Bei der Frage nach der Organspende, gibt es keine falsche Antwort. «Wichtig ist es, sich Gedanken dazu zu machen und den individuellen Entscheid festzuhalten», sagt PD Dr. Franz Immer. (Foto: Ueli Hiltpold)
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Wollen Sie über Ihre Organe entscheiden?

Bei nur 5 von 100 potenziellen Organspendern in der Schweiz ist eine klare Willensäusserung bekannt. Der Entscheid – spenden oder nicht – bleibt an den Angehörigen hängen. Um diesem unbefriedigenden Zustand entgegenzuwirken, entwickelte Swisstransplant ein modernes Organspenderegister. PD Dr. Franz Immer, CEO von Swisstransplant, erklärt DeinAdieu, wie das Register funktioniert und sagt, wie er selbst über den Tod denkt.

Artikel verfasst von Michelle Christen am
28. Februar 2019

In ganz Europa, ausser in England, Deutschland und der Schweiz, gilt die vermutete Zustimmung zur Organ- und Gewebespende. Wer sich zu Lebzeiten nicht im Nein-Register eingetragen hat, wird als potenzieller Organspender betrachtet – ausser seine Angehörigen haben Kenntnis davon, dass der Verstorbene nicht spenden wollte. In der Schweiz ist dem (noch) nicht so – es existiert die explizite Zustimmung. Falls kein klarer Wunsch festgehalten ist, wird die Entscheidung an die engsten Angehörigen delegiert. Stellvertretend für den Verstorbenen müssen sie über dessen Organe bestimmen. Eine Aufgabe, die niemandem leichtfällt und eine grosse Belastung ist. «Wir wollen mehr Klarheit schaffen. Jeder erwachsene Mensch sollte selber über seinen Körper bestimmen», sagt PD Dr. Franz Immer überzeugt.

Organspenderegister, Swisstransplant

«Wir wollen an dem unbefriedigenden Zustand etwas ändern und eine sichere Massnahme anbieten», sagt Franz Immer. Als ehemaliger Herzchirurg weiss er, wie schwierig es für Angehörige ist, über die Organe einer geliebten Person zu entscheiden. (Foto: Ueli Hiltpold)

Organspenderegister: Modern und persönlich

Aus eigener Initiative lancierte Swisstransplant analog zur Organspende-Karte und der digitalen Spenderkarte in der Medical ID App das zeitgemässe nationale Organspenderegister. Anders als bei der altbekannten Karte halten die Anwender ihren persönlichen Entscheid in einer gesicherten Datenbank fest. Der ganze Prozess dauert nach eigener Erfahrung rund sechs Minuten. Interessierte loggen sich online ein und authentifizieren sich je nach Wunsch via E-Mail-Adresse oder Handy-Code. Die User tragen ihre Daten ein sowie den persönlichen Entscheid, ob und welche Organe sie spenden möchten. Dasselbe gilt für das Gewebe. Weiter können die Registrierten einer Forschung der Organe, die entnommen, aber nicht transplantiert werden können, zustimmen oder ablehnen.

«Wer möchte, kann seinen Angehörigen noch etwas mitteilen»

«Ein Vorteil am Register ist, dass sich ein Foto einfügen lässt und ein Kommentar hinterlassen werden kann. Das ermöglicht es den Verstorbenen, ihren Liebsten noch etwas mitzuteilen», erläutert Franz Immer. Als ehemaliger Chirurg weiss er, wie wichtig diese Möglichkeit ist.

Organspenderegister, Swisstransplant

Franz Immer zeigt DeinAdieu Redakteurin Michelle Céline Christen, wie einfach die Bedienung des Registers ist. (Foto: Ueli Hiltpold)

Organspenderegister: Sicherheit für Spital und Betroffene

Eine klare Willensäusserung über die Verfügung der Organe ist für das Fachpersonal im Spital sowie für die Angehörigen eine bedeutende Entlastung. Wurde bei einem Patienten der Hirntod festgestellt, kommt die Frage der Organ- und Gewebespende auf. Die Angehörigen sowie Swisstransplant werden umgehend kontaktiert. «Auch bei einem Patienten mit aussichtloser Prognose und darauffolgenden Therapieabbruch wird die Organspende zum Thema», erklärt Franz Immer.

