Corina Bürgi-Feld sprach nicht nur über ihre privaten Trauererlebnisse (vergangene Woche), sondern ebenso über ihre Rolle als Hausärztin. Und über ihre Gespräche mit Patientinnen und Patienten zum Thema Selbstbestimmung in der letzten Lebensphase. (Foto: Paolo Foschini)
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Corina Bürgi-Feld, Hausärztin: «Wiederkommen will ich nicht»

Der Tod ist kein Unbekannter für Corina Bürgi-Feld. Einige Male musste sich die 48-Jährige von geliebten Menschen trennen. Im zweiten Teil ihrer Geschichte spricht sie mit DeinAdieu über ihr Engagement, wenns bei Patienten und Patientinnen um die Selbstbestimmung in der letzten Lebensphase geht.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
15. November 2019

Der Tod ist kein Unbekannter für Corina Bürgi-Feld. Einige Male musste sich die 48-Jährige von geliebten Menschen trennen. Im zweiten Teil ihrer Geschichte spricht sie mit DeinAdieu über ihr Engagement, wenns bei Patienten und Patientinnen um die Selbstbestimmung in der letzten Lebensphase geht.

Im ersten Teil ihrer Geschichte schilderte Corina Bürgi-Feld vergangene Woche, wie sie den Tod ihrer Tochter Valentina erlebte. Welche Rolle Sohn Fabian spielte bei der Bewältigung dieses Schicksalsschlages und wie all die Erlebnisse rund um Leben und Sterben ihre Rolle als Hausärztin beeinflussen.

Corina: Du arbeitest als Hausärztin. Was sind deine Haupttätigkeiten? Wie ist die Praxis organisiert?
Corina Bürgi-Feld:
Ich arbeite in einer Praxisgemeinschaft in Affoltern am Albis. Unser Chef, Philippe Luchsinger, Hausarzt mit Leib und Seele, immer politisch aktiv und seit einiger Zeit oberster Hausarzt der Schweiz. Meine Haupttätigkeit ist die Hausarztmedizin. Und da ich zudem eine psychosomatische Ausbildung absolviert habe, brauche ich dieses dort erlernten Werkzeug in der Kommunikation und somit in der Betreuung von Patientinnen, Patienten.

Das kommt Patienten, Patientinnen entgegen, die Gespräche suchen?
Genau. Oder die für eine gewisse Zeit eine engmaschigere Betreuung benötigen. Aber allen anderen ebenso. Die partnerschaftliche Begleitung sowie Betreuung der Patientinnen, Patienten ist mir extrem wichtig. Sie ist, meines Erachtens, der einzige Weg, wie die Medizin funktioniert. Der Patient, die Patientin steht im Zentrum, und ich begleite sie, ihn auf ihrem, seinem Weg.

Mich interessiert, wie stark die Hausärztin, der Hausarzt konfrontiert ist mit der Selbstbestimmung des Patienten, der Patientin in der letzten Lebensphase?
Wenn ich die partnerschaftliche Begleitung ernst nehme, dann ist die Selbstbestimmung des Patienten während der ganzen Zeit seines Lebens wichtig und ernst zu nehmen. Sie ist somit am Ende seines Lebens eine Selbstverständlichkeit. Ich bin konfrontiert, da ich mich ja interessiere, was der Patient, die Patientin denkt, was er, sie sich vorstellt, wie es mal sein wird oder was er, sie auf keinen Fall will.

Corina Bürgi-Feld, Hausärztin
Corina Bürgi-Feld: «Als Hausärztin kann ich dort helfen, wo ich meine Ohren, Augen für den Patienten, die Patientin offen habe. Wenn ich zuhöre.» (Foto: Paolo Foschini)

Lebenserhaltung auf Biegen und Brechen?

