Trauerredner Jörg Bertsch auf der Stadtmauer in Aarau. (Foto: Peter Lauth)
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Das Leben leben – so lust­voll wie möglich, so schmerz­haft wie nötig

Gedan­ken eines Trau­er­red­ners – über Gott und die Welt. Über Tod und Ster­ben. Über die Lam­pe des Luci­us Aen­na­eus Sene­ca.

Artikel verfasst von Jörg Bertsch am
15. September 2017

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Ich bin kein Theo­lo­ge. Ich bin kein Eso­te­ri­ker. Ich bin ein säku­la­rer Mensch und nicht dog­ma­tisch. Als Trau­er­red­ner bin ich für jene Men­schen da, die ihre Ver­stor­be­nen wür­dig ver­ab­schie­den möch­ten, aber nicht mit einem Pfar­rer, des­sen Bot­schaft ihnen nichts sagt, und des­sen Wor­te sie nicht ver­ste­hen.

Als Trau­er­red­ner Ver­stor­be­ne wür­dig ver­ab­schie­den

Pri­vat wür­de ich mich als Agnos­ti­ker bezeich­nen. Ich glau­be nicht an einen per­so­na­len Gott, der sich um unser Wohl und Wehe kümmert, und ich glau­be nicht an ein Wei­ter­le­ben nach dem Tod. Wir sind mei­ner Mei­nung nach in eine Welt gestellt, die unse­rem Schick­sal teil­nahms­los gegenübersteht. Das ist für mich kein Grund zur Ver­zweif­lung. Es bedeu­tet aller­dings, dass wir uns einen Sinn in unse­rem Dasein schon sel­ber suchen müs­sen. Uns gegen­sei­tig einen Sinn geben müssen. Etwa durch ein füreinander Ein­ste­hen, füreinander Dasein, und, ja: durch die Lie­be.

Nicht den Tod soll­te man fürch­ten, son­dern dass man nie begin­nen wird, zu leben.

(Mar­cus Aure­li­us)

War­um glau­be ich nicht an ein Wei­ter­le­ben nach dem Tod? Nach dem, was die Wis­sen­schaft sagt und mir ein­leuch­tet, ist unse­re Persönlichkeit an unser Bewusst­sein gebun­den und die­ses wie­der­um untrenn­bar an unse­re Gehirn­funk­tio­nen. Arbei­tet das Gehirn nicht mehr, ist folg­lich die Persönlichkeit nicht mehr exis­tent. Der Glau­be an eine unsterb­li­che See­le hat viel­leicht etwas damit zu tun, dass wir Men­schen uns zu wich­tig neh­men. Wir kön­nen es ein­fach nicht fas­sen, dass wir unwich­tig genug sind, um der­einst ein­fach spur­los zu ver­schwin­den.

Der stoi­sche Phi­lo­soph Luci­us Aen­na­eus Sene­ca sagt: «Der Tod bedeu­tet Nicht­sein. Was dies ist, weiss ich schon. Dies wird der Zustand nach mei­ner Exis­tenz sein, wie er schon vor mei­ner Exis­tenz war. … Wäre es nicht töricht, glau­ben zu wol­len, es sei schlim­mer für die Lam­pe, wenn sie erlo­schen ist, als bevor sie angezündet wird? Auch wir wer­den angezündet und erlöschen wie­der; in der Zwi­schen­zeit emp­fin­den wir Schmerz; vor­her und nach­her aber ist tie­fe Ruhe.»

Wohl gespro­chen, fin­de ich.

Bücher ziehen ihn magisch an. Trauerredner Jörg Bertsch studiert ein Philosophiebuch.

Bücher zie­hen ihn magisch an. Trau­er­red­ner Jörg Bertsch stu­diert ein Phi­lo­so­phie­buch. (Foto: Peter Lauth)

Als ich mich kürzlich über eine Vorsorgeverfügung bera­ten liess, wur­de mir die Fra­ge gestellt, wel­ches mei­ne Ansicht zu Lei­den, Gebrech­lich­keit und Ster­ben sei. Lei­den gehört zum Leben, Gebrech­lich­keit zum Altern. Wir kön­nen uns mit vie­lem arran­gie­ren. Es kommt auf das Aus­mass an und dar­auf, ob trotz­dem noch über­wie­gend Freu­de am Leben und Selbst­be­stim­mung möglich blei­ben.

Alt wer­den ist nichts für Feig­lin­ge.

(Mae West)

Wenn ich es mir aus­su­chen könnte, würde ich gern «lebens­satt» ster­ben, dazu schmerz- und angst­frei, also, wenn nötig, pal­lia­tiv betreut, und idea­ler­wei­se beglei­tet von nahe­ste­hen­den Men­schen. Aber lei­der kann man es sich ja nicht wirk­lich aus­su­chen. Um aber so viel Ein­fluss wie möglich auf mein Ster­ben sicher­zu­stel­len, habe ich eine Vorsorgeverfügung depo­niert. Zudem wer­de ich «Exit» bei­tre­ten – ein­fach für den Fall der Fälle.

