Sabine Shah mit dem Maskottchen ihrer Jasmina Soraya Fondation und einer provokativen These zum Kindesverlust.
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Sabi­ne Shah: «Kinds­ver­lust ist eine Chan­ce»

«Sein Kind zu ‹ver­lie­ren›, ist eine Chan­ce». Die­se pro­vo­ka­ti­ve Aus­sa­ge zum The­ma Kinds­ver­lust kann Sabi­ne Shah nach eige­ner leid­vol­ler Erfah­rung begrün­den.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Journalist BR am
15. Juli 2016

Sabi­ne Shah weiss, was es heisst, Kin­der zu gebä­ren. Sie weiss eben­falls, was es heisst, ein Kind zu «ver­lie­ren». Die ver­hei­ra­te­te Bas­le­rin sagt: «Ich bin Mut­ter von vier Kin­dern. Jas­mi­na Sora­ya, mein Ster­nen­kind, wur­de nur neun Mona­te alt. Sie kam am Don­ners­tag, 14. April 2011, zur Welt und starb am Frei­tag, 3. Febru­ar 2012, auf­grund der lebens­be­droh­li­chen Mus­kel­er­kran­kung Spi­na­le Mus­kela­tro­phie Typ 1*.»

Die 41-jäh­ri­ge Fami­li­en­ma­na­ge­rin und Geschäfts­frau schweigt. Für einen kur­zen Moment umwölkt Trau­rig­keit ihre Augen. Dann aber strahlt sie wie­der: «Mei­ne bei­den Erdenkin­der sind drei und sie­ben Jah­re alt. Sie geben uns ganz viel Kraft und Lebens­freu­de.» Dann hält sie noch­mals kurz inne, lächelt geheim­nis­voll und sagt: «Unser vier­tes Kind ist unter­wegs, die gan­ze Fami­lie freut sich auf die Geburt im kom­men­den Dezem­ber.»

Ein Kinds­ver­lust for­dert Mut­ter und Fami­lie her­aus

Vor vier Jah­ren, nach dem Tod von Jas­mi­na, grün­de­te Sabi­ne Shah die Jas­mi­na Sora­ya Fon­da­ti­on. «Es war mir ein Bedürf­nis, ande­re Stern­kind-Fami­li­en in ähn­li­cher Situa­ti­on zu unter­stüt­zen, ihren Trau­er­pro­zess mit viel Herz und Enga­ge­ment zu beglei­ten.»

Sabi­ne Shah sagt pro­vo­ka­tiv: «Sein Kind zu ‹ver­lie­ren›, ist eine Chan­ce». Die Aus­sa­ge for­dert her­aus. «Was steckt dahin­ter?», möch­te der Autor wis­sen. Sabi­ne Shah erklärt: «Muss eine Mut­ter, müs­sen Eltern, muss eine Fami­lie ein Kind zurück in sein ‹himm­li­sches Zuhau­se› gehen las­sen, ist das eine der gröss­ten Her­aus­for­de­run­gen, die einem das Leben stel­len kann. Schmerz und Trau­er sind unbe­schreib­lich. Sie stel­len eine Mut­ter, Eltern und das gan­ze Umfeld auf eine unge­mein har­te Pro­be.»

«Das Leben ist ein gros­ses Geschenk»

Trotz­dem, oder gera­de des­halb glaubt die Bas­le­rin jedoch, dass die­se unsag­bar schmerz­haf­te und über­aus schwie­ri­ge Erfah­rung eine Chan­ce dar­stel­len kann. Eine Chan­ce, mehr über sich selbst, mehr über sei­ne Bedürf­nis­se, mehr über sei­ne Beru­fung und mehr über sein Umfeld zu erfah­ren. «Das Leben ist ein gros­ses Geschenk», sagt Sabi­ne Shah, «und manch­mal kann ein solch hef­ti­ger Schick­sals­schlag einen wach­rüt­teln, einen auf­we­cken und einem auf­zei­gen, wie wert­voll jeder ein­zel­ne Tag ist. Wie wert­voll es ist, im Hier und Jetzt zu leben, zu sich selbst zu ste­hen. Und zwar mit allen Ecken und Kan­ten. Wie wert­voll es ist, lie­be­voll kon­se­quent zu sein und zu sei­ner Mei­nung zu ste­hen.

