Jürg Wiler, Vorstand Kommunikation EXIT Deutsche Schweiz. (Foto: Bruno Torricelli)
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Frei­tod­be­glei­tung: «EXIT leis­tet auch Sui­zid­prä­ven­ti­on»

DeinAdieu-Autor Mar­tin Schupp­li stell­te Jürg Wiler, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­ant­wort­li­cher von EXIT, Fra­gen zur Frei­tod­be­glei­tung, zum Alters­frei­tod und zum Ster­be­fas­ten.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Journalist BR am
26. Mai 2017

Herr Wiler, wie lan­ge ist ein Leben lebens­wert?
Jürg Wiler: Die Ant­wort dazu ist sehr indi­vi­du­ell. Sie kann bei jedem Men­schen anders aus­fal­len. Für den einen gehö­ren sei­ne Fähig­kei­ten zu den­ken und sich zu bewe­gen zu einem lebens­wer­ten Leben, für den ande­ren der Aus­tausch mit ande­ren Men­schen oder die emo­tio­na­le Teil­nah­me am Wer­de­gang der eige­nen Fami­lie.

Wer darf ent­schei­den, ob es das nicht mehr ist? Ärz­te, Ange­hö­ri­ge oder nur die betrof­fe­ne Per­son sel­ber?
Letzt­lich ent­schei­det allein die betrof­fe­ne Per­son dar­über, ob die Qua­li­tät ihres Daseins für sie noch stimmt.

Für wen macht es Sinn, die Hil­fe einer Frei­tod­be­glei­tung in Anspruch zu neh­men?
Für sol­che Men­schen, die ihr Lei­den nicht mehr aus­hal­ten. Heu­te tritt eine Gene­ra­ti­on in die Hoch­be­tagt­heit, die sich ein Leben lang gewohnt war, selbst­be­stimmt zu leben. Ver­ständ­li­cher­wei­se will die­se Gene­ra­ti­on sich nicht aus­ge­rech­net beim Ster­ben drein­re­den las­sen oder zu wür­de­lo­ser Bitt­stel­le­rei gezwun­gen wer­den.

Was muss hin­sicht­lich einer Frei­tod­be­glei­tung beach­tet wer­den?
Die Bedin­gun­gen für eine Frei­tod­be­glei­tung, die nicht gesetz­lich vor­ge­schrie­ben sind, die EXIT jedoch selbst in die Sta­tu­ten auf­ge­nom­men hat, sind: hoff­nungs­lo­se Pro­gno­se oder uner­träg­li­che Beschwer­den oder unzu­mut­ba­re Behin­de­rung. Die­se For­mu­lie­rung lässt der Inter­pre­ta­ti­on eini­gen Spiel­raum offen. Für EXIT ist ent­schei­dend, dass der betrof­fe­ne Mensch selbst dar­über ent­schei­det, was für ihn uner­träg­lich oder unzu­mut­bar ist.

Die Urteils­fä­hig­keit ist ent­schei­dend
Genau. Es ist wich­tig und gesetz­lich vor­ge­schrie­ben, dass die ster­be­wil­li­ge Per­son urteils­fä­hig ist. Daher ver­langt EXIT, dass eine Ärz­tin oder ein Arzt die Urteils­fä­hig­keit schrift­lich bestä­tigt. Auch muss der Ster­be­wunsch auto­nom zustan­de gekom­men sein, also unbe­ein­flusst von drit­ter Sei­te. Die Bedin­gun­gen der Wohl­erwo­gen­heit und Kon­stanz sol­len zudem sicher­stel­len, dass der Ster­be­wunsch gründ­lich durch­dacht ist und nicht das Resul­tat einer momen­ta­nen depres­si­ven Ver­stim­mung oder Kri­se.

