Stefan Brechbühl führt als Co-Leiter den stationären Bereich im Hospiz Aargau. (Foto: Martin Schuppli)
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Im Hospiz Begleitung finden für den letzten Weg

Stefan Brechbühl führt als Co-Leiter den stationären Bereich im Hospiz Aargau. DeinAdieu sprach mit dem 40-Jährigen über das Sterben im Hospiz.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
18. September 2016

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Das Hospiz. Für den Autor gehörte es auf eine Passhöhe. Auf den Gotthard beispielsweise oder auf den Simplon, den Grossen St. Bernhard, den Flüela, den Albula, den Berninapass. Ein Hospiz ist ihm als gastfreundliche Herberge in Erinnerung. Als Herberge, die dem müden Wanderer ein sicheres Obdach bietet und eine einfache Mahlzeit. Und das bei Tag und bei Nacht, im Sommer und im Winter, bei Regen und im Schneesturm.

Das Hospiz ist aber auch eine End-of-Life-Station. Ein Lighthouse. Ein Sterbehospiz. «Gehts um Leben und Sterben, steht der Begriff Hospiz für eine weltweite Bewegung. Sie stellt das Wohlbefinden von Menschen in der letzten Lebensphase ins Zentrum der Betreuung, der Pflege und der medizinischen Behandlung.» Mit solchen Worten beschreibt pallnetz.ch das Hospiz Aargau in Brugg. Weiter steht: «Es präsentiert sich als ein freundliches Zuhause für Menschen in der letzten Lebensphase. Als ein Ort der Ruhe und Geborgenheit. Ein Ort der Zuwendung und Mitmenschlichkeit. Ein Ort, wo einfühlsame Mitmenschen Sterbende auf ihrer letzten Wegstrecke begleiten. Das Hospiz nimmt schwer kranke Menschen auf, die an einer fortschreitenden, nicht mehr heilbaren Erkrankung leiden. Menschen, deren Lebenszeit begrenzt ist. Menschen, für die eine Betreuung zu Hause nicht möglich ist.»

«Die Auseinandersetzung mit dem Sterben bereichert das Leben»

Das Hospiz als Herberge, als letzte Wohnung, als sicheres Dach über dem Kopf. Als Ausgangspunkt für die letzte Reise. Stefan Brechbühl, 40 Jahre alt, Co-Leiter Administration, ist vor anderthalb Jahren eher «zufällig» im Hospiz Aargau gelandet. «Mir gefällts, in einem sich rasant entwickelnden Umfeld etwas mitgestalten zu können», sagt der ruhige Mann. «Themen wie Sterben, Tod, Begleitung sind spannend. Die regelmässige Auseinandersetzung damit bereichert das Leben. Die Begegnungen mit Patienten und Angehörigen erreichen schnell eine Tiefe, eine Offenheit, wie ich sie früher kaum erlebt habe.»

Und trotzdem gibt es das eine oder andere Mal Berührungsängste mit dem Tod, mit sterbenden Menschen. Oder mit Leid, mit Trauer, mit Verzweiflung. Stefan Brechbühl nickt: «Ja, das kommt vor. In meiner Rolle erlebe ich es primär mit den Angehörigen. Da bin ich dann konfrontiert mit Situationen, in denen ich unsicher werde.»

Den Sterbenden ihren Willen lassen

Um das Wohl der Sterbenden kümmern sich primär die Pflegenden. «Ihre Arbeit ist nicht hoch genug einzuschätzen. Sie brauchen die Fähigkeit, sich auf Menschen einzulassen. Die Pflegenden müssen sich im Herzen berühren und dürfen sich gleichzeitig nicht zu sehr vereinnahmen lassen. Sie brauchen Geduld, Verständnis und die unabdingbare Fähigkeit, Sterbenden ihren Willen zu lassen. Liebevolles Unterlassen heisst da ein wichtiges Stichwort. Für jemanden, der helfen könnte, ist es schwer zu ertragen, nicht zu handeln, manchmal nicht helfen zu dürfen.»

