Regiesseur Gregor Frei realisierte den Film «Das Leben vor dem Tod». «Die Philosophie hinter Armin Gloors Todeswunsch interessiert mich.» (Foto: Paolo Foschini)
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Plädoyer für den sauberen Freitod: «70 ist genug!»

In einem berührenden Film erzählt Gregor Frei die Geschichte von Armin Gloor, der sich an seinem 70. Geburtstag mit einem Gifttrank das Leben nahm.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
16. November 2018

«70 ist genug!», sagt Armin und nimmt Leben und Tod in die eigene Hand.

Mit diesem Satz beginnt die Geschichte von Armin Gloor, seinem Nachbarn Goffredo Frei und dessen Sohn Gregor Frei. Die Geschichte über den Film «Das Leben vor dem Tod». Die Geschichte über den Freitod. Den Freitod eines gesunden Menschen.

Am Sonntag, 24. März 2013 schrieb Vater Goffredo Frei seinem Sohn, dem Film-Regisseur Gregor Frei, folgende Zeilen:

Caro Gregor
Gestern war ich mit der Kamera beim Nachbarn, dem einzigen hier oben daueransässigen Zücchin. So nennen die Einheimischen uns Deutschschweizer. Seine Mutter hat bei ihm den EXIT-Giftbecher genommen, und nun sprach auch er schon, obwohl gesund, vom «Gehen mit 70».
Die Sache geht mir unter die Haut. Können wir heute oder morgen kabeln?!
Ci vediamo. Papagoffredo

Die Sache geht tatsächlich unter die Haut. Der Film handelt vom Freitod. Vom freien Tod. Vom Recht auf ein selbstbestimmtes Lebensende. Wir Zuschauenden erleben einen messerscharf denkenden Armin Gloor.

Einen Mann, der erklärt, warum er an seinem 70. Geburtstag den freien Tod wählen wird. Warum er dann sterben will. Wer diesem Armin zuschaut, zuhört, der spürt sofort, dieser gutaussehende, beleibte Mann weiss, wovon er spricht. Seine Argumentationskette weist keine Lücken auf. Wortgewaltig bringt er sich ein, gestenreich unterstreicht er seine Statements. Niemand konnte ihn unterbrechen. «70 ist genug!»

Freitod, Gregor Frei, Filmregisseur (Mitte)

Von links: Armin Gloor, Gregor Frei und Goffredo Frei im Garten. Sie sprachen unzählige Stunden über den Freitod am 70. Geburtstag. (Foto: zVg)

Die Philosophie kennenlernen hinter Armins Todeswunsch

Armins Nachbar Goffredo, der feinsinnige Kunstpraktiker, hatte Mühe, mit dem angekündigten Freitod klarzukommen. Die Sache liess ihm keine Ruhe. Er zeigte sich bereit, vor der Kamera gemeinsam mit Armin über das Thema zu diskutieren, Goffredo suchte verzweifelt nach Gegenargumenten, doch gegen Armins Argumente war kein Kraut gewachsen. Und mit dem Sohn verkrachte er sich ebenfalls – vor laufender Kamera.

Der 34-jährige Regisseur Gregor Frei wollte «einen persönlichen, nahen Film machen. Eine Chronik des kleinen Tessiner Bergdorfes, wo sein Vater lebt. «Armins Geschichte war ein Bonus», sagte Gregor Frei in breitem Berndeutsch. «Die Philosophie hinter seinem Todeswunsch interessiert mich.» Anfänglich habe er gar nicht an einen derart zugespitzten Film gedacht. «Aber mit diesem Projekt konnte ich meinen Vater kennen lernen, die Lupe über ihn halten», sagt Gregor Frei. «Um den Freitod ging es mir nicht in erster Linie. Ich war erstaunt, was das Thema dann zwischen Vater und Sohn auslöste. Wir waren gar nicht gleicher Meinung, es ging um etwas ganz Fundamentales: Goffredo und ich, wir lernten uns während der Drehzeit neu kennen.»