Digni­tas, EXIT, Lifecir­cle prak­ti­zie­ren Frei­tod­be­glei­tun­gen. Kri­ti­ker ver­wei­sen auf die pas­si­ve Ster­be­hil­fe als Weg der Wahl. Gibt es Ihrer Ansicht nach einen prak­ti­schen und einen mora­li­schen Unter­schied zwi­schen Bei­hil­fe zum Sui­zid und pas­si­ver Ster­be­hil­fe?
Bei der Frei­tod­be­glei­tung geht es dar­um, in eige­ner Ver­ant­wor­tung über den Zeit­punkt und die Art des eige­nen Ster­bens zu ent­schei­den. Die meis­ten Men­schen, die sich von EXIT beglei­ten las­sen, ster­ben bei sich zu Hau­se. Bei der pas­si­ven Ster­be­hil­fe hin­ge­gen kann ein Pati­ent – zumeist in der letz­ten Pha­se einer schwe­ren Krank­heit – eine The­ra­pie oder Ope­ra­ti­on ver­wei­gern, die sein Leben ver­län­gert. Zum Bei­spiel kann er dar­auf bestehen, dass eine Lun­gen­ent­zün­dung nicht mit Anti­bio­ti­ka behan­delt wird – sofern er noch bei Bewusst­sein ist und die Kraft dazu hat.

Wann ent­schei­den ande­re?
In der Situa­ti­on der Urteils­un­fä­hig­keit kann es gut sein, dass der Arzt oder Ange­hö­ri­ge über eine sol­che Mass­nah­me ent­schei­den – falls der Betrof­fe­ne kei­ne Pati­en­ten­ver­fü­gung erstellt haben soll­te. Die pas­si­ve Ster­be­hil­fe wird oft in Spi­tä­lern prak­ti­ziert.

Frau Bau­mann-Hölz­le von Dia­log-Ethik (vgl. Inter­view in DeinAdieu.ch/Blog) befür­wor­te­te als «äus­sers­te Form pas­si­ver Ster­be­hil­fe» das Ster­be­fas­ten. Für wen ist so ein natür­li­cher, selbst­ge­wähl­ter Ster­be­pro­zess mög­lich?
Beim Ster­be­fas­ten wird die Ent­schei­dung auf eine «natür­li­che» Wei­se voll­zo­gen, also mit dem Essen und Trin­ken auf­zu­hö­ren. Der oder die Ster­be­wil­li­ge benö­tigt viel men­ta­le Stär­ke, um die­se Ent­schei­dung zu rea­li­sie­ren. Auf Essen und Trin­ken zu ver­zich­ten ist ein lang­sa­mer und beschwer­li­cher, aber durch­aus gang­ba­rer Weg. Der Tod tritt nach durch­schnitt­lich 8 bis 14 Tagen ein.

Was gehört zu den Vor­be­rei­tun­gen?
Bevor jemand sich für die­sen Weg ent­schei­det, soll­te er sich unbe­dingt mit sei­nen Ange­hö­ri­gen oder ande­ren Men­schen in sei­nem Umfeld aus­tau­schen, sowie, wenn immer mög­lich, auch mit einem Arzt. Denn beim Ster­be­fas­ten ist die täg­li­che Pfle­ge zum Bei­spiel durch Pfle­ge­per­so­nal oder Fami­li­en­mit­glie­der sehr wich­tig.

Ist es schlecht, wenn jemand frü­her gehen möch­te, um dem Staat, der Gesell­schaft, sei­ner Fami­lie nicht zu vie­le Kos­ten auf­zu­bür­den?
Unse­re Erfah­rung ist, dass die­ses Sze­na­rio nicht rea­lis­tisch ist. Zwar kommt es durch­aus vor, dass jemand sagt: Wes­halb soll ich so viel bezah­len für etwas, das ich gar nicht will und das mir auch nicht liegt? Oder: Wes­halb soll ich 100‘000 Fran­ken spä­ter ster­ben? Das Argu­ment der Kos­ten ist für Ster­be­wil­li­ge jedoch nur eines unter vie­len. Gesun­de Men­schen wol­len nicht ster­ben. Die Men­schen geben ihr Leben nicht ein­fach so auf, solan­ge es für sie lebens­wert ist.

