Philipp Zumbühl: «Sterben kann nicht schlimm sein. Eher ists pure Schönheit»

Seine Eltern starben 90-jährig. Sein Sohn im frühen Babyalter. Philipp Zumbühl, pensionierter Primarlehrer, spricht mit seinem Freund über den Umgang mit prägenden Ereignissen des Lebens und erklärt, warum er das Sterben nicht fürchtet. 

Vierunddreissig Sommer sind verstrichen. Florin wäre heute ein erwachsener Mann. Er sollte es nicht werden. Am 13. Juli 1987 starb der Bub, knapp halbjährig, auf einem Zeltplatz im Tessin. Er wachte nicht mehr auf aus seinem Mittagsschläfchen. 

Florin war das vierte Kind von Philipp, meinem langjährigen Freund und seiner Frau. Der unvorhersehbare plötzliche Kindstod hinterliess einen Tolggen im Heft unserer tiefen Freundschaft. Ich fühlte mich in eine Art Verantwortung gedrängt für Auswirkungen, die ich nicht übernehmen konnte. 

Mit der reisserischen BLICK-Schlagzeile «50 Grad im Zelt. Baby starb qualvollen Tod» hatte ich nichts zu tun. Wohl aber mit der Berufsgruppe derer, die als Journalisten und Journalistinnen ihr tägliches Brot verdienen. Die Headline der Boulevardzeitung war falsch. Entstanden durch eine Verkettung unglücklicher Ereignisse. Das grosse Familienzelt stand unter einem schattenspendenden Baum.

Der Schaden war angerichtet, und ich fühlte eine Art Mitschuld. Zumal mich eine gemeinsame Bekannte aufs Übelste beschimpfte. «Meine» Zeitung hatte eine Familie und ihre Angehörigen aufs tiefste verletzt. Tags darauf berichtigte BLICK die verdrehten Tatsachen mit einigen dürren Zeilen. 

Diese Geschichte soll nun wieder ruhen. Das angerichtete Unheil ist verjährt.  

Philipp Zumbühl
Philipp Zumbühl im Schreib- und Schwatzgeschäft seines Freundes. Das intensive Gespräch weckte schöne und traurige Erinnerungen aus vergangenen Jahrzehnten. (Foto: Eddy Risch)

Lebensereignisse als Chance nutzen

Im Vorfeld dieses Gesprächs schickte ich meinem Freund einen Fragebogen. Er soll der rote Faden dieser Geschichte sein. Auf die Frage, «Philipp, wer bist du?», antwortete er mir mit folgenden Zeilen:

«Ich bin ein mit Selbst-Bewusstsein gesegnetes Wesen auf dem Planeten Erde. Fühlend, sehend, hörend, riechend – auf der Suche nach Glück, Freude und Freiheit. Auf der Suche nach dem Sinn im Leben.

Als spirituellen Menschen sehe ich mich. Als Menschen, der alle Ereignisse im persönlichen Lebenslauf nicht mehr bewertet, sondern sie als Chance sieht. Als Wegweiser, als mögliche Lernaufgabe. 

In letzter Zeit finde ich mich öfter im Flow mit dem, was alles auf mich zukommt und seltener im Widerstand gegen die schmerzvollen, herausfordernden Erfahrungen.

Bald bin ich 67 Jahre alt, habe vier erwachsene Kinder, vier Enkel und zwei Enkelinnen und einen am plötzlichen Kindstod verstorbenen Buben.

Seit drei Jahren bin ich pensioniert und geniesse es uhsinnig, in guter geistiger und körperlicher Verfassung zu sein. Geniesse es, mein Leben mit deutlich weniger Einengungen von aussen zu gestalten.» 

So sieht er sich, mein Freund Philipp. Und so nehme ich in wahr.

Philipp Zumbühl
Die Erinnerungen an den 13. Juli 1987 lösen schmerzvolle Gefühle aus bei Philipp Zumbühl. Damals starb sein halbjähriger Sohn. (Foto: Eddy Risch)

Sohn Florin starb halbjährig

Ein Schlüsselereignis für Philipp war Florins Tod vor 34 Jahren. Heute reden wir erstmals darüber. Wir, die wir uns seit 46 Jahren kennen. Wir, die wir unzählige Familienferienwochen in Stromboli und auf dem Simplonpass verbrachten. Ich bat meinen Freund, mir die damaligen Ereignisse zu schildern. 