Stefan Brechbühl schätzt es zuweilen, gerade mit Angehörigen die Gespräche auf sachliche, meist administrative Themen lenken zu können. «Rund ums Sterben müssen wir Fragen lösen, die Organisation und Finanzierung betreffen», sagt der gelernte Polymechaniker. «Das kann zermürbend sein, wo doch die Emotionen derart stark sind, das Verdikt unausweichlich und endgültig ist. Wer hat da schon Lust einen Antrag auf Ergänzungsleistungen auszufüllen? Wer möchte da im Leben und den Akten des sterbenden Vaters wühlen. Wer möchte einem Mann, der jahrelang hart gearbeitet hat, erklären, dass es nun an der Zeit ist, materielle Hilfe vom Staat in Anspruch zu nehmen?», sagt Stefan Brechbühl und hält inne. Blickt kurz zur Decke und fährt weiter: «Verzweiflung erleben wir oft, wenn der Schritt zum Eintritt in die Institution nötig wird. Wenn es zu Hause einfach nicht mehr geht. Oft kann unser Angebot hier Entspannung bringen.»

Wie erleben Sie die Menschen auf ihrer letzten Wegstrecke? Mehrheitlich gelassen? Oder ängstlich? Neugierig? Stefan Brechbühl lässt sich Zeit, zu antworten. «Es gibt ebenso viele Wege zu sterben, wie es Geburten gibt. Die zentrale Frage, die sich uns in unserer Arbeit stellt, heisst eher: ‹Wie gelingt es mir, zu akzeptieren, dass dieser Mensch seinen Weg wählt, seinen Weg geht›. Wir müssen uns fragen: ‹Kann ich mich so gut wie möglich, vorurteils- und bedingungslos darauf einlassen und den Sterbenden so begleiten, wie er es gewählt hat? Gelingt es mir, Interesse und Neugier ‹für seinen Weg› zu entwickeln?»

Der Tod bleibt ein Mysterium

Die Frage «Was kommt nachher, was kommt nach dem Tod?» hält der zweifache Familienvater für heikel. «Wissen können wir es nicht», sagt Stefan Brechbühl. «Also muss jeder für sich ein Bild gestalten, wie er sich das wünschen würde. Was er sich vorstellen kann. Ich glaube, diese ganz eigene Wahrheit prägt den Sterbeprozess stark – vielleicht mehr als dies eine allgemeingültige Antwort je vermögen würde. Dass der Tod ein Mysterium bleibt, hat deshalb vielleicht eine inspirierende, ja kreative Wirkung auf das Leben.»

Stefan Brechbühl interessiert aktuell mehr die Frage, was dieser Übergang, das Sterben, für das Leben bedeutet. «Ich weiss heute, sterben hat viel damit zu tun, wie man gelebt hat. So kann ich jetzt schon viel dazu beitragen, dass ich meinen Tod einmal akzeptieren kann, vielleicht kann ich mich sogar neugierig darauf einstimmen. Nur, alles vermag ich nicht zu steuern – möglicherweise hilft gerade diese Einsicht …»

«Blicke ich zurück, tauchen Fragen auf»

Die vielen Begegnungen mit dem Tod hätten bei ihm oft dazu geführt, dass er sein Leben vom Ende herdenke, also zurückblicke. «Da tauchen Fragen auf, wie etwa ‹hat dies wirklich Priorität in meinem Leben verdient – würde ich das wieder tun, wenn ich dereinst auf mein Leben zurückblicke? Habe ich entschieden; oder entschied da mein ‹Über-Ich›? War das, rückblickend, eine authentische Entscheidung? Ist das wirklich wichtig, wenn ich einmal auf dem Sterbebett liege? Fragen unter diesem Gesichtspunkt zu beleuchten, schafft oft Klarheit – die Antworten purzeln zuweilen nur so in meinen Kopf.» Stefan Brechbühl lächelt entspannt und sagt weiter: «Das Thema der konkreten Umsetzung ist dann aber eine andere Sache.»

Sicher ist für den Vater von zwei kleinen Kindern, «dass der Mensch nicht nur aus Körper, Physik und Chemie besteht. Da gibt es etwas mehr. Etwas, das wohl oft als Seele bezeichnet wird. Und dieser Anteil Mensch hat heute sehr wenig Bedeutung – oder er wird in einigen Kreisen überbetont. Spannend für mich ist, das Gleichgewicht zu finden, die Seele unspektakulär aber wertschätzend an meinem Alltag teilhaben lassen zu können – sie ganz natürlich einzubinden. Was die Seele nach meinem Ableben tun oder erleben wird, davon lasse ich mich überraschen.»