Frei­tod­be­glei­tung für lebens­sat­te, alte Men­schen?

Jürg Wiler, Vor­stand Kom­mu­ni­ka­ti­on EXIT Deut­sche Schweiz. (Foto: Bru­no Tor­ri­cel­li)

Wie weit sind die Dis­kus­sio­nen gedie­hen, dass lebens­sat­te Men­schen eben­falls die Diens­te einer Frei­tod­be­glei­tung in Anspruch neh­men kön­nen?
Die poli­ti­sche For­de­rung nach dem so genann­ten Alters­frei­tod, also der ver­ein­fach­ten Ster­be­mit­tel­ab­ga­be an urteils­fä­hi­ge alte Men­schen, wird immer deut­li­cher. EXIT hat Ver­ständ­nis für die­ses Ansin­nen und enga­giert sich in der Gesell­schaft und in der Poli­tik dafür. Wohl­ge­merkt: Hier geht es nicht dar­um, lebens­sat­te, aber gesun­de Men­schen beim Ster­ben zu beglei­ten. Viel­mehr geht es um Men­schen, die nicht an einer töd­li­chen Krank­heit lei­den, aber an einer Viel­zahl von Gebre­chen. Die­se Men­schen sol­len einen erleich­ter­ten Zugang zum Ster­be­mit­tel erhal­ten. Die Dis­kus­sio­nen rund um den Alters­frei­tod wer­den wei­ter­ge­hen.

Kri­ti­ker der Frei­tod­be­glei­tung sagen, dass durch die Zur­schau­stel­lung pro­mi­nen­ter Sui­zid­to­ter, eine sozia­le Druck­si­tua­ti­on ent­ste­he und älte­re Men­schen mei­nen, sie müss­ten eben­falls auf die­sem Weg gehen?
Geg­ner behaup­ten immer wie­der, dass auf Betag­te ein gesell­schaft­li­cher Druck ent­ste­he, wenn in den Medi­en im Nach­hin­ein über erfolg­te Frei­tod­be­glei­tun­gen von Pro­mi­nen­ten berich­tet wird. Da das The­ma Ster­be­hil­fe in der Bevöl­ke­rung auf gros­ses Inter­es­se stösst, wird natür­lich auch dar­über berich­tet. Es geht also mit­nich­ten um eine «Zur­schau­stel­lung». EXIT ist per Sta­tu­ten zur Dis­kre­ti­on ver­pflich­tet und berich­tet nie über die Beglei­tung von Mit­glie­dern.

Stel­len Sie die­sen Druck also nicht fest?
Nein. Weder von Ange­hö­ri­gen noch von Drit­ten. Gera­de im exis­ten­zi­el­len Ster­be­pro­zess sind die Men­schen bereit, sich zu öff­nen und ihre Beweg­grün­de für die Frei­tod­be­glei­tung gegen­über EXIT authen­tisch dar­zu­le­gen. Die EXIT-Frei­tod­be­glei­te­rin­nen und -beglei­ter sind auf das Erken­nen von Druck geschult. In einem sol­chen Fall darf kei­ne Beglei­tung vor­ge­nom­men wer­den.

Digni­tas, EXIT, Lifecir­cle ver­die­nen als Orga­ni­sa­tio­nen zur Frei­tod­be­glei­tung Geld mit dem Sui­zid ver­zwei­fel­ter, lebens­sat­ter, tod­kran­ker Men­schen. Soll, darf man mit so einem heik­len «Geschäft» über­haupt Geld ver­die­nen? Wäre es denn nicht wün­schens­wert, wür­den wir einen so heik­len The­men­be­reich in die Hän­de des Staa­tes legen?
Die­ser Vor­wurf ist absurd. Jeder Arzt und jedes Spi­tal ver­langt Geld für sei­ne Dienst­leis­tun­gen für Men­schen in Not. Wes­halb soll­te das gera­de bei der Ster­be­hil­fe ver­werf­lich sein?