Es reizte Gregor Frei, die Diskussion zum Thema Freitod zu lancieren. Da frage ich mich, was machte dieses Thema, was machten die vielen, vielen stundenlangen Gespräche über das Leben und das Sterben mit diesem jungen Mann.

Freitod: Sind «unerträgliche Leiden» ein Grund, sterben zu wollen

Ein munteres Gespräch entsteht. Wir alle kannten Verzweifelte, die nicht mehr weiterwussten und aus dem Leben schieden. Die einen warfen sich vor den Zug. Andere knüpften sich auf. Erschossen sich. Schluckten zu viele Tabletten. Verursachten Autounfälle. Sprangen in die Tiefe, ins Wasser und so weiter. Die Liste liesse sich verlängern. Es waren Männer und Frauen, Alte und Junge, Kinder. Wir fragen uns, muss der selbstgewählte Tod derart schrecklich sein? An wen können sich Menschen wie etwa Armin Gloor wenden, wenn sie sich ein selbstbestimmtes Lebensende wünschen?

Wir schauen Dr. Alois Birbaumer fragend an. Wissend, der pensionierte Arzt und erfahrene Gesprächspartner kann uns eine Antwort geben. Der Beirat von DeinAdieu befasst sich Jahrzehnten mit dem Leben und Sterben.

AloisBirbaumer: «Die Rolle des Arztes im Rahmen des begleiteten Suizids wurde während des laufenden Jahres verschiedentlich diskutiert und gab Anlass zu teilweise widersprüchlichen Meinungen. Dazu äusserten sich die verschiedensten Medien. Fakt ist: Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften SAMW setzte die im Juni 2018 neuen revidierten Richtlinien «Umgang mit Sterben und Tod» in Kraft.
Das Kapitel zum assistierten Suizid löste dann verschiedene öffentliche Debatten aus. Der assistierte Suizid ist in der Schweiz bei Urteilsfähigkeit des Sterbewilligen erlaubt (StGB Art. 115). In den revidierten Richtlinien der SAMW erscheint neu, dass bei einem urteilsfähigen Patienten, bei einer urteilfähigen Patientin, Suizidhilfe vertretbar ist, sofern er oder sie unerträglich unter den Symptomen einer Krankheit und/oder einer Funktionseinschränkung leidet und andere Optionen erfolglos bleiben oder vom Patienten als unzumutbar abgelehnt werden.
Dieser Wunsch des Patienten, der Patientin muss wohlerwogen, dauerhaft und ohne äusseren Druck entstanden sein. Die SAMW-Richtlinien sind ethische Leitlinien, sie haben keine unmittelbare Rechtskraft.»

Freitod, Gregor Frei, Filmregisseur

Gregor Frei: «Für mich kam Armins Wunsch authentisch rüber. Auf keinen Fall war es ein Akt der Verzweiflung. Für ihn war es die richtige Entscheidung. Er hatte keine Kinder, hatte das Leben ausgekostet. Und, das müssen wir sehen, er hatte das Gefühl, es gehe bergab mit ihm.» (Foto: Paolo Foschini)

