Symbolisiert den Tod. Der Totenkopf fasziniert und macht Angst. Unser Bild zeigt ein besonders schönes Exemplar aus der Sammlung von Anwalt Dr. Valentin Landmann. (Foto: Bruno Torricelli)
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Weiss Gott: Der Tod führt kein schö­nes Leben

Nein, ein schö­nes Leben führt er nicht, der Tod. Eini­ge Gedan­ken zu Aller­see­len, Aller­hei­li­gen.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Journalist BR am
31. Oktober 2016

Der Tod. Einst war er gefürch­tet, ver­brei­te­te Angst und Schre­cken. Sein Kon­ter­fei zier­te als eine Art Pik­to­gramm die Flag­gen der Pira­ten. Heu­te wer­den er und sein Wir­ken ver­drängt. Kaum einer von uns hat schon ein­mal einen Leich­nam gese­hen, kaum eine, kaum einer von uns hat schon ein­mal einen ver­stor­be­nen Men­schen berührt.Obwohl der Tod eine Rea­li­tät des Lebens ist, wol­len das vie­le von uns nicht wahr­ha­ben.

Nun dann, reden wir über den Tod.

Über den Tod reden? Nicht mit mir. Sich früh­zei­tig mit dem eige­nen Ende befas­sen? Kommt nicht infra­ge. Gar die eige­ne Bestat­tung pla­nen? Gahts no!

Dabei wäre dar­über reden klug. Es wür­de dem Tod ein ange­neh­me­res Leben ermög­li­chen

Weiss Ihr Part­ner, Ihre Part­ne­rin, ob Sie Ihr Leben in jedem Fall wei­ter­füh­ren wol­len? Nach einer Hirn­ver­let­zung etwa. Möch­ten Sie, dass die Ärz­te im Spi­tal alle mög­li­chen lebens­ver­län­gern­den Mass­nah­men ergrei­fen, wenn Sie, war­um auch immer, im Koma auf der Inten­siv­sta­ti­on lie­gen? Oder möch­ten Sie in solch einem Fall gar nicht wei­ter­le­ben?

Will ich mein Leben um jeden Preis ver­län­gern?

Gute Fra­ge. Sie sehen, die­se Infor­ma­ti­on ist sehr wich­tig. Aber nur, wenn ande­re sie ken­nen. Des­halb raten die Auto­ren: Reden Sie dar­über. Reden Sie mit Men­schen, die Ihnen wich­tig sind, über den Tod. Reden Sie mit ihnen über das Ster­ben.

Zurück zum Leben und zum Tod. Für­wahr. Bei uns führt er kein leich­tes Leben. Wir las­sen ihn draus­sen ste­hen. Schlies­sen ihn aus. Igno­rie­ren ihn.

Bei­spiel gefäl­lig? Beer­di­gun­gen fin­den oft im kleins­ten Fami­li­en­kreis statt. Schliess­lich wol­len die meis­ten nicht in der Öffent­lich­keit trau­ern, wei­nen schon gar nicht. Ein­la­dun­gen zum Leid- oder Trauer­es­sen sind sel­te­ner gewor­den. Dabei hat­te der so genann­te Lei­chen­schmaus einst eine wich­ti­ge Bedeu­tung. Das gesel­li­ge Zusam­men­sein soll­te den Hin­ter­blie­be­nen signa­li­sie­ren, dass das Leben wei­ter­ge­he und der Tod nur eine Sta­ti­on des irdi­schen Lebens dar­stel­le. Das gemein­sa­me Essen fand im Geden­ken an den Toten statt. Der zwang­lo­se Rah­men bot Gele­gen­heit, Geschich­ten rund um den Ver­stor­be­nen zu erzäh­len.