Sol­che Beglei­tun­gen sind ja erlaubt.
Rich­tig. Es ist bereits heu­te so, dass Frei­tod­be­glei­tun­gen nicht in einem «rechts­frei­en» Rah­men durch­ge­führt wer­den. Der Staat ist also invol­viert. Gemäss Straf­ge­setz­buch ist die Frei­tod­be­glei­tung erlaubt, sofern nicht jemand davon pro­fi­tiert. Jeder Frei­tod, also auch ein von EXIT beglei­te­ter, gilt recht­lich als so genann­ter «aus­ser­ge­wöhn­li­cher Todes­fall».

Wel­che Aus­wir­kun­gen hat das?
Nach Fest­stel­lung des Todes muss die Poli­zei benach­rich­tigt wer­den. Die­se erscheint – in der Regel nebst einem Amts­arzt und Ver­tre­tern des Insti­tuts für Rechts­me­di­zin – und prüft, ob alles im Rah­men der gesetz­li­chen Vor­schrif­ten abge­lau­fen ist, gera­de auch in finan­zi­el­ler Hin­sicht. Eine staat­li­che oder gesetz­li­che Rege­lung ist nicht zwin­gend nötig.

Frei­tod auf Abruf: Geht Menschwür­de ver­lo­ren?

Tech­ni­sie­rung der Medi­zin und «Hei­lig­keit des Lebens» auf der einen Sei­te – die Opti­on «Frei­tod auf Abruf» auf der ande­ren Sei­te: Wel­che Mecha­nis­men, Regeln oder Insti­tu­tio­nen brau­chen wir als Gesell­schaft, damit die Menschwür­de am Lebens­en­de nicht ver­lo­ren geht?
Gera­de weil es die Mög­lich­keit der Frei­tod­be­glei­tung gibt, kann oft­mals die Wür­de des Men­schen gewahrt blei­ben. Denn sie wird nach stren­gen Vor­ga­ben, respek­ti­ve nach sorg­fäl­ti­ger, ein­fühl­sa­mer und ver­ant­wor­tungs­vol­ler Abklä­rung durch­ge­führt. Der Sta­tus quo mit den Ster­be­hil­fe­or­ga­ni­sa­tio­nen und staat­li­chen Mass­nah­men ist gut gere­gelt. Zudem: «Auf Abruf» sug­ge­riert Instant-Beglei­tung. Dem ist nicht so. Jeder Frei­tod­be­glei­tung gehen Abklä­run­gen vor­aus, die in der Regel wochen- oder mona­te­lang dau­ern.

Was bedeu­tet wür­di­ges Ster­ben, was ist ein wür­di­ger Tod?
Ein Leben in Wür­de ist mei­ner Mei­nung nach, das zu tun oder zu las­sen, was mir wich­tig ist. Wenn ich also ein Leben füh­ren kann, über das ich selbst bestim­me. Das ist dann nicht mehr der Fall, wenn ein ande­rer Mensch oder die Natur das Steu­er in mei­nem Leben über­nimmt. Kon­kret: Längst nicht alles, was die moder­ne Medi­zin ver­mag, macht auch Sinn aus Sicht der betrof­fe­nen Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten. Immer mehr Men­schen weh­ren sich dage­gen, im Fal­le einer schwe­ren Erkran­kung oder etwa einer irrever­si­blen Hirn­schä­di­gung durch eine tech­nisch per­fek­tio­nier­te Medi­zin gezwun­gen zu wer­den, wei­ter «leben» zu müs­sen. Selbst­be­stimmt ent­schei­den zu kön­nen, wann der Zeit­punkt zu gehen gekom­men ist, ist mei­ner Ansicht nach wür­di­ges Ster­ben.

