Walter Peschke (links) erklärt Reto Schneider und Mario Spadola die Idee der Sternli-Papi -Stammtische. Alle drei Männer trauern um verstorbene Kinder. (Foto: Peter Lauth)
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Kindsverlust. Väter trauern anders – sie weinen ebenfalls

Walter Peschke trifft Betroffenen an einem Sternli-Papi-Stammtisch. Dort sind die Männer unter sich. Das tut gut. Denn Trauern, das muss Mann sich trauen.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
20. November 2017

Wenn Eltern ein Kind in seiner frühesten Lebensphase verlieren oder es gar still und ohne Lebenszeichen zur Welt kommt, dann ist der Schmerz riesig, das Leid unendlich gross, die Trauer nur schwer zu bewältigen. Und doch geht das Leben weiter.

DeinAdieu-Autor Martin Schuppli traf in den vergangenen Wochen und Monaten die verschiedensten Männer und Frauen, die um ein Kind trauern. Die ein «Sternli» in der Familie haben. Die Gespräche um die Art, wie jemand trauert, könnten unterschiedlicher nicht sein.

«Weisst du, wir Frauen reden offen, überall und immer über unser verstorbenes Kind», sagt Christine Friedli. Sie verlor vor über 22 Jahren ihren Fabien. «Wir Frauen reden darüber, was uns beschäftigt. Wir sagen, was wir wollen oder auch, was wir nicht wollen. Unsere Männer sind da eher das Gegenteil.»

«Frauen reden offen über verstorbene Kinder»

Das sagt eine Frau, die es wissen muss. Eine Frau, die Selbsthilfegruppen betreut und sich seit über 20 Jahren mit ihrer Trauer um den toten «Büebel» auseinandersetzt. Dann sagt sie: «Natürlich meine ich nicht alle Männer. Versteht sich.»

Nun, wie trauern die Männer? Wo unterscheidet sich ihre Trauer von der Trauer ihrer Frauen? Können Frauen schlechter loslassen? Können sie besser über das Thema reden? Mario Spadola verlor seinen Sohn Marco 2013. Der Bub kam am Donnerstag, 25. April, zur Welt und verstarb am Sonntag, 12. Mai 2013. Er lebte nur 17 Tage.  «Ich denke, wir Männer können schlechter unter Männer offen trauern. Ich habe dies selbst in meinem Freundeskreis erlebt. Am Anfang spürte ich das Mitgefühl. Dann, nach ein paar Monaten, sprach mich kaum jemand mehr an wegen des verstorbenen Marco. Ganz im Gegenteil zu den Freundinnen meiner Frau. Die erinnern sich jedes Jahr an den Geburts- sowie an den Todestag des Kleinen.»

Mario trauert im Stillen um seinen Marco

Hat das mit dem Loslassen zu tun? «Ja», sagt Mario Spadola. «Wie ich im Umfeld sehe, können Frauen schlechter loslassen. Das finde ich aber überhaupt nicht schlimm. Ich traure noch heute um Marco. Mache das im Stillen, ganz für mich selbst.»

Sternli-Papi. Namen des verstorbenen Sohnes eintätowiert

Marco ist immer dabei. Mario Spadola liess sich den Namen des verstorbenen Sohnes auf den rechten Unterarm tätowieren. (Foto: Peter Lauth)

So geht es auch Walter Peschke. Der 44-Jährige verlor seinen Sohn Lorenz 2011: Lorenz` Herz hörte wenige Tage vor dem Geburtstermin auf zu schlagen. Er sagt: «Alle Männer trauern. Die Frage ist für mich folgende: Dürfen sie auch trauern? Dürfen sie sowohl in der Beziehung trauern und in der Öffentlichkeit. Dieses Trauern, das muss Mann sich trauen. Besser oder einfacher gehts bei vielen, wenn sie alleine trauern. Zuhause. Bei sich – alleine.»

