Philipp Aebi, reformierter Spitalseelsorger am Luzerner Kantonsspital betreut u.a. schwerkranke Kinder, redet mit ihnen über Leben und Sterben.
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Kin­der ein­be­zie­hen ins Gespräch über den Tod

Phil­ipp Aebi ist 47jährig, ver­hei­ra­tet und Vater von zwei Kin­dern. Der Ber­ner arbei­tet als refor­mier­te Spi­tal­seel­sor­ger und Mit­glied des Care Teams am Luzer­ner Kan­tons­spi­tal LUKS.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Journalist BR am
26. August 2016

Herr Aebi: Woll­ten Ihre Kin­der schon wis­sen, was der Tod ist, was Ster­ben heisst?

Phil­ipp Aebi: Als mein Sohn fünf Jahr alt war, fuhr er mit sei­ner 88-jäh­ri­gen Urgross­mut­ter auf der Len­zer­hei­de in einer Gon­del aufs Rot­horn. Er frag­te sie ganz laut: «Urgross­mut­ter, du musst sicher bald ster­ben, oder?» Es wur­de ganz still in der mit etwa 30 Gäs­ten besetz­ten Gon­del. Alle woll­ten dem Gespräch der bei­den lau­schen. Die Urgross­mut­ter ant­wor­te­te: «Ja, wir müs­sen alle ein­mal ster­ben, wann das ist, wis­sen wir aber nicht so genau». Dar­auf sag­te der Juni­or nach einem Moment des Nach­den­kens: «Gäll, dann siehst du ihn». Damit mein­te er, sie wür­de, nach­dem sie gestor­ben sei, Gott, an den sie zeit­le­bens glaub­te, von Ange­sicht zu Ange­sicht sehen.

Die­ses Bei­spiel zeigt, wie schon klei­ne Kin­der etwas davon spü­ren, dass es einen end­gül­ti­gen Tod gibt. Das kann ihnen Angst machen. Dar­um wol­len sie Ant­wor­ten. Für mei­nen Sohn war in sei­ner Vor­stel­lung eben­so klar, dass mit dem Tod nicht alles fer­tig ist, son­dern es für sei­ne Urgross­mut­ter ein Wie­der­se­hen mit «ihrem» Gott geben wird, dass sie also irgend­wie an einem ande­ren Ort wei­ter­le­ben wird. Das war tröst­lich für ihn, hat ihn beru­higt.

Sie betreu­en auch schwer­kran­ke Kin­der und Jugend­li­che auf der Onko­lo­gie. Was heisst das?

Als Seel­sor­ger besu­che ich im Kin­der­spi­tal des LUKS mehr­mals wöchent­lich hos­pi­ta­li­sier­te Kin­der, Jugend­li­che und ihre Ange­hö­ri­gen. Dies auf eige­ne Initia­ti­ve. Manch­mal wer­de ich auf Wunsch der Ange­hö­ri­gen bei­ge­zo­gen. Ein ande­res Mal erhal­te ich von der Pfle­ge­lei­tung oder der Psy­cho­on­ko­lo­gin einen Hin­weis, ein bestimm­tes Kind und sei­ne Ange­hö­ri­gen zu besu­chen. Bei sol­chen Begeg­nun­gen in den Kran­ken­zim­mern erfah­re ich von einer dia­gnos­ti­zier­ten schwe­ren Erkran­kung. Manch­mal begeg­nen mir auch Kin­der und ihre Ange­hö­ri­gen, die (an-)gespannt auf die Resul­ta­te einer Unter­su­chung war­ten. Erhal­ten sie eine nie­der­schmet­tern­de Dia­gno­se, ver­än­dert sich das Fami­li­en­le­ben von Betrof­fe­nen auf einen Schlag. Es ver­langt von ihnen Klimm­zü­ge, auch orga­ni­sa­to­ri­scher Art, damit sie den völ­lig neu­en Ansprü­chen durch die Krank­heit und den The­ra­pi­en gerecht wer­den. In die­ser Situa­ti­on und in allem Gefühls­cha­os bie­te ich an, ein Stück Weg gemein­sam zu gehen. Mit­aus­zu­hal­ten. Ansprech­per­son zu sein – auch abends oder an einem Wochen­en­de – und danach zu suchen, was hilft. Das kann eine Begeg­nung sein, ein Gespräch. Ich kann Beglei­ter sein in einer belas­ten­den Situa­ti­on, kann krea­ti­ve Abwechs­lung in den All­tag brin­gen. Wir kön­nen spie­len, ich kann eine Geschich­te erzäh­len.

