Anna Rossinelli (l.) sang am ALS-Gedenktag in Zürich und liess sich zusammen mit Dorette Lüdi ablichten. (Foto: Bruno Torricelli).
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Anna Ros­si­nel­li spiel­te für ALS-Kran­ke

Die Bas­ler Sin­ger-Song­wri­te­rin Anna Ros­si­nel­li trat am Gedenk­tag für ALS-Kran­ke in Zürich auf. Kurz vor dem Gig gab sie DeinAdieu.ch ein Inter­view.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Journalist BR am
01. Juli 2016

Diens­tag­abend wars. Der längs­te Tag des Jah­res. Noch schmeck­te nie­mand die Vor­bo­ten des kom­men­den Som­mer­ta­ges. Dunk­le Wol­ken dräu­ten über dem Zür­cher Bür­kli­platz. Eini­ge küh­le Trop­fen fie­len durch das dich­te Blät­ter­dach. Der Duft von gebra­te­nen Würs­ten lag in der Luft. Trams fuh­ren rat­ternd durch die Bahn­hofstras­se, Schif­fe tute­ten, das Brau­sen des Auto­ver­kehrs konn­te der fröh­li­chen Geräusch­ku­lis­se nichts anha­ben. Kin­der lach­ten, spiel­ten aus­ge­las­sen mit grü­nen, blau­en und gel­ben Bal­lo­nen. Men­schen fuh­ren in Roll­stüh­len über den Platz. Grup­pen rede­ten zusam­men. Sties­sen mit Plas­tik­be­chern an, foto­gra­fier­ten mit den Smart­pho­nes. Der Ver­ein ALS fei­er­te mit Kran­ken und Gesun­den sei­nen all­jähr­li­chen Gedenk­tag. Mit dabei auch Doret­te Lüdi (Bild oben). Über ihr Schick­sal und dar­über, wie ihre Töch­ter damit umge­hen, lesen Sie in bereits erschie­ne­nen Blog-Bei­trä­gen.

Die Ankunft von Anna Ros­si­nel­li und Band ver­lief unspek­ta­ku­lär. Ein grau­er Kas­ten­wa­gen fuhr im Schritt­tem­po über den Platz und park­te vor der Hecke neben dem Aus­gang zur Bahn­hofstras­se. Türen öff­ne­ten sich. Zwei Män­ner stie­gen aus, ent­lu­den Instru­men­ten­kof­fer, stell­ten einen klei­nen Laut­spre­cher dane­ben und auf­ge­roll­tes schwar­zes Kabel. Dann hüpf­te eine fröh­li­che jun­ge Frau her­aus, schüt­tel­te ihre blond­brau­ne Mäh­ne. Dann drück­te sie Hän­de, ver­teil­te Küss­chen hier, Küss­chen da. Die Anwe­sen­den ken­nen sie, und sie scheint vie­le der Leu­te zu ken­nen. Sie nahm sich Zeit für einen klei­nen Schwatz da und ein kur­zes Gespräch dort.

Dann, zwi­schen Wurs­tessen und A-Capel­la-Auf­tritt, gab Anna Ros­si­nel­li DeinAdieu ein kur­zes Inter­view.

Anna Rossinelli und DeinAdieu-Autor Martin Schuppli

Anna Ros­si­nel­li und DeinAdieu-Autor Mar­tin Schupp­li im Gespräch über Musik, ALS und Schick­sals­schlä­ge. (Foto: Bru­no Tor­ri­cel­liI

Anna Ros­si­nel­li, war­um enga­gie­ren Sie sich für ALS-Kran­ke?

Anna: Vor andert­halb Jah­ren kam ich in Kon­takt mit die­ser Krank­heit. Wir spiel­ten für einen Freund an der Beer­di­gung sei­ner Mut­ter. Sie hat­te an ALS gelit­ten. Er erzähl­te mir, dass sein Vater im Vor­stand des Ver­eins ALS mit­ar­bei­te und so wei­ter. Mir ging das alles sehr nahe, obwohl ich die Ver­stor­be­ne nicht kann­te. Der schnel­le Ver­lauf die­ser Krank­heit, der rasche Tod, alles berühr­te mich sehr.

Sie besuch­ten die ALS-Kran­ken dann in der tra­di­tio­nel­len Feri­en­wo­che im Tes­sin.
Genau. Die Leu­te vom Ver­ein frag­ten uns an, ob wir ins Tes­sin kom­men und für die Betrof­fe­nen ein Kon­zert geben könn­ten. Wir sag­ten zu.

Was war der Grund?
Ich tan­ze nicht auf tau­send Hoch­zei­ten. Enga­gie­re mich für weni­ge Pro­jek­te, für die lege ich mich aber rich­tig ins Zeug. Des­halb fah­ren wir, wenn irgend mög­lich, die­sen Som­mer erneut ins Tes­sin. Der Kon­takt zu den ALS-Kran­ken, zu ihren Ange­hö­ri­gen ist mir wich­tig.

Wie erle­ben Sie den Tag heu­te auf dem Bür­kli­platz?
Ergrei­fend ist es. Freu­de und Trau­er mischen sich. Wir tra­fen vie­le ALS-Kran­ke wie­der. Eini­ge, die ich im ver­gan­ge­nen Som­mer ken­nen­lern­te, sind der Zwi­schen­zeit gestor­ben. Der rasche Ver­lauf die­ser Krank­heit ist ein­fach schreck­lich. Und gera­de des­halb beein­druckt mich die Lebens­kraft die­ser Leu­te. Ihre Lebens­freu­de steckt an, begeis­tert mich.

