Claudia Mehl, reformierte Pfarrerin auf dem Sihlfeld Friedhof in Zürich. (Foto: Bruno Torricelli)
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Frau Pfar­rer, wann beginnt das Leben?

Pfar­re­rin Clau­dia Mehl macht sich Gedan­ken über den Zeit­punkt der Mensch­wer­dung: «Der Beginn des Lebens ist ein Pro­zess.»

Artikel verfasst von Claudia Mehl, ref. Pfarrerin am
23. Dezember 2016

«Die Fra­ge ‹Wann beginnt mensch­li­ches Leben?› stellt sich im Zuge der moder­nen bio­me­di­zi­ni­schen For­schung (PID, embryo­na­le Stamm­zel­len­for­schung …) immer dring­li­cher. Als Pfar­re­rin und Ethi­ke­rin wer­de ich eben­falls regel­mäs­sig damit kon­fron­tiert. Die Beant­wor­tung aller­dings ist alles ande­re als ein­fach. Von Embryo­nen und Föten ist in der Bibel noch nicht die Rede. Ich ver­su­che trotz­dem, eine Ant­wort zu geben.

Unse­re plu­ra­lis­ti­sche Gesell­schaft ist auf dem Grund­satz der Reli­gi­ons­frei­heit auf­ge­baut. Des­halb gibt es sehr unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen. Sie sind reli­gi­ös, kul­tu­rell und poli­tisch geprägt. In jüdi­schen reli­giö­sen Schrif­ten lese ich, dass ein Embryo 40 Tage nach der Befruch­tung eine See­le erhält. Erst von die­sem Zeit­punkt an reden Schrift­ge­lehr­te von einer Per­son. Aus isla­mi­scher Sicht betritt die See­le gar erst zwi­schen dem 40. und dem 120. Tag den Fötus. Davor ist der Embryo zwar nicht grund­sätz­lich schutz­los, er hat aber einen rela­tiv gerin­gen mora­li­schen Sta­tus. Die­se Über­zeu­gung geht auf Aris­to­te­les zurück.

Wann erhält der Embryo sei­ne See­le?

Für Aris­to­te­les ist der Zeit­punkt der ers­ten Bewe­gung des Embry­os im Mut­ter­leib das Kri­te­ri­um der Besee­lung oder der Ani­ma­ti­on und somit der Mensch­wer­dung. Der hei­li­ge Tho­mas von Aquin ver­trat im 13. Jahr­hun­dert die Leh­re von der Ani­ma­ti­on des mensch­li­chen Kör­pers, die sei­ner Mei­nung nach am 40. Tag nach der Emp­fäng­nis bei männ­li­chen, bzw. am 80. Tag bei weib­li­chen Föten statt­fin­det.

Bei Frau­en, die ihre Schwan­ger­schaft abbre­chen woll­ten, dürf­te die­se Inter­pre­ta­ti­ons­wei­se Pro­ble­me auf­ge­wor­fen haben. In die­sem frü­hen Schwan­ger­schafts­sta­tus war es noch nicht mög­lich, das Geschlecht zu bestim­men. Tho­mas von Aquin ging wohl davon aus, dass sich männ­li­che Föten ab den 40. Tag bewe­gen, weib­li­che dage­gen erst etwas spä­ter.

Pfarrerin Claudia Mehl und Martin Schuppli

Wann erhält der Embryo sei­ne See­le? Im Gespräch mit der refor­mier­ten Pfar­re­rin Clau­dia Mehl ver­sucht DeinAdieu-Autor Mar­tin Schupp­li eine Ant­wort zu fin­den. (Foto: Bru­no Tor­ri­cel­li)

Tat­sa­che ist, ein Schwan­ger­schafts­ab­bruch vor die­sem Zeit­punkt galt bei der Kir­che als weni­ger schwe­re Sün­de. Im Gegen­satz zur Abtrei­bung eines bereits ani­mier­ten Fötus. Die­se Ansicht hat die römisch-katho­li­sche Kir­che noch bis vor etwa 120 Jah­ren ver­tre­ten. Erst Papst Pius IX. änder­te das Kir­chen­recht. Seit 1896 heisst es: Das Leben beginnt mit der Emp­fäng­nis.

Beginnt das Leben, wenn Samen und Eizel­le ver­schmel­zen?

