Christine Süssmann, als Leiterin des Zürcher Friedhofs Forum, ist sie auch eine Fachfrau zum Thema Tod. (Foto: Bruno Torricelli) , ist sie auch eine Fachfrau zum Thema Tod. (Foto: Bruno Torricelli)
Home / Blog / «Über den Tod zu reden, ist nicht chic»

«Über den Tod zu reden, ist nicht chic»

Chris­ti­ne Süss­mann lei­tet das Fried­hof Forum der Stadt Zürich. Mit ihrer Arbeit macht sie den Tod, das Ster­ben und das Abschied­neh­men zum Gespräch.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Journalist BR am
17. Februar 2017

«Obwohl es nicht chic ist, macht es Sinn, über den Tod zu reden»

Kunst­his­to­ri­ke­rin  Chris­ti­ne Süss­mann.

Ins Fried­hof­res­sort rutsch­te die 58-Jäh­ri­ge eher zufäl­lig. «Vor­her arbei­te­te ich in Bas­ler Archi­tek­tur­bü­ros, da waren die Tätig­kei­ten eher zukunfts­ge­rich­tet. Erfah­run­gen mit Ver­an­stal­tun­gen sam­mel­te ich an der Expo 02. In Yver­don lei­te­te ich den Pavil­lon ‹Wer bin ich›.»

Fach­stel­le für Fried­hof- und Grab­mal­kul­tur›

Ende 2009 fiel ihr ein Stel­len­in­se­rat auf: «Die Stadt Zürich such­te jeman­den für die Lei­tung der ‹Fach­stel­le für Fried­hof- und Grab­mal­kul­tur›. Das tön­te skur­ril», sagt Chris­ti­ne Süss­mann. Gefragt war «Inter­es­se an der Sepul­kral­kul­tur», der Kul­tur des Ster­bens, des Bestat­tens und des Trau­erns. Das war ihr alles recht fremd, aber es weck­te Neu­gier. Sie bewarb sich und erhielt die Stel­le.

So begann die Bas­le­rin, sich in Zürich mit dem Lebens­en­de aus­ein­an­der­zu­set­zen. Im Zen­trum stan­den zunächst die Grab­mä­ler. «Im letz­ten Jahr­hun­dert waren sie das Haupt­the­ma auf Schwei­zer Fried­hö­fen», sagt Chris­ti­ne Süss­mann. Gemäss Ver­ord­nung durf­ten die Gedenk­zei­chen weder grell sein, noch wuch­tig oder zu gross. Ver­pönt waren Hoch­glanz-Ober­flä­chen sowie das Mixen ver­schie­de­ner Mate­ria­li­en. Fast 100 Jah­re lang hat­ten in Zürich so genann­te Grab­mal­sach­ver­stän­di­ge streng dar­über gewacht, dass die Vor­schrif­ten ein­ge­hal­ten wur­den. Das führ­te mit den Jah­ren zu Pro­ble­men. Denn die Bedürf­nis­se in der Bevöl­ke­rung ver­än­der­ten sich. Des­halb woll­te die Stadt den Gestal­tungs­spiel­raum erwei­tern.

Chris­ti­ne Süss­mann ent­warf eine neue Grab­mal­ver­ord­nung, die 2011 in Kraft gesetzt wur­de. «Im Wesent­li­chen pass­ten wir die Vor­schrif­ten der Rea­li­tät an», sagt sie. «In Zürich lebt eine mul­ti­kul­tu­rel­le Bevöl­ke­rung. Mit ihr kamen Gestal­tungs­ele­men­te wie Email­le-Fotos oder Bron­ze­vö­ge­li auf die Fried­hö­fe. Sie fan­den bei den Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zern eben­falls Anklang und sind heu­te erlaubt. Eben­so mög­lich sind Mate­ria­li­en und Tech­ni­ken wie Mosai­ke, Beton, Kunst­stoff, Draht, Klin­ker, Por­zel­lan oder Glas.»

Ein Kul­tur­zen­trum zum The­ma Tod

Neben der Lei­tung der Grab­mal­kul­tur bau­te Chris­ti­ne Süss­mann das Fried­hof Forum auf. Im Zür­cher Bestat­tungs­amt hat­te man seit Län­ge­rem fest­ge­stellt, dass sich immer mehr Men­schen im Umgang mit dem Lebens­en­de ver­un­si­chert füh­len und sich mehr Infor­ma­tio­nen wün­schen. Vor die­sem Hin­ter­grund hat­te die Geschäfts­lei­tung des Bevöl­ke­rungs­am­tes die Idee ent­wi­ckelt, ein Kul­tur­zen­trum zum The­ma «Tod» auf­zu­bau­en. Das Fried­hof Forum. Ihm gab Chris­ti­ne Süss­mann eine kon­kre­te Kon­tur.

