Dr. Roland Kunz mit einem Teil seines Teams in der Villa Sonnenberg, Affoltern am Albis. (Foto: Bruno Torricelli)
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Alters­me­di­zin: Inter­dis­zi­pli­nä­res Team­work nötig

Pati­en­ten­wün­sche ste­hen in der Alters­me­di­zin im Mit­tel­punkt. Pal­lia­tiv­me­di­zi­ner und Geria­ter Roland Kunz erklärt, wie inter­dis­zi­pli­nä­res Team­work den Pati­en­ten hilft.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Journalist BR am
14. Juli 2016

Dr. Roland Kunz, 61, ist es sich gewohnt, umzu­den­ken. Der Geria­ter, Pal­lia­tiv­me­di­zi­ner und ärzt­li­che Lei­ter am Bezirks­spi­tals Affol­tern am Albis sieht in der Alters­me­di­zin die gros­se Her­aus­for­de­rung. «Ger­ia­trie ist kein Ratio­nie­rungs­mo­dell. Wir ver­wei­gern nie­man­dem eine Behand­lung, nur weil er, weil sie 85 Jah­re alt ist. Wir den­ken um. Schau­en früh­zei­tig die Gesamt­si­tua­ti­on eines Pati­en­ten an. Bera­ten ihn inter­dis­zi­pli­när. Des­halb macht Ger­ia­trie, so wie wir sie hier am Bezirks­spi­tal Affol­tern ver­ste­hen, die Medi­zin nicht teu­rer. Im Gegen­teil. Und sie erhöht die Lebens­qua­li­tät älte­rer Men­schen.»

Alte nicht gleich wie Jun­ge behan­deln

Ger­ia­trie ist kei­ne neue Dis­zi­plin. Alte Men­schen gabs schon immer. Und sie sind heu­te noch die häu­figs­ten Pati­en­ten. Dr. Roland Kunz: «Bis vor 10, 15 Jah­ren behan­del­ten wir Ärz­te die Alten gleich wie die Jun­gen. Heu­te frag­men­tiert die zuneh­men­de Spe­zia­li­sie­rung den alten Men­schen. Ortho­pä­den wol­len das Bes­te für Kno­chen, Dia­be­to­lo­gen sen­ken den Blut­zu­cker, Phle­bo­lo­gen küm­mern sich um die Venen, Kar­dio­lo­gen ums Herz, Gas­tro­en­te­ro­lo­gen um die Ver­dau­ungs­or­ga­ne, Neu­ro­lo­gen um die Ner­ven. Und all die­se Spe­zia­lis­ten, wol­len nur eines: das Bes­te für ihre Pati­en­ten.» Wirk­lich?

Alters­me­di­zin: Nur das Nöti­ge mög­lich machen

Inter­es­siert es einen die­ser Spe­zia­lis­ten, dass bei­spiels­wei­se ein zu aggres­siv behan­del­ter Blut­hoch­druck bei über 80-Jäh­ri­gen Schwin­del und als Fol­ge davon Stür­ze ver­ur­sa­chen kann, die zum Ver­lust der Selbst­stän­dig­keit füh­ren kön­nen? Oder dass ein zu streng behan­del­ter Dia­be­tes unbe­merk­te Unter­zu­cke­run­gen mit blei­ben­den Schä­den zur Fol­ge haben kann? Den Geria­ter inter­es­siert es. Er möch­te sei­nen Pati­en­ten das Alt­sein erleich­tern. Er denkt vor­aus, denkt prä­ven­tiv und nicht reak­tiv. Für ihn ste­hen die Pati­en­ten­wün­sche im Mit­tel­punkt. «Wenn wir mit einem etwas höhe­ren Blut­druck, das Sturz­ri­si­ko eines alten Men­schen sen­ken kön­nen, stei­gert das sei­ne Lebens­qua­li­tät», sagt Roland Kunz. «So mag der höhe­re Blut­druck sogar ein Leben ver­län­gern. Denn wer stürzt, bricht sich viel­leicht den Ober­schen­kel­hals. Und die­ser Bruch ist bei alten Men­schen oft der Anfang vom Ende.» Roland Kunz hält inne und sagt dann: «Bei über 80-Jäh­ri­gen ist ein Blut­druck von 120 mög­li­cher­wei­se schlech­ter, als ein Blut­druck von 160. Die­se Erkennt­nis bringt medi­zi­ni­sches Gedan­ken­gut durch­ein­an­der.»