«Dieser Montag, dieser 13. Juli 1987, wurde zu einem sehr prägenden Ereignis in meinem Leben. Wir verbrachten unsere Sommerferien mit befreundeten Familien auf einem Zeltplatz im Tessin. Wie jeden Tag legten wir den gut fünf Monate alten Florin ins Zelt zum Mittagsschlaf und sassen munter plaudernd vor dem Eingang. 

Irgendwann wollte ich ihn wecken. Als ich sein Köpfchen berührte, spürte ich sofort: Da ist etwas gar nicht gut. Ich hob ihn auf, der Körper war schlaff, ich küsste ihn, bewegte ihn sanft – nichts passierte. Die Verzweiflung breitete sich vulkanartig in mir aus: Ich schrie nach meiner Frau. Der Schrecken nahm seinen Lauf.

Jemand benachrichtigte den Notfall. Alle waren schockiert, wir Eltern rasten im Krankenwagen mit Florin ins Spital. Dort angekommen wurde uns das Kind ‹weggenommen› und der Zutritt zum Untersuchungszimmer verweigert. Wir bekamen unseren kleinen Sohn bis zur Beerdigung nicht mehr zu Gesicht.

Dieses, aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbare Vorgehen des verantwortlichen Personals im Spital, löste einen zusätzlichen Schock aus. Wir waren vollkommen unvorbereitet auf ein solches Ereignis; unfähig, uns zu wehren für einen würdevollen Abschied von Florin. Ich konnte glücklicherweise gefühlte zwei Tage ohne Unterbruch weinen und dadurch mein System aus der Schockstarre lösen. 

Meiner Frau gelang das nicht. Sie konnte nach der Schockstarre ihren riesigen Schmerz nicht rauslassen und musste diese Gefühle verdrängen.»

Philipp Zumbühl
«Ich war so dankbar, dass viele Freunde uns hilfreich unterstützt haben», sagt Philipp Zumbühl über die schwere Zeit nach dem Tod seines Sohnes. (Foto: Eddy Risch)

Es fehlte die Zeit, in negative Gedanken zu versinken

Für das Ehepaar galt es, zu funktionieren. Die drei Kinder verlangten Aufmerksamkeit. Für den Primarlehrer hiess es nach den Sommerferien ins Schulzimmer zurückzukehren. «Mit einer kompetenten Unterstützung und Begleitung für die Trauerarbeit wäre die Auslastung mit den Kindern vielleicht sogar hilfreich gewesen», sagt Philipp Zumbühl. «Dann hast du keine Zeit, in negativen Gedankenspiralen zu versinken.» Er schweigt. Sagt: «So funktionierten wir vordergründig wohl einigermassen gut, aber das Vertrauen in unsere damals schon angeschlagene Beziehung war verloren gegangen, Überforderung machte sich breit.»

Wie bereits erwähnt, setzte der BLICK den Gipfel der Geschmacklosigkeit mit einer von einem Leserreporter ausgelösten, sensationsgeilen Titelseiten-Berichterstattung. Was machte das mit dem leidgeprüften Vater? «In meiner Erinnerung war das für uns nur ein mühsamer Nebenschauplatz, weil wir ja wussten, wie es wirklich war. Trotzdem hat diese unwahre Titelgeschichte zur Behinderung des so nötigen Trauerprozesses beigetragen und den Schuldgefühlen, die bei einem solchen Ereignis unvermeidlich sind, Vorschub geleistet.»

Die Beerdigung sei für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr berührend gewesen, sagt Philipp Zumbühl. «Ich war so dankbar, dass viele Freunde uns hilfreich unterstützt haben. In meiner Erinnerung fühlte sich die Feier jedoch eher surreal an. Ich war in einer Art Trance, wahrscheinlich oft dissoziiert, meine psychischen Funktionen drohten auseinanderzufallen. So funktionierte ich eher wie ein Roboter als wie ein fühlendes Wesen.»