Unse­re Vor­fah­ren star­ben anders

Das war ein­mal. Wie so vie­les rund um das Ende des Lebens. Frü­her läu­te­te die Toten­glo­cke, wenn ein Dorf­be­woh­ner, eine Dorf­be­woh­ne­rin ver­stor­ben war. Auf den Fel­dern hiel­ten die Leu­te mit der Arbeit inne, nah­men ihre Kopf­be­de­ckun­gen ab. Schwie­gen. Die Glo­cke ver­kün­de­te, wer gestor­ben war. Für Erwach­se­ne erklang die Toten­glo­cke. Ver­starb ein Kind vor der Erst­kom­mu­ni­on, läu­te­te die Tauf­glo­cke.

Frü­her bahr­ten die Ange­hö­ri­gen den Leich­nam zu Hau­se auf und wer konn­te, ging vor­bei, nahm Abschied. Es war üblich, dem Ver­stor­be­nen die letz­te Ehre zu erwei­sen. Die Toten wur­den «bewacht», beklagt und dann gemein­sam zu Gra­be getra­gen.

Vie­ler­orts zog dann ein Trau­er­zug durchs Dorf. Von der Kir­che zum Fried­hof. Vier Rap­pen zogen die schwar­ze Kut­sche. Dem Wagen folg­ten die Trau­ern­den. Schwarz geklei­de­te Män­ner und Frau­en. Je nach Sta­tus der ver­stor­be­nen Per­sön­lich­keit säum­te viel Volk die Stras­sen. Zog der Lei­chen­wa­gen vor­bei, senk­ten die Men­schen den Blick, schwie­gen, flüs­ter­ten höchs­tens. Und über sol­chen Sze­nen wach­te der Tod. Das Stun­den­glas in der einen Hand, die Sichel in der ande­ren.

 

Wie erhält der Tod ein bes­se­res Leben?

Der Tod hat heu­te wahr­haf­tig einen ande­ren Stel­len­wert als er dies noch vor weni­gen Jah­ren hat­te. Er ist nicht mehr ein fast täg­li­cher Beglei­ter. Die Lebens­er­war­tung ist gewal­tig ange­stie­gen. Sogar bei schwe­ren Krank­hei­ten kön­nen Ärz­te, kön­nen Spi­tal­teams heu­te gross­mehr­heit­lich den Tod medi­zi­nisch vor­erst umge­hen, das Ster­ben ver­zö­gern.

Sehr vie­le Men­schen wer­den kaum oder nur noch am Ran­de mit dem Tod kon­fron­tiert. Wer bahrt Ver­stor­be­nen heu­te noch zu Hau­se auf? Vie­le Riten und Mei­nun­gen über den Todes­ab­lauf haben kei­ne Bedeu­tung mehr.

Reden über den Tod: Dr. Alois Birbaumer und Martin Schuppli

Geburts­tag fei­ern und über den Tod reden. DeinAdieu-Autor Mar­tin Schupp­li und Dr. Alois Bir­bau­mer. (Foto: Danie­la Fried­li)

Wer glaubt noch an ein Leben nach dem Tod?

Die Vor­stel­lung über ein Leben nach dem Tod hat sich, im Gegen­satz zu frü­her, geän­dert, und damit erüb­ri­gen sich vie­le ritu­el­le Akte. Die Ver­stor­be­nen wer­den nicht mehr von Ange­hö­ri­gen, son­dern von Fach­leu­ten gewa­schen und danach mög­lichst rasch in ein Lei­chen­haus, in einen Kühl­raum gebracht. Das müss­te nicht sein. Eine ver­stor­be­ne Per­son kann bis zu drei Tagen zu Hau­se auf­ge­bahrt wer­den.

Ver­stor­be­ne dür­fen nur durch Fahr­zeu­ge des Bestat­tungs­am­tes oder durch einen offi­zi­el­len Bestat­ter trans­por­tiert wer­den. Auf­ge­bahr­te wer­den im bes­ten Fal­le noch von den engs­ten Ange­hö­ri­gen besucht, wenn über­haupt. Aus hygie­ni­schen und orga­ni­sa­to­ri­schen Grün­den wird die Kre­ma­ti­on meist kurz nach der 48-stün­di­gen Toten­ru­he durch­ge­führt. Die­ser «Stress» müss­te nicht sein. Bestat­tungs- und Fried­hof­s­äm­ter raten zur Ent­schleu­ni­gung.

