Medikamente, Tiere oder Massage –  Das Therapieangebot für Demenzkranke ist mannigfaltig

Demenz gilt als unheilbar. Doch gibt es Hilfsmittel und Therapieformen, die den Krankheitsverlauf verlangsamen, das Leben der Patienten positiv beeinflussen können. Über die Effizienz der verschiedenen Ansätze herrscht jedoch Uneinigkeit.

Angehörige von Demenzkranken stehen oft am Rande der Verzweiflung. Das geliebte Gegenüber verhält sich aussergewöhnlich, wiederholt sich ständig oder erkennt Familienmitglieder nicht mehr. Der Drang ist stark, den Erkrankten helfen zu wollen. Doch was hilft aus der Endlosschlaufe? Was entschleunigt das Denkkarussell? Was beruhigt den Wirbel im Kopf?

Medikamente und Demenzstationen

Medikamente sind eine Möglichkeit, den Krankheitsverlauf hinauszögern. Michael Schmieder, pensionierter Leiter der Demenzklinik Sonnweid in Wetzikon ZH, sagt über sogenannte Antidementiva: «Je früher Demenzerkrankte die Tabletten einnehmen, desto eher können sie helfen. Wenn sie wirken, können Patienten bis zu zwei Jahre länger zu Hause bleiben.»

Den Todeszeitpunkt können Antidementiva nicht hinauszögern. Setzt man sie ab, beschleunige das die Krankheit. «Auch Nebenwirkungen sind möglich», sagt Michael Schmieder. «Wir hatten vor einiger Zeit einen Bewohner, der sich seiner Krankheit bewusst war. Die Medikamente und damit die Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten, versetzten ihn in einen solchen Stress, dass wir sie wieder absetzen mussten. Danach ist der Patient relativ schnell verstorben.»

Demenz. Michael Schmieder
Für Michael Schmieder, pensionierter Leiter der Demenzstation Sonnweid in Wetzikon ZH ist nicht alles, was Freude bereitet, Therapie. «Das Ziel muss sein, auf ein positives Gefühl hinzuarbeiten. Das hat mit Therapie nichts zu tun.» (Bild: Hitz/Beck)

Mit der steigenden Zahl von Demenzerkrankungen steigt auch die Anzahl Demenzstationen in der Schweiz. Gemäss Michael Schmieder kann ein Aufenthalt in einer solchen Einrichtung nützlich sein. Denn dieser könne das Leben der Patienten angenehmer machen. «Solche spezialisierten Heime helfen zu spüren, dass andere Normen gelten als in der Aussenwelt. Das entlastet enorm.»

Demenz: Selbstheilungskräfte und Hunde

Eine weitere, viel diskutierte Methode ist die Selbstheilungskraft des Gehirns. Gemäss dem deutschen Neurologen Gerald Hüther besitzt das menschliche Gehirn bis ins hohe Alter die Möglichkeit, sich selber zu regenerieren. Wie bei einem Knochenbruch könne auch das Hirn Schäden von alleine heilen und so Demenz besiegen. Dazu müsse der Patient aber einen starken Willen besitzen und sich wohl und wahrgenommen fühlen. Michael Schmieder sieht diesem Ansatz eher skeptisch entgegen: «Ich glaube nicht, dass sich das Hirn selber heilen kann. Aber wir könnten es vielleicht so weit trainieren, dass der Patient eine Zeit lang umgänglicher wird.»

Oft eingesetzt werden Tiere, um Dementen zu helfen. So genannte Therapiehunde brauchte Michael Schmieder in der Klinik Sonnweid früher ebenfalls. «Er kann Freude und positive Erlebnisse schaffen. Ich finde aber den Begriff ‹Therapie› sehr heikel.» Nicht alles, was Freude bereite, sei Therapie. «Das Ziel muss sein, auf ein positives Gefühl hinzuarbeiten. Das hat mit Therapie nichts zu tun.» Letzthin hätte eine Bluesband in der Sonnweid aufgespielt. «Das war keine Musiktherapie, sondern einfach ein positives Erlebnis.»

Demenz. Thesi Schüpbach
Thesi Schüpbach betreut Kranke und Angehörige: «In Gesprächen mit Dementen habe ich immer wieder erfahren, dass ihnen die Berührung fehlt.» (Foto: Hitz/Beck)

Demenz: Musik und Massage

Vorteile in der Musik sehen Michael Schmieder und Therese «Thesi» Schüpbach. Die Bernerin befasst sich seit rund sieben Jahren mit der Krankheit und unterstützt Betroffene sowie Angehörige. «Tanzen und singen kann durchaus positive Gefühle schaffen», sagt sie und relativiert dann gleich: «Aber nur dann, wenn ich mit jemandem singe, der früher einen Bezug zur Musik hatte.»

Im Gegensatz zu Michael Schmieder glaubt die erfahrene Betreuerin an Selbstheilungskräfte und sucht nach alternativen Ansätzen. Einer davon ist die Körpertherapie. «In Gesprächen mit Dementen habe ich immer wieder erfahren, dass ihnen die Berührung fehlt.» Mit einer speziellen Massagetherapie am Rücken will sie die Selbstheilungskräfte aktivieren. «Es braucht Schulmedizin, und es braucht eine gute medizinische Abklärung. Aber das reicht nicht.» Erst, wenn wir Körper, Geist und Seele abholen, können wir bei Betroffenen eine Verbesserung gewisser Fähigkeiten erzielen, sagt sie.