Heu­te ist sich die katho­li­sche Kir­che wei­test­ge­hend einig, dass mensch­li­ches Leben, auf Grund des Poten­tia­li­täts­ar­gu­ments* mit der Ver­schmel­zung von Samen- und Eizel­le beginnt. Wie bei einer Tul­pen­zwie­bel, die bereits das gan­ze Ent­wick­lungs­pro­gramm in sich trägt und unter güns­ti­gen Bedin­gun­gen am Ende die voll erblüh­te Tul­pe her­an­rei­fen lässt, ist das Pro­gramm für die Ent­wick­lung des Men­schen ab der Befruch­tung gege­ben. Damit sei­en näm­lich die Erb­an­la­gen von Mut­ter und Vater in etwas ver­eint, was nun in sei­ner Ent­wick­lung als Per­son fest pro­gram­miert ist.

Der katho­li­sche Moral­theo­lo­ge Karl Rah­ner spricht hier jedoch von einem logi­schen und theo­lo­gi­schen Dilem­ma. So ster­ben mehr als sech­zig Pro­zent der Embryo­nen bereits vor der Ein­nis­tung oder Implan­ta­ti­on ab. Dies wür­de bedeu­ten, dass über die Hälf­te aller mit einer unsterb­li­chen See­le aus­ge­stat­te­ten mensch­li­chen Per­so­nen sich nicht über die ers­ten undif­fe­ren­zier­ten Sta­di­en des Lebens hin­aus ent­wi­ckeln.

Beginnt die Mensch­wer­dung mit dem «Hirn­le­ben»?

Ein Blick in die moder­ne medi­zi­ni­sche For­schung zeigt, dass der per­so­na­le Tod eines Men­schen rela­tiv genau zu bestim­men ist. So set­zen Inten­siv­me­di­zi­ner die­sen mit dem Ende der Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Hirn­or­gans gleich. Man spricht von «Hirn­tod». Daher ver­tre­ten eini­ge Wis­sen­schaf­ter und Phi­lo­so­phen ana­log dazu die Mei­nung, dass die Mensch­wer­dung mit dem «Hirn­le­ben» beginnt. Dem­nach kön­ne mit Beginn der neu­ro­na­len Syn­ap­sen­bil­dung, etwa am 70. Tag, von einem «Hirn­le­ben» und somit von mensch­li­chen Leben gespro­chen wer­den. Frei­lich ist die­ser Ein­schnitt mehr oder weni­ger will­kür­lich und von Men­schen gesetzt.

Wie die­ser kur­ze Abriss zeigt, ist es nicht mög­lich, ver­bind­lich für jeder­mann fest­zu­schrei­ben, wann genau mensch­li­ches Leben beginnt. Die­ses Stre­ben nach einer Ver­all­ge­mei­ne­rung und einer obers­ten Ord­nung, das auf bio­lo­gi­sche Pro­zes­se zurück­ge­führt wird, führt mei­ner Mei­nung nach eher dazu, dass Leben(sweisen) in ihren beson­de­ren Kon­tex­ten aus dem Blick gera­ten.

Die Bibel ist viel­fäl­tig wie das Leben selbst

Schla­ge ich in der Bibel nach, lese ich in Gen 2,7 dass Gott Adam sei­nen Atem erst nach wei­test­ge­hend abge­schlos­se­ner For­mung sei­nes Kör­pers ein­ge­haucht hat und im 2. Buch Mose (Exo­dus 21,22) ist nach­zu­le­sen, dass die Tötung des Unge­bo­re­nen im Mut­ter­leib nicht im glei­chen Mas­se wie Mord oder Tot­schlag bestraft wur­de. Dar­aus könn­te man fol­gern, dass die Schutz­wür­dig­keit eines Embry­os nicht dem eines gebo­re­nen Men­schen ent­spricht. Aller­dings ist die Bibel kein durch­ge­glie­der­tes Geset­zes­werk und kein sys­te­ma­ti­scher Trak­tat, son­dern viel­fäl­tig wie das Leben selbst. So ist es also nicht ver­wun­der­lich, dass Inter­es­sier­te in ihr die­sel­be Sache aus ganz unter­schied­li­chen, auch ent­ge­gen­ge­setz­ten Blick­win­keln sehen kön­nen.

Claudia Mehl und Martin Schuppli

Unter­hiel­ten sich auf dem Zür­cher Sihl­feld Fried­hof über den Moment der Mensch­wer­dung: Clau­dia Mehl, refor­mier­te Pfar­re­rin und DeinAdieu-Autor Mar­tin Schupp­li. (Foto: Bru­no Tor­ri­cel­li)