Erd­be­stat­tun­gen? Das war ein­mal

Wünsch­ten sich vor über 100 Jah­ren noch 84 Pro­zent der Ver­stor­be­nen in Zürich eine Erd­be­stat­tung, ist es heu­te nur noch jeder Zehn­te. Die Zunah­me der Kre­ma­tio­nen ist auf ver­schie­de­ne Grün­de zurück­zu­füh­ren. Etwa auf ver­än­der­te gesell­schaft­li­che und reli­giö­se Ansich­ten.

Heu­te hat der Tod ein­deu­tig ein ande­res Gesicht. Das Leben all­ge­mein hat sich geän­dert. Und mit ihm die For­men des Lebens, die gesell­schaft­li­chen Nor­men und die Ver­hal­tens­wei­sen.

Trotz­dem soll­ten wir ver­su­chen, den Tod nicht zu ver­drän­gen. Der Tod hat sei­ne Exis­tenz, und er wird sie immer behal­ten. Der Tod ist die unaus­weich­li­che Fol­ge nach der Geburt. Egal, ob das Leben kurz oder lang war. Der Tod ist unum­gäng­lich, er wird nicht ein­fa­cher ertra­gen, wenn man ihn tabui­siert. Aus die­sem Grun­de sind Gesprä­che über unse­ren eige­nen Tod oder über den Tod von Ver­wand­ten und Bekann­ten ein rele­van­ter Bestand­teil des Lebens. Wir müs­sen dem Tod sei­ne Bedeu­tung zuge­ste­hen.

Natür­lich ist eine Pla­nung des Todes auf lan­ge Sicht nicht mög­lich. Aber Wün­sche äus­sern, wie die Ster­be­pha­se ver­lau­fen soll­te, kann und soll­te jeder. Dazu eig­net sich die Pati­en­ten­ver­fü­gung. Wer sie aus­füllt, gibt dem Tod bereits eine beson­de­re Bedeu­tung. Man sagt ihm, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen er bei uns Ein­tritt erhält. Genau­so soll­te jeder, soll­te jede fest­hal­ten, was mit den sterb­li­chen Über­res­ten gesche­hen soll. Die­se per­sön­li­che Ent­schei­dung gilt es, im Inter­es­se der Ange­hö­ri­gen, recht­zei­tig zu tref­fen. Sie kann der Pati­en­ten­ver­fü­gung ange­fügt oder sepa­rat hin­ter­legt wer­den.

Sind es die Ver­stor­be­nen, die eine Abdan­kung im engs­ten Fami­li­en­kreis wün­schen?

Genau­so plan­bar ist der Ablauf sei­ner Beer­di­gung. Exis­tiert so ein Wunsch, so ein Plan, ist garan­tiert, dass das Ritu­al effek­tiv den Per­spek­ti­ven des ver­stor­be­nen Men­schen ent­spricht. Geplan­te und den per­sön­li­chen Wün­schen ent­spre­chen­de Beer­di­gun­gen gehö­ren wohl zu den schöns­ten und ein­drück­lichs­ten Abdan­kungs­fei­ern. Hat jemand kei­ne Wün­sche hin­ter­legt, soll­ten die Ange­hö­ri­gen eine Abdan­kung orga­ni­sie­ren, die den mut­mass­li­chen Vor­stel­lun­gen des Ver­stor­be­nen ent­spricht. Wer regel­mäs­sig die Todes­an­zei­gen in den Zei­tun­gen liest, darf sich durch­aus fra­gen, ob die­se hohe Zahl von «Beer­di­gun­gen im engs­ten fami­liä­ren Rah­men» tat­säch­lich von den Ver­stor­be­nen gewünscht wur­de.

