Peter R. Schwegler zwischen zwei Bildern seines Freundes Kurt Laurenz Metzler. (Foto: Bruno Torricelli)
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Peter R. Schweg­ler kann trotz Krebs­dia­gno­se lachen

«Nach­dem ich das Auge ver­lo­ren hat­te und allei­ne zuhau­se lag, dach­te ich über mei­ne Krebs­dia­gno­se nach. Über­leg­te ich mir, wie zufrie­den ich wäre, wenn das Leben enden, wenn ich jetzt ster­ben wür­de.»

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Journalist BR am
03. November 2017

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Peter R. Schweg­ler ist ein fröh­li­cher Mann. Einer der das Leben geniesst. Einer der viel arbei­tet, ver­netzt denkt und des­halb eine Men­ge Leu­te kennt. Peter ist ein Mann der ger­ne isst und trinkt. Einer der lachen kann, bis Bauch und Schnauz wackeln. Ein begna­de­ter Erzäh­ler ist er, ein lei­den­schaft­li­cher Samm­ler. Sein klei­nes Haus mit­ten in Erlen­bach, «im schöns­ten Dorf am Zürich­see», gleicht einem Muse­um. Wer einen Augen­schein neh­men darf, kommt aus dem Stau­nen nicht mehr her­aus. An den Wän­den hän­gen die unter­schied­lichs­ten Bil­der, in den Räu­men ste­hen unge­wöhn­li­che Objek­te, die die Bli­cke auf sich zie­hen. «Fan­tas­tisch, ein­fach wun­der­schön» stam­melt der Autor hin­ge­ris­sen.

Eine schö­ne Welt also? Nicht nur. Wer Peter in die Augen schaut hin­ter der mar­kan­ten Bril­le, dem fällt auf, dass das lin­ke Auge fast geschlos­sen ist. War­um? «Es war ein Sonn­tag im Mai 2016. Ich wach­te auf und merk­te, etwas stimmt nicht. So hielt ich die rech­te Hand vors eine Auge, dann vors ande­re und merk­te, links sehe ich wie durch ein Bier­glas. Rechts ist alles ok.» Der selbst­stän­di­ge Unter­neh­mer hält kurz inne und sagt dann: «Das lin­ke Auge war immer das Schlech­te­re. Also frag­te ich mich, was söll de Cha­b­is?»

Etwas ver­un­si­chert war­te­te Peter bis es zehn Uhr war, dann tele­fo­nier­te er «einer lie­ben Freun­din, die Oph­thal­mo­lo­gin ist». Der Augen­heil­kund­le­rin schil­der­te er die Situa­ti­on, sag­te ihr, dass etwas komisch sei. Sie bekräf­tig­te die­se Mei­nung und kurz dar­auf erhielt der 60jährige einen Ter­min für den Diens­tag­mor­gen in der Augen­kli­nik des Uni­ver­si­täts­spi­tals Zürich. Peter R. Schweg­ler lächelt, sagt: «Ich hoff­te, die geben mir eine Crè­me oder ver­pas­sen mir eine Sprit­ze und dann ist wie­der alles nor­mal.»

Krebs­dia­gno­se: «Sie lei­den an einem aggres­si­ven Sub­typ»

Dem war nicht so. «Statt zwei Stun­den ver­brach­te ich den gan­zen Tag in der Kli­nik. Abends um sie­ben Uhr eröff­ne­te mir dann Dr. Marc Sta­hel, Ober­arzt, zwei Din­ge. Er sag­te: «Sie haben ein Ader-Haut-Mela­nom. Das Auge muss rasch­mög­lichst raus. Zudem sind wir nicht sicher, ob der Tumor schon das umlie­gen­de Gewe­be erobert hat. Und, lie­ber Herr Schweg­ler, zusätz­lich lei­den Sie an einem aggres­si­ven Sub­typ.»

Upps. Das sass. «Ich schät­ze die­se Direkt­heit sehr», sagt Peter R. Schweg­ler erstaun­lich gelas­sen. «Selbst bin ich eben­falls direkt und prag­ma­tisch, ja auf eine Art sogar fata­lis­tisch.»

