Alexander Seidel: «Musik schafft Platz für Trauer und Tränen»

Alexander Seidel, Organist, Countertenor, Dirigent sowie Chorleiter, erklärt DeinAdieu die Königin der Instrumente und demonstriert, wie Musik der Trauer zum Durchbruch verhelfen kann.

In der Kirche Freienbach SZ haben sich einige Dutzend Trauergäste eingefunden. Jüngere, Ältere, Kinder. Mit traurigen Augen sitzen sie nahe beieinander. Still. Einige haben sich eingehängt, halten die Hand des Partners, der Partnerin. Spenden sich Trost. In sich versunken sitzt der Pfarrer da, angespannt und vornübergebeugt der Trauerredner. Im Hintergrund kniet der Sigrist kurz nieder, bekreuzigt sich. Die Glocken läuten langsam aus. Die kleine Welt wird still.

Nicht lange. Erst ertönt ein langer Triller von a nach g, dann folgt eine Kaskade hinunter zum d, und das in einer strengen Erregung. Es sind berühmte Töne, zumindest für die Kenner klassischer Orgelmusik. Ein gewaltiges Werk die Toccata und Fuge in d-Moll. Johann Sebastian Bach, Komponist und begnadeter Orgel- und Klavierspieler, schrieb das Werk im Alter von 20 Jahren. Just in der Zeit bevor er nach Weimar zog, um am Hof des Herzogs von Sachsen die Organistenstelle anzutreten.

«Ein rebellisches Stück», sagt Alexander Seidel. Kirchenmusiker. Angestellt von der reformierten Kirchgemeinde Höfe im Kanton Schwyz. Er spielt Orgel. Singt als Countertenor, arbeitet als Dirigent sowie als Chorleiter. Ein Weltreisender ist er, seit Kindesbeinen. Geboren in Moskau, Sohn einer deutschen Diplomatenfamilie. «Ein Ossi», sagt Alexander Seidel und lacht. Legt die Beine übereinander, sitzt auf der schmalen Orgelbank. Redet. Gestikuliert. Erklärt das Instrument. Beugt sich hinüber zum Spieltisch, die Finger der rechten Hand huschen über die Tasten, berühren einige weisse, drücken zwei, drei schwarze. Es sind wunderschöne Töne, die den Raum füllen.

Alexander Seidel sitzt auf Orgelbank.
«Ich bin ein emotionaler Mensch. Kann mich also gut reinlegen in diese Musik», sagt Alexander Seidel. (Foto: Paolo Foschini)

Alexander Seidel: «Die Orgel ist die Königin der Instrumente»

Alexander Seidel schwingt die Beine von der Bank, setzt sich hin, schwebt mit den Füssen über einigen Pedalen, zieht weitere Register und legt los. Sein Körper bewegt sich sanft im Rhythmus der Musik. Demütig wirkt er. Erneut unterbricht er sein Spiel. «Die Orgel wird nicht umsonst die Königin der Instrumente genannt. Kein Instrument kann so viele Klangfarben entwickeln.»

Der Musiker zieht weitere Register, spielt mit der linken Hand auf der unteren Tastatur, sagt: «Das ist das Orchester». Tatsächlich, so tönt ein Orchester. Alexander Seidel hebt die rechte Hand, seine Finger huschen über die obere Tastatur. Wieder bewegt er seinen Oberkörper im Rhythmus der Musik. Die Töne jubeln, stöhnen. «Das wäre dann die Geige.»

Alexander Seidel. Hände auf Orgeltasten
«Nicht umsonst wird die Orgel Königin der Instrumente genannt», sagt Alexander Seidel. «Kein Instrument kann so viele Klangfarben entwickeln.» (Foto: Paolo Foschini)

Alexander Seidel sang als Countertenor an der Met in New York

Alexander Seidel liebt die Kirchenmusik. «Gerade während einer Abdankung ist die Musik sehr wichtig. Sie hilft, Dämme zu brechen, hilft der Trauer, sich zu entfalten, lässt Tränen fliessen. Mit einer Orgel erzeuge ich hochemotionale Töne.»

Der jugendlich wirkende, fröhliche Musiker und Sänger lebt in der Nähe des Flughafens, pendelt oft von Zürich nach Berlin. Er gab schon Gastspiele auf der ganzen Welt. Er sang als junger Countertenor in der New Yorker Met, spielte in St. Petersburg, dirigierte in Paris.

Und jetzt sitzen wir in der kleinen reformierten Kirche nahe des Bahnhofs Wollerau. «Es war immer mein Traum, in einer kleinen Kirche eine so wohlklingende Orgel zu spielen.» Er sei ein Glückskind, sagt er. «Ich bin in einem Teilpensum von der Kirchgemeinde angestellt. Zudem arbeite ich als Chorleiter in der Kirche St. Otmar in St. Gallen. Ich bin also zu hundert Prozent Kirchenmusiker und kann von meinem Job leben. Das erfüllt mich mit Stolz.»

