Spitalseelsorgerin Brigitte Amrein auf dem Kinderfeld im Luzerner Friedhof Friedental. (Foto: Peter Lauth)
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Bri­git­te Amrein: Abschieds­fei­er für früh­ver­stor­be­ne und tot­ge­bo­re­ne Kin­der

Bri­git­te Amrein, kath. Theo­lo­gin am Luzer­ner Kan­tons­spi­tal LUKS erzählt DeinAdieu.ch wie so eine berüh­ren­de Abschieds­fei­er abläuft.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Journalist BR am
10. Juni 2016

Früh­ver­stor­be­ne und tot­ge­bo­re­ne Kin­der wer­den in Luzern wür­dig bestat­tet. Jeden ers­ten Diens­tag im Monat bewegt sich eine Grup­pe Men­schen mit bren­nen­den Ker­zen von der Ein­seg­nungs­hal­le auf dem Luzer­ner Fried­hof Frie­den­tal in Rich­tung Kin­der­feld. Mit­ar­bei­ter des Fried­hofs, manch­mal auch  Väter, gehen vor­aus und tra­gen die Holz­särg­lein mit den ver­stor­be­nen Kin­dern. An solch einer schlich­ten Abschieds­fei­er neh­men Eltern teil, die ihre früh­ver­stor­be­nen oder tot­ge­bo­re­nen Kin­der bestat­ten möch­ten. «Die­se Fei­ern ent­spre­chen einem Bedürf­nis der Eltern, aber auch der Geschwis­ter, Gross­el­tern, Göt­tis, Got­ten sowie Freun­den der betrof­fe­nen Fami­li­en», sagt Bri­git­te Amrein. Die katho­li­sche Theo­lo­gin ist Seel­sor­ge­rin am Luzer­ner Kan­tons­spi­tal LUKS. Sie gestal­tet die­se Fei­ern seit 2013 gemein­sam mit ihrer refor­mier­ten Kol­le­gin Bet­ti­na Tun­ger-Zanet­ti und in Zusam­men­ar­beit mit dem Fried­hof Frie­den­tal.

Ker­zen für die Ange­hö­ri­gen

Nach der Begrüs­sung aller Teil­neh­men­den in der Ein­seg­nungs­hal­le, neh­men die Seel­sor­ge­rin­nen noch ein­mal Bezug auf die schwie­ri­ge Situa­ti­on der Eltern und lesen dazu einen Text. Sie ent­zün­den an der Oster­ker­ze das Licht und spre­chen ein Gebet. Auf einem Tisch, auf far­bi­gen Tüchern, ste­hen sechs Ker­zen. Sie bren­nen für die ver­stor­be­nen Kin­der, die Eltern, die Geschwis­ter, die Gross­el­tern und Paten sowie für das Behand­lungs­team im Spi­tal. «Eine Ker­ze zün­den wir für jene Eltern an, die an der Abschieds­fei­er nicht dabei sein kön­nen», sagt Bri­git­te Amrein.

Auf dem Kin­der­feld wer­den die Särg­lein nach einem Gebet in die Erde gelegt. Die Teil­neh­men­den haben die Mög­lich­keit, mit Weih­was­ser, Erde und Rosen­blät­tern Abschied zu neh­men. «Sind Eltern mus­li­mi­schen Glau­bens dabei, stellt der Fried­hofs­mit­ar­bei­ter ein Gefäss mit Erde vom mus­li­mi­schen Grä­ber­feld neben das Kin­der­grab, damit sich die Eltern ver­ab­schie­den kön­nen, wie es ihrer Reli­gi­on ent­spricht. Auf Wunsch die­ser Eltern ist ist manch­mal ein Imam dabei. Wir ken­nen uns und las­sen uns gegen­sei­tig Raum. Auch der Imam spricht sei­ne Gebe­te an der Fei­er und am Grab. Es ist ein respekt­vol­les Mit­ein­an­der.»

Das Schick­sal, ein Kind ver­lo­ren zu haben, schafft eine ein­drück­li­che Ver­bun­den­heit unter den Eltern und ihren Ange­hö­ri­gen – alle durch­le­ben die­se Trau­er, ob sie aus Luzern, aus Syri­en oder Bra­si­li­en kom­men.

