Sandra Schneider, hochschwanger, mit Ehemann Reto und Tochter Mathilda, sagt: «Die Zeit für die Trauer ist sehr wertvoll, um innerlich und äusserlich heil zu werden.» (Foto: Peter Lauth)
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Sternenkind. «Nach Hannahs Sterben entschieden wir, glücklich und lebendig weiterzuleben!»

Sandra Schneider erzählt DeinAdieu, warum sie sich als Sternenkind Mami zusammen mit ihrem Mann Reto für eine Folgeschwangerschaft entschied.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
10. November 2017

Wenn Eltern ein Kind in seiner frühesten Lebensphase verlieren oder es gar still und ohne Lebenszeichen zur Welt kommt, dann ist der Schmerz riesig, das Leid unendlich gross, die Trauer nur schwer zu bewältigen. Und doch geht das Leben weiter. Viele Eltern eines Sternenkindes, eines «Sternleins» also, wollen nicht kinderlos bleiben. Und so müssen sie sich früher oder später mit einer Folgeschwangerschaft auseinandersetzen. DeinAdieu-Autor Martin Schuppli sprach darüber mit Sandra Schneider. Die gelernte Köchin ist mit Reto verheiratet. Die beiden sind Eltern der dreijährigen Mathilda und eines Sternleins. Hannah. Geboren und abgeflogen zu den Sternen am Sonntag, 14. April 2013.

Hannah war das erste Kind der beiden. Sie verstarb während des Geburtvorgangs. Nach langem Reanimieren atmete sie an der Maschine und wurde liebevoll betreut im Kinderspital Basel. «Ihre Prognose und die Überlebenschancen waren schlecht», sagt Sandra Schneider: «Wir entschieden uns, Hannah gehen zu lassen. Und so flog sie ab zu den Sternen. Vorher wurde sie im engsten Kreis der Familie von einer Pflegefachfrau liebevoll getauft. Sie lag in unseren Armen, und wir durften sie begleiten auf den Weg zu den Sternen.»

Fachkräfte rieten zu einem Jahr Pause

Noch in derselben Nacht rechneten Reto und Sandra Schneider aus, wann sie frühestens ein Kind in den Armen halten könnten. Fachkräfte rieten, ein Jahr dazwischen zu lassen. Sandra Schneider: «Im Nachhinein finde ich es gut. Die Zeit für die Trauer ist sehr wertvoll, um innerlich und äusserlich heil zu werden. Ich wurde nach neun Monaten wieder schwanger.»

Der Wunsch nach einem Kind ist im Inneren einer Mutter verankert. Davon ist Sandra Schneider überzeugt. Sie sagt, eine Frau stelle sich so sehr auf das Leben des Kindes ein, das da kommt. Körperlich, geistig und seelisch entstehe eine riesige Verbundenheit … und die bleibe auf immer bestehen. «Der Körper, mein Körper, vermisste Hannah so sehr. Diese, meine Tochter, die nicht mit mir das irdische Leben teilen kann. Geist und Seele lernen, damit zu umzugehen. Lernen, diese Verbundenheit zu leben. Der Wunsch, wieder ein Kind zu bekommen, war immer da.»

Bei Sandra und Reto Schneider war es so, dass weder eine Erbkrankheit noch ein Gendefekt die Ursache war für den Tod ihrer Tochter. «Ich finde, das ist ein weiterer entscheidender Punkt für eine Folgeschwangerschaft.»

Der Druck des Lebens empfand Sandra Schneider als sehr hoch. «Beispielsweise die Angst vor dem zu alt sein, um Eltern zu werden oder die Furcht, es könne nicht mehr so einfach klappen, schwanger zu werden. «Ich finde, die Zeit nach dem Tod unserer Tochter war sehr intensiv und irgendwie fühlte sich dieses Wartejahr extrem lange an.» Sie lacht und sagt: «Das war mit ein Grund, warum wir es eigentlich früher wagten, als uns empfohlen wurde. Ich hielt die inneren, stillen Fragen nicht mehr aus. ‹Was ist, wenn es nie mehr klappt? Oder wenn es ganz lange nicht klappt?›»

Nach dem Sternlein ein Erdenkind

Der Wunsch, in der Beziehung ein Kind zu haben, eine Familie zu werden mit einem Erdenkind, war bei Sandra und Reto Schneider sehr präsent.

Neun Monate nach dem Tod ihrer Tochter wurde die junge Frau wieder schwanger. Ein riesiges Glücksgefühl und der Beginn einer Zeit, in der die Schwankungen zwischen Freude und Angst schier unerträglich sein können. Sandra Schneider nickt: «Ja, das ist so. Immer und immer wieder ist es für mich wichtig, mir bewusst zu sagen ‹es ist eine neue Geschichte› und es ist ‹eine andere Seele›, die zu uns kommt. Ich möchte als Mutter diesem kommenden Kind so viel Schönes mitgeben in der Schwangerschaft. Genauso, wie ich es meinem verstorbenen Kind weitergegeben habe.»