Ein klärendes Gespräch mit dem Arzt ist wichtig

Alois Birbaumer: «Kein Arzt kann verpflichtet werden, Suizidhilfe zu leisten. Dem Patienten, der Patientin steht seit 2013 eindeutig das Recht der Selbstbestimmung zu, was medizinische Massnahmen betrifft (Patientenverfügung, Patientenvollmacht). Der begleitete Suizid gilt nur im weitesten Sinne als medizinische Massnahme. Der Wunsch nach Suizid im Rahmen einer langwierigen Krankheit und neu ebenfalls bei unerträglichen Funktionseinschränkungen muss mindestens eine Pflicht des offenen Gesprächs mit dem Arzt auslösen.
Nun hat sich die Ärztekammer der FMH am 25.10.2018 entschieden, diese Richtlinien nicht in die Standesordnung aufzunehmen. Sicher ist damit noch lange nicht das letzte Wort gesprochen, doch könnten sich für einen Arzt, eine Ärztin der/die sich an die neuen Richtlinien der SAMW hält, Probleme ergeben. Theoretisch könnte er/sie von der kantonalen Standesorganisation zu einer Geldstrafe und/oder zum Ausschluss aus der kantonalen Ärztegesellschaft verdammt werden.
Die Bedeutung des assistierten Suizids zeigt sich an der grossen Zunahme der EXIT-Mitglieder, an der Zunahme der begleiteten Suizide durch EXIT (und andere ähnliche Organisationen). Ob die Suizidrate generell durch die Möglichkeit des begleiteten Suizids rückläufig ist, dürfte sehr schwer zu beurteilen sein.
Die Zahlen der nicht erfolgreichen Suizide, also der Suizidversuche, wird unterschiedlich angegeben. Sie liegt eindeutig in einem sehr hohen Bereich. Bei den Suizidversuchen können wir keine Aussagen über einen Rückgang machen, und wir wissen ebenfalls nicht, ob der assistierte Suizid diesbezüglich eine Rolle spielt.»

Freitod, Dr. med. Alois Birbaumer

Alois Birbaumer hat Verständnis für Kollegen, die Suizidwilligen nicht zu einem sauberen Tod verhelfen können. «Das liegt in der Eigenverantwortung jeder, jedes einzelnen, das ist Selbstbestimmung.» (Foto: Daniela Friedli)

Freitod: Ist der hypokratische Eid noch zeitgemäss?

Alois Birbaumer: «Ich persönlich lege sehr grossen Wert auf die Eigenverantwortung und die Selbstbestimmung der Patientin, des Patienten. Ich bin absolut einverstanden, sollte sich ein Arzt, eine Ärztin nicht bereit erklären, bei einem assistierten Suizid mitzuhelfen. Das liegt in der Eigenverantwortung jeder, jedes einzelnen, das ist Selbstbestimmung. Darauf hat jeder Arzt, jede Ärztin ein Recht. Vom Gespräch mit dem Patienten, der Patientin (auch über dieses heikle Thema) wird aus meiner Sicht kein Arzt, keine Ärztin befreit.
Das Argument des hippokratischen Eides (460–370 v. Chr.) kann ich nicht akzeptieren. Konkret drehen sich die Diskussionen um folgende Sequenz:
« … auch werde ich niemandem ein tödliches Gift geben, auch nicht, wenn ich darum gebeten werde, und ich werde auch niemanden dabei beraten».
Obiger Text wurde vor ungefähr 2500 Jahren geschrieben und entspricht dem damaligen Wissen, den damaligen kulturellen und ethischen Grundsätzen.
Bei der heutigen Version dieser Richtlinien handelt es sich um allgemeine ethische Richtlinien. Sie wurden im 21. Jh. erstellt und werden mit Sicherheit früher oder später wieder umgeschrieben. Religiöse Argumente haben ebenso keinen Platz.
Das Argument, der Arzt, die Ärztin erhalte während der Ausbildung und Weiterbildung diesbezüglich keine Informationen, lerne keine Gesprächstechniken, stimmt wohl. Es muss uns gerade deshalb dazu anregen, diese Thematik in die Ausbildung zu integrieren und Kurse zu diesem Thema zu besuchen.

Freitod, Gregor Frei, Filmregisseur mit Filmplakat

Gregor Frei (Mitte) hält das Plakat seines Films «Das Leben vor dem Tod.» (Foto: Paolo Foschini)

Der Patient hat ein Recht auf Selbstbestimmung

Alois Birbaumer: «Aus meiner Sicht ist Armin Gloor im Film «Das Leben vor dem Tod» kein Grenzfall: Er ist urteilsfähig, er empfindet seine Lebenssituation als unerträglich, die Entscheidung, am 70. Geburtstag zu sterben, wuchs während Jahren. Der Sterbewillige wurde von einem Arzt angehört, beraten und begleitet.
Die Gründe sind vielfältig, weshalb ich, weshalb meine heutigen Gesprächspartner Gregor Frei und Martin Schuppli, die neuen Richtlinien der SAMW befürworten:

  • – Das Recht auf Selbstbestimmung des Patienten, der Mitmenschen
    – Eine unerträgliche Lebenssituation ist nie objektivierbar, es ist eine ganz persönliche, subjektive Wahrnehmung
    – Das Gespräch mit dem Patienten über assistierten Suizid impliziert unweigerlich andere mögliche Wege aufzudecken (psychologische Betreuung, evtl. medikamentöse Behandlung, soziale Kontakte, Berufsänderung, Hobby …) ohne die Option des assistierten Suizids zu streichen
    – Gehen wir nicht neue, offenere Wege, riskieren wir erneut eine Tabuisierung des Sterbens und des Todes bzw. eine Persistenz der noch bestehenden Tabuisierung (will heissen, das bestehende Tabu bleibt noch längere Zeit bestehen).
    – Ich bin überzeugt, dass viele Mitmenschen, denen wir den assistierten Suizid verweigern, einen anderen Weg zum Suizid finden. Leider. Denn da werden Unschuldige involviert (Angehörige, Lokomotivführer, Strassenarbeiter, Waldarbeiter, zufällig bei der Situation anwesende Kinder …)
    – Beim assistierten Suizid ergibt sich die Möglichkeit, sich von Freunden und Verwandten zu verabschieden und gleichzeitig menschenwürdig, schmerzfrei und ohne Aufsehen zu sterben.
    – Kein Arzt wird gezwungen das Natrium-Pentobarbital einem Patienten zu verordnen. Ihm steht ebenso das Recht auf Selbstbestimmung zu. Die Pflicht des Gespräches mit dem Patienten besteht hingegen auf jeden Fall
    – Vor dem verpflichtenden Gespräch mit dem Patienten, der Patientin darf kein Arzt/keine Ärztin kneifen.»   Dr. Alois Birbaumer
Freitod, Gregor Frei, Filmregisseur

Gregor Frei: «Für mich kam Armins Wunsch authentisch rüber. Auf keinen Fall war es ein Akt der Verzweiflung. Für ihn war es die richtige Entscheidung. Er hatte keine Kinder, hatte das Leben ausgekostet. Und, das müssen wir sehen, er hatte das Gefühl, es gehe bergab mit ihm.» (Foto: Paolo Foschini)

Der saubere Freitod ist ein völlig legaler Wunsch

Armin Gloor suchte und fand Ärzte, mit denen er sprechen konnte. Einer ging auf seinen Wunsch ein. Und so wählte Armin seinen Weg. Den Weg des sauberen Sterbens. Nicht wie sein Bruder Kurt. Der Filmregisseur warf sich am 20. September 1997 vor einen Zug. Wie seine Mutter machte es Armin Gloor ebenfalls nicht. Die schwerkranke Frau war EXIT-Mitglied und trank im Frühling 2009 einen Giftbecher. Nein, Armin Gloor organisierte sich Jahre vor seinem Tod den tödlichen Trank. Vorausgegangen waren schier endlose Gespräche mit Ärzten, Fachleuten, Seelsorgern. Diesem selbstbestimmten Tod hängt nichts Illegales an. Sogar der Tessiner-Kantonsarzt war eingeweiht.

«Armin wollte das so», sagt Gregor Frei. «Der saubere Tod war ihm wichtig. Er sagte immer ganz klar, er wolle auf diese eine bestimmte Art Sterben. Zudem wollte er der Gesellschaft keine Kosten verursachen. Er sagte: ‹Ich will nicht an einem Rollator hängen, ich will nicht abhängig sein›. Armin war sehr selbstbestimmt und finanziell unabhängig.»

Für Armin war der Freitod die richtige Entscheidung

Und was machte diese berührende Geschichte mit Gregor Frei? Was löste Armins Freitod aus? Die Art, das Sterben zu zelebrieren? Oder mit ihm zu kokettieren, mit seinem selbstgewählten Abgang am 70. Geburtstag?