Ein Kirsch­baum vol­ler Erin­ne­run­gen

Das Kin­der­feld, ein Gemein­schafts­grab für tot­ge­bo­re­ne oder früh­ver­stor­be­ne Kin­der, liegt im hin­te­ren Teil des weit­läu­fi­gen Gelän­des. An einem Kirsch­baum hän­gen Erin­ne­run­gen an die ver­stor­be­nen und begra­be­nen Kin­der. Far­bi­ge Herz­chen oder Ster­ne etwa mit Namen beschrif­tet. Wei­te­re Erin­ne­rungs­zei­chen ste­hen hin­ter einer knie­ho­hen Hecke. Da sitzt ein Bär neben einem Auto, Pup­pen leh­nen anein­an­der, da hat es Bil­der, Spiel­sa­chen, far­bi­ge Bäl­le und vie­les mehr.

Die Abschieds­fei­ern ent­spre­chen einem gros­sen Bedürf­nis. 2013 wur­den 59 Kin­der bestat­tet. «Es sind alle Eltern, die sich für die Bestat­tung auf dem Kin­der­feld ent­schei­den, zu die­ser Fei­er ein­ge­la­den, unab­hän­gig ihrer Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit», sagt Bri­git­te Amrein, die seit 1986 als Seel­sor­ge­rin am LUKS tätig ist.

Frau Amrein: Was geschah frü­her mit die­sen zu früh ver­stor­be­nen Kin­dern?
Bri­git­te Amrein: Sie wur­den ins Grab einer erwach­se­nen ver­stor­be­nen Per­son gelegt. Die Eltern wuss­ten nicht, wo ihr Kind begra­ben liegt. Der dama­li­ge Fried­hof­ver­wal­ter des Frie­den­tals, Josef Thei­ler, stell­te 1989 eine Wie­se mit einem Kirsch­bäum­chen als Kin­der­feld bereit. Ihm war es ein gros­ses Anlie­gen, dass die Eltern wis­sen, wo ihr Kind begra­ben liegt. Aller­dings konn­ten damals die Eltern bei der Beer­di­gung nicht dabei sein.

Stirbt ein Kind zu einem Zeit­punkt, an dem es gege­be­nen­falls mit medi­zi­ni­scher Unter­stüt­zung lebens­fä­hig wäre, spricht man vom «peri­na­ta­len Kinds­tod». Die­ser Zeit­punkt ist unge­fähr ab der 23. Schwan­ger­schafts­wo­che. Der Begriff «peri­na­ta­ler Kinds­tod» bezeich­net sowohl sog. Tot­ge­bur­ten wie auch den Tod lebend gebo­re­ner Kin­der.

Wes­halb kön­nen jetzt Eltern und ihre Ange­hö­ri­gen an der Fei­er teil­neh­men?
«Clau­dia Graf, mei­ne dama­li­ge refor­mier­te Kol­le­gin und ich haben im Ver­lauf der Jah­re die Erfah­rung gemacht, dass die Abschieds­fei­er im Zim­mer des Spi­tals oder im Andachts­raum der Frau­en­kli­nik, den Eltern nicht mehr genügt. Sie äus­ser­ten zuneh­mend den Wunsch, bei der Beer­di­gung auf dem Kin­der­feld dabei zu sein. Des­halb haben wir im Jahr 2013 damit begon­nen, die­se Abschieds­fei­ern monat­lich für die Eltern und ihre Ange­hö­ri­gen durch­zu­füh­ren. Es neh­men jeweils zwi­schen fünf und bis zu vier­zig Per­so­nen teil.»

War­um hilft Abschieds­fei­er, eine Beer­di­gung, den Hin­ter­blie­be­nen beim Abschied­neh­men?
Die Beer­di­gung ist ein wich­ti­ger Schritt, um das Unfass­ba­re zu rea­li­sie­ren, den Tod eines gelieb­ten Men­schen. Psy­cho­lo­gin­nen wie Vere­na Kast spre­chen vom Trau­er­pro­zess, der in Pha­sen abläuft und unter­schied­lich lan­ge dau­ert. Die Beer­di­gung kann unter­stüt­zend wir­ken im Pro­zess des «Sich- tren­nen- Müs­sens».

Bri­git­te Amrein berich­tet, dass Eltern erzäh­len, wie die Abschieds­fei­er ein wich­ti­ger Schritt sei, um «wie­der ins Leben hin­aus zu tre­ten». «Über­dies ste­hen Kir­chen und ande­re Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten ein für eine Hoff­nung über den Tod hin­aus.»