Gehen auf unge­wohn­ten Wegen

Dann for­mu­liert Sabi­ne Shah eini­ge, für den Auto­ren ent­schei­den­de Sät­ze: «Dazu gehört, Men­schen los­zu­las­sen, die nicht mehr ins Lebens­kon­zept pas­sen. Dazu gehört eben­falls, Men­schen, die uns gut tun, ganz nahe an sich her­an zu las­sen.» Sie legt eine Denk­pau­se ein und fährt dann fort: «Wir müs­sen ler­nen, Ja zu sagen zur Ver­än­de­rung – auch wenn uns das Gehen auf unge­wohn­ten Wegen Angst macht.»

Es sei eine gros­se Chan­ce, zu erken­nen, dass es da noch ande­re «Din­ge» gäbe, sagt Sabi­ne Shah, die wir viel­leicht ohne den «Erden-Abschied» von unse­rem Kind nicht ent­deckt hät­ten. Sie meint bei­spiels­wei­se «die Brü­cken zwi­schen dem Hier und Dort». Wei­ter sagt sie: «Es ist wich­tig, zu ler­nen, sein Kind anders wahr zu neh­men – auf eine ganz fein­füh­li­ge Art.

Wahr­neh­men nicht im Aus­sen, son­dern tief in uns selbst. Als Teil unse­res eige­nen Wesens. Dazu dür­fen wir in uns hin­ein­hö­ren und spü­ren, wer wir wirk­lich sind und so, durch den Schmerz hin­durch, zum inni­gen Frie­den und zur unsterb­li­chen Lie­be fin­den. Die­ses Gefühl zu ent­de­cken ist unbe­schreib­lich. Es ist über­wäl­ti­gend und nimmt jeden klei­nen Teil des ‹Ich› ein.»

Der Preis, den Betrof­fe­ne für die­se Erfah­rung «bezah­len», sei unmess­bar hoch – aber es lie­ge an uns, aus der Opfer­hal­tung in die Eigen­ver­ant­wor­tung unse­res Lebens zu gelan­gen, sagt Sabi­ne Shah: «Wir haben jeden Tag wie­der aufs neue die Gele­gen­heit dazu.»

Im kur­zen Inter­view beant­wor­tet Sabi­ne Shah Fra­gen zu ihrer Jas­mi­na Sora­ya Fon­da­ti­on

Frau Shah: Wer bie­tet Hil­fe, dass Müt­ter, Väter, Eltern, Geschwis­ter die­sen Schick­sals­schlag als Chan­ce sehen?
Sabi­ne Shah: Unse­re Stif­tung besteht aus elf «Stern­li Mamis» und neu auch aus zwei «Stern­li Papis». Sie tra­gen unser Enga­ge­ment tat­kräf­tig mit.

In wel­chen Regio­nen ist die Jas­mi­na Sora­ya Fon­da­ti­on tätig?
Wir sind im basel­land­schaft­li­chen Ther­wil zuhau­se und wir­ken in der Deutsch­schweiz sowie im grenz­na­hen Deutsch­land. Betrof­fe­nen Ster­nen­fa­mi­li­en bie­ten wir ver­schie­dens­te Platt­for­men und Ange­bo­te zum The­ma Trau­er und Abschied­neh­men.

Stich­wort «Freu­de im Leben wie­der fin­den»
Genau, das ist ein zen­tra­les Anlie­gen. Wir möch­ten Betrof­fe­nen hel­fen, die Freu­de am Leben wie­der zu erlan­gen. Dabei kön­nen wir auf ein sehr kom­pe­ten­tes Netz­werk von Fach­per­so­nen zurück­grei­fen. Sie ste­hen uns mit The­ra­pie­an­ge­bo­ten und ver­schie­dens­ten Dienst­leis­tun­gen zur Sei­te. Es ist uns wich­tig, klein und per­sön­lich zu sein und zu blei­ben. Unter­wegs mit viel Herz und Empa­thie.

Kon­kret: Wie kön­nen Sie, wie kann Ihre Orga­ni­sa­ti­on den Eltern hel­fen bei der Bewäl­ti­gung bei einem Kinds­ver­lust?
Weil wir selbst erfah­ren haben, was es heisst, sein Kind gehen las­sen zu müs­sen und eini­ge von uns aus­ge­bil­de­te Coa­ches sind, haben wir die Mög­lich­keit, betrof­fe­ne Eltern zu beglei­ten und zu betreu­en.

