Alexander Seidel, Vollblut-Kirchenmusiker in Wollerau SZ und St. Gallen. Der Berliner ist Organist, Countertenor sowie Dirigent und Sänger. (Foto: Paolo Foschini)
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Alex­an­der Sei­del: «Musik schafft Platz für Trau­er und Trä­nen»

Alex­an­der Sei­del, Orga­nist, Coun­ter­te­nor, Diri­gent sowie Chor­lei­ter, erklärt DeinAdieu die Köni­gin der Instru­men­te und demons­triert, wie Musik der Trau­er zum Durch­bruch ver­hel­fen kann.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Journalist BR am
16. Februar 2018

  1. In der Kir­che Frei­en­bach SZ haben sich eini­ge Dut­zend Trau­er­gäs­te ein­ge­fun­den. Jün­ge­re, Älte­re, Kin­der. Mit trau­ri­gen Augen sit­zen sie nahe bei­ein­an­der. Still. Eini­ge haben sich ein­ge­hängt, hal­ten die Hand des Part­ners, der Part­ne­rin. Spen­den sich Trost. In sich ver­sun­ken sitzt der Pfar­rer da, ange­spannt und vorn­über­ge­beugt der Trau­er­red­ner. Im Hin­ter­grund kniet der Sig­rist kurz nie­der, bekreu­zigt sich. Die Glo­cken läu­ten lang­sam aus. Die klei­ne Welt wird still.

Nicht lan­ge. Erst ertönt ein lan­ger Tril­ler von a nach g, dann folgt eine Kas­ka­de hin­un­ter zum d, und das in einer stren­gen Erre­gung. Es sind berühm­te Töne, zumin­dest für die Ken­ner klas­si­scher Orgel­mu­sik. Ein gewal­ti­ges Werk die Toc­ca­ta und Fuge in d-Moll. Johann Sebas­ti­an Bach, Kom­po­nist und begna­de­ter Orgel- und Kla­vier­spie­ler, schrieb das Werk im Alter von 20 Jah­ren. Just in der Zeit bevor er nach Wei­mar zog, um am Hof des Her­zogs von Sach­sen die Orga­nis­ten­stel­le anzu­tre­ten.

«Ein rebel­li­sches Stück», sagt Alex­an­der Sei­del. Kir­chen­mu­si­ker. Ange­stellt von der refor­mier­ten Kirch­ge­mein­de Höfe im Kan­ton Schwyz. Er spielt Orgel. Singt als Coun­ter­te­nor, arbei­tet als Diri­gent sowie als Chor­lei­ter. Ein Welt­rei­sen­der ist er, seit Kin­des­bei­nen. Gebo­ren in Mos­kau, Sohn einer deut­schen Diplo­ma­ten­fa­mi­lie. «Ein Ossi», sagt Alex­an­der Sei­del und lacht. Legt die Bei­ne über­ein­an­der, sitzt auf der schma­len Orgel­bank. Redet. Ges­ti­ku­liert. Erklärt das Instru­ment. Beugt sich hin­über zum Spiel­tisch, die Fin­ger der rech­ten Hand huschen über die Tas­ten, berüh­ren eini­ge weis­se, drü­cken zwei, drei schwar­ze. Es sind wun­der­schö­ne Töne, die den Raum fül­len.

Alexander Seidel sitzt auf Orgelbank.

«Ich bin ein emo­tio­na­ler Mensch. Kann mich also gut rein­le­gen in die­se Musik», sagt Alex­an­der Sei­del. (Foto: Pao­lo Foschi­ni)

Alex­an­der Sei­del: «Die Orgel ist die Köni­gin der Instru­men­te»

Alex­an­der Sei­del schwingt die Bei­ne von der Bank, setzt sich hin, schwebt mit den Füs­sen über eini­gen Peda­len, zieht wei­te­re Regis­ter und legt los. Sein Kör­per bewegt sich sanft im Rhyth­mus der Musik. Demü­tig wirkt er. Erneut unter­bricht er sein Spiel. «Die Orgel wird nicht umsonst die Köni­gin der Instru­men­te genannt. Kein Instru­ment kann so vie­le Klang­far­ben ent­wi­ckeln.»