Auf Wunsch suchen wir mit­ein­an­der Kraft in einem Gebet oder einem Ritu­al. Das kann eine Seg­nung sein, eine Tau­fe, die Gestal­tung eines Über­gangs oder Abschieds. Ab und zu suche ich mit einer Mut­ter oder einem Vater den Andachts­raum im Spi­tal auf. Ich zün­de eine Ker­ze an. Wir ver­wei­len einen Moment in der Stil­le. Ich bete oder wir spre­chen gemein­sam das Unser Vater. Eltern kön­nen, wenn sie wol­len, ihre Sor­gen und Anlie­gen in ein Buch schrei­ben, das im Andachts­raum auf­liegt.

Die Situa­ti­on im Spi­tal ist für die Betrof­fe­nen und ihre Ange­hö­ri­gen oft mit Hilf­lo­sig­keit, Schmerz und Lei­den ver­bun­den. Das löst grund­sätz­li­che und exis­ten­ti­el­le Fra­gen aus. Als Seel­sor­ger bin ich offen und da für alle. Und zwar unab­hän­gig von ihrer welt­an­schau­li­chen und reli­giö­sen Ori­en­tie­rung. Der per­sön­li­chen Lebens­auf­fas­sung des Gegen­übers begeg­ne ich mit Respekt. Alles, was mir anver­traut wird, unter­liegt der Schwei­ge­pflicht.

Acht­mal jähr­lich fin­det ein inter­pro­fes­sio­nel­ler Onko­r­ap­port statt. Dann bespre­chen wir, wie wir an Krebs erkrank­te Kin­der, Jugend­li­che und ihre Fami­li­en am best­mög­lichs­ten unter­stüt­zen und beglei­te­ten kön­nen. An die­sen Rap­por­ten neh­men Per­so­nen aus Pfle­ge, Psy­cho­on­ko­lo­gie, Phy­sio­the­ra­pie, Ergo­the­ra­pie, Pati­en­ten­schu­le, Musik­the­ra­pie und Seel­sor­ge teil.

Ver­läuft eine Krebs­er­kran­kung bei Kin­dern anders als bei Erwach­se­nen?

Kin­der sind meist von ande­ren Krebs­er­kran­kun­gen betrof­fen als Erwach­se­ne.  Dazu gehö­ren etwa: Leuk­ämie, also Blut­krebs, Hirn­tu­mo­re, Lym­phome, das ist ein so genann­ter Lymph­kno­ten­krebs, Sar­ko­me, also Kno­chen­krebs, Tumo­re des Mus­kel- und Bin­de­ge­we­bes sowie Hirn­tu­mo­re. Im Gegen­satz zu Erwach­se­nen haben Kin­der sel­ten Kar­zi­no­me. Dank der medi­zi­ni­schen Behand­lungs­mög­lich­kei­ten kön­nen die Spe­zia­lis­ten inzwi­schen 75 bis 80 Pro­zent aller erkrank­ten Kin­der dau­er­haft hei­len. Und das, obwohl Krebs bei Kin­dern meist wesent­li­cher aggres­si­ver ist und viel schnel­ler wächst als bei Erwach­se­nen. Gleich­zei­tig spre­chen aber Krebs­er­kran­kun­gen bei Kin­dern oft sehr gut auf Che­mo- und Strah­len­the­ra­pie an.

Wie ertra­gen Kin­der und Jugend­li­che eine Che­mo­the­ra­pie?

Die che­mi­sche Behand­lung kann zwi­schen einem hal­ben bis zwei Jah­re dau­ern und ist bei Kin­dern höher dosiert als bei Erwach­se­nen. Von den Kin­dern wird sie meist über­ra­schend gut ver­tra­gen. Fol­ge­er­schei­nun­gen kön­nen – je nach Sub­stanz und Dosis – Beein­träch­ti­gun­gen der Schleim­häu­te in Mund, Rachen und Ver­dau­ungs­trakt her­vor­ru­fen. In gewis­sen Fäl­len ist so eine Beein­träch­ti­gung nur kurz­fris­tig. Haar­aus­fall und Müdig­keit kön­nen eben­falls als müh­sa­me Neben­wir­kung auf­tre­ten.

