Christine Paccaud schreibt für DeinAdieu wie sie das Leben und das Sterben in ihrem Umfeld wahrnahm. (Photo: Chantal Dervey)
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«Wenn ich tot bin, brauche ich meine Organe nicht mehr»

Christine Paccaud verlor Bruder und Vater kurz nacheinander. Für sie ist klar: «Ich möchte meine Organe spenden».

Artikel verfasst von Christine Paccaud am
15. April 2017

Mein Bruder starb an einem Erstickungs-Unfall, er verschluckte sich an einem Fleischmöckli und bekam Angst. Das löste bei ihm, er war Epileptiker, einen Anfall aus. Bis die Ambulanz kam, war er ein sogenanntes «Gemüse», wie man mir sagte. Seine Nerven zuckten zwar, der Körper reagierte also noch, doch sein Hirn machte nicht mehr mit. Es sei irreversibel, sagten mir die Ärzte. Ich musste die Entscheidung treffen, die Schläuche abzunehmen oder nicht – was keine leichte Entscheidung war, da wir nie darüber sprachen, was er in so einem Moment wollte.

So entschied ich, wie ich ihn kannte, und liess die Schläuche abnehmen, die ihn im künstlichen Koma behielten. Ich dachte, dass er so nicht weiterleben wollte. Aber dabei bin ich mir hundertprozentig sicher, dass er, auch wenn er im Koma lag, alles wahrnahm, was um ihn herum geschah.

Aber ehrlich gesagt, es war mir nicht geheuer. Ich wusste nicht, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Die Nacht darauf bekam ich die Bestätigung, das Richtige getan zu haben. Ich träumte sehr stark, dass mich meine Mutter anrief, sie verstarb schon drei Jahre zuvor. Sie sagte im Traum: «Alles ist ok, Peter ist oben angekommen.»

Netzhaut-Transplantation dank Organspende

Wir haben ja gesagt zur Organspende, gaben seine Organe frei, weil ich denke, dass er damit einverstanden gewesen wäre. Bei uns in der Familie haben mein Ex-Mann und eines meiner fünf Kinder Augenprobleme und bekamen somit eine neue Netzhaut als Organspende, worüber wir sehr dankbar sind… sonst wären sie nämlich beide blind.

Auch ich möchte einmal, dass von meinem Körper die Organe gespendet werden, wenn es jemandem hilft, weiterzuleben oder jemand ein besseres Leben hat damit. Man sagt doch, dass der Körper hier bleibt und nur die Seele nach oben geht … Deshalb kann der Körper doch freigegeben werden, denn dann brauchen wir ihn oben ja nicht mehr. Wir bekommen einen anderen, neuen Körper.

Ich habe diese Entscheidungen im Frieden getroffen, weil ich davon überzeugt bin, dass man den Körper und seine Organe nicht mehr braucht und weil ich damit jemandem helfen kann auf Erden.

Vater starb einen wunderschönen Tod

Als meine kranke Mutter drei Jahre zuvor starb, begleitete ich sie bis zum Schluss per Telefon. Auch wenn mir der Pfleger sagte, sie sei schon nicht mehr anwesend, glaubte ich ihm nicht, weil sie, je nachdem, was ich meiner Mutter sagte, verschieden reagierte mit ihrer Atmung, wie wenn sie mir antworten wollte …, und auf einmal war keine Atmung mehr da. Das war für mich der Moment, als sie ging.

Beim Tod meines kerngesunden und sehr lebensfreudigen Vaters, kurz vor Weihnachten, erlebten meine Schwester – sie lebt in England – und ich etwas sehr Schönes. Er hatte den wunderbarsten Tod, er durfte am Abend einschlafen und am Morgen woanders, dort wo es ihm gut geht, wieder aufwachen.

Ich glaube, dass die Leute es vorher wissen, wenn sie sterben. Sie werden sicher von oben darauf hingewiesen, dass sie gehen müssen. Mein Bruder war eine Woche zuvor extrem freudig, obwohl er ja kurz darauf an einem Unfall starb … Ein weiteres Zeichen dieser Vorahnung war die Situation, die wir nach Vaters Tod antrafen.

Die Wohnung meines Vaters war offen, sonst schloss er sie immer ab, Keller und Estrich waren leer, alle laufenden Rechnungen bezahlt, in jedem Zimmer waren ein paar leere Kartons, damit wir Sachen mitnehmen können, die wir noch wollten, und im Kühlschrank war nichts anderes als zwei Mandarinen.

Vater wollte, dass sein Abschied nicht schmerzt

Wir sind jetzt nur noch zwei Personen in unserer Familie, und die Mandarinen waren die Lieblingsfrucht meines Vaters. Zudem lagen unsere Lieblingsguetsli im Frigo sowie Bündnerfleisch, das Lieblingsessen meiner Schwester und mein Lieblingskäse. Und auf dem Küchentisch lagen zwei Schoggimäuse. Wir, meine Schwester und ich, waren halt immer seine beiden kleinen Müsli.

