Hindu-Bestattung im Zürcher Krematorium Nordheim. Ein Fest für Seele und Körper. (Foto: Damian Byland/zVg)
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Rituelle Hindu-Bestattung im Zürcher Krematorium Nordheim

Verstorbene Hindus werden in Indien auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Das ist in der Schweiz nicht möglich.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
22. Juli 2016

In Zürich bietet das Bestattungs- und Friedhofamt den Hindus an, ihre Verstorbenen nach einer rituellen Abschiedsfeier zu kremieren. Krishna Premarupa das erzählt DeinAdieu.ch mehr über seinen Glauben, über das Leben, das Sterben und die wichtige Hindu-Bestattung.

Leben, sterben, leben, sterben, leben … die Seele eines Hindu scheint niemals zur Ruhe zu kommen. Obwohl er genau das anstrebt. Sein Ziel ist das Brahman, das Einswerden mit dem Ewigen, mit dem Absoluten oder das Erreichen einer der ewigen spirituellen Planeten, um seinem Ista-deva, seiner Verehrenden Gottheit zu dienen. In der über 3000 Jahre alten Weltreligion des Hinduismus bilden Leben und Tod einen Kreislauf, den Gläubige zu durchbrechen trachten.

Die Bestattungsrituale der Hindus sind sehr unterschiedlich. Allen Ritualen gemeinsam ist die Aufbahrung eines Verstorbenen. Sein Kopf zeigt Richtung Süden, denn in dieser Himmelsrichtung vermuten die Hinduisten Yama, den Totengott. Bevor der Tote bestattet werden kann, muss er rituell gereinigt werden. Denn nur eine gereinigte Seele kann mit einem gereinigten Körper einhergehen.

Der Leichnam wird hierfür auf einen Stuhl gesetzt und unter fliessendem Wasser gesäubert. Dann wird der Körper gesalbte und in Tücher gehüllt. Sie wurden vor der Zeremonie in heiliges Wasser getaucht. Danach wird der Tote mit den Füssen voran durch die Hintertür seines Hauses getragen.

Die Verbrennung auf dem Scheiterhaufen findet bereits am Todestag statt. Eine Bestattung im heiligen Fluss Ganges ist nach der Einäscherung grundsätzliche erstrebenswert, denn so soll der Kreislauf der Wiedergeburt automatisch abgebrochen werden. Deshalb begeben sich Todgeweihte oft schon vor ihrem Ableben nach Varanasi oder in andere Städte, die direkt am Ganges liegen.

Wie läuft so eine Hindu-Bestattung in Zürich ab?

DeinAdieu.ch befragte Krishna Premarupa das. Der Schweizer, er wuchs als Christoph Truttmann in Volketswil/Greifensee auf, leitet den Tempel der Krishna-Gemeinschaft in Zürich. Wichtig war ihm, zu Beginn des Gespräches, Folgendes zu erwähnen: «Wie Sie wissen, ist der Hinduismus sehr vielschichtig. Meine Aussagen geben nicht die ‹absolute Wahrheit› des Hinduismus wieder. Sie sind einfach eine der vielen Sichtweisen innerhalb dieser Tradition.

Meine Aussagen stützen sich auf das Verständnis der Vaishnavas, Verehrer Visnus, spezifisch des Gaudiya Vaishnavatums, geprägt aus der Westbengalischen Krishna-Tradition des fünfzehnten Jahrhunderts, heute vertreten durch die Internationale Gesellschaft für Krishna Bewusstsein ISKCON.»

Krishna Premarupa das, in Zürich haben Sie, haben gläubige Hindus, die Möglichkeit, Verstorbene nach dem oben angetönten Ritual zu bestatten. Natürlich ist es nicht möglich, die Toten auf einem Scheiterhaufen zu verbrennen.
Das Kremieren des Körpers ist tatsächlich wichtig, um der verstorbenen Seelen zu helfen, ihre Reise fortzusetzen. Solange der Körper noch da ist, mag die Seele noch daran haften, durch das Kremieren fällt es der Seele einfacher, loszulassen und sich auf die neue Geburt einzulassen. Sie ist also bereit zur Wiedergeburt.

Stimmt für Sie und ihre Glaubensbrüder die Art des Rituals, das Sie im Krematorium Nordheim durchführen können?
Natürlich bieten die sterilen Räume, die moderne Technik et cetera keine vergleichbare Atmosphäre zu den Verbrennungsstätten am Ufer des heiligen Flusses Ganges. Dort brennt ein ewiges Feuer, die Kremation findet unter freiem Himmel statt. Sie wird von Priestern mit heiligen Gesängen begleitet.

Dennoch kommt uns das Bestattungs- und Friedhofamt sehr entgegen und ermöglicht uns eigentlich sehr viel. In den Abschiedsräumen und den Abdankungshallen im Krematorium Nordheim haben wir schon oft sehr schöne Zeremonien abgehalten. Dort ist eigentlich alles möglich. Das schätzen wir sehr.

