Anna Margareta Neff und Gabriel Looser. Das Thema Schwangerschaftsabbruch gab viel zu reden. (Foto: Daniela Friedli)
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Mit der Schwangerschaft ruft die Seele nach Leben

Frauen, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden, nehmen, meist wohl unbewusst, den Tod einer Seele in Kauf. Dieser Tatsache müssen wir uns stellen. Vielleicht tut gerade deshalb der Gedanke gut, die Seele habe das so gewollt und nur diese kurze Zeit der Schwangerschaft gebraucht, um ihre Mission zu erfüllen.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
25. Oktober 2018

Im zweiten Teil der Geschichte über Schwangerschaft und deren Abbruch diskutierten Dr. Gabriel Looser, Autor, Sterbeforscher und Theologe sowie Hebamme und Trauerbegleiterin Anna Margareta Neff. Sie leitet die Fachstelle kindsverlust.ch und fordert Frauen, fordert Paare auf, sich vor einem Schwangerschaftsabbruch beraten zu lassen. Denn bei einer Abtreibung, da sind beide überzeugt, stirbt ebenfalls die Seele. Und damit müssen Betroffene umgehen können.

Martin Schuppli: Herr Looser, «Was geschieht mit «abgetriebenen» Seelen?», frage ich den sterbeforschenden Doktor der Theologie.

Gabriel Looser: Möglicherweise ist es hilfreich, das Konzept von Reinkarnation und Karma zu Hilfe zu nehmen, um etwas Licht in diese schwierige Frage zu bringen. Vorausschicken muss ich aber, dass wir da von Lebensgesetzen sprechen, die wir mit unserem beschränkten Verstand nie wirklich verstehen werden. Daher ist all unser Sprechen vorläufig und bestimmt unzureichend – daher sind Streit und Rechthabereien so sinnlos. Trotzdem müssen wir darüber sprechen, denn es betrifft wesentlichste Fragen nach unserem Lebenssinn.
In dieser Lehre also gilt, dass die «Seelen» der Menschen, die in diesem Leben eine enge Gemeinschaft bilden, sich schon aus «früheren Inkarnationen» kennen. Und weiter: Diese Seelen legen schon vor ihrer Geburt zusammen fest, welche Erfahrungen sie nun in ihrer neuen, gemeinsamen Inkarnation machen sollten, um in ihrer Entwicklung weiter zu kommen. Anders gesagt, welches ihre Lebensaufgabe, ihre Lernaufgabe für die neue Inkarnation ist. Und da ist Folgendes grundsätzlich denkbar: Die Seelen kommen überein, ihr Weg, den sie gemeinsam gehen müssen, sei kurz, daure nur wenige Wochen. Und deshalb müsse die Schwangerschaft ebenfalls nur wenige Wochen dauern.
Was ich nun sage, mag für viele zu esoterisch tönen, was immer das heissen mag. Ich erwähne es trotzdem. Und zwar, weil ich folgendes weiss und ernst nehme: Es gibt heute viele Menschen, die in dieser Perspektive einen Sinn für vieles, was sich in unserm Leben ereignet, zu finden vermögen.
In dieser Sichtweise könnten wir sogar im Schwangerschaftsabbruch einen Sinn erkennen. Ich sage aber nicht, dass dies der einzige, und vor allem nicht der einzig «richtige» Weg zum möglichen Verstehen und Entscheiden ist. Die Wahrheit kenne ich ebenfalls nicht.

Windrädli Schosshaldenfriedhof in Bern

Windrädli auf dem Schosshaldenfriedhof in Bern. (Foto: Daniela Friedli)

Martin Schuppli: Ein Kind, das stirbt, hatte eine Lebensaufgabe, und die ist mit seinem Tod erfüllt.