Übrigens: Ein schönes Lebens­fa­zit fand ich beim Schwei­zer Schrift­stel­ler Urs Wid­mer in sei­nem auto­bio­gra­fi­schen Werk «Rei­se an den Rand des Uni­ver­sums». Es erschien kurz vor sei­nem Tod: «Auch ich brach, wie jeder und jede, einst kraft­voll ins Leben auf, leb­te es und heim­se heu­te, da die Kräfte nach­las­sen, den ein­zi­gen Gewinn ein, den das Alter dir bie­ten kann: zu fühlen, dass du das Leben tatsächlich gelebt hast, so lust­voll wie möglich und so schmerz­haft wie nötig.»

Trauerredner Jörg Bertsch sitzt auf einem Bänkli und notiert sich einige Gedanken.

Trau­er­red­ner Jörg Bertsch sitzt auf einem Bänk­li und notiert sich eini­ge Gedan­ken. (Foto: Peter Lauth)

Mei­ne ers­te Begeg­nung mit dem Tod hat­te ich mit sie­ben, acht Jah­ren. Wil­li, mein Gschpänli und Bank­nach­bar in der Pri­mar­schu­le, starb nach kur­zem Spi­tal­auf­ent­halt an einem Gehirn­tu­mor. Ich neh­me an, es war für die anwe­sen­den Erwach­se­nen ein sehr anrührendes Bild, wie wir Klas­sen­ka­me­ra­din­nen und -kame­ra­den um das Grab stan­den und jedes ein Röslein hin­ein­war­fen. Ich erin­ne­re mich nicht mehr, wel­che Emo­tio­nen das Erleb­nis bei mir ausgelöst hat. Für mich war Wil­li dann eben «im Him­mel» und schau­te auf uns nie­der – so wie mein Gross­va­ter, der auf dem­sel­ben Fried­hof begra­ben war und den ich ganz oft am Wochen­en­de zusam­men mit der Gross­mut­ter «besuch­te».

Der ers­te Tote, den ich sah, war mein Vater. Er starb 1985, 82-jährig, zu Hau­se im Kreis der nächsten Angehörigen. Es war ein erwar­te­ter und fried­li­cher Tod.

Bru­tal dage­gen war das Ster­ben eines befreun­de­ten jun­gen Arbeits­kol­le­gen, der ca. 2003, mit Anfang 30, sehr elend an Krebs ver­schied. Ich besuch­te ihn noch weni­ge Tage vor sei­nem Tod im Spi­tal.

Ver­gan­gen­heit ist, wenn es nicht mehr weh tut.

(Mark Twain)

Ein paar Jah­re später starb eine Frau aus dem Freun­des­kreis, etwa in mei­nem Alter. Sie litt an amyo­tro­pher Late­ral­skle­ro­se ALS, die­ser Mus­kel­krank­heit, die nach und nach, über Jah­re hin­weg, immer mehr Kör­per­par­ti­en lähmt, bis schliess­lich die Atmung aus­setzt.

Jörg Bertsch, Trauerredner in Basel.

«Wenn ich auch nicht an eine unsterb­li­che See­le glau­be – dass wir in den Her­zen derer, die uns nahe­stan­den, sehr wohl wei­ter­le­ben, das fin­de ich einen schö­nen Gedan­ken.» Ein schwar­zes Mole­skin-Notiz­buch und die sil­ber­ne SBB-Uhr sind stän­di­ge Beglei­ter von Jörg Bertsch, Trau­er­red­ner in Basel. (Foto: Peter Lauth)

Sehr nah bekam ich vor bald einem Jahr das Ster­ben mei­ner Mut­ter mit. Sie hat­te bis zu ihrem 99. Geburts­tag weit­ge­hend selbständig, auf­recht und tap­fer allein in ihrer Woh­nung gelebt. Dann wur­de sie im Gefol­ge eines star­ken Infekts von einem Tag auf den ande­ren bettlägerig und pflegebedürftig. Inner­halb von weni­gen Wochen kam es zu einem körperlichen, psy­chi­schen und geis­ti­gen Zer­fall, der für sie selbst sehr schlimm und für ihre Umwelt sehr belas­tend war. Dann am Ende konn­te sie fried­lich ent­schla­fen

Nun bin ich seit rund fünf Jah­ren als Trau­er­red­ner und Gestal­ter von Trau­er­fei­ern tätig. Fol­gen­de Bot­schaft liegt mir am Her­zen: Es ist wich­tig, eine Trau­er­fei­er abzu­hal­ten. In «mei­ner» Tages­zei­tung hat es eine Rubrik «Todesfälle in der Regi­on». Man sieht, wer in wel­cher Gemein­de gestor­ben ist, sowie wann und wo – und ob über­haupt – eine öffent­li­che Abdan­kungs­fei­er statt­fin­det. Ganz oft steht: «Bestat­tung im engs­ten Fami­li­en­kreis», oder ein­fach nur: «Wur­de bestat­tet».