Das lan­ge Pro­ze­de­re mit Che­mo­the­ra­pie, Bestrah­lung und manch­mal auch mit einer Trans­plan­ta­ti­on von Kno­chen­mark- oder Stamm­zel­len ist für die Betrof­fe­nen und ihre Fami­li­en ein stei­ni­ger, Kräf­te rau­ben­der Weg. Ein Weg mit vie­len Ups und Downs. Ein Weg zwi­schen Ban­gen und Hof­fen – und das in einem per­ma­nen­ten Aus­nah­me­zu­stand. Trotz allem stau­ne ich immer wie­der, wie Betrof­fe­ne die­sen Weg anneh­men und meis­tern. Wie sie zu phan­ta­sie­vol­len Über­le­bens­künst­lern wer­den und Inseln der Lebens­freu­de und der Erho­lung fin­den.

Es ist für mich ein Pri­vi­leg, die Pati­en­tin­nen, Pati­en­ten auf die­sem Weg beglei­ten zu dür­fen. Es ist eine wun­der­ba­re, wenn auch nicht leich­te, Auf­ga­be.

Wie wich­tig ist es, dass Kin­der gleich­alt­ri­ge Betrof­fe­ne um sich haben?

Das ist stark vom Alter abhän­gig. Jugend­li­che Betrof­fe­ne pfle­gen ger­ne Kon­takt mit ihren Peers, also mit Gleich­alt­ri­gen, Gleich­ge­sinn­ten. Je nach Grad ihrer Befind­lich­keit freu­en Sie sich über Besu­che. Manch­mal tau­chen Schul­klas­sen im Spi­tal auf. Kran­ke Kin­der erhal­ten Zeich­nun­gen, Post­kar­ten oder ein T-Shirt mit allen Unter­schrif­ten der Klas­sen­ka­me­ra­den. Sol­che Grüs­se hän­gen dann an der Zim­mer­wand. Nach Mög­lich­keit besu­chen Kin­der im Spi­tal den Kin­der­gar­ten oder die Pati­en­ten­schu­le. Dort knüp­fen sie Kon­tak­te und erle­ben etwas «nor­ma­len All­tag». Klei­ne­re Kin­der tref­fen sich manch­mal mit ande­ren in der Spiel­ecke oder dre­schen zusam­men Uno-Kar­ten.

Wol­len Kin­der und Jugend­li­che wis­sen, wie es um ihre Gesund­heit steht?

Kin­der spü­ren weit mehr, wie es um sie steht als Erwach­se­ne ver­mu­ten. Sie lesen es in den Gesich­tern der Eltern, der Ärz­te, der Pfle­gen­den und erken­nen es sogar in der Mimik des Rei­ni­gungs­per­so­nals. Ein kran­kes Kind – und auch sei­ne Geschwis­ter – wol­len wis­sen, was pas­siert. Sie brau­chen alters­ge­rech­te Infor­ma­tio­nen zu Krank­heit und Dia­gno­se. Wir soll­ten sie in Gesprä­che ein­be­zie­hen. Denn Unwis­sen­heit schürt unnö­ti­ge Fan­ta­si­en und Ängs­te. Ein Kna­be, den ich län­ger beglei­te­te, wink­te mir vor einem ope­ra­ti­ven Ein­griff mit den Wor­ten zu: «Jetzt gilt es sehr ernst». Er wuss­te aus dem Gespräch mit dem Arzt um sei­ne lebens­be­droh­li­che Krank­heit und, dass er dar­an ster­ben konn­te.