Sie können die Verstorbenen bis zu den Öfen begleiten.
Das ist speziell wertvoll. So können wir die verstorbene Seele wirklich noch bis zum Schluss begleiten. Diese Möglichkeit nutzen zwar nicht alle Hindus, aber in unserer Tradition ist das wichtig. Speziell das Singen von Mantras – sei es nun laut oder nur im Geist – ist sehr glückverheissend für die weitere Wiedergeburt.

Sie sagen, der allerwichtigste Zeitpunkt sei der Sterbemoment selber.
Das ist richtig. In der Bhagavad Gita, sie wird auch «Hindu-Bibel» genannt, beschreibt Krishna, wie der Zeitpunkt des Todes und das entsprechende Bewusstsein in dem Moment die nächste Wiedergeburt bestimmt.

anta-kāle ca mām eva
smaran muktvā kalevaram
yaḥ prayāti sa mad-bhāvaṁ
yāti nāsty atra saṁśayaḥ

«Und jeder, der sich am Ende seines Lebens, wenn er seinen Körper verlässt, an Mich allein erinnert, erreicht sogleich Meine Natur. Darüber besteht kein Zweifel.»

yaṁ yaṁ vāpi smaran bhāvaṁ
tyajaty ante kalevaram
taṁ tam evaiti kaunteya
sadā tad-bhāva-bhāvitaḥ

«Was auch immer der Daseinszustand ist. an den man sich erinnert, wenn man seinen Körper verlässt, diesen Zustand wird man ohne Zweifel erreichen.»

Aus diesem Grund nimmt die Sterbebegleitung eine sehr wichtige Rolle ein.
Ja. Ein Sterbender wird von uns begleitet und vor allem darin unterstützt, sich mehr und mehr an Gott zu erinnern.
Und nicht nur Sterbende; eigentlich, so glauben wir, ist das menschliche Leben sehr wertvoll und man sollte sein Leben so ausrichten, dass man sich so oft wie möglich an Gott erinnert, sich mit Gott bereits zu Lebzeiten verbindet. Dann wird es auch einfacher sein, sich im kritischen Moment des Todes an ihn zu erinnern.

Die Asche wird nach der Verbrennung, der Kremation, dem Wasser übergeben. Taugt die Limmat in Zürich, die Reuss in Luzern diesen Ansprüchen?
Flüsse wie der Ganges oder die Sarasvati werden seit Jahrtausenden verehrt und die heiligen Schriften besingen ihre Herrlichkeit. Dies kann man von Limmat oder Reuss nicht behaupten. Dennoch gelten alle Flüsse als Zeichen des Lebens und sind für die Menschen sehr wertvoll.

Innerhalb unserer Gemeinde ziehen es Gläubige vor, dass die Asche Verstorbener von Familienmitgliedern nach Indien gebracht wird, und dort wird sie dem heiligen Fluss Ganges übergeben.

Da der Ganges als Göttin verehrt wird, soll eben die Berührung mit ihr die erwünschte Befreiung aus dem Kreislauf von Geburt und Tod ermöglichen, oder wenigstens unterstützen.

Hindu-Bestattung im Zürcher Krematorium Nordheim. (Foto: Damian Byland/zVg)

Und wenn jemand nicht nach Indien reisen kann?
Für Gläubige, denen es wichtig ist, bei der Übergeben der Asche in den Fluss dabei zu sein, und die nicht die Möglichkeit haben, nach Indien zu reisen, kann eine Übergabe in die Limmat oder Reuss eine Alternative sein.

In Zürich bietet sich der Platzspitz an. Dort fliessen Limmat und Sihl zusammen. So ein Zusammentreffen von Flüssen nennt man prayag, und es gilt als besonders glückverheissend.

Um die Schweizer Flüsse noch etwas spirituell aufzuwerten, rezitieren wir Mantras während der Übergabe der Asche. Damit sollen die heiligen Flüsse wie Ganges, Sarasvati und Godaveri herbeigerufen werden. In diesem Bewusstsein hat das dann sicher auch seine Wirkung.

Vor der Kremation wird der Leichnam in der Regel mit Ganges-Wasser besprenkelt, sodass da ein Kontakt bereits statt fand.

Wie wichtig ist das Abschieds-, das Bestattungsritual im Lebenskreislauf eines Gläubigen?
Wie bereits erwähnt, ist vor allem der Verlauf des Sterbens und des Todes sehr essenziell.

Das vedische, also das altindische Gesellschaftssystem ist darauf ausgerichtet, sich auf den Tod vorzubereiten.
Die Lebensstufen brahmacarya, grihasta, vanaprastha und sannyasa sind verschiedene Stufen im Leben eines Menschen.
Als junger Mensch studiert man in der Gurkula, der Schule des Meisters. Danach lebt man sein Leben als Haushälter, lebt ein Familienleben.