Nach einer Zeit konnte Sandra wieder Lachen

Aber, kann sich eine werdende Mutter auf Freude oder Leid vorbereiten? «Nein», sagt Sandra Schneider. «Das Leben bestimmt unser Schicksal. Freude und Leid zu empfinden ist sehr wichtig und nichts Schlimmes. Es ist ganz wichtig, dass einfach beides Platz hat: Freude und Leid.» Sie überlegt kurz und sagt dann. «Es brauchte eine gewisse Zeit, bis es mir möglich war, Freude wieder aus ganzem Herzen zu geniessen. Ich kann mich gut an den Moment erinnern, als ich erstmals wieder aus vollem Herzen lachen konnte.» Das Leid gehöre ebenso dazu, sagt Sandra Schneider. «Ich kann es nun zulassen, wenn der Schmerz kommt und die Tränen runterkullern.»

Und wie ist das mit der Angst? Wer nimmt einer trauernden Mutter die Angst, wer macht trauernden Eltern Mut? Für Sandra Schneider ist die von Sabine Shah gegründete Stiftung für Sternenfamilien, die Jasmina Soraya Foundation, äusserst wichtig. «Hier treffe ich Mamis, die es ebenfalls erlebt haben. Diese Frauen verstehen einen, ohne viele Worte, wir verstehen uns einfach.»

Die Philosophie der Stiftung ist sehr positiv und lebensbejahend. Das sagte Sandra Schneider von Anfang an sehr zu. Ihre Augen leuchten vor Begeisterung. «Es entstanden viele tolle Freundschaften. Schön, wie ich aufgenommen wurde, ich fand viele offene Ohren und noch mehr Verständnis in allen Lebenslagen. Seit 2014 bin ich Teamie der Stiftung und bin an verschiedenen Projekten beteiligt, die sehr mein Herz erfüllen. Und ich kann aktiv etwas beitragen, das anderen Mamas hilft. Vielleicht gerade das beitragen, was ich mir gewünscht hätte.»

In der Jasmina Soraya Fondation treffen sich Mütter, die vielleicht schon wieder ein Folgekind haben. Die diese Erfahrungen bereits bewältigt haben. Eine grosse Hilfe für Sandra Schneider ist Ehemann Reto. «Er hilft mir, in Gesprächen immer wieder aus der Angst zu kommen und macht mir Mut. Ich finde es wichtig, dass das Selbstvertrauen einer Mutter wieder gestärkt wird. Die Liebe in der Partnerschaft hilft zu heilen und macht Mut, das Leben weiter miteinander zu teilen und zu leben.»

Fachliche Hilfe ist wichtig

Wichtig für Sternli-Mami Sandra, sind gute Fachpersonen für die Begleitung. «Sie können einen immer wieder eine andere Sichtweise geben um aus der Angst zu kommen.»

Gespräche haben ebenfalls eine grosse Bedeutung. «Verspüre ich Ängste, ist es wichtig, wenn ich mich aussprechen kann bei meinem Partner, bei Ärzten, Familie und Freunde.» Dann sagt sie: «Es kommen Ängste aus Ecken, wo man sie nie erwartet hätte. Ängste, die mich in mein Erlebtes zurückfallen lassen.» Dann schweigt Sandra Schneider kurz, um dann etwas sehr Entscheidendes zu sagen: «Ich versuche, liebevoll mit mir umzugehen und annehmen, was zum Vorschein kommt. Ich kann mir selber zumuten das vieles möglich ist.»

Was, wenn schon ein Kind da ist, das weiss, sein jüngeres Geschwister ist gestorben. Wie ihm die Angst nehmen? Ihm die Zuversicht geben, dass es nicht wieder passiert? Diese Frage beantwortet Sandra Schneider ebenfalls, obwohl bei ihr und Reto die Erstgeborene verstorben ist. «Ich würde dem Kind nicht die Angst nehmen wollen, denn ich weiss ja selbst nicht, was passiert … Ich würde ehrlich sein mit dem Kind, mit den Kindern. Spräche mit ihnen von den eigenen Ängsten und erklärte, dass wir Grossen uns erschrecken, wenn ein Baby stirbt und wir dann ganz fest traurig sind. Ich erklärte, dass wir ebenfalls nicht wissen, wer wie lange lebt, und dass wir im Leben nicht die Lebenszeit bestimmen können.»

Und was geschähe, wenn ein zweites Kind stirbt? Wer hülfe der Mutter, dass sie sich nicht als Versagerin fühlt? Sandra Schneider lächelt wissend: «Es gibt wunderbare Fachpersonen, die eine professionelle Begleitung machen können. Und es gibt betroffene Mamis, die etwas Ähnliches erlebt haben. Die Mama darf sich selbst den Wert geben, sich nicht als Versagerin zu fühlen.»

