Selbstbestimmtes Lebensende: Für Maja Bloch war es nicht einfach, den Wunsch der Mutter umzusetzen. Ihr Sterben zu organisieren. «Ich musste hartnäckig sein.» (Foto: Paolo Foschini)
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«Für s Mami war der Tod eine Erlösung»

Selbstbestimmtes Lebensende: Es war Tochter Maja, die mit Liebe, mit Hartnäckigkeit und grosser Umsicht das friedliche Sterben ihrer Mutter organisierte.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
16. November 2017

Maja Bloch, 40, erlebte einen turbulenten Start ins Jahr. Ein Wechselbad der Gefühle. Schmerz und Belastungen plagten sie. Erleichterung und eine grosse Trauer machten sich breit. «Am Montag, 9. Januar 2017, um 13 Uhr ging Mamis letzter, unendlich grosser Wunsch in Erfüllung: Sie durfte sterben», erzählt Maja Bloch, die ältere der beiden Töchter.

Heidi Bloch durfte dort sterben, wo sie sich zuletzt zu Hause gefühlte hatte – im Alterszentrum. Sie durfte sterben, wie sie es für sich geplant hatte, seit sie an der tödlich verlaufenden Muskelkrankheit ALS litt. Maja Bloch erzählt: «Am Tag der Diagnose, es war Donnerstag, der 7. Mai 2015, sagte s Mami zu mir, wenn die Zeit gekommen sei, wolle sie mit Exit «gehen». Mami betrachtete diese Form eines selbstbestimmten Lebensendes als Erlösung. Sie wollte auf keinen Fall ersticken. Ebenso klar war für uns alle, wo sie bestattet werden möchte. Im Waldfriedhof von Bellikon. Heidi Bloch war 64 1/2 Jahre alt, als ihr der Arzt sagte: «Frau Bloch, Sie haben ALS».

Mamis letztes Zuhause war das Alterszentrum

Die Krankheit schritt rasche voran: Zwei Jahre nach der Diagnose konnte und wollte Heidi Bloch nicht mehr zu Hause leben, sondern ins Alterszentrum zügeln. «Wir hatten Glück», sagt Tochter Maja. «Zwei bis drei Wochen nach der Wunschäusserung konnte s Mami ins Ferienzimmer einziehen. Einen Monat später erhielt sie ihr Fixzimmer. Und dort blühte sie noch einmal richtig auf. Sie empfing viele Besucher und war innert kürzester Zeit der Liebling der Station.

Als die Beschwerden grösser wurden, das Spazieren mühsamer und das Leben bedeutend schwieriger, äusserte Heidi Bloch den Wunsch, sterben zu wollen; und zwar mit Exit. Im Sterbezimmer von Exit zu Sterben war keine Option, weder für sie noch für die Töchter. Deshalb sollte die Freitodbegleitung im Alterszentrum stattfinden. Aber dafür mussten die Blochs «kämpfen». Denn Zentrumsleitung hatte schon beim Eintritt von Heidi Bloch erklärt, dass sie eine Freitodbegleitung nicht unterstützen würde.

«Das konnte ich so nicht hinnehmen», sagt Maja Bloch. «Ich recherchierte, fand heraus, dass ein Suizid durch eine Sterbehilfeorganisation, etwa Exit, in den Stadtzürchern Altersheimen seit 2001 nicht mehr verboten war. Und so telefonierte ich erneut mit der Zentrumsleitung, schilderte unsere Situation. Ich wollte unbedingt erwirken, dass s Mami in ihrem Zuhause sterben konnte. Denn das Zuhause war fürs Mami schon immer sehr bedeutsam, wohl deshalb ging sie nie gerne in die Ferien. Dies alles erklärte ich am Telefon. Ich denke, die Zentrumsleitung wusste, ich würde hartnäckig bleiben, nicht aufgeben – und so willigte sie ein. Schweren und leichten Herzens konnte ich mit der Planung fortfahren.»

