«Meine Frau Arissa bat mich, ‹stirb nicht›. Ich versprachs ihr. Und überhaupt, ich habe noch so viel zu tun. Habe weder Lust noch Zeit, zu sterben. Absolut nicht.» (Foto: Ueli Hiltpold)
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Krebspatient Peter R. Schwegler: «Die Zunge gebe ich nicht»

Peter R. Schwegler aus Erlenbach ZH verlor wegen eines Aderhaut-Melanoms das linke Auge. Danach schien sich seine Gesundheit zu beruhigen. Dann kehrte der Krebs zurück.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
17. Mai 2019

Am Freitag, den 3. November 2017, veröffentlichten wir an dieser Stelle den Blog mit dem Titel: «Peter R. Schwegler kann trotz Krebsdiagnose lachen.» Damals raubte dem heute 62-Jährigen ein Aderhaut-Melanom das linke Auge. Mit DeinAdieu sprach der Unternehmer über seine Lebensfreude, seine Zuversicht. Ebenfalls äusserte er sich über das «Gehen müssen». Seine Zuversicht äusserte er folgendermassen: «Ich danke Gott für die beiden Augen vorne am Kopf. Nun habe ich noch eines, und damit ist es problemlos möglich, nach vorne zu blicken.»

Heute, am Freitag, 18. Mai, schreibe ich ein weiteres Mal über meinen Freund Peter. Der Krebs meldete sich zurück. Fordert Teile der Zunge. «Das akzeptiere ich nicht!», ruft der grosse Mann, der zwischenzeitlich 30 Kilo abgenommen hat.

«Ich glaube daran, den Krebs in den Griff zu bekommen.» Wir treffen uns in Peter Schweglers kleinen, grossen Wohnung. Wie geht es dir? «Durchzogen», sagt er. «Einerseits bin ich hoffnungsvoll, andererseits habe ich Schiss.» Schiss wovor?, frage ich. Schiss vor dem Krebs, dem Sterben?

Krebs, Peter. R. Schwegler, DeinAdieu-Autor Martin Schuppli

Gespräch inmitten von Bildern. DeinAdieu-Autor Martin Schuppli (l.) fragt, wie geht es dir? Peter R. Schwegler sagt: «Einerseits bin ich hoffnungsvoll, andererseits habe ich Schiss.» (Foto: Ueli Hiltpold)

«Ich habe keine Zeit, zu sterben»

«Ich will mein Leben bewältigen können, will die Beziehung zu meiner Frau Arissa aufrechthalten. Sie bat mich, ‹stirb nicht›. Das versprach ich ihr. Und überhaupt, ich habe noch so viel zu tun, habe keine Lust und keine Zeit, zu sterben. Absolut nicht.»

Nach dem ersten Krebsvorfall war Peter R. Schweglers Gesundheit lange Zeit gut. Alle Untersuchungen zeigten unauffällige Resultate. Ideal. «Ich konnte normal leben.» Er schweigt kurz. Schaut mich an und zeigt auf seine rechte Halsseite. «Irgendwann merkte ich, etwas stimmt nicht. Ich spürte Beschwerden im Hals. Dachte, eine Schleimablagerung kanns nicht sein.»

Eine Hals-Nasen-Ohren-Ärztin machte daraufhin eine Laryngoskopie, sah aber nichts. Darauf unterzog sich der Krebspatient einer Routineuntersuchung im Universitätsspital Zürich. Trotz MRI-Daten ist die Lokalisation des Krebses schwierig. «Meine Leber zeigte eine Auffälligkeit. All das entnahm ich dem Bericht. Mir war klar, worum es geht. Ich hatte alle Daten.»

Krebs, Peter R. Schwegler

Bei der Ganzkörper-Tomographie entdeckten die Spezialisten den neuen Krebs – im Hals. (Foto: Ueli Hiltpold)

Metastasen auf der Leber?

Dann schildert er mir fachmännisch, wie blöd dieses Aderhaut-Melanom sei. Es neige dazu, Metastasen zu bilden, hauptsächlich in der Leber. «Also unterzog ich mich einer Ganzkörper-Tomographie. Die brachte es an den Tag: Wir entdeckten den neuen Krebs im Hals. Er schmerzt nur, wenn ich scharf esse – oder bei Brot und Alkohol. Schlucken kann ich noch.»

Wir schauen uns an. Ich sage, chirurgisch etwas zu machen wäre … «Totaler Blödsinn!», ruft er aus. «Ich gebe doch Teile meiner Zunge nicht her. Niemals.» Bestrahlen und Chemo wären weitere Möglichkeiten, denk ich. Aber Schwegler wäre nicht Schwegler. Er sagt: «Ich suche Alternativen. Und die gibt es. Mehrere. Glaub mir, ich weiss es. Als ich noch meine PR-Agentur leitete, war die Onkologie Teil meines Lebens.»

Ein chirurgischer Eingriff kommt nicht infrage

Also erklärt er mir die verschiedenen Ansätze alternativer Behandlungen:
– In der Nähe von München, in Prien, gibt es Spezialisten, die es schaffen, den Schutzschild der Krebszellen mittels OncoPherese zu zerstören. Dadurch würde zudem das Immunsystem gestärkt. Es könne dank dem seine Arbeit gegen die bösartigen Zellen wieder voll übernehmen und ihnen dann den Garaus zu machen.
– In Düsseldorf und Lauenförde bei Paderborn würden spezialisierte Ärzte mit ihren Teams die Krebszellen markieren und mittels photodynamischer Infrarot-Spektroskopie erschiessen.
Für den Patienten gilt es nun, die richtige Therapie zu wählen, die passende Klinik zu finden.