Erwach­se­ne nei­gen manch­mal dazu, Kin­der scho­nen zu wol­len

Ehr­lich­keit scheint mir im Umgang mit dem Ster­ben und dem Tod grund­sätz­lich die wich­tigs­te Wäh­rung zu sein. Noch vor eini­gen Jahr­zehn­ten klär­ten Ärz­te, klär­te die Fami­lie Kin­der nicht über die Dia­gno­se auf. Das Spre­chen über die The­men Ster­ben und Tod war ein Tabu. Ärz­te und Fami­lie muss­ten dem kran­ken Kind «gesun­de Welt» vor­spie­len. Kin­der wur­den kon­se­quent belo­gen. Heu­te ist das anders: Die Ärz­tin, der Arzt ist zum Glück dazu ver­pflich­tet, ein Kind und sei­ne Eltern in ange­mes­se­ner Wei­se und alters­ge­recht auf­zu­klä­ren. Und doch nei­gen Erwach­se­ne manch­mal dazu, Kin­der und Jugend­li­che zu scho­nen, sie nicht mit der «Wahr­heit» zu kon­fron­tie­ren.

Es ist für vie­le Eltern schwie­rig, die Vor­ah­nung bzw. das Wis­sen, das im Kind vor­han­den ist, anzu­spre­chen. Sie möch­ten nicht die Hoff­nung zunich­te machen auf eine mög­li­che Hei­lung oder gar auf ein Wun­der. Es kommt vor, dass Eltern ver­su­chen ihr kran­kes Kind, sei­ne Geschwis­ter und wei­te­re Ange­hö­ri­ge vom Spre­chen über das The­ma Ster­ben und Tod abzu­schot­ten. Umge­kehrt erzäh­len Eltern, die mit ihrem Kind über ein mög­li­ches Ster­ben und den Tod gespro­chen haben, im Nach­hin­ein, dass sie dies nicht bereut hät­ten.

Bei der Unter­su­chung einer schwe­di­schen Arbeits­grup­pe um Prof. Ulri­ka Kreic­bergs vom Karo­lins­ka-Insti­tut in Stock­holm gab ein Drit­tel der 500 befrag­ten Eltern an, dass sie es im Nach­hin­ein sehr bereut hät­ten, nicht mit ihrem krebs­kran­ken Kind über den Tod gespro­chen zu haben.

Wei­ter zeig­ten Unter­su­chun­gen, dass das Spre­chen über den Tod bei Kin­dern nicht Angst aus­löst. Je rei­fer das Ver­ständ­nis vom Tod war, des­to klei­ner die Angst vor ihm. Bei Kin­dern geht es meist nicht um die Angst vor dem Tod, son­dern letzt­lich viel mehr um Ver­lust­ängs­te: sie wol­len nicht ihre Eltern und Geschwis­ter ver­lie­ren. Das ist ganz nor­mal.

Wel­che Rol­le spie­len Eltern, Geschwis­ter, Ver­wand­te in so einer Situa­ti­on?

Die Fami­lie wird durch die Krank­heit ihres Kin­des in den Grund­fes­ten erschüt­tert. Wie bei einem Erd­be­ben. Für betrof­fe­ne Kin­der und Jugend­li­che ist gera­de in die­ser Situa­ti­on, wo nichts mehr ist, wie man es erträumt und erhofft hat­te, das fami­liä­re Netz wich­tigs­ter Bezugs­rah­men. Die Sor­ge für ein schwer­erkrank­tes Kind stellt die Fami­li­en vor umfas­sen­de Her­aus­for­de­run­gen. Auch orga­ni­sa­to­ri­scher Natur. Da ist die Prä­senz wich­ti­ger Bezugs­per­so­nen – neben den Eltern sind es oft auch Gross­el­tern, Göt­ti, Got­te usw. – für das betrof­fe­ne Kind zen­tral. Sie geben ihnen Sicher­heit und Gebor­gen­heit. Und ich als Seel­sor­ger kann dem Kind und sei­nem Umfeld eben­falls als ver­läss­li­che und kon­stan­te Ansprech­per­son etwas Halt in der Chaos­si­tua­ti­on geben.

Eltern und Ange­hö­ri­ge unter­stüt­zen ihr kran­kes Kind oft krea­tiv und viel­fäl­tig: Eine Mut­ter mas­siert ihrem Kind lie­be­voll die Füs­se. Ein Vater liest dem kran­ken Sohn aus Karl Mays Win­ne­tou vor. Ein Spa­zier­gang oder Aus­flug im Roll­stuhl durchs Spi­tal oder draus­sen an der fri­schen Luft tut gut und stellt einen will­kom­me­nen Tape­ten­wech­sel dar. Oft über­nach­ten Eltern­tei­le bei ihrem Kind im Spi­tal. Blos­ses Dasein der Eltern ist für das Kind wich­tig. Sie müs­sen nicht immer was tun.