Gabriel Looser: Das gilt für jedes Leben, das zu Ende geht. Doch hier muss ich ebenfalls sofort eine Einschränkung machen: Ob wir unsere Lebens- und Lernaufgabe überhaupt je ganz zu erfüllen vermögen, weiss ich nicht.
Weiter möchte ich zu bedenken geben, dass die Seele weder kindlich noch erwachsen ist. Weder jung noch alt – das sind alles unsere Deutungen. Ich bin überzeugt, die Seele ist bei einer Schwangerschaft von Anfang an ordnend und fördernd dabei. Das entspricht für mich einer gewissen Logik. Die Seele bekommt den Prozess, Kampf der Mutter, der Eltern, mit. Ein künstlicher Eingriff, der die Schwangerschaft beendet, beendet ebenso das Leben. Gabriel Looser schweigt kurz, legt die Hände auf einander und sagt: «Und vielleicht braucht die Seele genau dies.»
Etwas energischer redet er weiter. Damit will ich auf keinen Fall, dem Leichtsinn das Wort reden. Eine Schwangerschaft ist immer etwas überaus Bedeutsames. Man kann sie als einen Ruf der Seele verstehen, als einen Ruf nach Leben.
Dann beschreibt der ehemalige Spitalseelsorger die Situation einer Schwangerschaft, die nicht erwünscht war.
Dabei erkannte ich folgendes: Eine werdende Mutter, ganz besonders am Anfang, wenn sie gerade von der ungewollten Schwangerschaft erfahren hat, steht oft vor dem für sie schrecklichen Dilemma, dass das Kind entweder in eine schlechte Lebenssituation hinein geboren oder abgetrieben wird. Sie findet sich in der bedrängenden Situation, eigentlich nur die am wenigsten schlechte Lösung wählen zu können.
Daher ist eine kompetente Hilfe, wie sie bei kindsverlust.ch angeboten wird, der einzige Weg, eine menschliche Lösung zu finden. Eine Lösung, mit deren Hilfe die Mutter, die Eltern nachher gut weiterleben können.

Anna Margareta Neff verhalf unzähligen Kindern, den ersten Schrei zu machen. Die Hebamme tröstete ebenfalls schon viele Mütter, Eltern, deren Kinder zu früh sterben mussten. (Foto: Daniela Friedli)

Schwangerschaftsabbruch: über den Entscheid

Anna Margareta Neff: Der Entscheid für oder gegen das Kind ist häufig ganz knapp. Praktisch bei allen Schwangerschaften, ob gewollt oder nicht, spüren die Frauen eine Ambivalenz*. Sie sind hin- und hergerissen. Das ist normal. Deshalb sollten Betroffene gut sortieren, was wirklich für Gefühle da sind und aus welchem Gefühl heraus eine Entscheidung gefällt werden soll.

Martin Schuppli: So eine Entscheidungsfindung dauert.

Anna Margareta Neff: Das ist unterschiedlich. Sie kann zwei Tage dauern oder drei Wochen. Das ist sehr individuell, je nach Situation des Paares. Ich habe schon erlebt, wie aus einem total unerwünschten Kind ein absolutes Wunschkind wurde. Glücklicherweise dauert es neun Monate, bis ein Kind geboren wird. Da bleibt viel Zeit, Dinge zu akzeptieren, die sich weder Mann noch Frau vorstellen konnten.

(*«Ambivalenz bezeichnet einen Zustand psychischer Zerrissenheit. Dabei bestehen in einer Person sich widersprechende Wünsche, Gefühle und Gedanken gleichzeitig nebeneinander und führen zu inneren Spannungen», sagt Wikipedia.)

Anna Margareta Neff: Wenn die werdende Mutter zu uns kommt, schildert sie ihre grosse Krise. So oder so. Ob sie das Kind bekommt oder ob sie sich gegen das Kind entscheidet. Sie kennt nur Schwarz/Weiss-Entscheidungen. Dabei soll es nicht bleiben. Dieses Entweder/Oder soll sie wohl durchdenken.

Gabriel Looser. Mit deiner Hilfe kann ein Reifeprozess stattfinden.

Anna Margareta Neff: So ist es. Da fragen mich Frauen: «Kann ich je wieder glücklich werden, wenn ich jetzt einen Schwangerschaftsabbruch mache?» Was soll ich antworten? Sie schweigt, schaut uns an.
Was ich den Frauen immer sage: Nach einem Schwangerschaftsabbruch gibt es kein Weiterleben ohne Kind, sondern ein Weiterleben mit dem verstorbenen Kind.

