«Ich wollte noch im Rollstuhl zurück an die Schule gehen»

Meret Husy erlitt als 18-Jährige ein Schädelhirntrauma. Um jeden Preis wollte die junge Frau zurück ans Gymnasium, nach Australien surfen gehen – bis sie erkannte, dass sie gewisse Träume für immer begraben muss. Wie sie es dennoch geschafft hat, zurück in ein Leben zu finden, das ihr gefält.

«Zu akzeptieren, dass gewisse Pläne nicht mehr möglich sind, ist krass. Aber man gewöhnt sich daran.», sagt Meret Husy. © Manu Friederich

Die Zeit rund um den Unfall hat ihr Gehirn aus dem Gedächtnis gelöscht. Wochenlang lag Meret Husy im Koma. «Als ich erwachte, konnte ich nicht mehr reden, nicht einmal aufrecht sitzen. Ich hatte eine Magensonde zum Essen.»

Es geschah am 25. Oktober 2008. Husy war in der Nähe von Burgdorf von einem Felsen gestürzt, 60 Meter in die Tiefe. Schädel-Hirn-Trauma, gebrochenes Schlüsselbein, gebrochenes Wadenbein. Warum sie da war, und warum sie stürzte, weiss sie nicht mehr. Die Erinnerung ist weg. Das Hirn blendet sie aus, sagt sie. Dass ein älterer Mann mit einem Hund die junge Frau gefunden und der Helikopter sie ins Berner Inselspital geflogen hatte, weiss sie aus Erzählungen. Den Mann mit dem Hund, der sie gefunden hatte, habe sie einmal besucht und sich bedankt. «Er sagte, er habe ja nur das Selbstverständlichste getan.»

Damals, im Herbst 2008, stand Meret Husy, 18-jährig, gerade vor der Matura. Doch statt für die Prüfungen zu lernen, fuhr man sie im Rollstuhl erst einmal in die Neurorehabilitationsklinik Anna-Sailer-Haus in Bern. Nach ein paar Monaten in die Bethesda Klinik in Tschugg. «Ich arbeitete den ganzen Tag an mir selber. Man lebt da in seiner Bubble, überlegt nicht viel», sagt Husy.

Warum nehmen mich meine Freunde nicht mehr mit?

Doch dann kamen die Fragen. Warum ist dieser Unfall passiert? Warum nehmen mich meine Freunde nicht mehr mit, wenn sie ausgehen? Warum fragen sie mich nicht mehr? Über ihre Eltern habe sie erfahren, was genau passiert sei, dass der Unfall selbst verschuldet war. Das sei für sie einfacher gewesen zum Akzeptieren, als wenn jemand anderes beteiligt gewesen wäre. Sie sagt: «Ich bin mit mir im Reinen. Ich bin selber schuld. Das ist Meret, und das ist ok so. Ich verstehe mich, und es erstaunt mich nicht.» Auf die weiteren Details geht sie nicht ein. Auch nach dem Sturz möge sie es, Adrenalin zu spüren, in die Höhe zu gehen.  

«Ich wollte noch im Rollstuhl zurück an die Schule gehen. Die Einschränkungen im Gehirn waren ihr noch nicht bewusst. Ich wurde hässig.» Geduld zu haben, sei ihr sehr schwergefallen. Husy, einst eine gute Schülerin, wollte sich um jeden Preis zurückkämpfen in ihr altes Leben. In ein Leben, das ihr gefällt. So machte sie einen Versuch am Gymnasium Laufen. Französisch, Mathematik, Geografie. Einmal habe sie die Note 1,5 zurückbekommen nach einem unvorbereiteten Test.

Und dann kam die Erkenntnis: Es wird nicht mehr wieder gut. Die Hirnverletzung wird bleiben, das Kurzzeitgedächtnis will nicht mehr. Husy wirkt gefasst, als sie sagt: «Das Beste war, dass ich es probiert habe und nicht jemand anderes mir gesagt hat, dass es ohnehin nicht klappt. Ich habe mir selber vorgeführt, dass das nicht mehr geht. Ich habe gespürt, wie mir ein Stein vom Herzen gefallen ist. Ich wusste, ich muss nicht mehr.» Viele Leute mit einer Hirnverletzung setzten sich unter enormen Druck, um alles wieder zu erreichen, was sie früher gekonnt hätten. Viele würden bei der Erkenntnis des Scheiterns in ein tiefes Loch fallen.

