Mit Suizid konfrontiert: Dr. Gabriel Looser am Berner Aareufer, wo er einen sterbenden Menschen begleitet. (Foto: Dominic Brügger)
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Gabriel Looser, darf der Mensch Suizid begehen?

Im Gespräch mit DeinAdieu beantwortet der Theologe die Frage nach der Berechtigung eines Suizids mit einer Gegenfrage: «Wer hat das Recht, zu beurteilen, ob ein Mensch auf diese Art aus dem Leben scheiden darf»?

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
29. Dezember 2016

Gabriel Looser hat ein unverkrampftes Verhältnis zum Tod, zum Sterben. Kein Wunder. Der 68-jährige gebürtige Aargauer und heutige Stadtberner studierte einst katholische Theologie. Später doktorierte er in reformierter Theologie. Er lernte weiter in Begegnungen mit weisen Lehrern aus Tibet, arbeitete zwölf Jahre als Spital-Seelsorger, präsidierte die Telefon-Seelsorge «Dargebotene Hand» in Bern. Anschliessend führte er 25 Jahre lang Seminare durch zum Thema «spirituelle Sterbebegleitung». Nach einer altersbedingten Reduktion seines Arbeitspensums begleitet und berät Gabriel Looser heute Menschen in herausfordernden Situationen des Lebens und des Sterbens.

Sterbebegleitung am Aare-Ufer

So empfand er es nicht als Zufall, als ihm an einem sonnigen Spätherbstmorgen Folgendes passierte. «Ich joggte, wie so oft, der Aare entlang. Kaum hatte ich flussaufwärts eine der Brücken passiert, hörte ich hinter mir einen dumpfen Knall.» Der pensionierte Theologe drehte sich um und sah einen reglosen Körper auf dem Asphalt liegen – jemand hatte sich in suizidaler Absicht von der Brücke gestürzt. Geistesgegenwärtig rief er einem orangegekleideten Stadtarbeiter ennet dem Fluss zu, er möge bitte die Sanität verständigen, «Ich habe kein Handy dabei!» Dann ging Gabriel Looser hin zu dem sterbenden Mann, bückte sich zu ihm nieder. «Ich fühlte einen ganz schwachen Puls.»

Der erfahrene Sterbebegleiter weiss, dass es in einer solchen Situation wichtig ist, Ruhe zu bewahren. «So war ich innerlich ruhig, legte ihm meine Hand in den Nacken und redete leise mit ihm. Sagte, ‹Ich bin da, Hilfe ist organisiert›.»

Die Seele einladen, ins Licht zu gehen

Gabriel Looser lernte von tibetischen Weisen, dass die geistige Präsenz der Begleitenden für die Sterbenden sehr wichtig ist. «Denn in diesem Moment schickt sich die Seele an, den Körper zu verlassen. Und dabei kann ich sie unterstützen, indem ich mir zum Beispiel ein hell leuchtendes Licht über dem Menschen vorstelle und seine Seele einlade, in dieses Licht zu gehen. Für mich als spiritueller Sterbebegleiter ist dieser Moment sehr wichtig. Mir war bewusst, da stirbt ein Mensch. Warum er stirbt, ist für die spirituelle Begleitung irrelevant.»

So verharrte Gabriel Looser im Schweigen und bei der Vorstellung des hellen Lichtes. Er war dem Mann auf dem Asphalt ganz nah. Zwei Polizisten kamen. Sie wussten schon von dem Vorfall. Wussten, dass jemand auf der Brücke ausserhalb des Geländers stand, sahen den Mann springen. Der Sterbende machte noch einmal eine Bewegung mit den Beinen und starb – noch bevor die Sanität eingetroffen war.

Respektvolle Beamte arbeiteten professionell

«Die Beamten baten mich, beim Verstorbenen zu bleiben. Ich erlebte die Arbeit der Streifenbeamten, der Sanität, der Spurensicherung. Ich sah den Fahndern zu, dem Bestatter. All das empfand ich sehr positiv, sehr professionell. Die Beteiligten verhielten sich sehr respektvoll. Sie legten den verstorbenen Mann ordeli hin, stellten ein Zelt über ihm auf. Schützten ihn vor neugierigen Blicken. Wiederholt fragten sie mich, wie es mir gehe. ‹Gut›, sagte ich. Das rief bei einigen eine gewisse Irritation hervor, denn meist geraten Zeugen ob solcher Vorfälle in Panik. Darum erklärte ich ihnen, wer ich bin und was ich in den letzten 35 Jahren gemacht habe. Sagte, ich sei zwölf Jahre Spitalseelsorger gewesen und wäre seit 25 Jahren Sterbeforscher.»

Natürlich wollten die Beamten wissen, was denn Sterbeforschung sei. Gabriel Looser erklärte ihnen, dass sich seine Forschung weniger um den Körper drehe, als vielmehr um das, was eben nicht stirbt. Um das, was wir Seele nennen. «Darauf sagte ein junger Polizist: ‹Ja, die Seele. Die vergessen wir so oft›.»

In der Ruhe bleiben

Während die Polizeibeamten ihre verschiedenen Pflichten erfüllten, entstand zeitweise eine gewisse Hektik. Und weil Gabriel Looser weiss, dass Sterbende und frisch Verstorbene sehr genau wahrnehmen, was rund um ihren Körper geschieht, blieb er weiterhin da. «Damit der Verstorbene erfahren konnte, dass wenigstens jemand in seiner Umgebung die Ruhe bewahrte.»