Geht der Arzt, die Ärztin diese Auseinandersetzung zum Thema Sterben ein? In all den Jahren einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit von Patientin und Ärztin geht es ja immer darum Leben zu erhalten?
Ja, ich als Hausärztin will diese Auseinandersetzung, ich brauche sie sogar, um den Patienten, die Patientin zu verstehen, um mit ihm, ihr seinen, ihren Weg zu gehen, nicht meinen. Aber das ist sehr personenabhängig, ich meine damit Hausarzt-abhängig. Es gibt sicher viele Kollegen, Kolleginnen, die hier ganz anders denken und anders praktizieren.

Dann es geht in der Zusammenarbeit mit Patientin, Patient nicht primär um Lebenserhaltung auf Biegen und Brechen?
Sicher nicht. Dann würde ich ja so tun, als gäbe es Krankheit, Sterben und Tod nicht. Oder erst viel, viel später, am Ende des Lebens. Und dieses Ende würde ich dann weit von mir wegschieben. Nein, das liegt mir nicht. Der Tod kann ja jeden von uns irgendwann mitten im Leben treffen, nicht erst mit 99 Jahren.

Du strebst eine gemeinsame Entscheidungsfindung an.
Richtig. In der Fachsprache heisst das «shared decision making». Das bedeutet, dass der Patient der Experte für sich ist und der Arzt Experte für die medizinischen Probleme. Zusammen tauschen wir aktiv Informationen aus, wägen Behandlungskonzepte ab und treffen partnerschaftlich eine Entscheidung. Die Aufgabe des Arztes ist es, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich der Patient frei äussern kann, frei äussern soll.

Gut informierte Patienten, können die Krankheit besser handeln

Wie machst du das?
Eigentlich ist es das, wie ich oben die Patientenbegleitung/-betreuung beschreibe. Wir wenden patientenzentrierte Methoden an, das Motivational Interviewing, also die Motivationsfördernde Gesprächsführung, sowie das Patienten-Empowerment. Dazu gehören alle Aktionen, die darauf abzielen, dass Betroffene besser über ihre Krankheit und die Behandlung informiert sind sowie selbständiger handeln können in Bezug auf ihre Erkrankung.

Wo kannst du als Hausärztin helfen, wie kannst du ein Beratungsgespräch abrechnen. Ist das überhaupt vorgesehen. Wie lange darf es dauern?
Die Hausärztin kann dort helfen, wo ich meine Ohren, Augen für den Patienten, die Patientin offen habe. Wenn ich zuhöre, wenn ich ihn, wenn ich sie höre. Und das kann länger dauern, oder nur einige Minuten. Abrechnen können wir. Wir haben zum Glück die Möglichkeit, in solchen und in anderen Fällen ein Gespräch zu verrechnen. Dieses kann bis zu einer Stunde dauern. Länger macht meist wenig Sinn.

Du redest offen über das Leben, das Sterben. Die Familie ist ein starker Pfeiler in deinem Leben. Wir beide wissen, die Endlichkeit macht vor Nix und Niemandem halt. Ein Stillwerden ist jederzeit möglich. Wie betrifft dich das? Als Mutter, als Familienfrau, als Freundin, Kollegin.
Das Wissen darum, das Selbst-erfahren-haben als 13-Jährige, wenn die Mutter einfach stirbt, nicht wie versprochen nach Hause kommt, erlebt zu haben, wie sie zwei Jahre zuvor ihren dritten Herzinfarkt hatte, all das machte mir klar: Ich will als Mensch da sein. Für meine wichtigsten Menschen jetzt spürbar und erlebbar sein. Meine Mutter war das für mich. Obwohl sie leider nie gross über ihre Krankheit mit uns redete, lebte sie. Ich sagte früher schon häufig: Sie zündete die Kerze von beiden Seiten an, so intensiv lebte sie. Das war ihr Leben, und das ist gut so. Einen Teil teilte sie mit mir, und dafür bin ich dankbar.