Die Bedeu­tung des Todes ist unaus­weich­lich, ist wich­tig. Und zwar für jeden Men­schen. Denn nie­mand kann dem Tod ent­ge­hen. Will sich jemand dar­auf vor­be­rei­ten, muss er, muss sie den Tod ver­ba­li­sie­ren, dar­über reden. Das erleich­tert ein­mal die Trau­er­ar­beit und ermög­licht es dem Tod, sein Leben so zu füh­ren, wie er es ver­dient. Denn jeder von uns lernt ihn ein­mal ken­nen. Frü­her oder spä­ter.

Text: Dr. Alois Bir­bau­mer und Mar­tin Schupp­li

Foto: Bru­no Tor­ri­cel­li
Toten­kopf: Samm­lung Dr. Valen­tin Land­mann

Der Tod in der Kinderzeichnung.

Ein feu­er­spei­en­der Dra­che, die Pira­ten­flag­ge, fech­ten­de Krie­ger, eine feu­ern­de Kano­ne: So stellt sich der 10jährige Andrin die furcht­erre­gen­de Welt vor.

  • Mar­tin Schupp­li

    Der wun­der­schö­ne Schä­del gehört Valen­tin Land­mann. Das Bild schoss Bru­no Tor­ri­cel­li.

  • Bri­git­ta Egger

    so gut und schö­ner Bei­trag

  • Kers­tin Schla­gen­hauf

    wun­der­ba­rer bei­trag. herz­gruss

  • Maria Dörig

    In mei­ner Fami­lie wur­de der Tod the­ma­ti­siert. Grund: Ein Eltern­teil war krank und und hat­te kei­ne gros­se Lebens­er­war­tung. Als Kind hat­te ich immer Angst, dass der Tod ein­tritt. Ich rech­ne es den Eltern hoch an, dass sie den Tod the­ma­ti­siert und uns zuge­mu­tet hat­ten. Gleich­zei­tig hat es mich sehr belas­tet.

    • Mar­tin Schupp­li

      Wie vie­le Din­ge auf unse­rer Welt, hat die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Tod zwei Sei­ten. Eine befrei­en­de und eine belas­ten­de. Nun muss wohl jeder, muss jede mit sich selbst abma­chen, was ihm, was ihr, wich­ti­ger ist. Mein Rat: Setzt euch mit dem Ster­ben aus­ein­an­der. Der Tod ist eine Rea­li­tät des Lebens. Das ist kei­ne Glau­bens­sa­che, son­dern eine Tat­sa­che.

  • Bet­ti­na­Ti­no Mos­ca-Schütz

    Dar­um habe ich die 2 jäh­ri­ge Aus­bil­dung zur spi­ri­tu­el­len Ster­be und Trau­er­be­glei­tung gemacht …

  • Maria José Mar­ques Beut­ler
  • Maria José Mar­ques Beut­ler
  • Maria José Mar­ques Beut­ler
  • Pasci Pas­ca­le

    ich dach­te in der CH sei zu Hau­se Auf­bah­ren nicht mehr erlaubt?

  • Anaid Wid­mer

    Ein Arti­kel der mir gefällt. Dan­ke

    • DeinAdieu

      Dan­ke lie­be Anaid Wid­mer.

  • Wini­s­tör­fer Moni­ka

    Der Tod ist für mich all­ge­gen­wär­tig. Sei es im Beruf, im Pri­vat­le­ben. Er macht mir kei­ne Angst. Ich set­ze mich mit ihm aus­ein­an­der. Mit dem Bewusst­sein, mein Leben ist end­lich, mei­ne Träu­me ver­su­che ich zu rea­li­sie­ren, ich lebe inten­si­ver. Belas­tend wird es dann, wenn ich als Pfle­gen­de spü­re, wie Ange­hö­ri­ge trotz bes­ter Unter­stüt­zung ihren Men­schen nicht los­las­sen kön­nen. Nicht los­las­sen wol­len. Oder, wenn der letz­te Akkord mit so viel see­li­schem Schmerz des Ster­ben­den ver­bun­den ist. Dann schät­ze ich den Aus­tausch mit dem Team.

    Der Tod ist unser ste­ter Beglei­ter. Auch wenn es uns immer wie­der gelingt, ihn in den Hin­ter­grund zu stel­len.

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