Später baten ihn die Beamten, mit auf den Polizeiposten zu kommen. Sie wollten ihn als Zeugen einvernehmen. Auf dem Posten boten sie ihm Kaffee an. «Eine weitere aufmerksame Geste», sagt Gabriel Looser. «Die Einvernahme geschah mit viel Respekt und überaus freundlich. Zuletzt fuhren mich zwei Beamte im Polizeiwagen bis vor die Haustür.»

Unter der Brücke brannte eine Kerze

Zwei Tage später joggte Gabriel Looser erneut der Aare entlang und kam zurück an den Ort unter der Brücke. Eine Kerze brannte. «Ich war sehr berührt. Wusste nun, der Verstorbene ist identifiziert. Er hat einen Namen. Die Polizisten konnten seine Angehörigen verständigen.»

Der Gedanke, den Hinterbliebenen zu schildern, was geschehen war, liess den Theologen nicht mehr los. Er bat die ihm nun bekannten Polizisten, seine Adresse den Angehörigen mitzuteilen. «Ich wollte ihnen anbieten, die letzten Momente des Lebens ihres Verstorbenen zu schildern.»

«In der letzten Lebensphase wurden wir Freunde»

Die Angehörigen meldeten sich und sassen Tage später in der Dachwohnung bei Gabriel Looser. «Ich erzählte, was ich erlebte, wie ich mich verhalten hatte und wie ich ihn begleiten konnte. Wie wir in der allerletzten Phase seines Lebens Freunde wurden. Die Familie war sehr getröstet, als sie erfuhren, dass der Verstorbene ‹nicht ohne geistigen Beistand›, wie jemand sich ausdrückte, ‹sterben musste›.»

Gabriel Looser betont, dass er seither jeden Tag an den Verstorbenen denke. «Ich denke an ihn wie an einen Freund. Dies im Bewusstsein, dass ich, aus tibetischer Sicht, bei ihm war im wichtigsten Moment seines Lebens, nämlich bei seinem Sterben. Diesen wichtigsten Moment teilte er mit mir. Diese Qualität von Verbundenheit habe ich – klarerweise – mit keinem meiner lebenden Freunde.»

Gibt es ein Recht, Suizid zu begehen?

Es ist still in der Dachwohnung. Von weit weg dringt das Geräusch eines Flugzeugs in den Raum. Die Nachmittagssonne zaubert ein warmes Licht in die Stube. Der Autor fragt: Was sagen Sie, was sagen Ihre Lehrer, hat der Mensch das Recht, sich das Leben zu nehmen?

Gabriel Looser öffnet die gefalteten Hände, legt sie auf seine Knie und sagt: «Wer hat das Recht, das zu beurteilen?» Wir schweigen. Der Autor ist betroffen, und der Theologe spricht weiter: «Ich war dabei, als eine Frau mit Exit starb. Ich kannte sie seit 40 Jahren. Als sie starb, war sie 65 Jahre alt. Sie hatte ein schwieriges Leben hinter sich mit vielen medizinischen, auch psychiatrischen Leiden. Und eines Tages konnte und wollte sie das nicht mehr. Sie sagte mir damals im Sommer, sie möchte im Herbst sterben. Meine erste Empfindung war: Nach einem solchen Leben darf man den Gedanken haben, es reicht jetzt. So dachte wohl auch mein neuer Freund, dessen Lebensgeschichte ich nun ein klein wenig kenne. Ich finde, es steht niemandem zu, diese Entscheidung moralisch zu beurteilen.»

Sterbeforscher Dr. Gabriel Looser Suizd

Führten lange Gespräche: Dr. Gabriel Looser (l.) und DeinAdieu-Autor Martin Schuppli. (Foto: Daniela Friedli)

«Wir können nicht tiefer fallen als in Gottes Hand»

Natürlich sagt Gabriel Looser nicht: Suizid sei eine gute Idee. Vielmehr möchte er helfen, in schwierigen Lebenssituationen Alternativen zum Suizid zu finden. Er sagt: «Wenn sich aber jemand für ein selbstgewähltes Ende mittels Suizid entscheidet, beurteile ich das nicht. Und verurteilen tue ich es schon gar nicht. Diesen Entscheid kann nur der Betroffene selbst beurteilen.»

Was sagt der Theologe zur These: Wer so sterbe, den strafe der Herrgott? «Ich glaube nicht, dass es einen strafenden Herrgott gibt.» Gabriel Looser hält inne. Dann sagt er: «Egal wie wir sterben, wir können nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.»

Text: Martin Schuppli/Foto: Dominic Brügger

Plagen Sie Suizidgedanken?

Reden Sie mit jemandem darüber. Zum Beispiel mit Fachleuten beim Notfall-Telefondienst «Die Dargebotene Hand». Dort ist Hilfe anonym und die Beratung kompetent. Die Fachleute sind rund um die Uhr für Sie da.

Mehr Informationen finden Sie hier www.143.ch

Adressen für Beratungsstellen in den Kantonen finden Sie hier www.ipsilon.ch

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