Beschei­den­heit mag oft der Grund für sol­che Zurückhaltung sein, oder die Mei­nung, man wol­le sich scho­nen, sich die Belas­tung durch eine öffentliche Abdan­kungs­fei­er nicht zumu­ten. Ich glau­be hin­ge­gen, dass man sich damit kei­nen Gefal­len tut – und dem oder der Toten eben­falls nicht.

Ich fin­de, jeder Mensch hat einen Anspruch dar­auf, dass, wenn er gestor­ben ist, jemand sein ein­zig­ar­ti­ges Leben noch ein­mal würdigt, in Erin­ne­rung ruft. Das soll­te mei­ner Ansicht nach öffentlich gesche­hen, nicht nur im Kreis der nächsten Angehörigen. Der würdige Abschied braucht die würdigende Erin­ne­rung im Kreis der­je­ni­gen, die sich dem ver­stor­be­nen Men­schen ver­bun­den gefühlt haben.

Zwei­tens ist eine gestal­te­te öffentliche Trau­er­fei­er für die Angehörigen eine Hil­fe. Der stil­le Abschied im Auf­bah­rungs­raum ist das eine. Das ande­re und genau­so Wich­ti­ge ist das gemein­schaft­li­che Abschied­fei­ern mit ande­ren Men­schen zusam­men in einem geschützten ritu­el­len Rah­men. Die Gemein­schaft der Trau­ern­den tut wohl, gibt Kraft und hat eine hei­len­de Wir­kung. Die Gemein­schaft nimmt die eige­ne Trau­er nicht weg, aber sie hilft, sie zu tra­gen. Das gemein­sa­me Erin­nern und das gemein­sa­me sich Aus­ein­an­der­set­zen mit dem Tod im Rah­men eines Ritu­als «kann dazu hel­fen, dass auch das Herz begreift was der Ver­stand bereits weiss», wie es in dem Buch «Die Bestat­te­rin­nen» von Doris Hoch­stat­ter-Koch und Karin Koch Sager so schön for­mu­liert ist.

Trafen sich in Aarau zum Schwatz und für einen Fototermin: Trauerredner Jörg Bertsch (r.) und DeinAdieu-Autor Martin Schuppli.

Tra­fen sich in Aar­au zum Schwatz und für einen Foto­ter­min: Trau­er­red­ner Jörg Bertsch (r.) und DeinAdieu-Autor Mar­tin Schupp­li. (Foto: Peter Lauth)

Arbei­te, als wür­dest du das Geld nicht brau­chen. Lie­be, als hät­te dich nie jemand ver­letzt. Tan­ze, als wür­de nie­mand zuse­hen. Sin­ge, als wür­de nie­mand zuhö­ren. Lebe, als wäre der Him­mel auf Erden.

(Mark Twain)

Bei die­sem The­ma spre­che ich nicht nur als Berufs­mann, son­dern auch aus eige­nem pri­va­tem Erle­ben. Bei den erwähn­ten Todes­fäl­len im Fami­li­en- und Freun­des­kreis gab es sehr schöne Abdan­kungs­fei­ern, mit anrührenden persönlichen Wor­ten von Angehörigen, zum Teil mit Live­mu­sik. Wir fühlten uns im Schmerz ver­eint, gaben uns gegen­sei­tig Halt. Es tut in so einer Situa­ti­on unglaub­lich gut, sich unter Tränen zu umar­men und anein­an­der fest­zu­hal­ten. Und gleich dar­auf wie­der freu­di­ge Erin­ne­run­gen aus­zu­tau­schen, dabei viel­leicht sogar zu lachen. Denn es ist ja so: Wenn ich auch nicht an eine unsterb­li­che See­le glau­be – dass wir in den Her­zen derer, die uns nahe­stan­den, sehr wohl wei­ter­le­ben, das fin­de ich einen schö­nen Gedan­ken.

Der Tod, obwohl er eigent­lich so natürlich ist wie das Leben selbst, ist uns doch etwas ganz und gar Unbe­greif­li­ches. Eine gestal­te­te Fei­er in der Gemein­schaft – mit ange­mes­se­ner Musik, viel­leicht mit einem Ker­zen­ri­tu­al oder ande­ren sym­bo­li­schen Hand­lun­gen – hilft allen, das Unbe­greif­li­che anzu­neh­men und so die Tür zu einem Wei­ter­le­ben ohne den Ver­stor­be­nen – wenigs­tens einen Spalt weit – zu öffnen.

Bear­bei­tung: Mar­tin Schuppli/Fotos: Peter Lauth

 

Trauerredner Jörg Bertsch.

«Wenn ich es mir aus­su­chen könnte, würde ich gern ‹lebens­satt› ster­ben, dazu schmerz- und angst­frei, also, wenn nötig, pal­lia­tiv betreut, und idea­ler­wei­se beglei­tet von nahe­ste­hen­den Men­schen.» Trau­er­red­ner Jörg Bertsch. (Foto: Peter Lauth)

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