Gregor Frei denkt etwas nach. Streicht sich um den kurzgeschnittenen Bart: «Ich hörte von diesem Mann, bevor ich ihn kannte. Für mich kam dieser Wunsch authentisch rüber. Auf keinen Fall war es ein Akt der Verzweiflung. Für Armin Gloor war es die richtige Entscheidung. Er hatte keine Kinder, hatte das Leben ausgekostet. Und, das müssen wir sehen, er hatte das Gefühl, es gehe bergab mit ihm. ‹Ich werde dick›, sagte er. Er, der so sehr aufs Äussere schaute. Seine Potenz würde abnehmen, der Bauch zu. Es mangelte ihm an Fitness, die Trennung von seiner jüngeren Frau plagte ihn. All das waren Elemente, die seinen Entschluss reifen liessen. Und: Armin hockte alleine in seinem grossen Haus.»

Freitod, Gregor Frei, Filmregisseur mit Vater Goffredo Frei (l.)

Gerieten sich in die Haare ob der der verschiedenen Ansichten zum Thema Freitod. Goffredo Frei (l.) und Sohn Gregor. (Foto: zVg)

Freitod: «Warum wollen wir jemanden aufhalten, zu sterben»

Gregor Frei vertritt zum Thema Freitod eine liberale Haltung. Er sagt: «Warum wollen wir Leuten einen Stein in den Weg legen. Wann, wen und warum wollen wir jemanden aufhalten, aus dem Leben zu scheiden. Sind wir mutlos? Befürchten wir, uns schuldig zu machen mit so einer Aussage.» Er schaut uns an, gestikuliert. «Wem dient das lebenslang hier sein? Etwa der Pharmaindustrie? Den Altersheim- und Pflegemultis?»

Alois Birbaumer fragt sich: «Wem nutzt es, wenn wir 100 Jahre alt werden. Wer von uns verspürt so einen grossen Wunsch. Mit der Zeit nehmen die Gebrechen überhand, körperliche Probleme können einem das Leben zur Qual machen. Also, ich frage: Wer verspürt den innigsten Wunsch, älter als 100 Jahre zu werden.»

Wir verlängern unser Leben. Es ist Realität, dass heute Leben verlängern wird. Ständig hebeln wir die Natürlichkeit des Lebens aus. Warum sollen wir uns nicht das Leben nehmen dürfen?

In einem Interview mit DeinAdieu sagte Dr. Tim Klose, Psychiater und Psychotherapeut am Spital Affoltern: « … Das Recht auf Leben beinhaltet keine Pflicht zu leben. Also kann jeder urteilsfähige Erwachsene entscheiden, ob er leben will oder nicht.»

Freitod, Dr. med. Tim Klose, Chefarzt Psychiatrie am Spital Affoltern

Dr. Tim Klose Chefarzt Psychiatrie am Spital Affoltern am Albis: «Liegt eine psychische Krankheit vor, und der Patient wünscht zu sterben, ist dabei urteilsfähig, stellt sich die Frage: Bin ich als Arzt nicht verpflichtet, ihm zu helfen, sanft und anständig aus dem Leben zu scheiden?» (Foto: Paolo Foschini)

Dr. med. Tim Klose: «Es gibt keine Pflicht zu leben»

Verständlich ist für uns die ebenfalls geäussert Angst einflussreicher Menschen. Sie befürchten, es entstünde ein neues gesellschaftliches Tabu. Dann könnte es passieren, dass alte Menschen glauben würden, sie müssten sich umbringen. Und das darf auf keinen Fall passieren. Jeder von uns hat das Recht, so lange zu leben, wie es ihm wohl ist. Unabhängig seiner finanziellen Mittel.

Zu diesem Thema will Gregor Frei folgendes festhalten:

«Ich halte diese Gefahr für ein Feigenblatt-Argument gegen einen liberalen und selbstbestimmten Umgang mit dem Tod. Durch die Arbeit an diesem Film ist mir aufgefallen, wie stark das gesellschaftliche Tabu ist. Es heisst da, man dürfe sein Leben nicht wegwerfen.»