Hausärztin Corina Bürgi-Feld
Corina Bürgi-Feld: «Im Mensch-Sein, im Mit-Mensch-Sein glaube ich, den Sinn des Lebens zu finden.» (Foto: Paolo Foschini)

«Bevor ich sterbe, möchte ich Abschied nehmen»

Was machts mit dir, wenn du wüsstest, du würdest heute Nacht still und leise sterben? Ohne Schmerzen, ohne Angst.

Ich wäre traurig. Schliesslich müsste ich meine Familie, meine Freunde, meine Patienten verlassen. Ebenso wäre ich dankbar, durfte ich so lange da sein. Dankbar für die Zeit. Ich nutze sie. War da für meine Buben. Zeigte mich ihnen, mit all meinen Ecken und Kanten. Ich zeigte ihnen, wie sehr ich sie liebte und wie sehr ich sie wahrgenommen habe. Das Gleiche gilt für meinen Mann, meine Mit-Menschen in der weiteren Familie, in der Praxis, in der Kirche, in der Nachbarschaft. Sie alle halfen mir, den Sinn meines Lebens zu finden. Ich sehe ihn im Mensch-Sein, im Mit-Mensch-Sein. Und das lebe ich. Irgendwie wäre ich dankbar, wenn meine Kinder, mein Mann, meine Freunde wüssten, jetzt muss, jetzt darf, jetzt kann ich gehen. Abschied nehmen möchte ich. Ein letztes Mal zusammen Lachen, einander umarmen, zusammen weinen. Das wäre schön.

Wohin gehen wir, wohin führt die letzte Reise? Kommen wir wieder?
Wohin wir gehen? Vielleicht in einen Himmel. Als mein Schwiegervater starb, lange nachdem meine Mutter tot war, stellte ich mir vor, sie würde nun oben auf ihn warten und ihm ein Fest bereiten. Sie war eine Fest-Nudel und freute sich bestimmt, ihn, Josef, endlich kennen zu lernen.

Corina Bürgi-Feld schweigt. Guckt ihren Sohn, guckt mich an und sagt: «Aber ob das bei mir selber so sein soll? Nicht unbedingt. Ich möchte gerne in meinen Mitmenschen weiterleben. In ihren Erinnerungen, in ihren Geschichten, in gewissen Momenten ihres Lebens wieder vorkommen, dann ist es gut. So, wie meine Mutter in mir. Aber wiederkommen will ich nicht.»

Sie lacht. Sagt: «Einmal Corina, das genügt.»

Ohne Seele keine Seelenverwandtschaft

Haben wir eine Seele? Spielt dieser Gedanke eine Rolle bei der Entscheidung «Organspende Ja oder Nein».
Ja, wir haben eine Seele, davon bin ich überzeugt. Aber das spielt für mich keine Rolle. Sage ich jetzt, ohne vor der Entscheidung Organspende Ja oder Nein zu stehen. Was ich dann sage, weiss ich nicht.

Selbstbestimmung in der letzten Lebensphase. Wie seid ihr, du und dein Mann, organisiert? Formulare ausgefüllt?
Nein, wir haben noch keine Formulare ausgefüllt, sind hier sehr schlecht organisiert. Aber: Wir sprechen über diese Situationen, nicht konkret für uns selber … tja, da haben wir vielleicht noch eine offene Stelle …

Dein Rat an deine Patientinnen, Patienten: Was ist die Minimalversion einer Patientenverfügung, eines Vorsorgeauftrags etc.? Wer braucht was unbedingt?
Ich nutze oft die Kurzversion der FMH, weise die Leute darauf hin, sie sollen ebenso nach anderen Versionen googeln. Von langjährigen Patienten, Patientinnen, kenne ich die Werte oder frage sie danach, erstelle eine Art Wertanamnese.