Gabriel Looser: Wichtig ist also unser Bewusstsein. Eine Mutter, die ein Kind abgetrieben hat, Eltern die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden haben, sie gehen den Weg weiter, müssen ihn weitergehen. Und dabei können die erstaunlichsten Dinge geschehen.
So erinnere ich mich an die Begegnung mit einer Frau, die vor Jahren abgetrieben und ein paar Jahre später einen gesunden Jungen geboren hatte, diesmal wars ein Wunschkind. Auch diese Erzählung, genauer die Deutung ihrer Erfahrung, beruht auf der Lehre von Reinkarnation und Karma.
Als der Junge etwa vier Jahre alt war, stellte die Mutter fest, dass er stets in Panik geriet, wenn sie in der Wohnung staubsaugte. Eines Tages sprach sie ihn darauf an und fragte ihn, warum ihn denn der Staubsauger so ängstige, das sei doch bloss eine Maschine, die die Wohnung sauber mache. Und sie wiederholte mir, was der Knabe wörtlich gesagt habe: «Ich war früher schon einmal in deinem Bauch, und dann ist diese Maschine gekommen, und ich bin gestorben». Für die Mutter war klar, dass in diesem zweiten Kind sich die Seele des ersten wieder inkarniert hatte, damit sie ihren gemeinsamen karmischen Weg gleichwohl gehen können.
Das ist ihre Wahrheit, und in ihrem Weltverständnis ist sie absolut logisch – daher bedarf es keines weiteren Kommentars.

Woher kommen wir? Wohin führt die letzte Reise? Die Frage treibt einen um. Für die einen birgt das Ziel Hoffnung, anderen macht das Unbekannte Angst. Anna Margareta Neff, Martin Schuppli und Gabriel Looser (unten) diskutierten darüber. (Foto: Daniela Friedli)

Wohin führt die letzte Reise?

Die Frage nach dem Jenseits, dem Himmel, dem Paradies bewegt die Menschen. Egal, woran sie glauben. Was meint der spirituelle Sterbeforscher und Theologe dazu?

Gabriel Looser: Die allermeisten spirituellen und religiösen Lehren setzen ein Weiterleben der Seele nach dem Tod des Körpers als einen ihrer wesentlichen Inhalte voraus. Viele folgern daraus, dass es so etwas wie ein Wiedersehen nach dem Tod gibt. Das ist ebenfalls eine schwierige Vorstellung, die sich unserem Verstand wohl letztlich entzieht. Trotzdem lohnt es sich, in unserem Kontext darüber nachzudenken.
Geht eine Mutter, gehen Eltern den Weg mit der ungewollten Schwangerschaft, so wie von Anna Margareta Neff begleitet, kann der Gedanke durchaus tröstlich sein, dem verstorbenen Kind in der geistigen Welt dereinst wieder zu begegnen. Zumal wir uns dann in ganz anderen Dimensionen des Verstehens und Erkennens befinden. Vieles, das uns jetzt unverständlich und sinnlos erscheint, wird uns dann seinen Sinn offenbaren.

Dr. Gabriel Looser: « … die Entscheidung, ein behindertes Kind auszutragen und zur Welt zu bringen, kann sich als Quelle von grossem Glück erweisen.» Foto: Daniela Friedli

Sind Anomalien ein Grund, eine Schwangerschaft abzubrechen?

In der Schweiz wurden 2017 laut Bundesamt für Statistik 454 Abtreibungen nach der 12. Schwangerschaftswoche gemacht. Davon 122 wegen somatischer Probleme. Das heisst übersetzt: Die Kinder wurden abgetrieben, weil sie behindert waren. Diese Tatsache beschäftigte die Runde.