Wesent­lich ist, dass die gesun­den Geschwis­ter spe­zi­el­le Zuwen­dung und Auf­merk­sam­keit erhal­ten. Sie sol­len auf kei­nen Fall zu Schat­ten­kin­dern wer­den. Die meis­ten erhal­ten die nöti­ge Für­sor­ge und füh­len sich doch oft ein­sam und allein. Es ist wich­tig ihren See­len­schmerz wahr­zu­neh­men und die­sen zu the­ma­ti­sie­ren. Ich habe auch schon erlebt, dass ein Geschwis­ter eines ver­stor­be­nen Kin­des, eini­ge Mona­te nach des­sen Tod, hos­pi­ta­li­siert wer­den muss­te. Es hat­te den Ver­lust nicht ver­kraf­tet und wur­de sel­ber krank. Wich­tig ist, dass das kran­ke Kind wie die gesun­den Geschwis­ter auf einem ähn­li­chen Infor­ma­ti­ons­stand sind. Alters­un­ter­schied, Infor­ma­ti­ons­be­dürf­nis oder die Bereit­schaft der Kin­der, über die Situa­ti­on zu spre­chen, kön­nen sehr vari­ie­ren.

«Es geht nicht dar­um, dem Leben mehr Tage zu geben, son­dern den Tagen mehr Leben»

Cice­ly Saun­ders, Begrün­de­rin der Hos­piz­be­we­gung und der Pal­lia­tiv­me­di­zin

Wie leben Kin­der und Jugend­li­che in der Situa­ti­on, dem­nächst ster­ben zu müs­sen.

Wenn Kin­der wis­sen, dass sie bald ster­ben müs­sen, heisst das nicht auto­ma­tisch, dass sie kei­ne Hoff­nun­gen, kei­ne Wün­sche und kei­ne Träu­me mehr haben. Sie wis­sen ja auch nicht, wann sie genau ster­ben wer­den. Klar sind sie manch­mal sehr trau­rig und wei­nen oder haben gros­se Schmer­zen. Doch sie wol­len wenn immer mög­lich ent­spre­chend ihren Mög­lich­kei­ten und Kräf­ten am Leben teil­neh­men.

Eine Teen­age­rin mit schwe­rer Krebs­er­kran­kung erzähl­te mir von ihren beruf­li­chen Träu­men, von der geplan­ten Leh­re als Detail­han­dels­ver­käu­fe­rin. Sie woll­te sich nicht dau­ernd mit dem The­ma Ster­ben und Tod beschäf­ti­gen, son­dern mit dem Leben und ihrer Zukunft. Und tat­säch­lich besieg­te sie den Krebs wie durch ein Wun­der vie­le Mona­te spä­ter.

Stif­tun­gen wie «make-a-wish», «Wun­der­lam­pe» oder «Stern­schnup­pe» ermög­li­chen Kin­dern von 3 bis 18 Jah­ren die Erfül­lung eines bestimm­ten Wun­sches. Einst schil­der­te mir ein schwer­kran­ker neun­jäh­ri­ger Bub mit leuch­ten­den Augen, wie er zusam­men mit sei­nem Vater auf der Dreh­lei­ter eines Feu­er­wehr­au­tos ste­hen und Was­ser sprit­zen durf­te. Auf sei­ner Todes­an­zei­ge war ein Foto die­ses beson­de­ren Momen­tes abge­druckt. Die eng­li­sche Ärz­tin Cice­ly Saun­ders, Begrün­de­rin der Hos­piz­be­we­gung und der Pal­lia­tiv­me­di­zin, bringt es auf den Punkt, wor­um es in der letz­ten Lebens­pha­se vor allem geht: «Es geht nicht dar­um, dem Leben mehr Tage zu geben, son­dern den Tagen mehr Leben». Die Momen­te zäh­len dann beson­ders, nicht die Anzahl der noch zur Ver­fü­gung ste­hen­der Lebens­ta­ge und dies trifft beson­ders für Kin­der zu.

Wie erklä­ren Sie einem Kind, dass es ster­ben muss? Was will es in so einem Moment wis­sen?