Als die Stadt das Fried­hof Forum im Sep­tem­ber 2012 im Ein­gangs­ge­bäu­de des Fried­hofs Sihl­feld eröff­ne­te, war die Span­nung gross, ob die­ses «Büro für die letz­te Rei­se» in der Bevöl­ke­rung wirk­lich auf Inter­es­se stos­sen wür­de. Und das tut es. Die Aus­stel­lun­gen und Ver­an­stal­tun­gen sind gut besucht. «Im letz­ten Jahr hat­ten wir oft zu weni­ge Plät­ze, vie­le Anläs­se waren aus­ge­bucht», sagt Chris­ti­ne Süss­mann.

Fra­gen zu Tod & Ster­ben: Fach­leu­te hel­fen wei­ter

Das Fried­hof Forum ermög­licht es den Zür­che­rin­nen und Zür­chern, sich mit den kul­tu­rel­len Aspek­ten des Ster­bens, Bestat­tens und Trau­erns aus­ein­an­der­zu­set­zen. Das Ange­bot beinhal­tet Aus­stel­lun­gen, Kon­zer­te, Füh­run­gen, Thea­ter­auf­füh­run­gen und vie­les mehr. Dane­ben kön­nen sich Besu­che­rin­nen und Besu­cher eben­falls über prak­ti­sche Aspek­te des Todes infor­mie­ren. Auf dem Pro­gramm stan­den schon Vor­trä­ge zu den The­men Pati­en­ten­ver­fü­gung oder Erb­schaft, ein Podi­ums­ge­spräch zu den «Letz­ten Minu­ten» oder Füh­run­gen zum aktu­el­len Grab­an­ge­bot. Vor Ort kön­nen sich Inter­es­siert mit per­sön­li­chen Fra­gen an das Team des Fried­hof Forums wen­den. «Es ist nicht so, dass wir alles wis­sen», sagt Chris­ti­ne Süss­mann, «aber wir sind gut ver­netzt. Bei Bedarf ver­mit­teln wir Kon­tak­te zu exter­nen Fach­leu­ten.»

Dem The­ma Tod muss­te sie sich erst annä­hern. «Der ers­te Besuch im Kre­ma­to­ri­um Nord­heim mach­te mich betrof­fen. Ich fand es ernüch­ternd, zu sehen, was zuletzt von uns übrig­bleibt», sagt die Kul­tur­his­to­ri­ke­rin. Dar­auf schrieb und gestal­te­te sie zusam­men mit dem Zeich­ner Dani­el Mül­ler das Buch «Kre­ma­ti­on. Vom Ver­bren­nen der Toten in Zürich». Es erschien 2013. Im Vor­wort heisst es: «Das The­ma Kre­ma­ti­on eig­net sich nicht für jede Stim­mung. Und doch tut es gut, über das nach­zu­den­ken, was uns exis­ten­zi­ell betrifft.»

Das ist leich­ter gesagt, als getan. Chris­ti­ne Süss­mann erleb­te Zei­ten, in denen sie mit dem The­ma hader­te. «Ich frag­te mich, ob es mich run­ter­zieht, wenn ich mich immer mit dem Ende befas­se.» Sie hält kurz inne, lässt den Blick über die Aus­stel­lungs-Expo­na­te im Fried­hof Forum schwei­fen und sagt dann: «Heu­te ist das anders. Die Arbeit ist viel­sei­tig, und wir ler­nen span­nen­de Leu­te ken­nen. Vor allem aber mer­ke ich, dass unse­re Akti­vi­tä­ten auf Inter­es­se stos­sen und sinn­voll sind. Der Tod hat das Poten­zi­al, mich auf ganz umfas­sen­de Art zu berüh­ren. Intel­lek­tu­ell, prak­tisch, emo­tio­nal, spi­ri­tu­ell, zwi­schen­mensch­lich. Die The­men, die wir auf­grei­fen, inter­es­sie­ren mich per­sön­lich.»

Gibts eine Ver­bin­dung zwi­schen Schla­fen und Tod?