War Stefan Brechbühl schon einmal betroffen vom Tod eines Freundes, eines Angehörigen, eines nahestehenden Menschen? So fragt der Autor den administrativen Co-Leiter von Hospiz Aargau: «Kann man lernen mit Leid und Trauer umzugehen?» Stefan Brechbühl: «Ich habe noch nie einen wirklich für mich wichtigen Menschen verloren. Ich glaube mit Tod und Trauer bei anderen Menschen ganz ordentlich umgehen zu können. Die Prüfung, wie das bei mir selber ist, steht noch aus. Grundsätzlich glaube ich, dass emotionale Kompetenzen ein Stück weit erlernt werden können. Von mir weiss ich aber, wie zäh und langwierig das sein kann.»

Zum Schluss des ausführlichen Gesprächs beantwortet Stefan Brechbühl noch stichwortartige Fragen.

Wer kommt ins Hospiz?
Menschen am Ende ihres Lebens. Wir sind eine End-of-Life-Station. Der durchschnittliche Aufenthalt dauert weniger als 30 Tage. Sehr oft auch nur einige wenige Tage. Tendenziell werden die Aufenthalte immer kürzer.
Meist sind es 60- bis 70-jährige Krebskranke. Sie bleiben zu Hause bis die Betreuung (u.a. durch ambulante Dienste) nicht mehr möglich ist. Der Hospiz-Aufenthalt kann eine Anschlusslösung sein nach der Betreuung in der Palliativstation eines Spitals. Grundsätzlich sind im Hospiz Aargau alle willkommen. Einzige Ausnahme: Kinder

Spezialangebot
Im Hospiz Aargau sind Angehörige und Freunde jederzeit willkommen, sie können auf Wunsch auch im Hospiz übernachten. Die Räume sind wohnlich eingerichtet. Jedes Zimmer ist mit Dusche/WC und einer Kochnische mit Kühlschrank ausgestattet.

Dipl. Pflegefachpersonen leiten das Hospiz und betreuen die Patienten und ihre Angehörigen kompetent und liebevoll. Ärztliche Betreuung ist über Hausärzte möglich.

Wer sind die Zuweiser?
(Onko)Spitex, Spitäler, div. Anbieter im Gesundheitswesen. Viele kennen uns mittlerweile durch Mund-zu-Mund-Propaganda oder aus Zeitungsartikeln.

Wer zahlt für das Sterben im Hospiz?
Der Aufenthalt kostet die Patienten pro Monat ca. 7500 bis 9000 Franken. Die Krankenkassen und die Gemeinden tragen einen Grossteil der Pflegekosten. Den Rest, rund ein Drittel, trägt das Hospiz Aargau.

Wie lange kann jemand bleiben?
Wir haben keine zeitlichen Beschränkungen. Die Länge des Sterbeprozesses lässt sich schwer vorhersehen. Teils auch aus psychosozialen Gründen kommen Menschen relativ früh zu uns und bleiben entsprechend einige Zeit hier.

Wie und wo rekrutieren Sie die Freiwilligen?
Über Standaktionen, Zeitungsberichte, Internetauftritt, Mund zu Mund-Propaganda sowie über Angehörige, die uns durch Patienten kennenlernen.

Wie sind die Freiwilligen ausgebildet?
Sie absolvieren ein fünftägiges Praktikum im «Hospiz Stationär» und eine Weiterbildung in Sterbebegleitung. Laufend organisieren wir Supervisionen, Fallbesprechungen und Austauschtreffen. Daneben bieten wir jährlich ein umfangreiches internes Weiterbildungsprogramm an zu diversen Fachthemen.

Dürfen Hospizpatienten EXIT-Berater empfangen?
Nein. Aber mit Leuten die das wünschen, sprechen wir über das Thema. Eigentliche Freitod-Beratungen finden ausserhalb unserer Räumlichkeiten statt.

Die drei Standbeine des Hospiz Aargau
Das Hospiz versteht sich als Kompetenzzentrum für die End-of-Life-Phase. Wir unterstützen den Patienten umfassend und ganzheitlich, wobei die Angehörigen selbstverständlich und immer miteinbezogen werden. Bereits wenn der Patient noch zu Hause ist, bietet der ambulante Dienst Hilfe für die Angehörigen und Begleitung für die Sterbenden an.