Medi­zi­ni­sche The­men sind Peter R. Schweg­lers All­tag. Lan­ge Jah­re führ­te er eine, auf Medi­zin spe­zia­li­sier­te PR-Agen­tur. Heu­te betä­tigt er sich als Unter­neh­mer und Bera­ter. Aus die­sem Grund hat er auch eine gros­se Affi­ni­tät zur Pro­to­nen­the­ra­pie. «Ich dach­te, das könn­te eine alter­na­ti­ve The­ra­pie­form sein, dank der mein Augen­licht geret­tet wer­den könn­te.»

Krebsdiagnose. Peter R. Schwegler

Erzählt von sei­nem Krebs. Peter R. Schweg­ler. «Weil ich ein Fata­list bin, dach­te ich, ein Auge hab ich ja noch.» (Foto: Bru­no Tor­ri­cel­li)

«Das Auge ist nicht zu ret­ten. Es muss raus!»

Peter R. Schweg­ler schick­te die Unter­la­gen über einen gemein­sa­men Freund Prof. Eugen B. Hug, dem inter­na­tio­nal renom­mier­ten Exper­ten für Ionen­the­ra­pie am Neu­städ­ter Krebs­be­hand­lungs- und For­schungs­zen­trum in Wien. Der Bescheid aus Öster­reich war ernüch­ternd. Er fiel so aus, wie es Peter bereits ver­mu­tet hat­te. «Das Auge ist nicht zu ret­ten. Es muss mög­lichst schnell raus!»

So sei es.

Dr. Sta­hel von der Augen­kli­nik am Zür­cher Uni­ver­si­täts­spi­tal setz­te die Ope­ra­ti­on auf den Diens­tag­mor­gen an. Eine Woche nach der Dia­gno­se. Was geht einem da durch den Kopf?«Scheisse», sagt Peter R. Schweg­ler. «Scheis­se. Aber zum Glück ist die Krank­heit jetzt aus­ge­bro­chen. Ich hat­te kei­ne Lei­dens­ge­schich­te, der Krebs mani­fes­tier­te sich über Nacht. Ja und weil ich, wie gesagt, ein Fata­list bin, dach­te ich, ein Auge hab ich ja noch.» Er lacht sein befrei­en­des Lachen, der Schnauz wackelt. «Der lie­be Gott stu­dier­te schon etwas bei der Arbeit. Er mach­te mir zwei Augen und er plat­zier­te sie vor­ne, so schaue ich also nach vor­ne und nicht nach hin­ten.»

Mozarts Zau­ber­flö­te spen­de­te Kraft

Die Vor­be­rei­tungs­zeit am Diens­tag­mor­gen im Spi­tal emp­fand der Pati­ent als sehr inten­siv. «Ich hör­te Mozarts Zau­ber­flö­te. Die geht mir sehr nahe. Musik und Text geben mir Kraft. Die­se Ari­en, die­se Lie­der. Wun­der­schön.»

Und dann wur­de er in den Ope­ra­ti­ons­saal gerollt. Der Chir­urg hol­te das Auge raus. «Ich emp­fand star­ke Schmer­zen. Dage­gen ver­ab­reich­te man mir Mor­phi­um.» Er hält kurz inne und flucht dann. «Es war müh­sam! Ich kam aus dem Rhyth­mus, war vier Tage im Spi­tal, und sah danach aus wie ein Voll­mit­glied des Zom­bie-Clubs. Oder noch bes­ser, wie ein Mem­ber der Pira­ten­par­tei.» Er lacht. Der Schnauz wackelt.

Schweg­ler durf­te nach eini­gen Tagen heim, war aber abhän­gig von Drit­ten. «Ich lag viel rum. Zum Glück habe ich lie­be Freun­din­nen und Freun­de. Sie hal­fen mir, koch­ten für mich, kauf­ten ein. Das war irr­sin­nig, dank die­ser per­sön­li­chen Bezie­hun­gen war ich wun­der­bar auf­ge­ho­ben.»

Krebsdiagnose: Peter R. Schwegler

Peter R. Schweg­ler ver­lor nach der Krebs­dia­gno­se das lin­ke Auge. «Es war immer das Schlech­te­re.» (Foto: Bru­no Tor­ri­cel­li)

Nach­den­ken über das Leben, den Tod

Wer so allei­ne und rekon­va­les­zent zuhau­se liegt, hat viel Zeit über das Leben nach­zu­den­ken. Über den Tod und das Ster­ben. Über Wün­sche. Ängs­te. «Ich über­leg­te mir, wie zufrie­den ich wäre, wenn das Leben enden, wenn ich jetzt ster­ben wür­de.» Peter R. Schweg­ler sagt, er hät­te es nicht so schlecht gehabt, hät­te ein gutes Leben ver­bracht, mit Hochs und Tiefs. «Ich den­ke posi­tiv», sagt er. «Und bin über­zeugt, der Mensch kann jedes Hin­der­nis über­win­den.» Das gilt nicht nur für die Gesund­heit, son­dern eben­falls für sein aktu­el­les Pro­jekt.