Zusätz­lich kön­nen Sie Fach­leu­te ver­mit­teln.
Genau. Bei Fäl­len, die ande­re The­ra­pie­for­men benö­ti­gen, kön­nen wir auf ein fun­dier­tes und kom­pe­ten­tes Netz­werk von Trau­ma- und Trau­er-The­ra­peu­ten zurück­grei­fen. Aus­ser­dem bie­ten wir Platt­for­men an für Begeg­nung, Aus­tausch und eige­nes Wachs­tum. Ganz unter dem Moto: «Zurück zu mir.»

Text & Inter­view: Mar­tin Schupp­li | Foto: zvg

Spi­na­le Mus­kela­tro­phie (SMA) ist eine gene­ti­sche Erb­krank­heit, bei der bestimm­te Ner­ven­zel­len, so genann­te Moto­neu­ro­nen, abster­ben. Dadurch kommt es zu einer Rez­zes­si­on der Mus­ku­la­tur. Betrof­fe­ne sind geschwächt, kön­nen sich nur schwer oder gar nicht mehr bewe­gen. Die ver­erb­te Krank­heit betrifft meist Kin­der, sel­ten Erwach­se­ne. Der Krank­heits­ver­lauf lässt sich nicht auf­hal­ten, eine ursäch­li­che Behand­lung ist noch nicht mög­lich. Jun­ge Pati­en­ten, Pati­en­tin­nen haben eine stark redu­zier­te Lebens­er­war­tung. Es gibt vier Ein­stu­fun­gen je nach Schwer­wie­gig­keit der Krank­heits­sym­pto­me.

Jas­min Sora­ya Fon­da­ti­on
Enga­ge­ment für Stern­chen Fami­li­en
Wei­den­stras­se 36 | 4106 Ther­wil BL

Tel. +41 61 721 11 13
sternchen@jasminasoraya.ch | www.jasminasoraya.ch

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DeinAdieu berich­te­te schon in frü­he­ren Blog­bei­trä­gen über Kinds­ver­lust

10. Juni 2016: Abschieds­fei­er für tot­ge­bo­re­ne Kin­der
8. Juli 2016: Kinds­tod: Fabi­en leb­te nur 62 Tage

 

  • Sein KInd zu ver­lie­ren sei eine Chan­ce.

    Ich selbst kann dazu nur sagen,
    dass ich die­ses Wort nicht mit Tills Tod ver­bin­den kann.
    nie und nim­mer.

    Klar, macht man das Bes­te dar­aus, dass es wei­ter­geht.
    wächst im bes­ten Fall an dem Unab­än­der­li­chen.
    Ver­steht vie­les, das man vor­her nicht ver­stand.

    Aber zu sagen,
    dass sein Tod mei­ne Chan­ce sei, ist für mich abso­lut undenk­bar.
    Ich brin­ge es nicht über mei­ne Lip­pen.
    Auch wenn ich ver­ste­he, dass man es viel­leicht auf der Sach­ebe­ne so betrach­ten könn­te.
    im bes­ten Fal­le.

    Was ich weiss,
    dass Ich die­sen Ver­lust nicht gebraucht hät­te.
    nie­mals.
    um zu sein, was ich bin.
    Und ich den­ke in Demut auch an die vie­len Ster­nen­kind­ma­mas -Papas -Geschwis­ter -Gross­el­tern,
    die an die­sem Tod zer­bro­chen sind und noch immer zer­bre­chen.

    Dan­ke für alles was du tust und gibst.
    den vie­len Ster­nen­kin­der­ma­mis in unse­rem Land.

    • Sabi­ne Shah

      Lie­be Bri­git­te, ganz herz­li­chen Dank für Dei­ne offe­nen Wor­te. Ich schät­ze Dei­ne Ansicht sehr und fin­de es über­aus wert­voll, dass wir alle unse­re ganz per­sön­li­chen Emp­fin­dun­gen und Wege leben kön­nen. Ich freue mich sehr, Dich ganz bald per­sön­lich zu tref­fen und dann kön­nen wir uns sicher noch ver­tieft dazu aus­tau­schen. Sei ganz herz­lich gegrüsst, Sabi­ne

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