Hin­zu kommt, dass der Trau­er­pro­zess bei Fehl­ge­burt und peri­na­ta­lem Kinds­tod erheb­lich erschwert ist:

  • Geburt und Tod lie­gen bei den meis­ten Todes­fäl­len weit aus­ein­an­der, hier fal­len sie unmit­tel­bar zusam­men.
  • Es kommt vor, dass eine Frau die Schwan­ger­schaft abbricht, weil das Kind schwer erkrankt ist. Dies setzt die Eltern einer beson­de­ren Belas­tung aus.
  • Vie­le Eltern wer­den von Schuld­ge­füh­len geplagt, wenn ihr Kind schwe­re Ano­ma­li­en auf­weist, krank ist oder im Mut­ter­leib stirbt: Sie fra­gen sich: Was habe ich falsch gemacht, hät­ten wir den Tod ver­hin­dern kön­nen, hät­te ich etwas mer­ken müs­sen?
  • Bei frü­hen Fehl­ge­bur­ten wis­sen oft erst weni­ge Men­schen um das wer­den­de Kind. Die Trau­er kann eine Frau, kön­nen Eltern kaum mit jeman­dem tei­len

Umso wich­ti­ger ist es für die Eltern, in einer «Trau­er­ge­mein­schaft» Abschied zu neh­men. Bri­git­te Amrein: «An so einer Abschieds­fei­er wird ihr Kind gewür­digt, Geschwis­ter brin­gen für ihr totes Brü­der­chen oder Schwes­ter­chen ein Spiel­zeug mit, die Patin legt Blu­men auf das Grab­feld, Eltern hän­gen Ster­ne und Traum­fän­ger an das Bäum­chen oder stel­len Blu­men­her­zen auf die Stein­plat­ten. Vor­her haben man­che ihrem Kind einen Brief, eine Zeich­nung, ein Plüsch­tier ins Särg­lein gelegt.»

An der Durch­füh­rung die­ser Fei­er sind sowohl das LUKS, als auch der Fried­hof Frie­den­tal betei­ligt. Der Fried­hof stellt den Mit­ar­bei­ter, der das Grab auf dem Kin­der­feld vor­be­rei­tet und die Ein­seg­nungs­hal­le unent­gelt­lich zur Ver­fü­gung, die Schrei­ne­rei des Spi­tals stellt die Särg­lein her, das Spi­tal über­weist eine Gebühr an das Frie­den­tal und beauf­tragt die Spi­tal­seel­sor­ge mit die­ser Fei­er. Somit sind Abschieds­fei­er und Bestat­tung auf dem Kin­der­feld für die Eltern unent­gelt­lich.

Text: Mar­tin Schuppli/Foto: Peter Lauth

Luzer­ner Kan­tons­spi­tal LUKS
Spi­tal­stras­se | 6000 Luzern 16
Tele­fon +41 41 205 42 88
E-Mail Kon­takt | www.luks.ch

Zum Luzer­ner Kan­tons­spi­tal gehö­ren Spi­tä­ler an den Stand­or­ten Luzern, Wol­hu­sen, und Sur­see. Eben­so die Reha-Kli­nik Mon­ta­na in Luzern.

An Abschieds­fei­ern für zu früh oder tot­ge­bo­re­ne Kin­der wer­den auf Wunsch der Eltern auch Kin­der bestat­tet, die in den Spi­tä­lern Hirs­lan­den Luzern, Stans, Sar­nen, Alt­dorf oder Schwyz gebo­ren wur­den.

Mehr über die Dienst­leis­tung des Luzer­ner Kan­tons­spi­tals LUKS lesen Sie hier.

kindsverlust.ch
Fach­stel­le Kinds­ver­lust wäh­rend Schwan­ger­schaft, Geburt und ers­ter Lebens­zeit
Bel­pstras­se 24 | 3007 Bern
Info-Tele­fon +41 31 333 33 60
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  • Chris­ti­ne Fried­li

    …bi gad fär­tig mit läse wor­de und ha wel­lä schriibä wie mich de Text berüehrt 💫wie schön ich de fin­dä und dank­bar bi,über die Arbet won ihr mached,aber irgänd­wie fäh­led mir die pass­än­dä Wör­ter dade­zu. Drum eifach,DANKÄ💞

  • Mar­tin Schupp­li

    Lie­be Chris­ti­ne Fried­li. Dan­ke für Ihr Feed­back. Auch ich war sehr berührt, als mir Bri­git­te Amrein vom Kin­der­feld und den Abschieds­fei­ern erzähl­te. Ich wün­sche Ihnen von gan­zem Her­zen alles Gute. Herz­lich.

  • Chris­ti­ne Fried­li

    🙋🏼dan­ke!

  • Ele­na Kon­stan­ti­ni­dis

    wer lin­dert den Schmerz über die nie gebo­re­nen Kin­der? :’(

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