Philipp Zumbühl
Philipp Zumbühl erlebte die Trauerfeier in einer Art Trancezustand. «Das Leben brach über mich herein. Während dieser wunderschönen Zeremonie, spürte ich eine Menge Mitgefühl.» (Foto: Eddy Risch)

Den toten Sohn erst auf dem Friedhof wiedergesehen

Ein bereits angetöntes «Puzzleteil» fehlt bei dieser Schilderung. Nachdem Vertreter der Blaulicht-Organisationen das verstorbene Kind auf dem Zeltplatz zu sich nahmen und in die Gerichtsmedizin nach Locarno brachten, sahen die Eltern ihren Sohn nicht mehr. Erst Tage später im Aufbahrungsraum des Friedhofs konnten sie ihm wieder nahe sein. Getrennt durch ein Glasfensterchen im kleinen, weissen Sarg. 

Weder Mutter noch Vater konnten sich von Florin verabschieden. Konnten keine Fotos mehr machen, konnten ihn nicht noch einmal ans Herz drücken. Die drei Geschwister, sie waren zwischen vier und sieben Jahre alt, realisierten nicht wirklich, was passiert war. «Das Geschehene mag ihnen irgendwie seltsam vorgekommen sein», sagt Philipp Zumbühl, «sie hatten ja noch keine enge Beziehung zum Bruder aufgebaut. Das Leben zeigte sich von seiner brutalen Seite. Ich selbst funktionierte in der Zeit nach dem Tod von Florin in einer Art Überlebensmodus. Viele der schwierigen Gefühle konnte, wollte ich nicht an mich heranlassen, liess mich jedoch vom vielen Mitgefühl berühren, das mir von allen Seiten entgegenkam.»

Die «grosse Schuldfrage» hätte er sich nie gestellt. Zugelassen habe er die Schuldgefühle nur in kleinen Portionen. «Gibt es absolut gesehen überhaupt Schuld? Es gibt Konsequenzen aus Handlungen, die es zu tragen gilt. Ich denke, Florins Tod ist in etwas Grösseres eingebettet, das wir höchstens erahnen können. Wir wissen so wenig. Was massen wir uns an, über Ereignisse zu urteilen? Für uns Eltern fühlte es sich an, wie wenn Florin die kurze Zeit bei uns gereicht hätte, um das zu erfahren, was seine Seele von diesem Leben mitnehmen wollte. Und ich gab mein Bestes. Wohlwissend, dass kommt, was kommen muss.» 

Philipp Zumbühl
Philipp Zumbühl betrachtete den Tod seines Sohnes als gewaltigen Schicksalsschlag. Er konnte sofort weinen. «Ich genierte mich nicht, heulte überall – und nach zwei Tagen hatte ich keine Tränen mehr.» (Foto: Eddy Risch)

«Die grosse Schuldfrage stellten wir uns nie»

Philipp, was hat der Tod mit dir, mit deiner Frau und euren Kindern gemacht. Drei waren schon da. Wie habt ihr das verarbeitet? 
Philipp: In so einer Situation hadert man mit dem Schicksal. Fragt sich, warum ich? Warum wir? Nach dem gewaltigen Schicksalsschlag konnte ich sofort weinen. Ich genierte mich nicht, heulte überall – und nach zwei Tagen hatte ich keine Tränen mehr. Mir wars fast peinlich, konnte ich an der Beerdigung nicht weinen. Für den Moment war meine Trauer durchlebt, und ich konnte mich verlässlich um die Kinder kümmern.

Vorwürfe hätten sie sich gegenseitig keine gemacht, auch nicht bei grossen Krächen. Im Gegenteil, sie hätten psychologische Hilfe in Anspruch genommen. 