Der Autor sagt, er sei nahe am Wasser gebaut. Walter Peschke nickt: «ich ebenso. Höre ich traurige Geschichten von anderen Väter, anderen Eltern, muss ich weinen. Egal ob ich zu Hause bin oder in der Öffentlichkeit. Mich bewegt das Schicksal anderer Kinder. Etwa das des dreijährigen syrischen Buben Aylan Kurdi, der tot am Strand in Bodrum lag. Als ich dieses Bild sah, vergoss ich bittere Tränen. Oder als meine Tochter einen Skiunfall hatte, musste ich weinen. In solchen Momenten bekomme ich eine Art Angst vor der Zukunft.»

Soll ein Kerl wirklich nicht weinen?

Für Walter Peschke ist klar, dass die «Öffentlichkeit» starke Männer erwartet. «Ein Kerl darf nicht weinen. Er soll trösten, Verständnis haben und über allem stehen.» Dann macht er eine Pause und sagt energisch: «Gahts no. Das ist falsch. Ein Mann soll weinen. Er hat dasselbe erlebt wie seine Frau, er hat ein Kind verloren, und er darf all seine ‹Schwächen› zeigen. Gerade das Weinen ist wichtig. Mir tut es gut. Es hilft mir.»

Der Informatiker erwähnt ebenso, wie wichtig die Beziehungspflege sei. «Ja, deshalb muss ein Mann, soweit möglich, trösten und Verständnis haben für seine Partnerin, seine Frau. Er muss Fels in der Brandung sein.» Und genau diese Rolle erwartet er von seiner Frau. «Sie muss gleichsam Fels in der Brandung sein. Auch sie muss trösten, Verständnis haben, stark sein. Und sie beide, Mann und Frau, brauchen eventuell externe Hilfe. In einer Therapie beispielsweise kann das Paar diese temporäre ‹Rollenverteilung› besprechen.» Walter Peschke findet, das soll innerhalb der Beziehung erfolgen. «Beide zusammen haben ihre Geschichte erlebt und beide sollten da wieder rauskommen – zusammen.»

Trauer kann eine Beziehung zerstören

Für Christine Friedli, die nun schon seit vielen Jahren damit ringt, ihren Fabien loszulassen, tönt das zwar gut. «Aber», sagt sie, «es ist meist nicht umsetzbar. Jeder trauert auf seine Art und Weise, was sein muss. Der Eine wird besser fertig mit dieser Situation, seine Partnerin braucht vielleicht viel länger.» So oder so ist diese Situation eine grosse Belastung für eine Beziehung. DeinAdieu wird dieser Thematik demnächst einen Blog-Beitrag widmen.

Müssen Männer sich mit betroffenen Männern zusammentun, um so trauern zu können, wie sie das gerne möchten? Mario Spadola betont, da sei jeder verschieden. Es komme auf den Charakter des Mannes an. Gewisse Leute würden für sich selbst trauern und andere brauchten Trost von Mitmenschen. «Solche Treffen stärken die Trauernden», sagt Mario Spadola. «Jeder hat ein ähnliches Schicksal erlebt. In diesem Umfeld kann Mann sein Erlebnis teilen und trifft auf gegenseitiges Verständnis.»

Sternli-Papi -Stammtische in der Schweiz geplant

Diese Erfahrung machte auch Walter Peschke. Er trifft sich regelmässig mit Kollegen an einem Sternli-Stammtisch in Zürich. «Ich finde die Idee gut und versuche nun, sie nach Bern, Basel und St. Gallen zu transportieren und über das Netzwerk diese Idee des Austausches weiter zu propagieren.» An diesen Stammtisch-Anlässen treffen sich Männer, die ein Kind verloren haben. «Alleine trauern, das glaube ich, funktioniert nicht. Ich fasste mehr Mut, mich meiner Geschichte zu stellen, nachdem ich mich mit anderen betroffenen Männern, zeitweise auch Müttern, ausgetauscht habe.»

