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Der Verwandtschaftsgrad ist entscheidend…

Ein Erbfall betrifft die engsten Angehörigen des Erblassers persönlich wie vermögensrechtlich am stärksten. Das Erbrecht sieht unterschiedliche – oft nach Verwandtschaftsgrad gestufte – Privilegien für Ehegatten und Verwandte in gerader Linie vor.

Artikel verfasst von Bernhard Gerstl, B.A. HSG in Law & Economics am
10. Juni 2018

… für den gesetzlichen Erbteil

Deutlich zeigt sich die besondere Stellung der nahen Verwandten bei der gesetzlichen Erbfolge. Diese gilt im Fall, dass der Erblasser keine letztwillige Verfügung über die Aufteilung seiner Hinterlassenschaft errichtet hat. Die gesetzliche Erbfolge sieht vor, dass die Ehegatten sowie Nachkommen des Erblassers zuerst begünstigt werden. Hatte der Erblasser keine eigenen Kinder, fällt ein Teil seinen Eltern oder Grosseltern bzw. deren Nachkommen zu.

Die Nachkommen haben im Verhältnis zum Ehepartner Anspruch auf die Hälfte des Erbes, der Elternstamm nur auf ein Viertel. Eingetragene Partner sind den Ehegatten erbrechtlich (Achtung: nicht aber güterrechtlich) gleichgestellt. Konkubinatspartner, die rechtlich nicht verheiratet sind, haben grundsätzlich keinen gesetzlichen Erbanspruch.

Das Erbrecht baut also massgeblich auf die Vermutung eines Näheverhältnisses zwischen Erblasser und gesetzlichen Erben aufgrund familiärer Bande aus. Die Verwandten profitieren am stärksten (und als einzige) von der gesetzlichen Erbfolge. Das Vermögen bleibt in der Familie.

Natürlich bleibt es möglich, mittels Testament oder Erbvertrag zu verfügen, dass der Erbanspruch der Angehörigen zugunsten Dritter schrumpft. Aus diesem Grund gelten Ausstandspflichten für gesetzliche Erben als Zeugen der letztwilligen Verfügung.

… den Pflichtteilsschutz

Doch selbst wenn der Erblasser den gesetzlichen Erben Vermögen entzieht, kann er dies nicht in beliebigem Umfang tun. Diese sind nämlich mit einem sogenannten Pflichtteil geschützt, auf dessen Herausgabe sie in jedem Fall die Herabsetzungsklage erheben können. Der Pflichtteil fällt ihnen aber nicht von selbst zu, es bedarf seiner Geltendmachung im Erbteilungsprozess. Andernfalls entfaltet auch eine pflichtteilsverletzende letztwillige Verfügung so Wirkung, wie sie errichtet wurde.

Auch der Pflichtteilsschutz stuft sich entlang des Verwandtschaftsgrads ab, ist aber enger gefasst als die gesetzliche Erbfolge: Nachkommen des Erblassers sind bis zu drei Vierteln ihres gesetzlichen Anspruchs geschützt, Ehegatten und Eltern bis zu dessen Hälfte. Andere Verwandte oder Dritte kommen nicht in den Genuss eines gesetzlichen Mindestanspruches an der Erbschaft.

… und die Erbschaftssteuern.

Die allermeisten Kantone der Schweiz kennen eine Erbschaftssteuer sowie eine ähnlichen Prinzipien folgende Schenkungssteuer (diese soll Steuerumgehungen durch lebzeitige Schenkung unterbinden). Die Lehre differenziert zwischen Nachlasssteuern, bei denen der gesamte Wert der Erbschaft die Bemessungsgrundlage bildet, und Erbanfallsteuern, die sich anhand der jeweiligen Ansprüche der einzelnen Erben beurteilen. In der Schweiz sind die Erbanfallsteuern das gängigere Modell. Jeder Erbe hat seine Erbschaftssteuern auf den ihm zustehenden Anteil am Erbe zu entrichten.

Dabei sind oft die engsten Verwandten oder die gesetzlichen Erben von der Steuer befreit oder zumindest Freibeträge und Steuererleichterungen für sie vorgesehen. Eine schweizweite Übersicht für die Erbschaftssteuern gestaffelt nach Verwandtschaftsverhältnis anhand der Beispielsumme von 500‘000 Franken finden Sie hier.

Die Beziehung zwischen Erblasser und Erbberechtigten ist in vielerlei Hinsicht entscheidend dafür, wie mit der Hinterlassenschaft zu verfahren ist. Verwandtschaftsverhältnisse sorgen für einen gesetzlichen Erbanspruch, wenn der Erblasser keinen letzten Willen kundgemacht hat. Nachkommen, Ehegatten und Eltern des Erblassers haben darüber hinaus Anspruch auf einen Mindestanteil am Wert der Erbschaft. Darüber hinaus sind sie in fast allen Kantonen erbschaftssteuerlich signifikant begünstigt.

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