Deine Frau gebar noch einen weiteren Buben. Wie gross war damals die Angst vor einem erneuten Kindsverlust?
Wir erlebten eine gute Phase. Ich dachte: Drei Kinder, das ist ok. Dann wurde meine Frau erneut schwanger, unerwartet. Ein viertes Kind wollte kommen. Ich war unsicher, für sie war es klar: Ich will das Baby – Monate später kam Timo zur Welt. Und irgendwo, tief in mir, meldete sich eine Stimme, erzählte mir von einer gescheiterten Beziehung.

Philipps Frau konnte ihre Trauer nicht ausleben, Angstzustände plagten sie stärker als früher. «Als sie schlecht zwäg war, zog ich den Karren», sagt Philipp. «Die drei älteren Kinder brauchten Betreuung, ich gab voll Schule. Die Beziehung hielt dieser Belastungsprobe nicht stand und eine Trennung wurde unvermeidlich.»

Philipp Zumbühl
Die geschiedene Beziehung sei nie ein Problem gewesen. «Wir konnten einander leben lassen», sagt Philipp Zumbühl. «Jeder von uns ist heute glücklich.» (Foto: Eddy Risch)

Eng verbunden trotz Scheidung

Philipp und seine Frau sind geschiedene Eltern von vier erwachsenen Kindern und einem Prinzen im Himmel. Die Familienbande sind nach wie vor eng. Gefeiert wird gemeinsam, abwechselnd Enkel gehütet. Und als der Jüngste in Japan heiratete, flogen die Zumbühls gemeinsam nach Myazaki. Und das obwohl, oder gerade weil, sie seit über 30 Jahren geschieden sind.

Nach dem traumatischen Ereignis und der schmerzvollen Trennung fanden wir neue Partner und konnten das mit den Kindern gut regeln. Dank unserer Wesensart und intensiver psychologischer Arbeit managten wir es so, dass es allen wohl war – und heute noch ist. 

Die geschiedene Beziehung sei nie ein Problem gewesen. «Wir konnten einander ohne Schuldzuweisungen leben lassen», sagt Philipp. «Jeder von uns ist heute glücklich.» Er legt eine Pause ein und reiht dann drei Stichworte aneinander. «Ereignis. Auswirkung. Konsequenz.» Er schweigt, lächelt und sagt: «Gut, bin ich dem Fluss des Lebens gefolgt.»

Würde er in seiner Umgebung Menschen sehen in einer Opferhaltung, hadernd mit sich und der Welt, denke er: «Glück gehabt, dass das nie ein Problem war. Diesen Schicksalsschlag konnte ich mit der Zeit als Erfahrung wertschätzen. Konnte ihn annehmen als Teil meiner Entwicklung, als Teil meines Lebens. Das war nicht immer einfach. Rückblickend kann ich alles Geschehene akzeptieren. Mein Leben ist so verlaufen, wie es musste, ich bin in Frieden damit.»

Philipp Zumbühl
«Die Pensionierung schaufelte in mir etwas frei», sagt Philipp Zumbühl. «Nun muss ich nichts mehr.» (Foto: Eddy Risch)

Als Finder ein Suchender geblieben

Philipp Zumbühl habe ich am ersten Tag in der Rekrutenschule kennengelernt. Am Montag, 8. Juli 1975, in der Kaserne Zürich wars. Ein Suchender, dachte ich, als er ein Buch von Carlos Castaneda auspackte und es in den Spind neben dem Bett stellte. Das war vor 46 Jahren. So lange schon beobachte ich meinen Freund bei seiner unermüdlichen Suche. Er lacht, als ich ihn frage: Wonach hast du gesucht?

Philipp Zumbühl: «Wie schon gesagt, ich habe einige Lehrerinnen, Lehrer kennengelernt. Mich faszinieren und interessieren vor allem Phänomene, die über unsere Sinneswahrnehmungen hinausreichen.» Er lächelt und erzählt eine kleine Geschichte: «Als Kind schaute ich in der Nacht, wenn ich nicht schlafen konnte, aus dem Fenster meines Zimmers, beobachtete die Welt. Und ich erinnere mich an Augenblicke, da war mir klar, das habe ich schon einmal gelebt.» 