Was ist es, das Sternli-Papis von anderen Vätern, von Kumpels unterscheidet? Logisch, der Verlust eines Kindes. Aber was noch? «Wir bauen andere Beziehungen auf zu betroffenen und nicht betroffenen Vätern», sagt Walter Peschke. «Sie sind zum Teil emotionaler als andere Beziehungen, auch wenn diese anderen Beziehungen schon sehr lange existieren. Für das nötige Vertrauen braucht es meiner Meinung nach sehr gefestigte Bande zu einem Kumpel. Idealerweise war dieser beim Verlust ‹örtlich› nicht weit weg, eventuell war er bereits ein Begleiter.» Ein Kumpel, findet Walter Peschke, könne einem bei normalen Krisen vermutlich gut helfen. «Ich denke da an eine Krise in der Partnerschaft, im Job. Der Verlust eines Kindes ist aber eine ganz andere Form von Krise und ein ‹Kumpel› ist dafür kaum vorbereitet. Er kann hier kaum die Hilfe bieten, die ich benötige.»

Zum Unterschied Sternli-Papi und «normale Väter» sagt Mario Spadola: «Nach meinem persönlichen Schicksal ist für mich keine Geburt mehr selbstverständlich. Ich möchte im Umfeld keine Angst verbreiten. Aber ich denke, Eltern müssen bei jeder Geburt froh sein, wenn das Baby gesund zur Welt kommt. Sternli-Papis sind aufgrund eigener Erfahrung gestärkt.»

Sternli-Papi- Weekend ohne Singen und Malen

Eigene Erfahrungen, Gespräche mit anderen und die Erkenntnis, dass es gut tut unter Männern über das erlittene Leid zu reden, waren Gründe einen Sternli-Papi-Stammtisch zu gründen, ein Sternli-Papi-Weekend zu organisieren. «Das verbrachten wir dann in einer Hütte. Wir machten ein Feuer, kochten darauf, brutzelten ein feines Essen, nahmen uns eine Auszeit», sagt Walter Peschke. Dann lacht er, sagt: «Es gibt kein Yoga, wir singen und malen nicht.»

Sternli_Papi. Walter Peschke, Reto Schneider und Mario Spadola erzählen DeinAdieu-Autor Martin Schuppli, wie sie mit ihrer Trauer um die verstorbenen Kinder umgehen. (Foto: Peter Lauth)

Walter Peschke, Reto Schneider und Mario Spadola erzählen DeinAdieu-Autor Martin Schuppli, wie sie mit ihrer Trauer um die verstorbenen Kinder umgehen. (Foto: Peter Lauth)

Die Männer tauschen sich aus, reden über Erfahrungen, über den Umgang mit der Trauer. «Im ersten Sternli-Papi-Weekend war ein Coach dabei. Wer wollte, konnte mit seinem Sternli in Kontakt treten.

Meine Kinder und meine Frau haben immer wieder Kontakt mit unserem Sternenkind, ich bis dahin nicht. Dafür war es dann umso schöner und sehr wohltuend.»

Zum Schluss schreibt Walter Peschke dem Autor: «Während ich diese Zeilen verfasse, habe ich direkt wieder die Bilder vor mir und Tränen kullern über meine Wangen. Ich bin im Zug unterwegs. J Soviel zum Thema ‹Weinen Männer in der Öffentlichkeit?›.»

Text: Martin Schuppli, Fotos: Peter Lauth

 

 

Sternli-Stammtisch-Ansprechpartner:

Basel: Stefan Suter stefansuter73@bluewin.ch

Bern: Daniel Schild schild.daniel@gmx.ch

St. Gallen: Markus Steffen sternenkind@dorf12.ch

Zürich: Walter Peschke walter.peschke@web.de

 

Hilfreiche Adressen für Eltern von Sternkinder:

Jasmin Soraya Fondation
Engagement für Sternchen Familien
Weidenstrasse 36 | 4106 Therwil BL
Tel. +41 61 721 11 13
sternchen@jasminasoraya.ch | www.jasminasoraya.ch

Verein Regenbogen Schweiz
Postfach | 3297 Leuzigen BE
Tel. 0848 085 085
info@verein-regenbogen.ch | www.verein-regenbogen.ch

Kindsverlust.ch
Fachstelle Kindsverlust während Schwangerschaft, Geburt und erster Lebenszeit
Belpstrasse 24 | 3007 Bern
Tel. 031 333 33 60
fachstelle@kindsverlust.ch | www.kindsverlust.ch

 

 

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