Das Begleitgespräch mit einer Mitarbeiterin von Exit fand eine Woche vor Heidi Blochs Tod statt. «Ich hatte schon zum Voraus kommuniziert, dass der Sterbetermin sobald wie möglich sein solle. S Mami wollte gehen.» So wurde das Sterbedatum auf den frühestmöglichen Termin gelegt. Für uns hiess das, wir würden endgültig Abschied nehmen müssen, am Montag, 9. Januar 2017, 13 Uhr.

Maja Bloch und ihre Schwester fühlten sich gut betreut durch Exit: «Die Dame war bereits etwas älter, das sprach für viel Lebenserfahrung. Sie war sehr einfühlsam.»

Selbstbestimmtes Lebensende: Der Abschied verlief nach Drehbuch

Das letzte Zusammensein mit Mami schildert Maja Bloch folgendermassen: «Meine Schwester und ich, wir trafen uns um zehn Uhr im Alterszentrum. Zusammen mit Mami schauten wir eine der Swissview-DVDs an. Staunten ob der Flugaufnahmen unseres Landes.» Anschliessend wechselten die Töchter das Bettzeug und die Mutter schlüpfte, angezogen im gewünschten Pyjama, ins Bett und war «bereit». Auf dem Nachttisch lag schon der Engel bereit, den ihr ihr Lieblingspfleger Richi geschenkt hatte – als Begleiter. Um die Mittagszeit traf auch ihr Ex-Mann, Vater der beiden Töchter, ein. Alles lief ab, wie sie es sich gewünscht hatte.

Zum Schluss war es ein Warten. Maja Bloch sagt: «S Mami konnte es kaum erwarten. Wir versuchten so locker wie möglich zu sein, ich denke aber, sie wollte davon gar nicht mehr alles ‹mitkriegen›. Deshalb sind wir ganz in Ruhe dagesessen und haben die letzten Minuten mit ihr genossen. Wir genossen sie im Wissen, dass s Mami bald erlöst sein würde.»

Aussergewöhnlicher Todesfall: Polizeibeamte störten nicht

Das war dann kurz nach 13 Uhr der Fall. «Nach zwei bis drei Minuten war sie bereits gegangen», sagt Maja Bloch. «Die Exit-Frau fühlte ihren Puls und rief dann vorschriftsgemäss die Aargauer Kantonspolizei an.» Danach hiess es wieder warten. Diesmal auf Polizei und Amtsarzt. Um 15 Uhr war das Prozedere vorbei. «Die Beamten waren sehr einfühlsam und nett. Ihre Uniformen und der Streifenwagen vor dem Haus irritierten nur kurz», sagt Maja Bloch.

Eine Verabschiedung wollte Maja Blochs Mami nicht. Das Pflegepersonal wurde informiert, war aber angehalten, nicht mir ihr darüber zu sprechen. Die Mitbewohner wurden nicht informiert.

Heidi Bloch war aus der Kirche ausgetreten. Trotzdem konnte Tochter Maja die Abdankung in der reformierten Kirche gleich neben dem Altersheim einfädeln. War das schwierig? «Nein, ich rief bei der Kirche an, sagte, wir wollen eine Abdankung ohne Pfarrer… dies stiess nicht gerade auf Begeisterung. Beide Töchter wünschten sich eine spezielle und eben keine 08/15 Abdankung – der richtige Partner dafür war schnell gefunden: Murielle Kälin von schlusslicht.ch. (DeinAdieu.ch berichtete schon zweimal über die Trauerrednerin und Gestalterin von Trauerfeiern.)

Maja: Bloch: «Wunderschön und berührend war die Abdankung, eine sehr persönliche Trauerrede. Diese war so eindrücklich, dass alle Interessierten sie lesen dürfen.»

Selbstbestimmtes Lebensende: Stimmte dieses Sterben für die Angehörigen?

Maja Bloch konnte alles so organisieren, wie sich ihre Mutter das vorgestellt und gewünscht hatte. Dank der Hartnäckigkeit ihrer Töchter. Aber stimmte dieses selbstbestimmte Lebensende auch für die beiden Schwestern? Maja Bloch sagt dazu: «Ja, meine Schwester und ich, wir haben s Mami immer in ihren Wünschen unterstützt, auch wenn es nicht einfach war, ihr Sterben zu organisieren. Für uns würden wir in derselben Situation gleich entscheiden. Auch ihr Daddy hat sie darin unterstützt. S Mami sah es als eine Erlösung an.»