Anna Margareta Neff: Das ist eine der schwierigsten und unmenschlichsten Entscheidungen für eine Frau, für ein Paar. Erst ists ein Wunschkind. Dann, nach der Diagnose, gilt es zu entscheiden über Leben und Tod. Sie schweigt kurz. Bei meinen eigenen Kindern haben mein Mann und ich daher keine Untersuchungen machen lassen. Ich wollte auf keinen Fall einen Entscheid fällen müssen. Wir wollten nicht wissen, ob das Ungeborene eine Auffälligkeit hat.
Sie schweigt. Schaut uns an. Zum Glück gibt es in der Schweiz das Recht auf Nichtwissen. Das ist leider vielen Eltern nicht bewusst, oder sie sind zu wenig informiert.
So ist es Standard, dass es in der zwölften Schwangerschaftswoche los geht mit Ultraschall, mit den verschiedensten Tests. Eltern lassen ihr Kind untersuchen, wollen wissen, ob ihr Kind gesund ist oder krank. Natürlich geschieht dies in der Hoffnung, dass alles gut ist. Wenn dann der Arzt, die Ärztin eine Auffälligkeit gefunden hat, sind die Eltern unvorbereitet und völlig überfordert. Und dann kommt die grosse Krise.

Es wird still in der zauberhaften Dachwohnung hoch über der Berner Altstadt.

Anna Margareta Neff: Ich lege den Eltern ans Herz, keine raschen Entscheidungen zu fällen. Lasst euch gut beraten, und lasst euch Zeit.
Sie wechselt den Tonfall, wird energisch. Nach der Diagnose sagen Gynäkologen, Gynäkologinnen in der Regel: «Sie müssen das Kind nicht austragen, es gibt die Möglichkeit, einen Abbruch zu machen.» Ich würde mir wünschen, die Gynäkologen, Gynäkologinnen würden innehalten und sagen: «Es tut mir leid, ihr Kind ist krank. Wir können nichts machen.»
Jetzt würde es erstmal viel Zeit brauchen, damit die Eltern erfahren können, wahrnehmen können, was das mit ihnen macht.

Daniela Friedli: Wenn ein Kind in dir wächst, das behindert ist, kann es das Leben einer Mutter, eines Vaters positiv beeinflussen. Da bin ich sicher.

 

Kleinste Urnen für die Asche von allzufrüh verstorbenen Kinder. (Foto: Daniela Friedli, gesehen bei Eva Finkam, Sternlichtbestattungen.ch)

Gabriel Looser: Ja, das ist eine Möglichkeit. In diesem Zusammenhang möchte ich zu bedenken geben, die Entscheidung, auch ein behindertes Kind auszutragen und zur Welt zu bringen, kann sich als Quelle von grossem Glück erweisen.
Ein mir befreundetes Paar hat neben zwei gesunden Söhnen noch einen Jüngsten, heute 25-jährig, der schwerstbehindert ist. Die Behinderung entstand erst durch einen Geburtsfehler, bis dahin war alles ganz normal. Noch heute braucht der Bub Hilfe bei der Körperpflege, beim Toilettengang, beim Essen. Gehen kann er, wenn auch mühsam, und sprechen kann er ebenfalls, wenn auch mit Und die Eltern sagen: «Dieses Kind ist der Sonnenschein unserer Familie.» Und mein bestimmter Eindruck ist, die gemeinsame Sorge um den Jungen hat das Paar zusammengeschweisst. Sie machen einen sehr entspannten und fröhlichen Eindruck auf mich. Und wenn sie auf Reisen gehen, geht der Junge immer mit.
Aber auch daraus dürfen wir keine Regel machen. Denn traurige Wirklichkeit ist ebenso, dass die Überforderung durch ein solches Kind die Beziehung der Eltern ebenso zum Scheitern bringen kann.

Anna Margareta Neff: Dynamik und Belastung eines behinderten Kindes können die Beziehung ebenso zerstören. Meist sind es die Männer, die sich anfangs nicht vorstellen können, mit einem behinderten Kind «aufzuwachsen». Die Frauen sind näher beim Kind im Bauch, und die Vorstellung, ihr Kind abzutreiben, ist fast nicht zu ertragen.

Daniela Friedli: Sieht man denn, wie schwer ein Ungeborenes behindert ist?