Der Musi­ker zieht wei­te­re Regis­ter, spielt mit der lin­ken Hand auf der unte­ren Tas­ta­tur, sagt: «Das ist das Orches­ter». Tat­säch­lich, so tönt ein Orches­ter. Alex­an­der Sei­del hebt die rech­te Hand, sei­ne Fin­ger huschen über die obe­re Tas­ta­tur. Wie­der bewegt er sei­nen Ober­kör­per im Rhyth­mus der Musik. Die Töne jubeln, stöh­nen. «Das wäre dann die Gei­ge.»

Alexander Seidel. Hände auf Orgeltasten

«Nicht umsonst wird die Orgel Köni­gin der Instru­men­te genannt», sagt Alex­an­der Sei­del. «Kein Instru­ment kann so vie­le Klang­far­ben ent­wi­ckeln.» (Foto: Pao­lo Foschi­ni)

Alex­an­der Sei­del sang als Coun­ter­te­nor an der Met in New York

Alex­an­der Sei­del liebt die Kir­chen­mu­sik. «Gera­de wäh­rend einer Abdan­kung ist die Musik sehr wich­tig. Sie hilft, Däm­me zu bre­chen, hilft der Trau­er, sich zu ent­fal­ten, lässt Trä­nen flies­sen. Mit einer Orgel erzeu­ge ich hoch­emo­tio­na­le Töne.»

Der jugend­lich wir­ken­de, fröh­li­che Musi­ker und Sän­ger lebt in der Nähe des Flug­ha­fens, pen­delt oft von Zürich nach Ber­lin. Er gab schon Gast­spie­le auf der gan­zen Welt. Er sang als jun­ger Coun­ter­te­nor in der New Yor­ker Met, spiel­te in St. Peters­burg, diri­gier­te in Paris.

Und jetzt sit­zen wir in der klei­nen refor­mier­ten Kir­che nahe des Bahn­hofs Wollerau. «Es war immer mein Traum, in einer klei­nen Kir­che eine so wohl­klin­gen­de Orgel zu spie­len.» Er sei ein Glücks­kind, sagt er. «Ich bin in einem Teil­pen­sum von der Kirch­ge­mein­de ange­stellt. Zudem arbei­te ich als Chor­lei­ter in der Kir­che St. Otmar in St. Gal­len. Ich bin also zu hun­dert Pro­zent Kir­chen­mu­si­ker und kann von mei­nem Job leben. Das erfüllt mich mit Stolz.»

Füsse bedienen Orgel-Pedale

Um die Köni­gin der Instru­men­te zu spie­len, braucht der Orga­nist eben­falls sei­ne Füs­se. (Foto: Pao­lo Foschi­ni)

«Von Her­zen
– möge es wie­der
– zu Her­zen gehen».

Lud­wig van Beet­ho­ven in einer Über­schrift zu sei­ner Mis­sa Solem­nis

Zurück zur Toc­ca­ta von Johann Sebas­ti­an Bach. Alex­an­der Sei­del liebt die­ses Stück. «Ich bin ein emo­tio­na­ler Mensch. Kann mich also gut rein­le­gen in die­se Musik.»

Und die­ses Rein­le­gen in die Musik, macht der Orga­nist in der Regel ganz allei­ne. Den Kon­zert­be­su­chern hat er oft den Rücken zuge­kehrt, oder er spielt gar «unsicht­bar» oben auf der Empo­re. Das ist Alex­an­der Sei­del unwich­tig. Als Coun­ter­te­nor steht er auf der Büh­ne, kann sich prä­sen­tie­ren. Als Diri­gent und Orga­nist hat er dem Publi­kum den Rücken zuge­kehrt. «Ich lie­be beim Kon­zer­tie­ren die Ein­sam­keit. Sie ist mir in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ein guter Freund gewor­den. Wir Krea­ti­ven sind ein­sam.»

Alex­an­der Sei­del: «Ich gehe davon aus, dass wir meh­re­re Leben haben»

Ein­sam ist der Mensch eben­falls beim Ster­ben. Was denkt der Musi­ker dar­über? «Ich gehe davon aus, dass wir meh­re­re Leben haben». Sagts, stützt mit der Hand das Kinn und denkt nach. «Wir wis­sen nichts über das, was vor­her war, und wir haben kei­ne Ahnung, was nach­her kommt.» Wie­der wird es still im Kirch­lein. Gedan­ken­ver­lo­ren spielt er eini­ge Ton­fol­gen, wiegt den Kör­per sanft im Takt der Musik.

Angst vor dem Ster­ben habe er kei­ne. «Das hat mit mei­nem Leben zu tun. Ich wur­de mehr­fach mit dem Tod kon­fron­tiert. Er gehört dazu. Stirbt jemand, beginnt was Neu­es.» Sagts und wen­det sich wie­der dem Spiel­tisch sei­ner Orgel zu. «Wie gesagt, ich bin ein Glücks­kind. Die ers­te Hälf­te mei­nes Lebens schien mir ein­fach, wie sich die zwei­te Hälf­te gestal­tet, weiss ich nicht.»

Er lacht. Sagt in brei­tem Züri­tütsch «Oder?» Sei­ne Augen leuch­ten, er hebt die Hän­de, legt den Kopf in den Nacken und die Hän­de auf die Tas­ten. «Und nun spie­le ich euch noch eine voll­fet­te Fuge.»

Alexander Seidel spielt die Orgel der Kirche Wollerau SZ

«Ich lie­be die Ein­sam­keit beim Kon­zer­tie­ren. Sie ist mir in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ein guter Freund gewor­den», sagt Alex­an­der Sei­del. (Foto: Pao­lo Foschi­ni)

Schön wars. Die Augen des Autors füll­ten sich ein­mal mehr mit Trä­nen.

Text: Mar­tin Schupp­li, Fotos: Pao­lo Foschi­ni

 

 

Mehr über Alex­an­der Sei­del lesen Sie auf sei­ner Home­page:
www.AlexanderSeidel.net

Kon­takt

Kon­zertan­fra­gen:
Alex­an­der Sei­del & Manage­ment New Sagit­ta­ri­us Cons­ort Zürich

Mar­kus Splis­teser: splisteser@me.com
Alex­an­der Sei­del: alexanderseidel@gmx.net

Links
Chor zu St. Otmar, St. Gal­len
Kirch­ge­mein­de Höfe
Pro­jekt­chor Höfe

Nächs­te Kon­zer­te von Alex­an­der Sei­del

Sams­tag, 24. März .2018,19.30 Uhr

Peters­kir­che Basel

J.S. Bach: Mat­thä­us­pas­si­on BWV 244b

Alex­an­der Sei­del, Coun­ter­te­nor u.a. Solis­ten
Barock­or­ches­ter Musi­ca Poe­ti­ca Frei­burg
Hans Berg­mann, musi­ka­li­sche Lei­tung

Sonn­tag, 25. März 2018, 17 Uhr

Klos­ter­kir­che St. Urban (Luzern)

J.S. Bach: Mat­thä­us­pas­si­on BWV 244b

Alex­an­der Sei­del, Coun­ter­te­nor u.a. Solis­ten
Barock­or­ches­ter Musi­ca Poe­ti­ca Frei­burg
Hans Berg­mann, musi­ka­li­sche Lei­tung

Mitt­woch, 28. März 2018, 14 Uhr

Oster­fest­spie­le Baden Baden (D)

Kir­che St. Bern­hard, Baden Baden

Meis­ter­kon­zert
J.S.Bach: Actus Tra­gi­cus BWV 106
G.Ph. Tele­mann: Trau­er­kan­ta­te
Con­cer­to Melan­te Ber­lin
Alex­an­der Sei­del, Coun­ter­te­nor, u.a. Solis­ten
Rai­mar Orlovs­ky, musi­ka­li­sche Lei­tung

Kar­frei­tag, 30. März 2018, 14 Uhr

Ref. Kir­che Wollerau SZ

Musik zum Kar­frei­tag von J.S. Bach und A. Corel­li

Ivan Tur­kalj, Barock­vio­lon­cel­lo
Alex­an­der Sei­del, Orgel & Cem­ba­lo

***

Oster­sonn­tag, 1. April 2018, 9.30  Uhr

Kir­che St. Otmar St. Gal­len

Mozart­zy­klus III

Mis­sa bre­vis B-Dur KV 275
Chor zu St. Otmar und Vokal­so­lis­ten
New Sagit­ta­ri­us Cons­ort Zürich
Alex­an­der Sei­del, musi­ka­li­sche Lei­tung

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