ALS ist eine unheil­ba­re Krank­heit und führt rasch zum Tod. Wie gehen Sie mit Abschied, mit Trau­er und Trost um? 
Mein Vater starb, als ich sechs Jah­re alt war. Der Tod, das Ster­ben gehört seit­her zu mei­nem Leben. Auch star­ben schon vie­le Leu­te in mei­ner Fami­lie. Etwa Onkel, Tan­ten. Es leben nicht mehr so vie­le Ros­si­nel­lis. Viel­leicht gab mir das einer­seits eine gewis­se Weich­heit und ande­rer­seits eine gewis­se Här­te. Gut mög­lich, dass ich des­halb trau­ern und trös­ten kann.

Sie arbei­te­ten mit Behin­der­ten.
Ja, sechs Jah­re lang. Ich mach­te eine Leh­re als Fach­frau für Betreu­ung von Behin­der­ten. Das hat mich enorm berei­chert. Ich lern­te viel über die Men­schen und mich selbst. Es ist spe­zi­ell, wenn man jeman­den pflegt, der nicht reden kann, der mit sei­nen Gedan­ken an einem ganz ande­ren Ort ist.

Ihre Musik macht Freu­de, kann Trost spen­den. Genies­sen Sie die­se beson­de­re Gabe?
Ich find es mega­toll, Leu­te zu begeis­tern, nach­denk­lich zu machen. Sie zu berüh­ren. Emo­tio­nen zu wecken. Sie zu ver­zau­bern.

Sie spie­len nicht nur in Clubs …
… nein, nein. Stras­sen­mu­sik ist unser Leben. Ich sin­ge ger­ne unplug­ged, also ohne Mikro­fon und Ver­stär­ker. Die Musik mei­ner Band­kol­le­gen kommt nur aus einem klei­nen Laut­spre­cher. Das fägt. Setzt Adre­na­lin frei. Und wenn die Leu­te dann ste­hen­blei­ben, sich im Rhyth­mus bewe­gen, im Takt mit­klat­schen, macht das Freu­de.

Der Tod ist eine Rea­li­tät des Lebens. Ist sich das eine jun­ge Frau bewusst?
Wie schon gesagt, ich bin oft mit dem Tod kon­fron­tiert wor­den. Des­halb ist es mir schon lan­ge bewusst, dass das Leben, dass mein Leben end­lich ist. Also genies­se ich es.

Der Autor bedankt sich, Foto­graf Bru­no Tor­ri­cel­li schiesst noch ein gemein­sa­mes Bild und dann ver­ab­schie­det sich Anna Ros­si­nel­li mit ihrem anste­cken­den Lächeln. 

A-Capel­la-Gig für ALS-Kran­ke
Rasch ist es kurz vor sechs. Rita Rüe­di-Ander­mann, einst TV-Ansa­ge­rin und «Schätz­chen der Nati­on», greift zum Mega­fon. Fröh­lich kün­det sie den Auf­tritt des Bas­ler Tri­os an. Dann legen Anna Ros­si­nel­li, Georg Dil­lier und Manu­el Mei­sel los. Ohne Pau­ken und Trom­pe­ten, dafür mit Bass und Gitar­re. Anna Ros­si­nel­li schnippt mit den Fin­gern, tän­zelt, singt ohne Mikro­fon. Ihr A-Capel­la-Gesang begeis­tert. Wer kann, wippt mit dem Fuss, tän­zelt am Platz, klatscht mit. Lebens­freu­de pur. In guter Stim­mung geden­ken die ALS-Kran­ken und ihre Ange­hö­ri­gen der ver­stor­be­nen Freun­din­nen und Freun­de. Sel­ten erleb­te der Autor Freu­de und Leid näher, inten­si­ver.

Text: Mar­tin Schupp­li | Fotos: Bru­no Tor­ri­cel­li

Anna Rossinelli spielte für ALS-Kranke

Anna Ros­si­nel­li und Band. Die Sin­ger­Song­wri­te­rin spiel­te auf dem Zür­cher Bür­kli­platz für ALS-Kran­ke. (Foto: Bru­no Tor­ri­cel­li)

Dein Adieu berich­te­te schon in meh­re­ren Bei­trä­gen über ALS

22. April 2016: Doret­te Lüdi: «Ich habe ALS. Das ist ein Hor­ror»
27. Mai 2016: Ihre Mut­ter hat ALS«Wir genies­sen die ver­blei­ben­de Zeit»
5. August 2016: Prof. Mar­kus Weber: «ALS-Dia­gno­se ist kei­ne Hexe­rei»

Mehr zu Anna Ros­si­nel­li und Band: www.annarossinellimusic.com

  • Mar­tin Schupp­li

    Dan­ke allen Betei­lig­ten am ALS-Gedenk­tag für die­se berüh­ren­de Erfah­rung. Ein­mal mehr beein­druck­ten mich die Lebens­freu­de der Betrof­fe­nen und ihrer Ange­hö­ri­gen.

  • Ire­ne Stir­n­e­mann

    Es war ein schö­ner Anlass, als Betrof­fe­ne ist man um Abwechs­lung froh.

  • Ali­cia Latscha

    Wun­der­ba­res Enga­ge­ment von Anna und Crew 🌹

  • Liz Isler

    Dan­ke für das Enga­ge­ment.… super.

  • Thun­der Bird

    Find ich super anna, dass du di für so men­sche ysezisch✌🏻️💓danke vyl­mol!

  • Ambühl Agi

    Dass Frau Ros­se­li­ni sich noch Zeit nimmt für eine ande­re Gesell­schaft fin­de ich toll und die­se Men­schen wis­sen es zu schät­zen.

  • Lydia Stei­ger
  • Thé­rè­se Sie­gen­tha­ler

    Fin­ge ni super, super super!

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