EXIT betreibt Frei­tod­be­glei­tung, macht auch ande­res. Pal­lia­tiv Care, Pati­en­ten­ver­fü­gung, ethi­sche Tagun­gen.
Es sind vier Pfei­ler. Ein Schwer­punkt der EXIT-Tätig­keit ist, für ihre Mit­glie­der eine Pati­en­ten­ver­fü­gung zu ver­fas­sen sowie – bei Bedarf – mit akti­ven und juris­ti­schen Mit­teln durch­zu­set­zen. Ziel ist, Vor­keh­run­gen zu tref­fen für den Fall, dass eine Urteils­un­fä­hig­keit ver­bun­den mit aus­sichts­lo­ser Pro­gno­se ein­tritt. Wer eine Pati­en­ten­ver­fü­gung abschliesst, will in ers­ter Linie, dass sein Leben nicht unnö­tig erhal­ten oder ver­län­gert wer­den soll.

Was ist die zwei­te Auf­ga­be?
EXIT berät in rund 3500 Gesprä­chen pro Jahr ihre Mit­glie­der in schwie­ri­gen Lebens­si­tua­tio­nen. Vie­le Men­schen haben oft­mals aus psy­chi­schen oder aus phy­si­schen Grün­den kei­ne oder kaum mehr geeig­ne­te Ansprech­per­so­nen zur Sei­te; sie sind froh, sich in einer ver­zwei­fel­ten Lebens­pha­se mit einer kom­pe­ten­ten Bera­tungs­per­son unter­hal­ten zu kön­nen. Ziel die­ser Gesprä­che ist es immer, die­sen Men­schen wie­der einen Weg nach vor­ne oder aber einen wei­ter­füh­ren­den Hin­weis weg aus der Kri­se auf­zei­gen zu kön­nen. EXIT leis­tet damit also im eigent­li­chen Sin­ne Sui­zid­prä­ven­ti­on.

Was mei­nen Sie zur Pal­lia­tiv­me­di­zin?
Als drit­te Auf­ga­be för­dert die Orga­ni­sa­ti­on die Pal­lia­tiv­me­di­zin. EXIT sieht zwi­schen Ster­be­be­glei­tung und Pal­lia­tiv­me­di­zin kei­nen Gegen­satz, son­dern das sinn­vol­le Zusam­men­wir­ken von bei­den Teil­be­rei­chen. Des­halb unter­stützt sie expli­zit die pal­lia­ti­ve Behand­lung und unter­hält hier­für die eige­ne Stif­tung pal­lia­cu­ra …

… und dazu kom­men die Beglei­tun­gen.
Ja, der nicht gewinn­ori­en­tier­te Ver­ein bie­tet als vier­te Auf­ga­be eine fach­lich kom­pe­ten­te Frei­tod­be­glei­tung an. Dane­ben neh­men Frei­tod­be­glei­te­rin­nen und Vor­stand­mit­glie­der von EXIT regel­mäs­sig an Podi­en zum The­ma teil und hal­ten Refe­ra­te.

Kann jemand, bei­spiels­wei­se eine Ita­lie­ne­rin, wäh­rend eines Feri­en­auf­ent­halts in der Schweiz von EXIT beglei­tet ster­ben?
Nein. EXIT-Mit­glied wer­den und damit eine Frei­tod­be­glei­tung in Anspruch neh­men kann nur, wer voll­jäh­rig ist und das Schwei­zer Bür­ger­recht besitzt oder in der Schweiz Wohn­sitz hat. Mit ande­ren Wor­ten beglei­tet EXIT kei­ne Aus­län­de­rin­nen und Aus­län­der.

Und wie läuft ein von EXIT beglei­te­ter Ster­be­pro­zess ab?