Dr. Alois Birbaumer und der Autor sind derselben Meinung wie der Filmemacher.

Freitod: Verzweifelte sollten das Gespräch suchen

«70 Jahre sind genug.» Wie oft sagen wir im Verlaufe eines Lebens: «Ich gehe nach Hause, wenn das Fest am schönsten ist.» Gehen im besten Moment. Für Alois Birbaumer heisst das: «Ich will gesund sterben.»

Sollte diese Meinung für jemanden völlig fremd sein, gilt es die Andersartigkeit des Anderen zu akzeptieren. Das heisst, die Autonomie jedes Menschen akzeptieren. Akzeptieren, wenn jemand etwas macht, was ich nie tun würde.

Und so wie Gregor Frei, Dr. Alois Birbaumer und DeinAdieu-Autor Martin Schuppli über das schwierige Thema geredet haben, so sollten Verzweifelte das Gespräch suchen. Das kann ganz anonym sein. Am Telefon beispielsweise. Erwachsene wählen 143, Kinder und Jugendliche 147.

Text: Martin Schuppli, Fotos: Paolo Foschini

Armin Gloor (r.) und Nachbar Goffredo Frei.

Armins Nachbar Goffredo Frei (l.), ein feinsinniger Kunstpraktiker, hatte Mühe, mit dem angekündigten Freitod seines Nachbarn Armin Gloor klarzukommen. Die Sache liess ihm keine Ruhe. (Foto: zVg)

Dein Adieu berichtete schon in mehreren Blogs über das Thema Freitod

23. März 2018: Interview mit Psychiater Tim Klose zur Frage «Wie soll ich jemanden abhalten, sich zu töten?»

29. Dez. 2016:  Sterbeforscher Gabriel Looser beantwortet die Frage: «Darf der Mensch Selbstmord begehen?»

 

Kinodaten

So, 18. Nov. – RiffRaff, Zürich – 11 Uhr*
Anschliessend Gespräch mit Gregor Frei (Regie)
und Goffredo Frei (Protagonist & Kameraautor).
Moderation: Gülsha Adilji.

Fr, 23. Nov. bis So, 25. Nov. – BE Movie Festival
Schloss Oberhofen*, Kino Meiringen*, Kupferschmiede Langnau* sowie Cinématte Bern, Ciné-Theater Gstaad & Filmpodium Biel/Bienne

Fr, 30. Nov. – Cinématte Bern – 18.15 Uhr*
Sa, 1. Dez. – Kino Rex, Bern – 11 Uhr*
Anschliessend Podiumsgespräch mit Gregor Frei (Regie), Michael Deppeler (Hausarzt) und Paul-David Borter (EXIT/Philosoph)

So, 2. Dez. – Langenthal, Kino Scala – 10 Uhr*
Anschliessend Gespräch mit Gregor Frei (Regie), Goffredo Frei (Protagonist & Kameraautor) und Stephan Heiniger (Cutter) In Zusammenarbeit mit Chrämerhuus Filmnächten

Sa, 8. Dez. – Cinématte Bern – 21 Uhr*

Do, 13. Dez. – Kino Murten – 19.30 Uhr*
Anschliessend Gespräch mit Gregor Frei (Regie)
und Goffredo Frei (Protagonist & Kameraautor)

Do, 27. Dez. – Cinématte Bern – 20.30 Uhr*
* = Spezialveranstaltungen in Anwesenheit des Regisseurs

Suizidgedanken? Hier finden Sie Hilfe

Dargebotene Hand, Tel. 143, 143.ch
Angebot Pro Juventute: Tel. 147, 147.ch
Kirchen Seelsorge.net

Anlaufstellen für Suizid-Betroffene:
Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils
Nebelmeer.net
Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid
Verein-refugium.ch
Verein Regenbogen Schweiz
Verein-regenbogen.ch.

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