«Ich bin mit Part­nern dabei etwas Nach­hal­ti­ges zu schaf­fen im Bereich Medi­zin, Pro­phy­la­xe, Ver­sor­gung. Zusam­men mit der ETH Zürich, tüf­teln wir an einem Was­ser­ver­sor­gungs-Sys­tem für die Drit­te Welt. Die Men­schen sol­len Was­ser ohne Schwer­me­tall und arsen­hal­ti­ge Ver­bin­dun­gen trin­ken kön­nen.» Die Zusam­men­ar­beit mit Hilfs­wer­ken und Regie­run­gen ist auf­ge­gleist und funk­tio­niert bereits im Bereich Mala­ria­pro­phy­la­xe. «Ich bin sicher, dass ich das in den nächs­ten drei Jah­ren schaf­fe.»

Auf­ge­gleist hat Peter R. Schweg­ler eben­falls das Glück in der Lie­be. «Ich lern­te vor nicht all­zu­lan­ger Zeit mei­ne zukünf­ti­ge Frau ken­nen. Aris­sa und ich wer­den ver­mut­lich hei­ra­ten. Wir ver­ste­hen uns extrem gut. Logisch möch­te ich noch lan­ge mit ihr zusam­men sein.»

«Heu­te ken­ne ich, die wirk­li­chen Pro­ble­me»

Eine nach­denk­li­che Stim­mung ent­steht. Der gros­se Mann stützt den Kopf in die Hän­de. Sagt dann: «Es tönt para­dox aber eine solch erleb­te Situa­ti­on macht einen stär­ker und All­tags­pro­ble­me ver­lie­ren an Bedeu­tung. Kein Dach haben über dem Kopf, Hun­ger und Durst lei­den, das sind wirk­li­che Pro­ble­me. Vie­le Men­schen haben die­ses Bewusst­sein ver­lo­ren. Bei genau­er Betrach­tung soll­ten sie erken­nen, dass ihre so genann­ten Pro­ble­me eigent­lich gar kei­ne wirk­li­chen Pro­ble­me sind.»

Die Chan­ce, dass sein der Sub­typ sei­nes Kreb­ses Meta­sta­sen bil­de, sei hoch sagt Schweg­ler. «Bei jedem Drit­ten macht er das und dann sind die Über­le­bens­chan­cen klein.» Er bleibt erstaun­lich cool. «Medi­zin­the­men sind mir sehr ver­traut», sagt er. «Ich ken­ne die Fol­gen der meis­ten Erkran­kun­gen. Des­halb mach­te ich eine Pati­en­ten­ver­fü­gung, mel­de­te mich an bei Exit.»

Das Damo­kles­schwert der Meta­sta­sen ist all­ge­gen­wär­tig. Ent­ste­hen sie, merkt der Betrof­fe­ne das nicht. Peter R. Schweg­ler muss alle halb Jah­re ein CT machen las­sen. Sei­ne Leber sei gefähr­det, sagt er immer noch gelas­sen. «Ich mache das Bes­te draus und ver­fol­ge mei­ne Zie­le. Ich lebe, genies­se jede Minu­te. Aris­sa ist ori­en­tiert, mei­ne erwach­se­nen Kin­der wis­sen von mei­ner Erkran­kung, die Freun­de, Freun­din­nen sind ein­ge­weiht.»