Im Gespräch mit deinAdieu taucht unwei­ger­lich die Fra­ge auf: «Was kommt nach­her? Was kommt nach dem Tod?» Chris­ti­ne Süss­mann sagt dazu Fol­gen­des: «Ja, das nimmt mich eben­falls wun­der. Es ist ja schon schwie­rig zu sagen, wer über­haupt ‹Ich› ist, geschwei­ge denn, woher das Ich kommt oder wohin es geht. Ich habe nur Bil­der. Ver­mut­lich legt sich mein Hirn die­se so zurecht, dass es mir wohl ist mit der Zukunfts­aus­sicht. Ich habe zum Bei­spiel die Vor­stel­lung, dass es zwi­schen Schlaf und Tod eine Ver­bin­dung gibt. Dass im Schlaf etwas von mir dort hin­geht, wo etwas von mir auch nach dem Tod sein wird – die­ses Bild habe ich gele­gent­lich. Bestimmt kommt das daher, weil ich so ger­ne schla­fe und sich mei­ne Pro­ble­me oft über Nacht lösen. Ich habe das Gefühl, im Schlaf mit etwas in Ver­bin­dung zu sein, das ‹jen­seits› ist und sehr cle­ver, an einem Ort, wo ich mich abgrund­tief erho­le und ins Lot kom­me. Ich zweif­le nicht dar­an, dass es hier­für bio­lo­gi­sche Erklä­run­gen gibt. Und wenn Sie mich in einem Jahr wie­der fra­gen, wer­de ich womög­lich ein ande­res Bild haben.»

Text: Mar­tin Schupp­li, Foto: Bru­no Tor­ri­cel­li

Fried­hof Forum
Aemtler­stras­se 149, 8003 Zürich
Tel. 044 412 55 68

friedhofforum@zuerich.ch |  www.stadt-zuerich.ch/friedhofforum

Öff­nungs­zei­ten Fried­hof Forum
Diens­tag bis Don­ners­tag:
12.30 bis 16.30 Uhr

  • alex­an­der kaes­t­ner

    Ich wür­de ger­ne regel­mäs­sig über das Pro­gramm infor­miert wer­den.
    Ist das mög­lich?
    Alex­an­der Käst­ner

    • Mar­tin Schupp­li

      Sehr geehr­ter Alex­an­der Käst­ner, wir lei­ten Ihren Wunsch ans Fried­hof Forum Zürich wei­ter. Herz­lich Ihr DeinAdieu-Team

  • Nico­las Geh­rig

    Sehr geehr­ter Herr Käst­ner
    Hier https://www.deinadieu.ch/blog/events/ fin­den Sie zudem die Ver­an­stal­tun­gen immer aktua­li­siert auf­ge­lis­tet.
    Bes­te Grüs­se, Nico­las Geh­rig

Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren

Mara Dontenvill redet über den Pflegeberuf
Professionals, Sterben, Spiritualität & Trauer, Sterbehilfe & Suizid

«Wenn jemand ins Alters­heim kommt, ist das die letz­te Sta­ti­on. Obwohl das allen bewusst ist, fällt es vie­len Bewoh­nern, Bewoh­ne­rin­nen beim Ein­tritt schwer, über den Tod zu spre­chen. Doch die meis­ten Men­schen, die hier leben, […]

no Kommentare

Weitere Artikel:

Dr. Franz Immer, CEO Swisstransplant, über die Lebensqualität Transplantierter
Professionals, Krankheit, Medizin, Organisatorisches, Espace Mittelland

Dr. Immer, Organ­spen­den ent­schei­den über Leben und Tod. Berei­tet Ihnen das schlaf­lo­se Näch­te? Franz Immer: Schlaf­lo­se Näch­te hat­te ich vie­le. Die Zahl der Spen­der ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren um ein Drit­tel gestie­gen. Des­halb ver­brach­te ich […]

one Kommentare

Weitere Artikel:

Totenkopf symbolisiert den Tod.
Professionals, Sterben, Spiritualität & Trauer

Der Tod. Einst war er gefürch­tet, ver­brei­te­te Angst und Schre­cken. Sein Kon­ter­fei zier­te als eine Art Pik­to­gramm die Flag­gen der Pira­ten. Heu­te wer­den er und sein Wir­ken ver­drängt. Kaum einer von uns hat schon ein­mal […]

16 Kommentare

Weitere Artikel: