Kathrin Hilber: «Uns ist egal, wer wenig und wer viel Geld bringt. Wichtig ist uns dieses eine Prozent. Also der hundertste Teil eines Nachlasses.» (Foto: Paolo Foschini)
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Ein Erb­pro­zent soll hel­fen, eine leben­di­ge Kul­tur zu sichern

Als Prä­si­den­tin der Stif­tung Erb­pro­zent setzt sich Kath­rin Hil­ber, ehe­ma­li­ge St. Gal­ler Regie­rungs- und Natio­nal­rä­tin, dafür ein, dass Men­schen ein Pro­zent ihres Ver­mö­gens, ihres Nach­las­ses für die Kunst und die Kul­tur reser­vie­ren.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Journalist BR am
01. März 2018

«Ich stür­ze mich vol­ler Über­zeu­gung ins Ver­er­ben», lässt Vic­tor Giac­co­bo auf erbprozent.ch ver­lau­ten. Und was meint der Autor, Kaba­ret­tist, Mode­ra­tor, Pro­du­zent und Schau­spie­ler genau? Kath­rin Hil­ber lacht und sagt: «Wir, also die Stif­tung Erb­pro­zent, deren Prä­si­den­tin ich bin, wir ermun­tern die Men­schen, ein Pro­zent ihres Ver­mö­gens, ihres Nach­las­ses für die Kunst und die Kul­tur zu reser­vie­ren. Ich set­ze mich dafür ein, weil es eine genia­le Idee ist. So kön­nen wir eine leben­di­ge Kul­tur sichern, und ich kann vor allem über mei­ne Zeit hin­aus die Leu­te begeis­tern.»

Ist das nötig? «Nötig ist es immer», sagt Kath­rin Hil­ber. Die eins­ti­ge SP-Poli­ti­ke­rin muss es wis­sen, war sie doch als Regie­rungs­rä­tin des Kan­tons St. Gal­len für die Kul­tur­för­de­rung ver­ant­wort­lich. «Der Staat hat sehr vie­le Kri­te­ri­en, nach denen die Ver­ant­wort­li­chen das Geld ver­tei­len. Zwangs­läu­fig fällt da die eine oder ande­re durch­aus unter­stüt­zungs­wür­di­ge kul­tu­rel­le Akti­vi­tät durch die Maschen. Und da, wo die ande­ren auf­hö­ren, begin­nen wir.»

Stif­tung Erb­pro­zent Kul­tur hat nicht die Super­rei­chen im Visier

Die Stif­tung Erb­pro­zent Kul­tur hat es nicht auf die Ver­mö­gen der Super­rei­chen abge­se­hen: «Vie­le die­ser Wohl­ha­ben­den wol­len ihr Geld ‹warm› ver­er­ben. Sie ver­fü­gen über Künst­ler­kon­tak­te und sind ein­ge­bun­den in eige­ne Krei­se. Wir von der Stif­tung ver­su­chen, die ande­ren zu errei­chen. Jene, die nicht so viel Geld haben. Jene Men­schen, die etwas zurück­las­sen wol­len.» Die­ses Erb­pro­zent spricht die brei­te Bevöl­ke­rung an. «Ein Pro­zent ist für alle erschwing­lich», sagt die ehe­ma­li­ge St. Gal­ler Regie­rungs- und Natio­nal­rä­tin.

Die Stif­tung erhielt bereits eini­ge Vor­läs­se. «Das ist eben kein Nach­lass, es ist Geld, das jemand schon vor dem Able­ben ver­schen­ken möch­te.» War­um das so ist, kann Kath­rin Hil­ber in weni­ge Wor­te fas­sen: «Die Idee Erb­pro­zent ver­he­bet.»

Erbprozent Kultur Kathrin Hilber

Kath­rin Hil­ber war als SP-Regie­rungs­rä­tin in St. Gal­len zustän­dig für die Kul­tur­för­de­rung. (Foto: Pao­lo Foschi­ni)

Erb­ver­spre­chen kön­nen Dis­kus­sio­nen aus­lö­sen

Ent­wi­ckelt wur­de die Stif­tung Erb­pro­zent Kul­tur von Mar­grit Bürer und Ueli Vogt von der Kul­tur­lands­ge­mein­de Appen­zell Aus­ser­rho­den sowie von Mar­cus Gos­solt, Phil­ipp Lämm­lin und Glo­ria Weiss (Agen­tur All­tag). «Es waren gene­ra­tio­nen­über­grei­fen­de Krei­se, die 2015 die Stif­tung Erb­pro­zent Kul­tur grün­de­ten. Letz­tes Jahr konn­ten wir an der Kul­tur­lands­ge­mein­de in Heri­sau 120 000 Fran­ken ver­ge­ben», sagt Kath­rin Hil­ber. «Dabei garan­tie­ren wir, dass wir das Geld 1:1 wei­ter­ge­ben. Die Start­aus­ga­ben finan­zier­ten die Kan­to­ne. Und für die admi­nis­tra­ti­ven Kos­ten ver­su­chen wir, eine lang­fris­ti­ge Finan­zie­rung zu sichern. Zudem haben wir einen kos­ten­güns­ti­gen Büro­rah­men. Erb­pro­zent Kul­tur teilt das Büro mit dem Hei­mat­schutz SG-AI, wo ich Prä­si­den­tin bin.»

Span­nend sind für Kath­rin Hil­ber die Erb­ver­spre­chen. «Das löst viel aus. In Fami­li­en, in Bezie­hun­gen, in der Ver­wandt­schaft. Schliess­lich bestim­men die Kin­der mit, und die wol­len mög­li­cher­wei­se nichts ver­er­ben.»

Es ist so eine Sache, sich Gedan­ken zu machen über den letz­ten Lebens­ab­schnitt: Erben ein­set­zen, ein Tes­ta­ment schrei­ben, den Nach­lass regeln, das sind Tabu­the­men. Nie­mand will dar­über reden, nie­mand will ent­schei­den. Kath­rin Hil­ber: «Des­halb waren die Kunst­schaf­fen­den eben­falls skep­tisch, ob die Idee funk­tio­niert.»

Tes­ta­mentan­pas­sun­gen sind auf­wän­dig

Kom­pli­ziert wirds, wenn jemand das Tes­ta­ment anpas­sen soll­te. «Das ist auf­wän­dig, weil Erb­las­ser das aktiv machen müs­sen», sagt die enga­gier­te ehe­ma­li­ge Regie­rungs- und Natio­nal­rä­tin.

Die Idee mit dem einen Pro­zent begeis­tert. «Die­se Ein-Pro­zent-Idee ist die Klam­mer einer soli­da­ri­schen Zivil­ge­sell­schaft. Ob zehn oder 100 000 Fran­ken», sagt Kath­rin Hil­ber, «alles Geld lan­det im sel­ben Topf.» Und wer bekommt dann Geld? «Wir setz­ten ehren­amt­li­che Scouts ein», sagt Kath­rin Hil­ber. «Das sind kul­tu­raf­fi­ne Leu­te, sie machen Emp­feh­lun­gen. Wer schluss­end­lich was bekommt, ent­schei­det die Jury. Ver­teilt wird das Geld an der Kul­tur­lands­ge­mein­de. Das war erst­mals am 6. Mai 2017 der Fall.»

Erbprozent Kultur Kathrin Hilber

Die Stif­tung Erb­pro­zent Kul­tur spricht die brei­te Bevöl­ke­rung an. «Ein Pro­zent des ver­erb­ba­ren Ver­mö­gens ist für alle erschwing­lich», sagt Kath­rin Hil­ber. (Foto: Pao­lo Foschi­ni)

Letz­te Lebens­pha­se regeln: ein schwie­ri­ges The­ma

Und wer sind die Geld­ge­ber? Die ehe­ma­li­ge Poli­ti­ke­rin lacht: «Es sind eher Leu­te, die von der Idee begeis­tert sind und kei­ne Rech­ner.» Logisch, dass Kath­rin Hil­ber und ihr Mann von der Idee begeis­tert sind. «Bei uns ist alles gere­gelt. Da wir kei­ne Kin­der haben, war das eine ein­fa­che Sache.»

Den letz­ten Lebens­ab­schnitt selbst­be­stimmt zu regeln, sei ein schwie­ri­ges The­ma, fin­det Kath­rin Hil­ber. «Mit 40 Jah­ren denkt jeder, mich betrifft das nicht. Wie sie sagen, ist es immer zu früh, sich die­ser Tabu­the­men anzu­neh­men, bis es zu spät ist.»

Kath­rin Hil­ber sagt, Tod und Ster­ben sei­en Gedan­ken, die ihr Mühe mach­ten. «Da rede ich lie­ber nicht drü­ber. Für mich ist das kein gutes The­ma.»

Erbprozent Kultur Kathrin Hilber und DeinAdieu-Autor Martin Schuppli

Tra­fen sich im Zür­cher Café Auer zum ange­reg­ten Kul­tur­ge­spräch. Kath­rin Hil­ber und Autor Mar­tin Schupp­li. (Foto: Pao­lo Foschi­ni)

«Nach dem Tod ist Schluss. Ende. Aus die Maus.»

Trotz­dem, der Autor hakt nach. Fragt: «Was den­ken Sie, wie geht es wei­ter nach dem Tod?» Die enga­gier­te Frau denkt kurz nach und sagt dann: «Die ers­ten 60 Jah­re dach­te ich, es geht wei­ter im Him­mel. Jetzt sage ich, es ist Schluss. Ende. Aus die Maus.»

Text: Mar­tin Schupp­li, Fotos: Pao­lo Foschi­ni

 

Geschäfts­stel­le
Stif­tung Erb­pro­zent
David­stras­se 40, 9000 St. Gal­len

T +41 71 544 95 85

Esther Wid­mer
Geschäfts­füh­re­rin

esther.widmer@erbprozent.ch

Mar­ti­na Fel­ber
Kom­mu­ni­ka­ti­on und Admi­nis­tra­ti­on

martina.felber@erbprozent.ch

Mehr Infor­ma­tio­nen und State­ments auf www.erbprozent.ch

 

 

 

 

  • Mag­gie Salo­mon-Di Cian­ni

    war­um nicht in die AHV/IV oder für die Betreu­ung von rand­stän­di­gen Men­schen? von Kul­tur kann nie­mand Essen kau­fen und nur ein klei­ner Teil der inter­es­sier­ten Bevöl­ke­rung pro­fi­tiert von Kul­tur­bei­trä­gen

    • Ed Kauf­man

      Die Fra­ge ist berech­tigt, aller­dings liegst du falsch in der Wahr­neh­mung, dass sich nie­mand davon Essen kau­fen kann. Das Medi­an­ein­kom­men (also nicht Durch­schnitt, son­dern der Punkt, an dem es gleich vie­le grös­se­re und klei­ne­re Ein­kom­men gibt) von Schwei­zer Kul­tur­schaf­fen­den liegt bei 40’000 Fr. Soll heis­sen: Für die Hälf­te der Kul­tur­schaf­fen­den geht es bei Kul­tur­bei­trä­gen sehr real dar­um, sich Essen kau­fen zu kön­nen.

    • DeinAdieu

      Dan­ke Ed für die­se Ant­wort.

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