Organspenderegister ist gut geschützt

Anhand von Namen und Geburtsdatum des Sterbenden sehen die Koordinatoren bei Swisstransplant, ob die betroffene Person im Register eingetragen ist oder nicht. Falls dem so ist, wird das Dokument – ein A4 Blatt mit allen Informationen – passwortgeschützt an das Spital übermittelt. Mit diesem Blatt gehen die Ärzte zu den Angehörigen und zeigen den Entscheid des Verstorbenen. «Es ist angenehmer, ein sauberes Blatt mit den Daten vorzuweisen als eine kaum lesbare Karte», sagt Franz Immer. Eine zusätzliche Sicherheit der sensiblen Daten bietet laut dem Swisstransplant-CEO folgende Funktion: «48 Stunden nachdem der Eintrag abgerufen wurde, erhält die registrierte Person eine E-Mail. Darin steht, wer, wann die persönlichen Daten abgerufen hat. So kann eine willkürliche Abfrage verhindert werden.»

Organspenderegister, Swisstransplant

«Der Eintrag im Register ist verbindlich. Die Angehörigen werden über den Entscheid informiert und das weitere Vorgehen besprochen. In den meisten Fällen sind die Liebsten mit dem letzten Wunsch des Verstorbenen einverstanden», sagt Franz Immer. (Foto: Ueli Hiltpold)

Organspenderegister: Die Vorteile sprechen für sich

Grundsätzlich ist es jedem selber überlassen, auf welche Art (Organspende-Karte, Medical-ID-App, Organspenderegister) er seinen persönlichen Entscheid festhält. «New Media & Innovation»-Verantwortliche Isabelle Capt empfiehlt jedoch ohne zu zögern das neue Organspenderegister: «Die Sicherheit der Daten ist bei keiner anderen Möglichkeit so hoch wie beim Register», begründet Capt. Nur unter strengen und klaren Auflagen ist der Eintrag überhaupt erst abrufbar. Der Entscheid ist durch die Anwender jederzeit modifizierbar und für Spitäler rund um die Uhr greifbar. Für den ehemaligen Herzchirurgen ist die Individualisierung einer der Hauptvorteile: «Menschen, die kurz vor dem Tod stehen, haben meistens noch etwas, das sie ihrer Familie mitteilen wollen.»

Organspenderegister, Swisstransplant

«Beim App und der Organspende-Karte besteht immer das Risiko, dass die Daten im entscheidenden Moment nicht abgerufen werden können. Deshalb empfehlen wir das Register», sagt Isabelle Capt. (Foto: Ueli Hiltpold)

Die Endlichkeit ist nicht allen bewusst

Franz Immer fiel es überhaupt nicht schwer, seinen Entscheid zu treffen: «Wenn ich sowieso später verbrannt werde und jemand von meinen Organen noch profitieren kann, unterstütze ich das. Dann wünsche ich mir, dass meine Organe so gut sind, dass sie noch jemandem helfen.» Der Grund, warum immer noch so viele Menschen ihren Willen nicht festhalten, erklärt er sich wie folgt: «Wir haben alle das Gefühl, das Leben höre nie auf. An den Tod denken die Menschen nicht, wenn sie keine Affinität dazu haben oder nicht damit konfrontiert sind.» Liegt dann erst einmal ein Familienmitglied auf dem Sterbebett, wundern sich viele, warum sie nicht über dessen letzten Willen Bescheid wissen. Privat versteht Franz Immer ebenso die Diskussion über die Seele im Zusammenhang mit Organspende nicht ganz: «Ich habe schon 1000 Herzoperationen durchgeführt und bei etwa 4500 assistiert – aber noch nie eine Seele gesehen. Das ist etwas Immaterielles, das den Körper umgibt. Als Chirurg spürte ich jeweils fast, wie sie wegging.» Angst vor dem Tod, habe er nicht: «Wenn es fertig sein soll, ist es so. Ich durfte so viel erleben. Einzig im Streit von dieser Welt zu gehen fände ich schlimm.»

Text: Michelle Céline Christen, Fotos: Ueli Hiltpold

DeinAdieu berichtete schon mit diversen Blog-Beiträgen über das Thema «Organspende»

Swisstransplant
Effingerstrasse 1, 3011 Bern
Telefon +41 58 123 80 00 | Telefax +41 58 123 80 01
info@swisstransplant.org  |  www.swisstransplant.org

Link zum Nationalen Organspenderegister:
www.organspenderegister.ch

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