Wird der Übertritt in professionelle rund um die Uhr Pflege notwendig, so steht das stationäre Hospiz zur Verfügung. So gut als möglich versuchen wir in Zusammenarbeit mit den Angehörigen das Zuhause zu ersetzen.

Trauer, Ablösung, Schmerz und Wut sind für die Angehörigen noch lange über den Todestag hinaus Themen. Der Trauertreff steht den Menschen in der Zeit unentgeltlich zur Seite – egal, wie lange das benötigt wird.

Die drei Bereiche ergänzen sich nahtlos. Sie ist als Einheit zu verstehen, was organisatorisch getrennt daherkommt.

Dass wir in der Lage sind, ein derart komplettes Angebot zu gestalten, verdanken wir dem enormen Engagement von rund 70 Freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Bearbeitung und Foto: Martin Schuppli

Hospiz Ambulant | Sterbende zu Haus begleiten
Hospiz Ambulant gestaltet die letzten Tage und Stunden von Sterbenden im eigenen Heim mit. Motivierte und ausgebildete Freiwillige begleiten Sterbende und entlasten Angehörige während des Tages und in der Nacht; dies sowohl zu Hause als auch in Alters- und Pflegeeinrichtungen. Zudem stehen die Freiwilligen als Ansprechpersonen für Sterbende und ihre Angehörigen zur Verfügung. Sie schaffen eine ruhige Atmosphäre und ermöglichen durch ihren Einsatz und ihr Da-Sein ein würdiges Sterben in vertrauter Umgebung.

Die Einsatzzentrale von Hospiz Ambulant ist rund um die Uhr erreichbar. Sie vermittelt kurzfristig freiwillige Helferinnen und Helfer für den ambulanten Einsatz, für Tag- und Nachtwachen oder zur stundenweisen Entlastung Angehöriger.

Hospiz Stationär | Palliative Care
Palliative Care will die Lebensqualität von sterbenden Menschen verbessern. Sie sollen ohne Angst, möglichst schmerzfrei und in Würde leben und Abschied nehmen können. Sterbende werden ihren Bedürfnissen entsprechend behandelt und begleitet und liebevoll gepflegt. Auch die Angehörigen werden von uns begleitet, sie sind uns rund um die Uhr willkommen. Palliative Care bejaht das Leben und betrachtet Sterben als normalen Prozess. Dabei wird der Tod weder beschleunigt noch verzögert.

Hospiz Stationär Palliative Care
Fröhlichstrasse 7, 5200 Brugg
Tel. +41 56 462 68 62 | stationaer@hospiz-aargau.ch

Hospiz Trauertreff
Tel. +41 79 964 05 59 | trauertreff@hospiz-aargau.ch

Infos zu den Trauertreff

Bad Zurzach AG
Mehrzweckraum Alters-und Pflegeheim «Pfauen», Pfauengasse
jeden 1. und 3. Montag im Monat*
18 bis 20 Uhr

Brugg AG
Alterszentrum Brugg, Clubraum, Fröhlichstrasse 14
jeden 1. und 3. Donnerstag im Monat*
18.30 bis 20.30 Uhr

Wohlen AG
Emanuel-Isler-Haus, Kirchenplatz 2
jeden 1. und 3. Mittwoch im Monat*
19 bis 21 Uhr

Finanzielles
Alle Freiwilligen arbeiten unentgeltlich und erhalten Spesenentschädigungen. Hospiz Aargau ist deshalb auf Spenden angewiesen. Und weil jedes Hospizbett defizitär ist, wird das Angebot von Hospiz Aargau in den nächsten Jahren nicht ohne sehr grosszügige Unterstützung Dritter existieren können.

Spendenkonto: 50-71730-8 (PostFinance) | IBAN CH83 0900 0000 5007 1730 8

Kontakt
Hospiz Aargau
Fröhlichstrasse 7, 5200 Brugg
Tel. +41 56 462 68 60
verein@hospiz-aargau.ch | www.hospiz-aargau.ch

(alle Informationen Stand: September 2016

  • Stephan Koncz

    wow, toll was Ihr macht, gratuliere und viel Kraft, Elan … TAKE CARE

  • Angelita Abresida Szajko

    Das ist eine Bestimmung das zu machen mit viel Nächstenliebe Grüße Gottes Segen

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