerst Nicolas Gehrig, später Hasan Parag und schlussendlich Jürg Wachter. Wir alle sind beseelt davon, dem Sterben den Schrecken zu nehmen. Wir wollen vermitteln, dass der Tod eine Realität des Lebens ist. Wir bereiten Informationen auf, erzählen Geschichten, porträtieren Menschen, entwickeln Tools und helfen mit, dass Sie Ihr Lebensende selbstbestimmend gestalten können. Sie, unsere Userinnen, User. Meine Leserinnen, Leser.

Testamentgenerator. Patientenverfügung. Vorsorgeauftrag. Bestattungsplanung. Technische, abstrakte Prozesse für den Umgang mit der letzten Lebensphase. Ich denke, sie zu durchlaufen, ist dringend nötig. Für jeden von uns. Denn der Tod, auch Freund Hein genannt, ist real. Täglich taucht er auf bei mir, der Sensemann. Wenn ich in Zeitungen blättere, von Katastrophen lese, von Armut und Flucht, Gewalt und Terror. Wenn ich innehalte und Todesanzeigen betrachte. Wenn ich mir Gedanken mache. Wenn ich wissen möchte, wer wie, wo und in welchem Alter gestorben ist. Längst sind meine Jahrgänger dran oder die meiner Mutter. Sie ist 30 Jahre älter. Gesund. Mit ihr rede ich ebenfalls über den Tod. Die 93-Jährige wünscht sich, er möge anklopfen. Möge sie mitnehmen. In der Nacht. Mitten im Schlaf. Das wollen viele, und nur wenige schaffen es.

Sterben ist kein Wunschkonzert

Er hört nicht hin, der Tod. Kichert vielleicht mit seinen klapprigen Zähnen. Schüttelt den kahlen Schädel. Wir können kein Muster erkennen. Das eine Mal sind wir froh, wenn jemand gehen durfte. Erlöst wurde. Dann nehmen wir dankbar Abschied. Ein andermal versteht niemand, warum einem gerade das Liebste, das Schönste, das Kostbarste aus den Armen gerissen wurde.

Schrecklich, wenn Kinder sterben, die noch nicht geboren wurden. Oder wenn sie, kaum dem Mutterleib entschlüpft, von Gevatter Tod entführt und Tage später in einem Tränenmeer auf dem Gottesacker beigesetzt werden. Wenn sie auf dem Weg in den Kindergarten verunglücken. Wenn sie missbraucht werden, getötet. Auf der Flucht ertrinken. An einen Strand gespült werden. Unbegreiflich. Da ist der Schmerz riesig, die Wut gross. Allmächtiger. Warum nur?

Sterben muss nicht weh tun

Wenn es nicht die Umstände sind, was ist denn so schrecklich am Tod? Wer in der Obhut von Fachleuten stirbt, muss keine Schmerzen fürchten. Dafür sorgen Ärzte wie Gian Domenico Borasio, Roland Kunz oder Markus Minder. Die Zunft der Palliativmediziner wächst. Die Angst vor einem schrecklichen Sterben schwindet.

Was fürchten wir dann? Ist es etwa das unbekannte Ziel der letzten Reise, das uns Angst macht? Sie soll ins Licht führen. In den ewigen Osten wie mein Vater zu sagen pflegte. In den Himmel. Oder ins Jenseits, ins Elysium, in den Olymp, ins Nirwana. Oder ins Reich der gefallenen Kämpfer, in die Walhalla. Ins Reich Gottes natürlich, ins Paradies, in die ewigen Jagdgründe. Seggsswieswell. Das mit der Hölle glaubt eh niemand mehr. Und die Sünden sind auch nicht mehr, was sie einmal waren.

Tod. DeinAdieu-Autor Martin Schuppli und Juliette Bork, Mitarbeiterin beim Zürcher Friedhofs Forum

Konnten herzhaft lachen mit dem Schädel. DeinAdieu-Autor Martin Schuppli und Juliette Bork. Sie empfängt die Besucherinnen und Besucher im Friedhof Forum der Stadt Zürich. In diesen Ausstellungsräumen dreht sich alles um den Tod, ums Sterben, um Bestattungen und Kremationen. Wer reinschaut, findet spannende Bücher, faszinierende Bilder und hört fesselnde Geschichten. (Foto: Paolo Foschini)

Ich fürchte weder Tod noch Teufel

Angst habe ich keine. Weder vor dem Tod, noch vor dem Sterben. Ich versuche, jetzt zu leben. Im Hier und Heute. Versuche, Gutes zu tun. Schwer ist das Abschiednehmen. Dann, wenn einen die Emotionen überwältigen. Wie letzthin in einer Kirche am Zürichsee. Ich sass in der vordersten Bank, wartete auf meinen Einsatz als Trauerredner. Alexander Seidel erfüllte mir einen Wunsch. Der Organist spielte die Toccata und Fuge in D minor. Sie wird Johan Sebastian Bach zugeschrieben. Das Präludium dieser Musik, die schnellen Läufe und vollgriffigen Akkorde gefolgt von der vierstimmigen Fuge, fluteten jede Ritze meines Herzens, erfüllten die letzten Winkel des Gotteshauses. Tränen stiegen mir in die Augen. Ich hatte die Mutter einer lieben Freundin nicht gekannt, aber der Abschied von einem Menschen, der so sehr geliebt wurde, tat weh, und die Klänge dieser Orgel stützten diesen Schmerz.

Dafür kann der Tod nichts. Es holt jeden von uns. Früher oder später. Unser Weggehen wird wehtun. Weniger uns, als denen, die zurück bleiben. Und so tut es wohl, wenn wir dem Tod in die Augen schauen. Wenn wir uns, jeder auf seine Art, vorbereiten auf das Abschiednehmen. Auf das Abschiednehmen von dieser Welt. Das Abschiednehmen von geliebten Menschen. Wenn wir uns vorbereiten auf das Heimgehen. Das Stillwerden. Aufs Totsein. Auf das Date mit Gevatter Tod. Wohlan.

*ZumTitelbild: Fürs Friedhof Forum schuf die Zürcher Bildhauerin Ruth Gossweiler 70 solcher Schädel. Diese zieren einen Ausstellungsraum im Friedhof Forum. Für DeinAdieu-Autor Martin Schuppli stellte sie ein weiteres Exemplar her. «Eine Naturabformung ist noch kein Kunstwerk, keine bildhauerische Lösung», sagte die Künstlerin. «Sie ist erst sorgfältige handwerkliche Arbeit.» Die liebliche Form des Schädels veranlasst den Autor zur Annahme, es wäre eine Frau gewesen. Er orakelt, sie habe Hilde geheissen.

Text Martin Schuppli, Fotos: Paolo Foschini

 

Friedhof Forum
Aemtlerstrasse 149, 8003 Zürich
Tel. 044 412 55 68

friedhofforum@zuerich.ch |  www.stadt-zuerich.ch/friedhofforum

Öffnungszeiten Friedhof Forum
Dienstag bis Donnerstag:
12.30 bis 16.30 Uhr

  • Silvia Riner

    Das spannende Bild rundet die gefühlvolle Geschichte ab. Super!

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