Husy bezeichnet es als Glück, dass sie zum Zeitpunkt des Unfalls noch so jung war. Die älteren Leute in der Reha hätten von der IV keine Umschulungen mehr bezahlt bekommen. In ihrem Fall war die Stelle daran interessiert, dass sie eine Ausbildung machte. Am Kantonsspital Luzern machte sie eine berufliche Abklärung und später im geschützten Rahmen eine Ausbildung zur Büroassistentin. Doch sie haderte lange Zeit stark damit. «Die Arbeit im Büro ist nicht meins. Es hat mich nicht interessiert.» Die Gedanken, die zermürben, kamen zurück.

Husy, die sie vor dem Unfall war, hätte ein halbes Jahr lang Geld verdienen und damit nach Australien zum Surfen gehen wollen. Plötzlich war dieser Traum weit weg, die Verzweiflung wieder nah. «Dies zu akzeptieren, ist krass. Aber man gewöhnt sich daran.» Nach längerer Suche wurde Husy fündig. Bei der Swiss Academy for Development wurde sie schliesslich fündig. Seit dreieinhalb Jahren arbeitet sie dort in einem 50-Prozent-Pensum. Daneben engagiert sie sich an einem bis zwei Halbtagen pro Woche in der Kulturfabrik (KUFA), wo sie bei der Vorbereitung von Konzerten mithilft. «Jetzt gehe ich gerne arbeiten», sagt sie.

Um sich selbst herauszufordern, hat Husy Sprachkurse in Boston, Buenos Aires und Japan absolviert. © Manu Friederich

Auch 14 Jahre später begleitet sie die unsichtbare Behinderung

Meret Husy ist nun 32-jährig, wohnt alleine in Biel. Auch 14 Jahre danach begleite sie die «unsichtbare Behinderung», wie sie sie nennt. «Auf den ersten Blick sieht man mir diese kaum an», sagt sie. Aber man sehe es, an ihrem Gang, am Gleichgewicht, das sie manchmal wieder finden muss, an der Koordination, am leichten Zittern. Noch immer brauche sie mehr Zeit, um Lösungen zu finden. Noch immer braucht sie Physiotherapie.

Doch Husy lebt wieder ein Leben, das ihr gefällt. Sie ging Gleitschirmfliegen, besucht Konzerte und Veranstaltungen. Trotz grösster Orientierungsschwierigkeiten an neuen Orten besuchte sie Sprachkurse in Boston, in Buenos Aires und in Japan, reiste nach Südostasien und China. Wie zum Trotz fordert sie sich immer wieder selbst heraus.

Immer seltener wurden die Gedanken, die darum kreisen, was gewesen wäre, wenn der Unfall nicht gewesen wäre.

Welche Träume hat sie noch? Sie lacht. «Keine Ahnung, ich lebe im Moment.»

Fragile Suisse:

In diesen bangen Tagen und Wochen haben die Eltern von Meret Husy Unterstützung bei Fragile Suisse erhalten, der Patientenorganisation für Menschen mit Hirnverletzung und deren Angehörige. Dass die Hilfe so einfach über ein Beratungstelefon zugänglich war, sei eine grosse Erleichterung gewesen. Auch sie habe an einem Brunch mit jüngeren Betroffenen teilgenommen. «Das war gut für mich, zu sehen, dass es auch andere mit gleichen Problemen gibt», sagt Husy.

Fragile Suisse wurde vor über 30 Jahren gegründet, als der Strassenverkehr stark zunahm und damit die Zahl der Unfälle und der Hirnverletzungen. Damals, Ende 1970er- und anfangs 1980er-Jahre, fehlten Rehabilitationsplätze und spezialisierte Therapien. Heute besteht Fragile Suisse aus elf Regionalvereinigungen und der Dachorganisation mit den Standorten Zürich und Lausanne. Fachpersonen der Organisation bieten Kurse und Freizeitangebote für Menschen mit einer Hirnverletzung oder begleiten diese etwa, wenn sie wieder in eine eigene Wohnung ziehen wollen.

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