Ich glaube, dass uns unser Vater den Abschied so wenig schmerzlich machen wollte, weil er wusste, er würde uns fehlen. Meine Schwester und ich fanden das eine sehr schöne Liebeserklärung. So konnten wir ihn getrost und in Frieden gehen lassen. Der liebe Gott wird ihn schon für was gebraucht haben, sonst hätte er ihn ja nicht zu sich gerufen. Vielleicht schaut er manchmal zu uns hinunter und denkt, was wir beide so alles auf Erden anstellen. Ich bin dankbar, dass ich meine Familie so lange bei mir haben durfte … denn so ein grosses Glück haben nicht alle Menschen.

Ich möchte kranke Kinder beim Sterben begleiten

Da ich die Abschiede meiner Familienmitglieder gut erlebt habe, will ich noch eine neue Lehre machen. Ich möchte einmal krebskranke Kinder in den Tod begleiten. Warum? Weil ich selber fünf Kinder alleine grossgezogen habe, weil ich Kinder sehr lieb habe. Es fällt mir leicht, mit ihnen in Kontakt zu treten. Zudem bin ich überzeugt, glaube daran, dass ich den kranken Kindern etwas mitgeben, ihnen die Angst vor dem Ungewissen nehmen kann.

Die Grundausbildung zu dieser Tätigkeit habe ich bereits begonnen. In Yverdon mit Rosette Poletti. Sie ist quasi das Französisch sprechende Pendant zu Elisabeth Kübler-Ross. Im Mai wird die Ausbildung beendet sein, und ich muss einen Praktikumsplatz finden, wo ich das Theoretische anwenden kann. Wenn mir irgendjemand helfen kann, wäre ich sehr glücklich darüber.

Der Tod ist eine Art Züglete – ohne Kartons

Ich wohne aktuell im Unterwallis, bin fast dreisprachig und frei, also bereit für einen Umzug. Für mich gehört der Tod zum Leben. Er ist eine Art «Züglete» ohne Kartons, an einen anderen Ort, wo es einem dann ungemein gut geht und wo man unsagbar geliebt wird.

Und dort, davon bin ich überzeugt, ist man ja in Gottes Händen. Es kann einem nur gut gehen. Ich selber bin 57-jährig, habe viel Lebenserfahrung, bin humorvoll, habe viele Talente, lebe offen in der Gegenwart. Ich bin ebenfalls ein bisschen hellfühlend. Sonst aber schlicht ein normaler Mensch. Seit 15 Jahren arbeite ich in einem humanitären Hilfswerk.

Jetzt aber glaube ich, dass meine neue Berufsrichtung die wahre Berufung ist. Ich bekam sehr viele sehr konkrete Zeichen dazu und weiss deshalb, dass dies nun mein weiterer Weg ist. Ich weiss nur noch nicht wo, aber, dass er es ist, da gibt es keinen Zweifel.

Text: Christine Paccaud
Bearbeitung: Martin Schuppli
Foto: Chantal Dervey, Yvorne VD

«Als Alleinerziehende von fünf Jungs
brauchte ich eine grosse Klappe»

Christine Paccaud, geboren am Donnerstag, 19. Januar 1960 in Thalwil ZH lebte bis sie 20 Jahre alt war in der Deutschschweiz, absolvierte in dieser Zeit das so genannte Welschlandjahr und machte dann eine KV-Lehre in einer Zürcher Grossbank.

Im Welschland wurde sie Mutter von fünf mittlerweile  erwachsenen Jungs. «Sie sind inzwischen alle grösser als ich, dafür habe ich aber die grösste Klappe», schreibt sie. «Das musste so sein, da ich sie alleine grosszog, musste einer ja der Chef sein.

Zu den fünf Jungs gesellten sich in der Zwischenzeit zwei Enkel und eine Enkelin. «Ich mache mit ihnen viel: bastle, male mit ihnen, gehe spazieren und mache als Nicht-Standard-Grosi allen möglichen Blödsinn mit. Das gefällt den Kleinen sowie meinen Grossen und ihren Frauen.»

Christine Paccaud bearbeitet für das Hilfswerk Morija als Fundraiserin die Deutschschweiz und das Tessin. «Morija ist eine humanitäre, entwicklungsfördernde Organisation. Wir helfen schwachen Bevölkerungsgruppen, insbesondere im subsaharischen Afrika. Mit dem gesammelten Geld unterstützt Morija diese Menschen in enger Zusammenarbeit mit lokalen Partnern, die für die gleichen Werte einstehen. Morija engagiert sich auf den Gebieten der Ernährung, Wasser-Sanierung-Hygiene, Gesundheit, Bildung und ländlicher Entwicklung.»
Aktuell engagiert sich Morija im subsaharischen Afrika in vier Ländern: Burkina Faso, Togo, dem Tschad und Kamerun.

www.morija.org

 

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