Für Therese Schüpbach ist vor allem wichtig, über alternative Ansätze zu diskutieren. «Es gibt zwar Hilfsmittel, die gut sind, und die man schon über viele Jahre anwendet. Doch ist der Blickwinkel für Neues nicht offen.»

Text: Daniel Hitz, Bilder: Hitz/Beck

Diese Reportage entstand in Zusammenarbeit mit Journalismusstudenten der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Demenz. Irene Bopp-Kistler im Gespräch mit DeinAdieu-Autor Martin Schuppli.
Irene Bopp-Kistler im Gespräch mit DeinAdieu-Autor Martin Schuppli. (Foto: Paolo Foschini)

Dr. med. Irene Bopp-Kistler: «Das Buch «Demenz» war für mich eine Herzensangelegenheit»

Dr. med. Irene Bopp-Kistler ist Geriaterin und leitende Ärztin an der Memory-Klinik, Waidspital Zürich. Die Klinik stellt nebst den Demenzkranken die Angehörigen in den Mittelpunkt des therapeutischen Settings. Irene Bopp-Kistler ist Mitglied in zahlreichen Gremien, die sich mit Demenz beschäftigen, unter anderem war sie an der Ausarbeitung der nationalen Demenzstrategie der Schweiz beteiligt. Für das Buch demenz. zeichnet sie als Herausgeberin.

In «demenz.» nennen namhafte Experten die bisher bekannten Fakten beim Namen und erläutern, was es damit auf sich hat. Betroffene und Angehörige berichten von «ihrer» Demenz und was sie mit ihrem Leben macht. Renommierte Autoren vermitteln Perspektiven auf sozialpolitischer, medizinischer, vor allem aber menschlicher und spiritueller Ebene, wie wir dieser Krankheit und den Betroffenen respektvoll begegnen können. 656 SEITEN, ISBN 978-3-907625-90-3, CHF 44

Demenz: Leben mit dem grossen Vergessen. Der SF-«Club» mit Irene Kistler-Bopp

Alzheimer: Wichtige Adressen

Alzheimer Schweiz (Schweizerische Alzheimervereinigung)

Die gemeinnützige Organisation setzt sich für Gleichberechtigung in der Gesellschaft ein und ergreift Partei für Menschen mit Demenz. Die Alzheimervereinigung bietet Beratung und liefert Informationen zum Thema Demenz.

Tel. 058 058 80 00

Das Alzheimer-Telefon beantwortet Fragen, gibt Auskunft und zeigt auf, wo es Hilfe gibt. Montag bis Freitag, jeweils von 8-12 und 14-17 Uhr. Die Beraterinnen sprechen Deutsch, Französisch und Italienisch.

Gurtengasse 3, 3011 Bern

Tel. 058 058 80 20

info@alz.ch | www.alz.ch

Pro Senectute

Für ältere Menschen und ihre Angehörigen hat Pro Senectute in der ganzen Schweiz Anlaufstellen für Altersfragen. Ältere Menschen werden als wertgeschätzte und mitgestaltende Mitglieder der Gemeinschaft angesehen. Pro Senectute bietet Dienstleistungen an, welche den Alltag von älteren Menschen gestalten und ihre Angehörigen unterstützen.

Lavaterstrasse 60, 8027 Zürich

Tel. 044 283 89 89 | Fax 044 283 89 80

info@prosenectute.ch |  www.prosenectute.ch

Swiss Memory Clinics

Die Schweizer Memory Clinics sind die ersten Anlaufstellen bei Verdacht auf Demenz. Hier werden Betroffene untersucht und – gemeinsam mit den Angehörigen – beraten. Die Kliniken sind Kompetenzzentren für die Diagnostik, Behandlung und Beratung. Ihre vier Kerndisziplinen sind Geriatrie, Neurologie, (Neuro-) Psychologie und Alterspsychologie. Die Diagnosestellung erfolgt interdisziplinär.

www.swissmemoryclinics.ch

Verein Selbstbestimmung.ch

Die Webseite sammelt Artikel zum Thema Barrierefreiheit, soziale Sicherheit und Selbstbestimmung aus dem Netz. Der Verein setzt sich für Personen ein, welche aufgrund chronischer Krankheiten, einer Behinderung oder ihres Alters in ihrer Selbstbestimmung eingeschränkt sind.

Grüzenstrasse 12 |  8600 Dübendorf ZH

Tel. 077 447 11 23

www.selbstbestimmung.ch

Demenzsprache

Um alltagsorientierte Aktivitäten bei Menschen mit einer Demenz im Gang zu halten ist es sinnvoll, die Kommunikation auf einem angepassten Niveau anzuwenden. Auf dieser Webseite gibt es Hinweise zu Logopädinnen und Logopäden mit Spezialisierung im Bereich Demenz.

Hochschule für Heilpädagogik Zürich
Schaffhauserstrasse 239, Postfach 5850
CH-8050 Zürich

Tel. +41 44 317 11 | Fax +41 44 317 11 10

info@hfh.ch | www.demenzsprache-hfh.ch

4 Antworten auf „Medikamente, Tiere oder Massage –  Das Therapieangebot für Demenzkranke ist mannigfaltig“

Hansueli Amacher sagt:

Yöshi: Ich bin ein prima Therapiepudel – mit meiner blossen Erscheinung.

KaThrin R. Rauchenstein sagt:

Schön Martin dass Du über Demenz sprichst. Danke!

DeinAdieu sagt:

Es ist mir eine Herzensangelegenheit liebe Katharina

In der Tat kann man mit speziellen Massagetherapien am Rücken die Selbstheilungskräfte aktivieren. Ich wende dies in meiner Praxis in Zürich regelmässig bei Demenz an und es hilft.

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