Sind Sternenkind Mamis eine Art «Gluggere»

Und wenn das Kind da ist, sind die Mütter von Sternenkindern nach einer Folgeschwangerschaft ängstlicher? Werden sie eine Art Glugger, die ihr Kind, ihre Kinder hütet, wie ihre Augapfel? Sandra Schneider nickt: «Ja, das kann sein. Mir war das ganz bewusst, und ich wollte es unbedingt nicht werden. Wollte keine Glugger sein. Obwohl es in manchen Situationen eine Herausforderung ist.»

Wie reagieren Väter, wie reagiert das Umfeld auf eine Folgeschwangerschaft? Traut frau sich, das zu erzählen, oder ist die Hemmung gross? «Mein Mann hat sich beide Male riesig gefreut. Das Umfeld reagiert in allen Facetten, was ich manchmal als sehr schwierig empfand. Ja, ich dachte halt ‹Oh, hoffentlich kommt alles gut›.» Sie schweigt, lächelt geheimnisvoll und aufmerksame Leserinnen lächeln mit. Während diese Zeilen entstehen, erlebt Sandra Schneider die letzten Tage ihrer dritten Schwangerschaft. «Bei beiden Folgeschwangerschaften habe ich es dem grösseren Umfeld spät erzählt, weil ich mich in Ruhe darauf einstimmen wollte.»

«Sternenkind Hannah begleitet uns durchs Leben»

Noch etwas möchte der Autor wissen: «Was unternehmen Sie, damit Sternenkinder nicht alles dominieren?» Sandra Schneider macht grosse Augen und sagt: «Interessante Frage.» Dann hält sie kurz inne, bevor sie antwortet: «Wir haben uns ganz früh, bald nach dem Sterben unseres Sternenkindes entschieden, wie wir weiterleben wollen. Glücklich und lebendig! Unser Sternenkind Hannah gehört fest zu unserer Familie. Sie ist und bleibt die Erstgeborene. Hannah begleitet uns immer, wenn es ihr möglich ist. Die Verbundenheit in der Familie mit Hannah ist gross.»

Sternenkind. Sandra und Reto Schneider im Gespräch mit DeinAdieu-Autor Martin Schuppli

Sandra und Reto Schneider erzählten DeinAdieu-Autor Martin Schuppli von den schweren Zeiten, den Ängsten und der Zuversicht nach dem Tod von Sternenkind Hannah. (Foto: Peter Lauth)

Eine Woche nach dem Sandra Schneider und ihr Mann Reto diesen Text erstmals gelesen hatten, am 25. Oktober 2017 kurz nach acht Uhr in der Früh, erblickte Martha die Welt. DeinAdieu gratuliert Sandra, Reto und Mathilda Schneider herzlich und wünscht der Familie alles Glück dieser Erde.

Text: Martin Schuppli | Foto: Peter Lauth

 

Fachausdrücke verständlich erklärt

Fehlgeburt
Geburt eines Kindes vor der 22. Schwangerschaftswoche. Dieses ist nicht lebensfähig (und stirbt vor, während oder kurz nach der Geburt)

Frühe Fehlgeburt
Geburt eines Kind vor der 13. Schwangerschaftswoche. Im Volksmund als «Abort» bekannt.

Eine Totgeburt liegt laut deutscher Personenstandsverordnung vor, wenn nach der Geburt eines mindestens 500 Gramm schweren Kindes kein erkennbares Lebenszeichen nachzuweisen ist, also weder das Herz geschlagen noch die Nabelschnur pulsiert oder die natürliche Lungenatmung eingesetzt hat.

Hilfreiche Adressen für Sternenkind Eltern

Jasmin Soraya Fondation
Engagement für Sternchen Familien
Weidenstrasse 36 | 4106 Therwil BL

Tel. +41 61 721 11 13
sternchen@jasminasoraya.ch | www.jasminasoraya.ch

Kindsverlust.ch
Fachstelle Kindsverlust während Schwangerschaft, Geburt und erster Lebenszeit
Belpstrasse 24 | 3007 Bern

Tel. 031 333 33 60
Fachstelle@kindsverlust.ch | www.kindsverlust.ch

Verein Regenbogen Schweiz
Postfach | 3297 Leuzigen BE

Tel. 0848 085 085
info@verein-regenbogen.ch | www.verein-regenbogen.ch

 

  • Christine Friedli

    Lieben Dank an Familie Schneider und dir Martin. Es ist wichtig, für betroffene Eltern, zu wissen: Mit einem Sternenkind, gibt es eine glückliche, schöne Zukunft.

    • Martin Schuppli

      Danke liebe Christine. Nur dank deiner „Vorarbeit“ und den vielen Gesprächen, Mails sowie SMS konnte ich mich „unbeschwert“ diesem Thema widmen.

    • Christine Friedli

      Martin Schuppli Bitte. Hab ich gern gemacht. Interessant. Spannend. Die zusammen Arbeit mit dir. Jedes Mal.

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