Er sei fasziniert von Menschen, die mit ihrem Geist in unerforschte Gebiete vordringen. Etwa Zen-Buddhisten oder eben Carlos Castaneda. «Zeitweise betrachtete ich den amerikanischen Autor als meinen Lehrer. Er eröffnete mir eine andere Wahrnehmung der Welt. Mir wurde klar, dass unendlich viel mehr existiert, als was wir mit Augen, Ohren und Nase wahrnehmen können.» 

Einst hätte er werden wollen wie seine «Lehrer». Philipp Zumbühl lächelt, unterstreicht seine Worte mit Gesten. «Das ist von mir abgefallen», sagt er. «Das Pensioniertsein schaufelte in mir etwas frei. Nun muss ich nichts mehr. Muss kein Geld verdienen. Jetzt ist Zeit, Gelerntes anzuwenden. Ich erlebe eine innere Befreiung, weiss meistens genau, was ich will und was nicht. Sage angstfrei, was ich denke und spüre, dass ich genau richtig bin, wie ich bin. Ich vergleiche mich nicht mehr mit andern, sondern folge dem Fluss des Lebens.»

Philipp Zumbühl
Philipp Zumbühl: «Mir ist bewusst, wie vergänglich unser Leben ist. Der Körper gibt Anzeichen seiner Endlichkeit.» (Foto: Eddy Risch)

Das Älterwerden macht mich demütiger

Unsere Freundschaft dauert nun schon eine gefühlte Ewigkeit. Wir erlebten intensive Zeiten sowie Wochen geprägt von Funkstille. Nun sind wir in die Jahre gekommen. Was macht das Älterwerden mit dir?
Es macht mich demütiger. Mir ist bewusst, wie vergänglich unser Leben ist. Der Körper gibt Anzeichen seiner Endlichkeit. Ich musste den Grünen Star operieren, dann und wann schiesst die Hexe, oder es plagen mich Rückenschmerzen. Drum übe ich konsequent Yoga. Widme mich meinem Körper, höre auf ihn. Echt: Ich fühle mich so zwäg wie noch nie im Leben. Klar liegt Tschutten nicht mehr drin, und Rädli schlage ich ebenso wenig.

Nun kann ich Aussenzeit und Innenzeit nach meinem Gusto gestalten, und in mir breitet sich immer mehr Gelassenheit aus. Alles, was auf mich zukommt, fühlt sich letztendlich stimmig an. 

Philipp Zumbühl: «Heute vertraue ich meiner Intuition»

Früher hatte ich Angst vor vielem, was an mich herantrat, spürte Widerstand in mir gegen das, was mir nicht gerade gelegen kam. Heute freue ich mich über all die Ereignisse. Ich bin wohlwollender gegenüber mir und meiner Umwelt.

Einst war ich vom Kontakt mit anderen Menschen und Ereignissen zeitweise überfordert. Ich entwickelte eine gewisse Scheu vor den Menschen. Ich, der ich den ganzen Tag Schüler, Schülerinnen um mich hatte. 

Heute vertraue ich noch mehr auf meine Intuition. Ich weiss fast immer, ja, das will ich, oder nein, das will ich nicht. Und ich kommuniziere das, was mir wichtig ist. Das Leben ist so viel leichter und lustvoller.»

Philipp Zumbühl mit DeinAdieu-Autor Martin Schuppli
Seit 46 Jahren freundschaftlich verbunden: Philipp Zumbühl (r.) und DeinAdieu-Autor Martin Schuppli. (Foto: Eddy Risch)

Philipp Zumbühl: «Ich akzeptiere jede Art zu sterben »

Deine Eltern sind beide im hohen Alter verstorben. Was machte das mit dir?
Ich erlebte es als befreiend, stufte ihr Sterben ein als normales, zum Leben gehörendes Ereignis. Nicht als etwas Schreckliches. Sie hatten ihr letztes Büro gemacht. Meine Mutter hatte mit dem Leben abgeschlossen, und mein Vater wusste von ihren Plänen. Nie wäre sie in ein Altersheim gezügelt. Bis zum Schluss blieben meine Eltern zusammen, unterstützten einander so gut es eben ging. 