Coa­ching mit inter­dis­zi­pli­nä­rer Zusam­men­ar­beit

Ein Alters­me­di­zi­ner schaut genau hin: «Wir wol­len wis­sen, was aus Sicht eines alten Men­schen wich­tig ist. Wir betrach­ten die sub­jek­ti­ve Situa­ti­on. Etwa das Woh­nen, der sozia­le Bereich. Wir erfas­sen vie­le Daten und machen nach aus­führ­li­chen Gesprä­chen Ziel­for­mu­lie­run­gen», sagt Roland Kunz. «Wir schau­en also nicht ein­zel­ne Pro­ble­ma­ti­ken an, son­dern behal­ten die Lebens­qua­li­tät im Auge. Oft fal­len dann vie­le medi­zi­ni­sche Mass­nah­men wie Cho­le­ste­rin­sen­ker, frag­wür­di­ge Herz­ope­ra­tio­nen oder aggres­si­ve Krebs­be­hand­lun­gen weg. Denn mit 80 Jah­ren will jemand viel­leicht nicht mehr so lan­ge wie mög­lich leben, son­dern so gut wie mög­lich.»

Mit 80 Jah­ren ist man alt

Und wann, fragt der Autor, beginnt das Alter? Wann ist ein Mensch alt? «Alt ist man heu­te viel­leicht mit 80 Jah­ren», sagt der Geria­ter und Pal­lia­tiv­me­di­zi­ner. «Das bio­lo­gi­sche Alter hat sich ver­scho­ben. Die Mul­ti­mor­bi­di­tät steigt ab 80.» Die­se Ver­schie­bung ist die Fol­ge ver­bes­ser­ter Medi­ka­men­te, aus­ge­klü­gel­ter tech­ni­scher Mög­lich­kei­ten und allen­falls eines gesün­de­ren Lebens­wan­dels.

Ein geflick­tes Herz ver­hin­dert schnel­len Herz­tod

Frü­her woll­te man einem älte­ren Men­schen kei­ne gros­se mehr­stün­di­ge Herz­ope­ra­ti­on zumu­ten. Heu­te aber, wo Herz­klap­pen mit­tels mini­mal­in­va­si­ven Ein­griffs geflickt wer­den, kom­men auch über 80-Jäh­ri­ge in Genuss so einer Behand­lung. Roland Kunz: «Das Herz ist geflickt, ein plötz­li­cher Herz­tod unwahr­schein­lich, dafür ent­wi­ckelt jemand eine Demenz. Da drängt sich bei mir die Fra­ge auf: Will er das?»

Der Geria­ter wägt mit sei­nem Pati­en­ten, sei­ner Pati­en­tin Nut­zen und Scha­den einer Behand­lung ab. «Frü­her brach jemand den Schen­kel­hals. Er wur­de ope­riert, nach Hau­se gebracht und dann?» Roland Kunz lässt die Fra­ge kurz im Raum ste­hen. «Für einen Geria­ter ist klar: Nie­mand fällt ein­fach so um. Die­ses Fal­len müs­sen wir anschau­en. Wir müs­sen fra­gen: Stimmt die Ernäh­rung? Wie ist es um die Mus­ku­la­tur, um die Seh­fä­hig­keit bestellt? Was könn­te sein Gleich­ge­wichts­ge­fühl beein­träch­ti­gen? Wel­che Medi­ka­men­te ber­gen wel­che Risi­ken? Benutzt er geeig­ne­te Geh­hil­fen? Alle, gar alle kör­per­li­chen Funk­tio­nen müs­sen wir unter die Lupen neh­men. Es gilt, die kogni­ti­ven Fähig­kei­ten anzu­schau­en. Wir machen Scree­ning­tests, über­prü­fen die Wohn­si­tua­ti­on, reden über Pati­en­ten­ver­fü­gung, über das Tes­ta­ment, fra­gen nach Ver­trau­ens­per­so­nen, nach all­fäl­li­gen Voll­mach­ten. Ver­su­chen, mög­lichst vie­le spä­te­re Pro­ble­me vor­aus­schau­end zu regeln. Da sind eine Men­ge Gesprä­che nötig. Inter­dis­zi­pli­nä­res Zusam­men­ar­bei­ten ist gefragt.» Betei­ligt an die­sem Pro­zess sind neben den Ärz­tin­nen und Ärz­ten, Phy­sio- und Ergo­the­ra­peu­tin­nen, Sozi­al­ar­bei­ter, die Spitex, der Haus­arzt sowie Psy­cho­lo­gen.