Jürg Wiler: Befin­det sich ein EXIT-Mit­glied in einer von ihm als aus­weg­los und sinn­los emp­fun­de­nen Situa­ti­on, wen­det es sich an die Geschäfts­stel­le in Zürich und bit­tet – ent­we­der per­sön­lich oder über Ange­hö­ri­ge – um Hil­fe. Dies soll­te recht­zei­tig erfol­gen und nicht erst in der ter­mi­na­len Krank­heits­pha­se, da Frei­tod­hil­fe die gesetz­li­chen Bedin­gun­gen zu erfül­len hat und eine gewis­se Vor­be­rei­tungs­zeit bedingt. Nach Ein­gang aller benö­tig­ten Doku­men­te wie Dia­gno­se­schrei­ben und ärzt­li­che Bestä­ti­gung der Urteils­fä­hig­keit besucht ein Mit­glied des Frei­tod­be­glei­tungs­teams oft mehr­mals die betrof­fe­ne Per­son und klärt im per­sön­li­chen Gespräch die Situa­ti­on, mög­li­che Alter­na­ti­ven und das Umfeld. Dabei wer­den Ange­hö­ri­ge, wenn immer mög­lich, ein­be­zo­gen.

Was gehört wei­ter dazu?
Wenn die Urteils­fä­hig­keit ein­deu­tig bejaht wer­den kann und der Todes­wunsch Aus­druck einer abschlies­sen­den Bilan­zie­rung der Lebens­si­tua­ti­on ist, erfolgt die Rezep­tie­rung des Ster­be­mit­tels Natri­um-Pen­to­bar­bi­tal über den Haus­arzt, den behan­deln­den Arzt oder einen Kon­si­liar­arzt. Die Frei­tod­be­glei­tung fin­det in aller Regel am fest­ge­leg­ten Ter­min zu Hau­se und in Anwe­sen­heit von Ange­hö­ri­gen oder Freun­den statt. Nach der Ein­nah­me des Ster­be­mit­tels ver­fällt der Ster­be­wil­li­ge nach weni­gen Minu­ten in einen Tief­schlaf und ver­lässt die­se Welt fried­lich und ohne Schmer­zen.

Was sagen Sie zu fol­gen­den Stich­wor­ten

1. Direk­te akti­ve Ster­be­hil­fe
Das wäre geziel­te Tötung zur Ver­kür­zung der Lei­den eines ande­ren Men­schen. Der Arzt oder ein Drit­ter ver­ab­reicht dem Pati­en­ten absicht­lich eine Sprit­ze, die direkt zum Tod führt. Die­se Form der Ster­be­hil­fe ist in der Schweiz straf­bar.

2. Indi­rek­te akti­ve Ster­be­hil­fe
Dabei setzt jemand zur Lin­de­rung von Lei­den Mit­tel ein, die als Neben­wir­kung die Lebens­dau­er her­ab­set­zen kön­nen. Der mög­li­cher­wei­se frü­her ein­tre­ten­de Tod wird in Kauf genom­men. Die­se Art der Ster­be­hil­fe ist recht­lich nicht aus­drück­lich gere­gelt, gilt aber als grund­sätz­lich erlaubt.

3. Pas­si­ve Ster­be­hil­fe
Das ist der Ver­zicht auf die Auf­nah­me von lebens­er­hal­ten­den Mass­nah­men oder ihr Abbruch. Die­se Form der Ster­be­hil­fe ist gesetz­lich im Erwach­se­nen­schutz­recht gere­gelt.

4. Assis­tier­ter Sui­zid («Bei­hil­fe» impli­ziert eine straf­ba­re Hand­lung)
Bei der Sui­zid­hil­fe geht es dar­um, dem Pati­en­ten die töd­li­che Sub­stanz zu ver­mit­teln, die die­ser ohne Fremd­ein­wir­kung sel­ber ein­nimmt. Orga­ni­sa­tio­nen wie EXIT leis­ten Sui­zid­hil­fe in die­sem gesetz­li­chen Rah­men. Das ist erlaubt, solan­ge die Ster­be­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on kei­ne selbst­süch­ti­gen Moti­ve ver­folgt.

Inter­view: Mar­tin Schuppli/Fotos: Bru­no Tor­ri­cel­li

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