Menschen in ähnlichen Situationen wie ihr Mami es war, würde Maja Bloch Folgendes raten: «Die Vorbereitung eines selbstbestimmen Lebensendes ist alles. Klärt Dinge, die euch wichtig sind. Sprecht sie an. Organisiert so viel wie möglich mit den nächsten Angehörigen: etwa die Abdankungsfeier in einer Kirche oder einem Krematorium, die Form der Beerdigung, alle Geldangelegenheiten etc. Schafft Ordnung in euren ‹Papieren› damit es für die Hinterbliebenen so einfach wie möglich ist.»

Ist die Situation bei den Angehörigen ähnlich wie die bei den Bloch-Schwestern, rät Maja Bloch zu folgendem Handeln: «Geht gedanklich den Ablauf durch. So stellt ihr fest, welche Schritte noch fehlen, was ihr wissen müsst. Sprecht über den Tod – gebt dem Sterbenden ein schönes Bild des letzten Weges mit. Wir haben mit Mami einen Tag zuvor die DVD ‹Den Himmel gibt es wirklich› geschaut. Ich bitte alle: Geht auf die Wünsche des Sterbenden ein – zeigt auf, wenn ihr etwas nicht erfüllen könnt. Seid nicht egoistisch; auch wenn ihr selbst anders entscheiden würdet. Nicht ihr entscheidet, sondern die sterbende Person, versucht deren Situation zu begreifen.»

Ihre Mutter wollte mit Exit sterben. DeinAdieu-Autor Martin Schuppli unterhielt sich mit Maja Bloch über das Recht auf ein selbstbestimmtes Lebensende. (Foto: Paolo Foschini)

Ihre Mutter wollte mit Exit sterben. DeinAdieu-Autor Martin Schuppli unterhielt sich mit Maja Bloch über das Recht auf ein selbstbestimmtes Lebensende. (Foto: Paolo Foschini)

Maja Bloch hatte die Situation ihrer Mutter, die sie liebevoll s Mami nennt, begriffen. Sie unternahm alles, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Sie blieb hartnäckig, hatte alles unter Kontrolle. Und erst später, Tage, Wochen nach ihrem Tod liess sie die Trauer zu. So bekommt alles seine Zeit. Das selbstbestimmte Lebensende und die Trauer über den verlorenen, geliebten Menschen.

Text: Martin Schuppli/Fotos: Paolo Foschini

 

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Der Verein ALS Schweiz unterstützt Menschen mit Amyotropher Lateralsklerose (ALS) und ihre Angehörigen.

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EXIT
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  • Thesi Schüpbach

    ❤️ HerzensDank liebe Maja Bloch, lieber Martin Schuppli für diesen einfühlsamen, authentischen Bericht ❤️

  • LiebeChristine

    Ein berührender Bericht.
    «Sprecht über den Tod – gebt dem Sterbenden ein schönes Bild des letzten Weges mit.» Schwer umsetzbar. Sind sich die Angehörigen nicht einig. Leider.

  • B. Spycher

    Ich habe vor 10 tagen meinen lebenspartner durch eine unheibare krankheit verloren. Wenn vorher soviel als möglich geregelt werden kann, gibt einem eine sterbebegleitung viel kraft mit. Die trauer wird kommen, das ist gewiss. Es ist aber auch ein trost zu wissen, dass der geliebte mensch nicht mehr leiden muss. Viel kraft allen…

    • Liebe Frau Spycher, es tut mir leid, dass Sie Ihren Lebenspartner verloren haben. Ich wünsche mir, dass sie auf eine wunderschöne Art und Weise Abschied nehmen konnten. Nehmen Sie sich Zeit für die Trauer. Viel Kraft und Zuversicht wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen. Martin Schuppli, Autor DeinAdieu.ch

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