Die­se Situa­ti­on erle­be ich so kon­kret eher sel­ten. In der Regel infor­mie­ren die Ärz­te das Kind und sei­nen Eltern über eine lebens­be­droh­li­che Dia­gno­se. Wie sehr sie dabei ins Detail gehen, hängt ab vom Alter des Kin­des, von der Art und Wei­se wie sehr es nach­fragt und ob es dar­über spre­chen möch­te. Als Seel­sor­ger ver­su­che ich im Gespräch mit dem Kind und sei­nen Eltern das auf­zu­neh­men, was im Moment bewegt. Ich brin­ge eini­ge Bil­der­bü­cher mit, in denen die The­men Ster­ben, Tod und Abschied vor­kom­men. Manch­mal neh­me ich Son­nen­blu­men­ker­ne mit zur Ver­an­schau­li­chung und in Anleh­nung an das bibli­sche Bild des Wei­zen­korns. Das muss ja in die Erde gelegt wer­den und ster­ben, damit eine neue Ähre wach­sen kann. Ich erklä­re einem Kind etwa fol­gen­des: Wenn Men­schen gestor­ben sind, wer­den sie beer­digt und wie ein Samen­korn in die Erde gelegt. Sie brau­chen dann ihre alte und kran­ke Hül­le nicht mehr. Sie sind von ihrem Leben auf die­ser Welt mit all ihren Sor­gen und Schmer­zen befreit – und sie haben ein neu­es Leben ganz nah bei Gott. Manch­mal schen­ke ich nach so einem Gespräch einem Kind eine Kar­te mit einer Son­nen­blu­me.

Ein ande­res hilf­rei­ches Bild ist die Geschich­te der Rau­pe. Sie spinnt sich im Kokon ein. Was dann dort geschieht, kann nie­mand genau erklä­ren. Wie durch ein Wun­der schlüpft ein pracht­vol­ler Schmet­ter­ling aus dem Kokon. Der Schmet­ter­ling wirft die alte Hül­le ab, weil er sie nicht mehr braucht. Er ist frei und kann davon flie­gen. So kön­nen wir uns vor­stel­len, dass wir unser altes Rau­pen­le­ben eines Tages nicht mehr benö­ti­gen. Wir schlüp­fen dann in ein «Schmet­ter­lings­le­ben», ganz in der Nähe bei Gott. Ich erzäh­le dem Kind, dass vie­le Men­schen sich danach seh­nen, einen sol­chen Schmet­ter­ling zu wer­den. Das ent­spricht auch der christ­li­chen Hoff­nungs­bot­schaft von einem Leben nach die­sem irdi­schen Leben.

Sol­che Hoff­nungs­bil­der hel­fen einem Kind oder einem Jugend­li­chen, dem Tod den Schre­cken zu neh­men, ohne ihn zu beschö­ni­gen oder zu baga­tel­li­sie­ren.

Spital-Seelsorger Philipp Aebi und Martin Schuppli

Unter­hiel­ten sich über Leben und Ster­ben im Spi­tal. Phil­ipp Aebi, Spi­tal­seel­sor­ger am Kan­tons­spi­tal Luzern LUKS und DeinAdieu-Autor Mar­tin Schupp­li. (Foto: Peter Lauth)

Und wenn Kin­der, Jugend­li­che oder Eltern nicht an ein «Danach» glau­ben?

Als Seel­sor­ger darf ich mei­ne Über­zeu­gung kund­tun, beson­ders dann, wenn ich danach gefragt wer­de. Ich möch­te jedoch stets ande­re Optio­nen offen las­sen, da Men­schen von ganz unter­schied­li­chen Glau­bens­vor­stel­lun­gen und Ansich­ten geprägt sind. So ver­bie­te mir sel­ber etwa zu sagen: «Ich weiss …». Viel­mehr begin­ne ich Sät­ze mit: «Ich glau­be …», «ich stel­le mir vor …», «in der Bibel begeg­net uns fol­gen­de Sicht­wei­se …». Damit ver­su­che ich in einer Begeg­nung nicht mit einer fix­fer­ti­gen Über­zeu­gung auf­zu­war­ten, son­dern eine Tür zu öff­nen, damit das Gegen­über eine eige­ne Per­spek­ti­ve und Trost­vor­stel­lung ent­wi­ckeln kann.