Im Alter zieht der Gläubige sich dann aber vom weltlichen Leben zurück und widmet sich ganz der Beziehung zu Gott. Vor allem die letzten beiden Lebensstufen vanaprastha, was Rückzug in den Wald bedeutet und sannyas, die letzte Stufe der Entsagung, sollen den Menschen darauf vorbereiten, loszulassen.

Ich bin mit leeren Händen in diese Welt gekommen, und ich werde sie auch mit leeren Händen wieder verlassen. Lerne ich bereits im Leben loszulassen, empfinde ich das Alter, den Sterbeprozess, als weniger schmerzhaft.

Sind diese Kompromisse bei der Bestattung hier in der Schweiz ein schmerzlicher Verzicht bei der Ausübung Ihrer Religion?
Nein, wichtiger als äussere Rituale ist das Bewusstsein, in dem Gläubige ein Ritual ausführen. Zudem halten sich die Kompromisse in Grenzen.

Konnten Sie den Ablauf einer Bestattung mit dem Bestattungs- und Friedhofamt der Stadt Zürich aushandeln, und wird diese Art der Bestattung oft abgehalten?
So ein Ablauf kann von Fall zu Fall etwas unterschiedlich vor sich gehen. Aber wie bereits angesprochen, ist uns die Stadt immer sehr entgegen gekommen. Hinduistische Bestattungen finden immer wieder statt.

Wie viele Hindus leben im Grossraum Zürich?
Da kenne ich keine genauen Zahlen. In der Schweiz leben, so viel ich weiss, rund 50 000 Hindus. 40 000 davon mit tamilischem Hintergrund.

Text: Martin Schuppli/Fotos: zVg/Damian Byland

Hindu-Bestattung im Zürcher Krematorium Nordheim

Hindu-Bestattung im Zürcher Krematorium Nordheim. Die Angehörigen dürfen den Sarg bis zum Verbrennungsofen begleiten. (Foto: Damian Byland/zVg)

Ablauf einer Hindu-Bestattung in Zürich

Eine Abdankungsfeier kann folgende Elemente enthalten:

  • Lesungen aus den heiligen Schriften
  • Worte an Familienangehörige
  • Arati, Puja. Das sind Rituale zur Verehrung einer hinduistischen Gottheit. Diese Rituale feiern wir im Namen des Verstorbenen
  • Glückverheissende Umstände schaffen: Rezitieren von Gebeten
  • Dem Leichnam hängen wir Blumengirlanden um. Sie wurden zuvor einer Gottheit gewidmet.
  • Die Namen Gottes werden dem Leichnam mit Sandelholzpaste auf die Stirn gemalt, ein oranges Tuch mit den Namen Gottes um die Schulter gelegt, ein Tulasi-Blatt, das ist das Blatt einer heiligen Pflanze, in den Mund gelegt, und – das ist nun das Wichtigste – der Leichnam wird mit Wasser aus dem heiligen Fluss Ganges besprenkelt. All diese glückverheissenden Dinge werden vom Priester oder von Angehörigen übergeben.
  • Anschliessend rezitieren wir Gebeten, singen Mantras

Kremation

  • Traditionell, wie oben beschrieben
  • Bei uns wichtig: begleitet mit dem Gesang von heiligen Namen, Mantra singen

Bestattung

  • die Asche wird nach Indien gebracht und dort von Priestern dem Ganges übergeben

oder

  • die Asche wird einem Schweizer Fluss übergeben, begleitet von Gebeten

Hindu-Gemeinschaft
Krishna Gemeinschaft Schweiz
Bergstrasse 54, 8032 Zürich

Tel. +41 77 434 01 59

krishnapremarupa@gmail.com | www.krishnapremarupa.com

Links zu Texten die in Zusammenhang mit dem Thema Tod stehen:

• Vom Umgang mit dem Tod => Link
• Wie heilig ist die Limmat?  => Link
• Ganges-Wasser => Link

Bestattungs- und Friedhofamt
Stadthausquai 17, Stadthaus
8001 Zürich
Telefon +41 44 412 31 78

Montag bis Freitag 8 Uhr bis 16.30 Uhr
Samstags 8 Uhr bis 11.30 Uhr

Krematorium Nordheim
Käferholzstrasse 101, 8046 Zürich
Tel. +41 44 412 06 00

Montag bis Freitag 7.30 Uhr bis 16.30 Uhr
Samstag / Sonntag 8.30 Uhr bis 11.30 Uhr

Bestattungs- und Friedhofamt der Stadt Zürich

Download Hindu-Bestattung:
Merkblatt für Gemeinden => Link
Merkblatt für Hindus => Link

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