Füsse bedienen Orgel-Pedale
Um die Königin der Instrumente zu spielen, braucht der Organist ebenfalls seine Füsse. (Foto: Paolo Foschini)

«Von Herzen
– möge es wieder
– zu Herzen gehen».

Ludwig van Beethoven in einer Überschrift zu seiner Missa Solemnis

Zurück zur Toccata von Johann Sebastian Bach. Alexander Seidel liebt dieses Stück. «Ich bin ein emotionaler Mensch. Kann mich also gut reinlegen in diese Musik.»

Und dieses Reinlegen in die Musik, macht der Organist in der Regel ganz alleine. Den Konzertbesuchern hat er oft den Rücken zugekehrt, oder er spielt gar «unsichtbar» oben auf der Empore. Das ist Alexander Seidel unwichtig. Als Countertenor steht er auf der Bühne, kann sich präsentieren. Als Dirigent und Organist hat er dem Publikum den Rücken zugekehrt. «Ich liebe beim Konzertieren die Einsamkeit. Sie ist mir in den vergangenen Jahren ein guter Freund geworden. Wir Kreativen sind einsam.»

Alexander Seidel: «Ich gehe davon aus, dass wir mehrere Leben haben»

Einsam ist der Mensch ebenfalls beim Sterben. Was denkt der Musiker darüber? «Ich gehe davon aus, dass wir mehrere Leben haben». Sagts, stützt mit der Hand das Kinn und denkt nach. «Wir wissen nichts über das, was vorher war, und wir haben keine Ahnung, was nachher kommt.» Wieder wird es still im Kirchlein. Gedankenverloren spielt er einige Tonfolgen, wiegt den Körper sanft im Takt der Musik.

Angst vor dem Sterben habe er keine. «Das hat mit meinem Leben zu tun. Ich wurde mehrfach mit dem Tod konfrontiert. Er gehört dazu. Stirbt jemand, beginnt was Neues.» Sagts und wendet sich wieder dem Spieltisch seiner Orgel zu. «Wie gesagt, ich bin ein Glückskind. Die erste Hälfte meines Lebens schien mir einfach, wie sich die zweite Hälfte gestaltet, weiss ich nicht.»

Er lacht. Sagt in breitem Züritütsch «Oder?» Seine Augen leuchten, er hebt die Hände, legt den Kopf in den Nacken und die Hände auf die Tasten. «Und nun spiele ich euch noch eine vollfette Fuge.»

Alexander Seidel spielt die Orgel der Kirche Wollerau SZ
«Ich liebe die Einsamkeit beim Konzertieren. Sie ist mir in den vergangenen Jahren ein guter Freund geworden», sagt Alexander Seidel. (Foto: Paolo Foschini)

Schön wars. Die Augen des Autors füllten sich einmal mehr mit Tränen.

Text: Martin Schuppli, Fotos: Paolo Foschini

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Mehr über Alexander Seidel lesen Sie auf seiner Homepage:
www.AlexanderSeidel.net

Kontakt

Konzertanfragen:
Alexander Seidel & Management New Sagittarius Consort Zürich

Markus Splisteser: splisteser@me.com
Alexander Seidel: alexanderseidel@gmx.net

Links
Chor zu St. Otmar, St. Gallen
Kirchgemeinde Höfe
Projektchor Höfe

Nächste Konzerte von Alexander Seidel

Samstag, 24. März .2018,19.30 Uhr

Peterskirche Basel

J.S. Bach: Matthäuspassion BWV 244b

Alexander Seidel, Countertenor u.a. Solisten
Barockorchester Musica Poetica Freiburg
Hans Bergmann, musikalische Leitung

Sonntag, 25. März 2018, 17 Uhr

Klosterkirche St. Urban (Luzern)

J.S. Bach: Matthäuspassion BWV 244b

Alexander Seidel, Countertenor u.a. Solisten
Barockorchester Musica Poetica Freiburg
Hans Bergmann, musikalische Leitung

Mittwoch, 28. März 2018, 14 Uhr

Osterfestspiele Baden Baden (D)

Kirche St. Bernhard, Baden Baden

Meisterkonzert
J.S.Bach: Actus Tragicus BWV 106
G.Ph. Telemann: Trauerkantate
Concerto Melante Berlin
Alexander Seidel, Countertenor, u.a. Solisten
Raimar Orlovsky, musikalische Leitung

Karfreitag, 30. März 2018, 14 Uhr

Ref. Kirche Wollerau SZ

Musik zum Karfreitag von J.S. Bach und A. Corelli

Ivan Turkalj, Barockvioloncello
Alexander Seidel, Orgel & Cembalo

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Ostersonntag, 1. April 2018, 9.30  Uhr

Kirche St. Otmar St. Gallen

Mozartzyklus III

Missa brevis B-Dur KV 275
Chor zu St. Otmar und Vokalsolisten
New Sagittarius Consort Zürich
Alexander Seidel, musikalische Leitung

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