Hausärztin Corina Bürgi-Feld
Wenn Patienten Sterbewünsche äussern, bittet sie Corina Bürgi-Feld zu einem ausführlichen Gespräch. «Dann helfe ich, wie ich es für richtig halte.» (Foto: Paolo Foschini)

Niemand soll auf aggressive Art sterben müssen

Selbstbestimmung in der letzten Lebensphase: deine Einstellung zu Freitod, Sterbehilfe, Altersfreitod. Was soll jemand tun, der des Lebens satt ist?
Ich bin der Meinung, jemand muss ‹anständig› sterben können. Das muss möglich sein. Niemand soll irgendwelche aggressiven Arten wählen müssen, um zu sterben.

Würdest du jemandem zum tödlichen Gift verhelfen?
Darüber sollten wir – der, die Betroffene und ich – ein ausführliches Gespräch führen. Am besten mit Angehörigen zusammen. Sollte ich es dann für richtig halten, würde ich – vielleicht – helfen. So denke ich und hoffe ich jetzt. Wie es dann aber sein wird im Einzelfall, das weiss ich nicht.

Würdest du gar selbst ein Rezept ausstellen?
Hier gilt, wie oben gesagt: Ja. Wenn ich es nach einem ausführlichen Gespräch für richtig halte. Aber, (hält die Hand hoch) ob ich dann tatsächlich die Unterschrift unters Rezept schreiben könnte, weiss ich derzeit nicht. Mit EXIT zusammen habe ich es ebenfalls gemacht bei einer langjährigen Patientin.»

Mit Patienten, Patientinnen übers Sterben reden

Corina Bürgi-Feld spricht schwer kranke oder sterbewillige Patienten, Patientinnen konkret an auf ihren Wunsch. Will wissen: Wovor haben sie Angst? Was plagt sie? Was muss noch erledigt werden? Was haben sie geplant bezüglich des Sterbens? Haben Sie an EXIT gedacht? Wozu fühlen Sie sich mehr hingezogen, zur Villa Sonnenberg mit der Palliativmedizin, zu EXIT oder zu einem Sterben zu Hause? Schliesst das eine das andere aus? Corina Bürgi-Feld schaut mich nachdenklich an. Sagt: «Wenn Menschen mit schwerster Depression sterben wollen und bereits Psychopharmaka schlucken, wirds schwierig. Dann erreiche ich Grenzen. Denn vor den Zug werfen kommt nicht infrage. Nein!» Sie schweigt, sagt dann: «Aber wie wir in diesem Fall konkret zusammen weitergehen, ist eine grosse Frage.»

DeinAdieu-Autor Martin Schuppli (l.) diskutiert mit Fabian und Corina Bürgi-Feld, Hausärztin
Gespräch am Küchentisch: DeinAdieu-Autor Martin Schuppli (l.) diskutiert mit Fabian und Corina Bürgi-Feld. (Foto: Paolo Foschini)

Selbstgewünschter Tod im Kreis der Familie

Sie findet, eine aggressive Art des Suizids sei traumatisierend. Und zwar für alle Betroffenen und Beteiligten. Im Gegensatz zum selbstgewählten und selbstgewünschten Tod mit Hilfe eines Medikamentes, etwa von einer Sterbehilfeorganisation. Eines Todes eventuell sogar im Kreis der Familie. Wenn alles besprochen ist, wenn der Entscheid respektiert wird.

«Diesen Weg bin ich mit einer langjährigen Patientin gegangen. Es war eine sehr bewegende Zeit, und ich musste mir überlegen, ob ich nun wirklich das Rezept unterschreiben will, ob ich es überhaupt kann. Und sie wusste von meinen Zweifeln und akzeptierte sie, drängte mich nicht. Ich machte es und bereue es nicht. Es war richtig. Sie war die Expertin für sich und ich die Expertin für das Medizinische.»

Text: Martin Schuppli, Fotos: Paolo Foschini

Bereits erschienene Beiträge:
Corina Bürgi-Feld 1. Teil
Fabian Bürgi (Sohn)

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