Peter R. Schweg­ler vor einem sei­ner Lieb­lings­bil­der. Es zeigt Mari­as Emp­fäng­nis mit Erz­engel Gabri­el gemalt von Jean-Clau­de Steh­li. Dane­ben zwei Saxo­pho­ne, sie ver­kör­pern eine Lei­den­schaft. (Foto: Bru­no Tor­ri­cel­li)

Krebsdiagnose. Peter R. Schwegler

Peter R. Schweg­ler vor einem sei­ner Lieb­lings­bil­der. Es zeigt Mari­as Emp­fäng­nis mit Erz­engel Gabri­el gemalt von Jean-Clau­de Steh­li. Dane­ben zwei Saxo­pho­ne, sie ver­kör­pern eine Lei­den­schaft. (Foto: Bru­no Tor­ri­cel­li)

Tot­ge­sag­te leben län­ger

Dann erzählt Peter R. Schweg­ler von Ani­ta Moor­ja­ni und ihrem Buch «Hei­lung im Licht». Sie habe bei einer Nah­tod­erfah­rung gemerkt, der Tod ist kein Ort, son­dern ein Zustand. «Ich ver­schlang das Buch und ich sag­te Okay zu dem was nun pas­siert. Wenn ich ster­be, gehe ich ins Licht. Ich las vie­les, dass mich zum Den­ken anreg­te. Ani­ta Moor­ja­ni ist ein posi­ti­ver Mensch. Ich bin über­zeugt, mit einer posi­ti­ven Ein­stel­lung lebe ich noch lan­ge.» Dann lacht er laut und sagt: «Wie heisst es doch: Tot­ge­sag­te leben län­ger.»

Wie­der kom­men wir auf den Tumor zu spre­chen. Schweg­ler sagt, er hät­te Glück im Unglück gehabt. «Der Tumor wuchs nicht, wucher­te nicht ins umlie­gen­de Gewe­be. So muss­te ich kei­ne Bestrah­lung machen, kei­ne Che­mo über mich erge­hen las­sen.» Er, der sich mit Krebs und mög­li­che The­ra­pi­en aus­ein­an­der­ge­setzt hat, ist «gegen­über den heu­te ver­füg­ba­ren Krebs­me­di­ka­men­ten sehr kri­tisch ein­ge­stellt. Ich bin ganz klar der Mei­nung, dass auch wenn die Ent­wick­lung eines Medi­ka­men­tes hun­der­te von Mil­lio­nen Dol­lar kos­tet, der the­ra­peu­ti­sche Nut­zen bei Ver­füg­bar­keit kri­tisch hin­ter­fragt wer­den muss. Zudem soll­te sei­tens der Gesell­schaft, der Ärz­te­schaft aber auch sei­tens der Pati­en­ten die Kos­ten/­Nut­zen-Fra­ge ins Zen­trum gestellt wer­den.»

Kei­ne Angst vor halb­jähr­li­cher Unter­su­chung

In einem Monat ist wie­der Zeit, das halb­jähr­li­che CT zu machen. «Kommt dann die Angst?», will der Autor wis­sen. «Nein, nein», sagt Peter R. Schweg­ler abwie­gelnd. «Das neh­me ich ganz cool. Ich gehe aus Prin­zip nicht mit einem Gefühl von Angst ins Spi­tal. Bis jetzt waren die Ergeb­nis­se jeweils tipp­topp. Kei­ne Anzei­chen einer Ver­än­de­rung. Ich habe eine wun­der­ba­re Leber. Der kann nicht mal der Alko­hol was anha­ben.»

Reden über Krebsdiagnose: Peter R. Schwegler + DeinAdieu-Autor Martin Schuppli

Schwatz an der Zapf­säu­le, die auch ein TV-Möbel ist. Peter R. Schweg­ler und DeinAdieu-Autor Mar­tin Schupp­li (r.) ken­nen sich schon seit vie­len Jah­ren. (Foto: Bru­no Tor­ri­cel­li)

Es wird kurz etwas still. Wir hören Bruce Springste­en zu. Ein Kon­zert­mit­schnitt live aus New York City. Die E-Street­band spielt «Jun­g­le­land» mit Cla­rence Cle­mens gross­ar­ti­gem Saxo­phon­spiel. «Ich sah vie­le Pati­en­ten, Pati­en­tin­nen im End­sta­di­um. War oft auf der Onko­lo­gie. Ich kann­te vie­le Tumor­pa­ti­en­ten, die nun gegan­gen sind. Wenns fer­tig ist, ist fer­tig. Schluss. Aus die Maus.» Sagts und lacht. Der Schnauz wackelt.

Text: Mar­tin Schupp­li | Fotos: Bru­no Tor­ri­cel­li

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  • Peter Pfäff­li

    Der Mann hat wirk­lich Humor. Ich wün­sche ihm, dass er den Krebs besiegt

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