Dr. med. Alois Birbaumer, ehemaliger Kinderarzt, war Präsident von Hospiz Zug und steht DeinAdieu als Beirat zur Seite. (Foto: Daniela Friedli)
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«Herr Doktor, was geschieht beim Sterben?»

Der Tod. Dr. Alois Birbaumer versucht, die verschiedenen Prozesse und Abläufe beim Sterben zu erklären.

Artikel verfasst von Dr. med. Alois Birbaumer am
18. Juni 2016

DeinAdieu.ch wollte wissen, was denn eigentlich passiere, wenn der Mensch stirbt. Dr. med. Alois Birbaumer, Beirat bei DeinAdieu.ch und langjähriger Präsident von Hospiz Zug, erklärt die Vorgänge beim Sterben in allgemein verständlichen Worten.

«In dieser kurzen Abhandlung möchte ich versuchen, Ihnen mit einfachen Worten die Vorgänge kurz vor und beim Tod zu erklären. Das Wissen um diese Prozesse wird ständig erweitert und ist noch lange nicht allumfassend. Die Meinungen betreffs Todeseintrittes sind zum Teil unterschiedlich, vor allem wenn es sich um die ethische Frage des Zeitpunktes von Organentnahmen für Transplantationen handelt.

Unterschiedliches Sterben

Beim Tod handelt es sich um das definitive Ende des Lebens. Dem geht der Sterbeprozess voraus. Er verläuft je nach Grund des eintretenden Todes verschieden. Somit finden wir bei jedem Menschen ein unterschiedliches Sterben. Es ist kurz oder lang, mehr oder weniger schmerzvoll. Die Todesursachen sind vielfältig: Herzkreislauferkrankungen, Infektionen, Krebserkrankungen, Leberversagen, Lungenversagen, Nierenversagen, äussere Einwirkungen, wie Unfälle, Suizid.

Über die verschiedenen Ansichten betreffs existenzielles Weiterleben nach dem Tod oder definitives Ende irgendeines Daseins unterhalten wir uns in diesem Rahmen nicht.

Beeindruckend sind die Worte des wohl bekanntesten Forschers über das Bewusstsein während der Reanimation. Sam Parnia, Kardiologe am NewYork-Presbyterian Hospital schrieb 2014 nach der AWARE-Studie «AWAreness during REsuscitation – a prospective study» Folgendes: «Wir wissen daher bis heute nicht, wann genau die Phase des reversiblen, also des rückgängig zu machenden Todes in die des irreversiblen, des definitiven Todes übergeht».

Auch Professor Eric Baccino, Chef der Gerichtsmedizin an der Universitätsklinik im französischen Montpellier meint: «Eine biologisch exakte Diagnose des Todes gibt es nicht.»

Ich möchte nun versuchen, an dieser Stelle unser heutiges Wissen in wenigen, einfachen Worten zusammenzufassen. Meine Worte richten sich also an Laien und nicht an Ärztekollegen oder Medizinstudenten.

Sterben. Es gibt drei Phasen des Todes

In der Medizin unterscheidet man drei Phasen des Todes: den klinischen Tod, den Hirntod und den biologischen Tod. Eine grosse praktische Bedeutung hat der Hirntod vor allem bei Organ-Transplantationen. Kein Wunder existieren gerade über das Hirntod-Konzept verschiedene Diskussionen.

Klinischer Tod

Der klinische Tod entspricht einem kompletten Kreislaufstillstand. Die Atmung setzt aus, der Puls an der Halsschlagader, der so genannte Carotis-Puls, fehlt, ebenso die Pupillenreaktion. Die Reflexe fallen aus, die Haut erblasst und Körpertemperatur sinkt. Dieser Zustand ist reversibel, also umkehrbar. Und zwar durch eine erfolgreiche Reanimation, einer Wiederbelebung. Sie muss aber rasch erfolgen, damit die Organe nicht einen dauerhaften Schaden erleiden. Mit drei bis fünf Minuten hat das Hirn am wenigsten Zeit zur Erholung. Bei den übrigen Organen findet sich eine deutlich längere Zeit zur Erholung.

«Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das weiss, dass er sterben wird. Die Verdrängung dieses Wissens ist das einzige Drama des Menschen»
(Friedrich Dürrenmatt)

Hirntod

Die Diagnose des Hirntodes ist wohl am schwierigsten zu stellen. Man spricht von Hirntod, wenn die Hirnfunktionen irreversibel, also definitiv, ausfallen. Die übrigen Organe können wohl zu einem guten Teil durch intensivmedizinische, lebenserhaltende Massnahmen funktionieren. Sie setzen aber aus, sobald diese Therapie abgesetzt, also beispielsweise das Beatmungsgerät ausgeschaltet wird.

Die Ursachen des Hirntodes sind mannigfach: Hirnblutung, schweres Schädelhirntrauma, Hirntumore, Sauerstoffmangel und andere. Beim Hirntod sind alle Funktionen des Gehirns erloschen. Der Patient liegt im Koma. Er hat keine Spontanatmung mehr. Seine Hirnstammreflexe, also die vom Stammhirn her geleiteten Reflexe, sind ausgefallen. Ebenso die vestibulookulären Reflexe, das so genannte Puppenaugenphänomen. Es fehlen ebenfalls der Cornealreflex, also der Lidschlussreflex, der Trachealreflex, also der Hustenreiz und der Pharyngealreflex, der Würgreflex.

Hirntod-Diagnose nach streng geregeltem Ablauf

Wollen Ärzte einen Hirntod diagnostizieren, müssen sie einen genau geregelten Ablauf befolgen. Leisten sie diesen Vorschriften Folge, gilt die Hirntod-Diagnostik als sicher. In der Schweiz sind die Richtlinien der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften SAMW streng geregelt. Die Diagnose erfolgt durch wiederholte neurologische Tests nach Regeln der SAMW. Das Konzept des Hirntodes kennt man seit 1968 nach Beginn der ersten Organtransplantationen. Es wurde an der Harvard Medical School entwickelt und veröffentlicht. Diese Grundregeln gelten heute noch, auch wenn sich eine gewisse Skeptik breitmacht (siehe oben, Sam Parnia, Eric Baccino).

Biologischer Tod

Der biologische Tod weist sichere Todesmerkmale auf. Alle Organ- und Zellfunktionen sind erlöscht. Nach 20 bis 30 Minuten treten die Totenflecken auf, in der Fachsprache Livores genannt. Die Totenstarre, der Rigor mortis, beginnt üblicherweise nach zwei bis vier Stunden an den Augenlidern und der Kaumuskulatur. Danach schreitet sie körperabwärts fort. Rund 24 bis 48 Stunden nach dem Tod beginnt die Autolyse, beginnt sich der Körper zu zersetzen.

«Das Leben ist nur ein Moment, der Tod ist auch nur einer.» (Friedrich Schiller)

 Text: Dr. Alois Birbaumer/Foto: Daniela Friedli

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