Der Beginn des Lebens ist kein iso­lier­ba­rer Augen­blick

Die Bibel belegt ganz klar, dass unse­re Bezie­hung zu Gott bereits im Mut­ter­leib beginnt (Ps 22,11; Ps 71, 5–6; Ps 127,3; Jes 44,2.24; Jer 1,5; Lk 1,15 etc.). Der Mut­ter­leib ist der Ort, an dem aus der inti­men Gemein­schaft der Eltern durch gött­li­ches Wir­ken lang­sam Leben her­an­wächst. Inso­fern ist der Beginn des Lebens kein iso­lier­ba­rer Augen­blick, kein bestimm­ter Zeit­punkt, son­dern ein Pro­zess, in dem der Embryo bio­lo­gisch Gestalt annimmt und durch die Lie­be sei­ner Eltern zu ihm als auch durch Got­tes Schöp­fer­hand sei­ne Per­so­na­li­tät und Indi­vi­dua­li­tät emp­fängt, sei­ne Wür­de und damit sein «Mensch­sein». Die The­se von der vol­len Mensch­wer­dung im Moment der Zeu­gung, Befruch­tung oder eines ande­ren mehr oder weni­ger will­kür­lich fest­ge­leg­ten Zeit­punk­tes lei­det mei­nes Erach­tens an einer Über­be­to­nung der bio­lo­gi­schen Dimen­si­on des Lebens­be­ginns und greift zu kurz.

Text: Clau­dia Mehl, Bear­bei­tung: Mar­tin Schupp­li

Clau­dia Mehl, Dipl. Ing. für Lebens­mit­tel­mi­kro­bio­lo­gie und
Theo­lo­gin ist refor­mier­te Pfar­re­rin in Maschwan­den ZH und
Dok­to­ran­din am Insti­tut für Sozi­al­ethik der Uni­ver­si­tät Zürich

Was ist das Poten­tia­li­täts­ar­gu­ment?

*Das Poten­tia­li­täts­ar­gu­ment spricht dem mensch­li­chen Embryo einen beson­de­ren mora­li­schen Sta­tus zu, weil er zwar nicht aktu­ell, aber poten­ti­ell über jene Eigen­schaf­ten ver­fügt, die für die Zuschrei­bung eines sol­chen Sta­tus aus­schlag­ge­bend sind.

In den Debat­ten um die Gewin­nung von huma­nen embryo­na­len Stamm­zel­len – aber auch um die Prä­im­plan­ta­ti­ons­dia­gnos­tik oder den Schwan­ger­schafts­ab­bruch – spielt das Poten­tia­li­täts­ar­gu­ment, eines der sog. SKIP-Argu­men­te, eine wich­ti­ge Rol­le. Das Poten­tia­li­täts­ar­gu­ment spricht dem mensch­li­chen Embryo Wür­de und Lebens­schutz um sei­ner selbst wil­len zu, weil er sich zu einem gebo­re­nen Men­schen – mit dann vol­lem mora­li­schem Sta­tus – ent­wi­ckeln kön­ne. Das Poten­tia­li­täts­ar­gu­ment spricht mensch­li­chen Embryo­nen also mora­li­schen Schutz zu, weil sie zwar nicht aktu­ell, aber poten­ti­ell über jene Eigen­schaf­ten ver­fü­gen, die für die Zuschrei­bung die­ses Schut­zes aus­schlag­ge­bend sind. (Text aus zellux.net)

Was Fort­pflan­zungs­me­di­zi­ner Bru­no Imt­hurn zum Moment der Mensch­wer­dung sagt, lesen Sie hier

  • Nada Zacheo

    Mit Geburt .

    • Julia Bar­ba­ra Scher­ten­leib

      Was für eine Ant­wort 😮??!! Und war­um beginnt das Herz bereits ab der 7(!!!) Woche zu schla­gen? Da haben Sie wohl was falsch ver­stan­den… scha­de!

    • DeinAdieu

      Im Inter­net fin­de ich fol­gen­de Infor­ma­ti­on sehr geehr­te Julia Bar­ba­ra Scher­ten­leib: “Im ers­ten Drit­tel der Schwan­ger­schaft ent­wi­ckeln sich bereits alle Orga­ne. Auch die Ohren, Augen und Augen­li­der sind schon ent­wi­ckelt. Bereits ab dem 22. Tag, also in der 5. SSW, beginnt das Herz zu schla­gen — ab der 8. Woche ist der Herz­schlag auch auf dem Ultra­schall nach­weis­bar. In der 12. Woche ist der Fetus etwa 6 cm lang und 15g schwer. Sein Herz schlägt 120- bis 160-mal pro Minu­te.”

    • Julia Bar­ba­ra Scher­ten­leib

      Bei mir hat man es in der 7. Woche im Ultra­schall gese­hen 😊. Aber vie­len Dank für die kor­rek­te medi­zi­ni­sche Ergän­zung 👍!

  • Mari­on Witt­wer

    Nein, mit der Zeu­gung !

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