Anna Margareta Neff: Mit den heutigen vorgeburtlichen Untersuchungen können wir viele Fehlbildungen, Krankheiten und Trisomien*, also etwa Trisomie 21, feststellen. Beispielsweise werden 95 Prozent der Kinder mit einer Trisonomie-21 während der Schwangerschaft abgetrieben. Warum? Sie stellt die Frage und gibt die Antwort gleich selbst: In unserer heutigen Gesellschaft, in der scheinbar alles machbar und kontrollierbar ist, passt ein behindertes Kind nicht hinein.

Zu den Trisomien erklärt Anna Margareta Neff folgendes:
Die häufigsten Trisomien sind 21, 13 und 18. Bei Trisomie 21, besser bekannt als Down-Syndrom, handelt es sich nicht um eine Krankheit, sondern um eine genetische Besonderheit. Statt doppelt ist das Chromosom 21 bei den Betroffenen dreifach vorhanden. Dies beeinflusst die körperliche und geistige Entwicklung dieser Kinder sehr unterschiedlich und führt zu verschiedenen Krankheiten und Behinderungen. In der Schweiz ist etwa jedes 650. Kind vom Down-Syndrom betroffen.
Trisomie 13 und 18 sind ebenfalls Störungen des Erbgutes, die mit erheblichen Fehlbildungen an lebenswichtigen Organen einhergehen. Häufig sterben diese Kinder im Mutterleib oder nur wenige Wochen nach der Geburt.

Gabriel Looser: Ja, das muss eine schreckliche zusätzliche Belastung für betroffene Eltern sein. Ihnen wird signalisiert, ein solches Kind werde sein Leben lang eine grosse finanzielle Belastung für die Gemeinschaft sein. Und in der Folge wird Druck ausgeübt auf die Eltern, aus einer sozialen Verantwortung heraus dieses Kind abzutreiben – eine weitere und schreckliche Konsequenz unseres überbordenden Materialismus.

Anna Margareta Neff: So ist es. Wir schreiben die Norm vor. Sie macht eine Pause. Schaut uns an, sagt: Die Belastung durch ein behindertes Kind ist enorm für eine Familie.

Dann erzählt Anna Margareta Neff von einer Heilpädagogin. «Sie fragte mich: ‹Kann ich je wieder glücklich werden, wenn ich mein Kind abtreibe?›.» Sie hat schlussendlich einen Abbruch gemacht. Ich wurde vorsichtig, was ist gut, was ist schlecht. Ich würde mich nie getrauen, zu sagen, was für diese Leute richtig ist. Das können nur die Eltern selber entscheiden.

Gabriel Looser: Man kann von einem solchen Entscheid lernen – oder daran zerbrechen. Alles, was uns widerfährt, ist eine Einladung, etwas zu lernen. In unserem Beispiel: zu lernen, mit dem Schwangerschaftsabbruch zu leben.

Er legt eine Pause ein.

Gabriel Looser: «Schwangerschaftsabbruch Ja oder Nein» ist im Prinzip eine Frage, auf die keine allgemeingültige Antwort möglich ist. Daher ist es extrem verführerisch, auf dogmatische Antworten auszuweichen. So wie es etwa Moralisten machen, die kurz und bündig die «Wahrheit» verkünden. Sie sagen, Abtreibung sei Mord.
Hierher gehört für mich ebenfalls ein weiterer Aspekt: Eine bestimmte, in den 60er- und 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts aufgetretene Form des Feminismus war seinerseits genauso absolutistisch und rigoros: Hier hiess das Dogma: «das Recht der Frau auf den eigenen Bauch».
Ich erinnere mich, wie ich als Student in den frühen 70ern an der Uni ein Seminar zum Thema besucht habe. Auch einige militante Feministinnen nahmen daran teil. Für diese galt offensichtlich, dass jede erfolgte Abtreibung an sich schon ein Sieg für «die Sache der Frau» bedeutete.
Auch da wurde jede ernsthafte Auseinandersetzung abgewürgt. Und die Langzeitfolgen solcher dogmatisch bestimmten Abtreibungen, von denen Anna Margareta Neff zahlreiche Beispiele berichten kann, zeigen, dass auch das keine wirkliche Hilfe für die betroffenen Frauen war. Diese Haltung diente nicht den ungewollt Schwangeren, sondern politischen Interessen. Das ist Missbrauch!