In der Altersmilde konnten sie die teils schwierigen Seiten des anderen annehmen. Keiner hätte ohne den anderen sein können. So lebten sie noch einige Jahre mit all den kleinen und grösseren Beschwerden. Als meine Mutter wusste, ihr Sepp kommt nicht mehr heim aus dem Spital, hätte sie Hilfe holen sollen. Das wollte sie nicht – und wählte Plan B.

Natürlich erschrak ich. Aber irgendwie stimmte es einfach. Und ich bin offen. Akzeptiere jede Art zu sterben. Es gibt kein richtig und falsch. Ereignis. Auswirkung. Konsequenzen. 

Fürchtest du dich vor dem Tod, vor dem Sterben? 
Ich weiss es doch nicht. Vordergründig habe ich keine Angst. Verschiedene schmerzhafte Ereignisse sind passiert. Trotzdem erlebte ich sie irgendwie natürlich, eben als Teil des Lebens. In der Tiefe hatte und habe ich nie wirklich Mühe damit. Der Tod gehört zum Leben.

Ists einmal so weit, weiss ich nicht, ob ich mich dann doch noch ans Leben klammere. Wichtig ist mir die Selbstbestimmung – auch im Sterben.

Wobei: Derzeit fühle mich so gut, dass ich es schade fände, zu gehen. Ich könnte eine schwierige Diagnose verkraften und mich dreinschicken. Klammern? Ans Leben? Wohl kaum.

Wenn ich mich an meinen Vater auf dem Sterbebett erinnere, muss ich sagen: Sterben kann nicht verdammt schlimm sein. Eher ists pure Schönheit. 

Philipp Zumbühl
«Ich habe Ruhe in mir gefunden und habe das Gefühl, ich könne andocken ans Ganze. Könne mich wahrnehmen als Teil der Natur, des Lebensflusses», sagt Philipp Zumbühl. (Foto: Eddy Risch)

Das Leben ist nicht zack bumms fertig

Philipp, was denkst du, passiert mit uns nach dem Tod? Wandert die Seele, kommen wir wieder, treten wir ein ins Nirwana, in die ewigen Jagdgründe, in den Himmel, ins Paradies, in den ewigen Osten?
Ich habe keine Ahnung, keine fixe Vorstellung, wohin die Reise geht, und was geschehen wird. Mein Gefühl sagt mir, es ist nicht, zack bumms!, fertig. Etwas bleibt. Vielleicht ist es die Seele oder etwas Unsterbliches. Etwas das weiter geht, etwas das jenseits von Zeit und Raum existiert. Heute wissen wir, alles ist Energie und alles ist verbunden. Und der Körper? Ist er ein Vehikel, eine Illusion? 

Aber, frage ich mich, was ist denn mit meinem Bewusstsein? Kehrt es zurück ins ewige Energiefeld? Löst es sich im Ganzen auf und etwas Neues wird wiedergeboren? Als Seele habe ich Zugang zu allen Erfahrungen im Kosmos. Da gibt es keine Vergangenheit, keine Zukunft. Da gibt es nur das Jetzt. 

Ich habe Ruhe in mir gefunden und habe das Gefühl, ich könne andocken ans Ganze. Könne mich wahrnehmen als Teil der Natur, des Lebensflusses.

Hast du dein Letztes Büro gemacht?
Ja, auf der einen Seite, auf der geistigen Ebene, habe ich es vorerst erledigt. (Lacht.) Auf der praktischen Seite fehlen noch einige Dokumente. Vorbild in Sachen Letztes Büro sind meine Eltern. Sie hatten alles geregelt, aufgeschrieben und organisiert. Es stand kein Nippes mehr rum, höchstens noch einige Sächelchen. Ebenso hatten sie Adresslisten erstellt für die Leidzirkulare. Sie dachten an alles. Vorbildlich. Das könnte ich von mir nicht behaupten.

Wir umarmen uns. Ich bedanke mich fürs Vertrauen und fürs Gespräch – bedanke mich für die grosse Freundschaft.

Text: Martin Schuppli, Fotos: Eddy Risch 

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