Da beide Therapien sehr erfolgversprechend sind, ging es darum, schnellstmöglich einen Therapieplatz zu bekommen. Dank eines Koreaners, der «netterweise» seinen Termin verschob, konnte Peter in die Bresche springen. Und so lag Lauenförde nahe.

Krebs, Peter R. Schwegler

Wie die geplante Therapie schlussendlich wirkt, weiss vorläufig nur der Himmel. (Foto: Ueli Hiltpold)

Für die Mädchen eine Märklin-Eisenbahn

Peter R. Schwegler muss nun so rasch wie möglich die Therapie beginnen. Sie dauert je nach Therapieform zwischen fünf und zwanzig Tagen. «Dann sehen wir die Wirksamkeit.» Er lacht schallend. Wird schnell wieder ernst. Zur Therapie gehört möglicherweise begleitend ebenfalls eine Chemo.

Wir schweigen. Lauschen der Musik. Mittlerweile sitzen wir in der Küche. In einer original Diners-Sitzbank. Ich mach den Anfang. Sage: Und jetzt triffts dich. Er nickt. «Es macht Angst, sich mit dem Sterben auseinandersetzen, zumal ich damit keine persönliche Erfahrung habe.» Peter lacht.

Zeit zu sterben habe er keine. «Ich habe zu tun – und noch viel vor.» Im August heiratet Peters Sohn, danach kommen Zwillinge zur Welt. Und wie es die Schweglersche Tradition vorsieht, erhalten neue Erdenbürger ein Märklin-Eisenbahn. «Ich spiele mit dem Gedanken, den beiden Mädchen je eine Märklin-Eisenbahn zu schenken. Die zukünftige Schwiegertochter wehrt sich zwar noch ein bisschen dagegen.» Ebenso schmiedet Peter noch viele Pläne. Sterben ist also nicht angesagt. «Wieso denn auch», sagt Peter Schwegler und lächelt.

Krebs, Peter R. Schwegler

Mit dem Sterben hat sich der Intellektuelle längst auseinandergesetzt. «Ich erlebte einige eindrückliche Abschiedsfeiern mit kraftvollen Ritualen. Ich erinnere mich gerne an die Verstorbenen. Aber ich will derzeit keiner dieser Stillgewordenen sein.» (Foto: Ueli Hiltpold)

Die Arbeit ruft – und Peter Schwegler hört hin

Peter R. Schwegler will arbeiten. Will die aufgetretenen finanziellen Probleme lösen. «Ein Knatsch über die Auflösung meiner Einzelfirma führte zu einer Konkursandrohung der Krankenkasse und dann zum Konkurs.» Und gerade in dieser Situation ist es schwierig. «Die teuren Therapiekosten in Deutschland werden von der Krankenkasse nicht bezahlt. Eine Krux. Ich muss mit ihnen reden, muss jemanden anpumpen, abzahlen.» Er seufzt. «Zum Glück unterstützt uns nach Möglichkeit die Gemeinde, und wir dürfen trotz vorübergehender finanzieller Engpässe hier wohnen.

In wenigen Tagen reist Peter mit einem lieben Freund nach Deutschland zur Therapie. Ein Apotheker seis, sagt er, ein langjähriger Geschäftspartner mit viel Fachwissen. «Er unterstützt mich.»

Krebs, Peter R. Schwegler

Gegen aussen zeigt der Krebspatient Kraft und Stärke. Die Erfolgszahlen aus der gewählten Klinik machen Mut. Er lacht. Sagt laut und bestimmt: «Ich akzeptiere den Krebs nicht!» (Foto: Ueli Hiltpold)

Mit einer tollen Idee Nachhaltigkeit schaffen

Zuversichtlich macht zudem die News, ab Juli wieder einen Job zu haben. «Mit der ETH Zürich sind wir kurz davor, Filterflaschen für die Ärmsten zu produzieren und dann zu verteilen. Damit können sie Wasser reinigen, gesünder leben.» Er stockt. Macht Pause. «Aber ich muss zuerst gesund bleiben, muss meine blöde Krankheit in Griff kriegen.»

Ich frage nach Zielen. Mein Freund Peter studiert nicht lange. «Ich möchte meinen Nachkommen etwas Nachhaltiges hinterlassen. Kann ich meine Pläne verwirklichen, dann schaffe ich das.» So redet er ebenso, wenns um die ökonomischen Probleme geht. «Ich brauche Zeit, um die gesundheitlichen Probleme in den Griff zu kriegen, dann will ich aufräumen.»

Peter R. Schwegler (l.) und Martin Schuppli

Zwei Freunde, die sich mögen: Peter R. Schwegler (l.) und Martin Schuppli (Foto: Ueli Hiltpold)

«Ich lass mich nicht unterkriegen»

Wir lehnen uns über den Tisch, drücken uns die Hände. «Ich lass mich nicht unterkriegen», ruft Peter. «Ich sicher nicht. Wir Schweglers wurden 1212 erstmals registriert in Willisau, Kanton Luzern. Wir geben nicht auf, wir sind Kämpfer. Auf keinen Fall schwenk ich die weisse Fahne.»

Im dritten Teil berichten wir über Peter R. Schwegler und seine Therapie in Deutschland.

Text: Martin Schuppli, Fotos: Ueli Hiltpold

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