Anna Margareta Neff: Bei dieser Diskussion ist jeder betroffen, weil es um Leben und Sterben geht. Deshalb rate ich den Frauen, den Männern, den Paaren: «Redet darüber!»

Gabriel Looser: Im Weiteren halte ich es für wichtig, bei Betroffenen das Bewusstsein zu wecken, eine Ärztin, ein Arzt ist in erster Linie für den medizinischen Teil eines allfälligen Schwangerschaftsabbruches zuständig. Darüber hinaus gilt es, die Betroffenen für die Wahrheit zu sensibilisieren, dass das Problem in viel grössere Dimensionen reicht.

Anna Margareta Neff: Ich zeige Frauen eine Kurve, zeichne ihnen ihren Lebensweg ein und die Spur ihres Kindes. Das Kind ist nun dabei. Es ist Teil ihres Lebens.

Anna Margareta Neff: «Schuldgefühle verunmöglichen das Trauern.» (Foto: Daniela Friedli)

Schwangerschaftsabbruch: Das schlechte Gewissen

Bei einer Abtreibung stirbt ein ungeborenes Kind. Das kann Betroffenen irgendwann in eine Krise stürzen. Viele mühen sich lange Zeit ab mit einem schlechten Gewissen.

Gabriel Looser: Was tun gegen das schlechte Gewissen? Was gibts für Möglichkeiten? Damit umgehen lernen? Was, wenn jemand für den Rest seines Lebens blockiert ist?

Anna Margareta Neff: Schuldgefühle sind meistens da nach einem Schwangerschaftsabbruch. Und häufig sind diese Schuldgefühle gross. Schuldgefühle verunmöglichen das Trauern. Grad bei einem Abbruch wäre es wichtig, trauern zu können. Das ist eine grosse Falle: Da die Eltern sich selber aktiv gegen ihr Kind entschieden haben, dürfen sie keine Trauergefühle entwickeln für ihr Kind. Dabei wäre es ganz wichtig für ihr Weiterleben.
Eltern sollten sich getrauen, über ihre Schuldgefühle zu reden. Und wir Zuhörenden sollten nicht Lösungen anbieten, nicht relativieren, nicht beschönigen. Sondern interessiert zuhören. Zuhören, was beschäftigt.

Martin Schuppli: Leute fragen, «Kann man sich entschulden?» Sie fragen: «Gibt es eine höhere Instanz dafür?»

Gabriel Looser (Lacht spontan) Damit situierst du das Thema im Bereich des Religiösen, bei uns meist des christlichen Glaubens. Dieser beruht – gelegentlich bin ich versucht zu sagen, sollte beruhen – in erster Linie auf den Lehren von Jesus. Und so wie ich ihn verstanden habe, nach zehn Jahren Theologiestudium, würde ich im Blick auf unsern Kontext so formulieren: Es gibt keine menschliche Schuld, die so gross ist, als, dass das Verzeihen Gottes nicht noch grösser wäre.

Anna Margareta Neff: Gefühle dürfen sich verändern, wenn man etwas mit ihnen macht. Schuldgefühle soll man ernst nehmen. Wir alle machen uns – auf irgendeine Art – schuldig. Wir alle müssen damit leben.

Gabriel Looser: Dazu noch ein Gedanke. Seine Schuld annehmen heisst, reifer werden.

So wird es kurz still im hohen Raum. Ich klapp den Laptop zu. Denke an die Zugfahrt damals nach Genf. Und ich nehme diese, meine Schuld an.

Text und Bearbeitung: Martin Schuppli, Dominic Koch Fotos: Daniela Friedli

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  • Emma Nalani

    Gerade heute gibt es genug Hilfsangebote damit nicht Abgetrieben werden muss !! Jedoch jeder lebt mit dem eigenen Gewissen weiter.

  • Tabea Indermühle

    ein tiefgründiger text ohne schwarzweiss. die einfachen antworten sind selten richtig.

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