Und wenn ich sel­ber unsi­cher bin oder etwas nicht weiss, darf ich das auch offen aus­spre­chen. So füh­len sich Kin­der und Jugend­li­che ernst genom­men und spü­ren, dass ich ähn­li­che Fra­gen habe wie sie.

Was ist der Tod?

Ich plä­die­re grund­sätz­lich dafür, mit Kin­dern über Ster­ben, über den Tod zu reden und zwar am bes­ten dann, wenn nicht gera­de jemand gestor­ben ist.

Ab und zu lei­he ich Eltern spe­zi­fi­sche Kin­der­bü­cher aus. Emp­feh­le ihnen, die­se mit den Kin­dern anzu­schau­en und dar­über zu reden, so wie man es mit Büchern zu ande­ren The­men eben­falls tut. Es kommt vor, dass ich einem Kind aus einem ent­spre­chen­den Buch etwas erzäh­le oder wir gemein­sam Bil­der anschau­en und dar­über plau­dern. Zu berück­sich­ti­gen ist natür­lich, dass die Vor­stel­lung vom Tod bei jedem Kind anders und stark abhän­gig ist von der Ent­wick­lung und dem Alter des Kin­des. Vor­schul­kin­der etwa betrach­ten den Tod als einen Zustand des Schla­fes, als Rei­se oder als eine vor­über­ge­hen­de kör­per­li­che Beein­träch­ti­gung. Für sie ist der Tod noch kein end­gül­ti­ges Ereig­nis. Tote kön­nen in ihren Vor­stel­lun­gen zurück­kom­men, so wie es Rei­sen­de tun. Dar­um ist es wich­tig in einem Gespräch For­mu­lie­run­gen wie «tot» oder «gestor­ben» zu benut­zen und nicht «ein­ge­schla­fen» oder «von uns gegan­gen».

Tut Ster­ben weh?

Ster­ben ist sicher mit Schmerz ver­bun­den, beson­ders wenn wir an Krebs­er­kran­kun­gen den­ken. Aber etli­che Krebs­kran­ke, die von Nah­tod­erleb­nis­sen berich­ten, sagen: «Sobald der Kör­per ver­las­sen wird, hört jeder Schmerz auf». Ich habe schon die Erfah­rung gemacht, wenn man ein­fach nur die Hand hält, geht der Schmerz wie eine Wel­le hin­durch, und dann beru­higt es sich wie­der. Die Per­son ent­spannt sich. Auf jeden Fall gilt es Kin­der ernst zu neh­men mit ihren Fra­gen nach Weh­tun und Schmer­zen.

Schmer­zen früh­zei­tig zu erken­nen und adäquat zu behan­deln ist zen­tral. Schmer­zen wer­den immer sub­jek­tiv emp­fun­den. Schmerz ist also das, was eine Per­son über ihren Schmerz kom­mu­ni­ziert. Es ist wich­tig, einem Kind zu ver­si­chern, dass es immer sagen darf, wenn es Schmer­zen hat. Und, dass Pfle­gen­de und Ärz­te nach geeig­ne­ten Mass­nah­men suchen, ihn zu lin­dern. Wenn nötig, kommt in Abspra­che mit dem Kind bzw. Jugend­li­chen und sei­nen Eltern, eine pal­lia­ti­ve Sedie­rung in Fra­ge. Für älte­re Kin­der kann es wich­tig sein, die­se Mög­lich­keit zu ken­nen.

Bear­bei­tung: Mar­tin Schupp­li | Foto: zVg

Die­se Orga­ni­sa­tio­nen erfül­len schwer­kran­ken Kin­dern gros­se Wün­sche:

www.makeawish.ch
www.regenbogen.ch
www.sternschnuppe.ch

Dem Tod und Ster­ben von Kin­dern, von Babys wid­me­te DeinAdieu schon meh­re­re Bei­trä­ge:

10. Juni 2016: Abschieds­fei­er für tot­ge­bo­re­ne Kin­der
8. Juli 2016: Kinds­tod: Fabi­en leb­te nur 62 Tage
15. Juli 2016: «Kinds­ver­lust ist eine Chan­ce»
12. August 2016: Behan­delt das ver­stor­be­ne Kind mit Wür­de

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