Ziel ist ein lan­ges und kom­for­ta­bles Leben

In die­sen Fäl­len wird der umsich­ti­ge Geria­ter zum eigent­li­chen Coach für sei­ne Pati­en­ten und für des­sen Ange­hö­ri­ge. Ziel der gemein­sa­men Anstren­gun­gen ist es, den Senio­ren ein mög­lichst lan­ges, selbst­stän­di­ges und kom­for­ta­bles Leben zu ermög­li­chen.

Wer Alters­me­di­zin in Anspruch neh­men möch­te, mel­det sich früh­zei­tig bei einem Geria­ter. Am bes­ten vor dem ver­hee­ren­den Sturz. «So ein Ereig­nis darf man nicht auf die leich­te Schul­ter neh­men», sagt Roland Kunz. «Wer früh genug hin­schaut, kann Jah­re gewin­nen.»

Mit ger­ia­tri­scher Kom­pe­tenz Geld ver­die­nen

Gewin­nen kann auch ein Spi­tal. Statt mög­lichst viel Fäl­le zu ver­ar­bei­ten und zu ver­rech­nen, setzt das Bezirks­spi­tal Affol­tern auf Akut­geria­trie. «Wir opti­mie­ren die Pro­zes­se. Las­sen ein klar struk­tu­rier­tes Pro­gramm ablau­fen. Die Ziel­set­zung ist klar defi­niert. Pati­en­ten sind nur zwei bis drei Wochen bei uns.»

Kön­nen das grös­se­re Kli­ni­ken nicht, will der Autor wis­sen? Roland Kunz schüt­telt den Kopf: «Unser Vor­teil ist das klei­ne Spi­tal. Bei uns funk­tio­nie­ren direk­te Kon­tak­te. Wird beim mor­gend­li­chen Arzt­rap­port klar, dass jemand ein Pati­ent ist für die Akut­geria­te­rie, kön­nen wir ihn sofort über­neh­men. Die Ent­schei­dungs­we­ge sind kurz, die Pati­en­ten viel schnel­ler rund­um ver­sorgt.» Sie ver­las­sen das klei­ne Spi­tal umfas­sen­der abge­klärt und behan­delt als es in einer gros­sen Kli­nik der Fall wäre und bes­ser gerüs­tet für das Leben zu Hau­se.»

Pro Senec­tu­te Kan­ton Zürich tes­tet Pilot­pro­jekt im Bezirk Affol­tern

An so einem Sys­tem arbei­tet auch Pro Senec­tu­te. Das Pro­jekt heisst «Care­Net+». Das Koor­di­na­ti­ons­zen­trum für Gesund­heit und Sozia­les betreut Per­so­nen, die auf­grund eines kom­ple­xen Krank­heits­bil­des indi­vi­du­el­le, fall­spe­zi­fi­sche Hil­fe im gesund­heit­li­chen und sozia­len Bereich benö­ti­gen. Dabei gilt es vor allem, Risi­ken zu erken­nen, bevor ein Unfall oder eine Kri­se geschieht. Die Leu­te sol­len frü­her abge­holt und bera­ten wer­den, Anlauf­stel­len sol­len nie­der­schwel­lig sein.

Mit­in­itia­tor für den Test­lauf ist die Akut­geria­trie­kli­nik des Bezirks­spi­tals Affol­tern. Sie pflegt bereits ein Netz­werk von Haus­ärz­ten, Spitex, Gemein­de­be­hör­den. Die Hil­fe für Pati­en­ten soll umfas­send sein. So wird auch unter­stützt, wer bei­spiels­wei­se mit Finan­zen und admi­nis­tra­ti­ven Din­gen über­for­dert ist. «Obers­tes Ziel aller unse­rer Anstren­gun­gen ist: Die Men­schen sol­len so lan­ge wie mög­lich in gewohn­ter Umge­bung blei­ben kön­nen», sagt Roland Kunz. Die­se Test­pha­se wird bezahlt von Pro Senec­tu­te Kan­ton Zürich, Stif­tun­gen, zwei Kran­ken­kas­sen und den Gemein­den.

Text: Mar­tin Schupp­li | Fotos: Bru­no Tor­ri­cel­li

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